PTA-Forum online
Gesundheitskompetenz

Wenig Wissen

09.11.2015  13:37 Uhr

Von Josephin Mosch / Patienten gelten heute allgemein als informiert und selbstständig. Doch oft entspricht das nicht der Realität: Viele Menschen haben Schwierigkeiten, sich medizinische Informationen zu beschaffen, sie zu verstehen und richtig einzuordnen. Wie es um die Gesundheitskompetenz von Patienten bestellt ist und wie sie sich verbessern lässt, versuchen Forscher herauszufinden.

Herr L. kommt mit einem Rezept in die Apotheke. Darauf hat der Arzt ihm Pantoprazol 20 mg verordnet. »Wogegen soll das überhaupt wirken?«, fragt er die PTA in der Offizin. »Was hat der Arzt Ihnen denn dazu erklärt?«, erkundigt sich diese. Der Doktor hätte etwas über Reflux gesagt. Was das ist und wie das Medika­ment wirken soll, verstehe er aber nicht, gibt Herr L. zu. Die PTA erklärt ihm, dass Säure aus dem Magen bei ihm in die Speiseröhre zurückfließt. Das habe der Arzt Reflux genannt, und dadurch entstehe das Sodbrennen.

Ähnlich wie Herr L. haben viele Patienten Schwierigkeiten, medizinische Informationen zu verstehen. Sie finden sich im Gesundheitssystem oft nur schwer zurecht. Laut dem Ergebnis einer 2014 in Deutschland durchgeführten repräsentativen Befragung des AOK-Bundesverbands und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) haben fast 60 Prozent der gesetzlich Versicherten solche Probleme: 14,5 Prozent verfügen nur über eine unzureichende Gesundheitskompetenz, 45 Prozent über eine problematische, heißt es in einer Pressemitteilung des AOK-Bundesverbands.

Der Begriff Gesundheitskompetenz oder auch »Health Literacy« beschreibt laut der Weltgesundheitsorganisation WHO die Fähigkeit eines Menschen, gesund­heits­relevante Informationen zu finden, zu verstehen und damit verantwortungsbewusst umzugehen. Es geht dabei zum Beispiel um das Wissen, wie man sich relevante Informationen zu Krankheiten beschaffen kann, und die Fähigkeit, eine Erkrankung zu verstehen und zu bewältigen.

Defizite bei der Prävention

Unter Gesundheitskompetenz fällt auch das Thema Prävention. Der Patient muss zum Beispiel verstehen, wa­rum Impfungen oder Voruntersuchungen wichtig sind und was er im Alltag beachten muss, um gesundheitsbewusst zu leben – sei es Sport treiben, nicht rauchen und nicht übermäßig Alkohol konsumieren. Weniger gesundheitskompetente Menschen verhalten sich internationalen Studien zufolge risiko­reicher, nehmen Präventions- und Früherkennungsangebote seltener in Anspruch, verhalten sich weniger therapietreu und haben demnach ein höheres Risiko, frühzeitig zu sterben.

In der erwähnten Studie des AOK-Bundesverbands und des WidO befragten Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen bundesweit insgesamt 2010 gesetzlich Versicherte von Dezember 2013 bis Januar 2014. Mehr als ein Viertel findet es demnach schwierig, Informationen über Krankheitssymptome zu finden, knapp ein Drittel hat Probleme, bestimmte Informationen zu verstehen und 37 Prozent der Befragten können nur schwer beurteilen, ob sie eine Zweitmeinung einholen sollten.

Seit den 1970er-Jahren ist die Gesundheitskompetenz bereits ein Thema für Forscher in den USA und Kanada. Auch in Europa har das Interesse daran mittlerweile zugenommen. Zwischen 2009 und 2011 untersuchten Wissenschaftler im Auftrag der Europäischen Kommission mithilfe eines Fragebogens das Wissen über die Gesundheit in acht europäischen Ländern. Dabei stellte sich heraus, dass im EU-Durchschnitt rund 47 Prozent der Befragten eingeschränkte, unzureichende oder problematische Kompetenzen im Bereich Gesundheit hatten. Es gab erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, Deutschland schnitt eher durchschnittlich bis schlecht ab. Diesem European Health Literacy Survey (HLS-EU) zufolge haben besonders bestimmte Untergruppen der Bevölkerung – finanziell und sozial Benachteiligte, ältere Menschen und Personen mit geringerer Bildung – ein deutlich schlechteres Verständnis von Gesundheit und dem Gesundheitssystem.

Was aber kann man tun, um die Gesundheitskompetenz von Patienten zu verbessern? Medizinische Informationen müssen vor allem verständlich und verlässlich dargestellt werden. Einzelne Vorstöße in Deutschland gibt es bereits: Die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann setzt sich zum Beispiel dafür ein, Beipackzettel verständlicher zu formulieren. Auch in Österreich ist eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz ein Thema: Hier haben die Bundes­gesundheitskommission und der Ministerrat schon 2011 zehn Rahmen-Gesundheitsziele erarbeitet. Da­runter finden sich unter anderem die Zielsetzungen, gesundheitliche und soziale Ungleichheiten abzubauen und der Bevölkerung verständliche medizinische Informationen in alltagssprachlichen Formulierungen zugänglich zu machen.

Verständlich statt komplex

Teilweise komplexe Informationen einfach darzustellen, ist auch bei der Arbeit in der Apotheke wichtig. Denn wenn der Patient zum Beispiel Einnahmehinweise nicht versteht oder im Beipackzettel aufgeführte Nebenwirkungen nicht einschätzen kann, nimmt er seine Medikamente nicht wie verordnet ein oder bricht die Therapie ab. Forscher der Harvard School of Public Health geben hierzu in einer Stellungnahme im »Journal oft the American Medical Association« Tipps für eine patientenfreundliche Kommunikation. Ein Beispiel: Statt »Haben Sie Fragen?« sollten PTA oder Apotheker besser formulieren: »Welche Fragen haben Sie?« Das könne dem Patienten die Angst nehmen und ihm zeigen, dass es normal und legitim ist, nachzufragen. Eine andere Möglichkeit sei, den Patienten um seine Mithilfe zu bitten: »Habe ich noch irgendetwas vergessen?« Das vermittle dem Patienten ein Gefühl einer gleichberechtigten Gesprächsteilnahme und baue ebenfalls eine Brücke für Fragen. /