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Kinderlebensmittel

Zu süß, zu fettig, zu viel Werbung

09.11.2015
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Von Carina Steyer / Kinderlebensmittel enthalten zu viel Zucker, Salz und Fett. Das ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Medizi­nische Fachgesellschaften fordern nun verschärfte Regeln für die Zusammensetzung und das Marketing für Kinderlebensmittel.

Der Lebensmittelkonzern Danone wirbt mit Disney-Helden, Ferrero mit Spielzeugbeigaben und beim Kakaogetränk Kaba erlebt das Maskottchen Berry, der Plantagenbär, ein Comic-Abenteuer auf der Verpackungsrückseite. Die Zielgruppe ist klar, und die Werbestrategien der Hersteller sind äußerst erfolgreich. Schon lange stehen Lebensmittel, die trotz ungesunder Eigenschaften offensiv an Kinder vermarktet werden, in der Kritik. Denn nach Ansicht vieler Gesundheitsorganisationen wird ungesundes Ernährungsverhalten von der Lebensmittelindustrie und ihrem Marketing entscheidend mitbestimmt.

Im Rahmen der EU-weiten »Platform for Action on Diet, Physical Activity and Health« haben sich 2007 einige weltweit führende Lebensmittelunternehmen im sogenannten EU Pledge freiwillig dazu verpflichtet, das Marketing für Kinderlebensmittel künftig verantwortungsvoll zu gestalten. Konkret sollte das bedeuten: Aktives Marketing, das sich an Kinder unter zwölf Jahren richtet, ist nur für Lebensmittel zulässig, die vereinbarte Nährwertanforderungen erfüllen. Das gilt für die Marketing-Kanäle TV, Print, unternehmenseigene Webseiten sowie Webseiten von Dritten. Produktkommunikation an Grundschulen darf nur nach Absprache mit der Schulleitung und zu erzieherischen Zwecken erfolgen. Ab 2016 soll die Vereinbarung ausgeweitet werden auf Radio, Kino, DVDs, Direktmarketing, Produktplatzierungen, interaktive Spiele sowie Mobile- und SMS-Marketing. Von der Selbstverpflichtung ausgenommen sind die Verpackungsgestaltung, Marketing am Verkaufsort, Werbemaskottchen und Sponsoring.

Wie wirkungsvoll der EU Pledge tatsächlich ist, hat Foodwatch nun untersucht. In einer im August diesen Jahres veröffentlichten Studie hat die Verbraucherschutzorganisation die Nährstoffzusammensetzung von Kinderlebensmitteln, deren Hersteller den EU Pledge unterzeichnet haben, analysiert. Ausgewählt wurden 281 Produkte, deren Marketing sich gezielt an Kinder richtet. Als Grundlage wurde die Definition für Kinderlebensmittel des Forschungsinstituts für Kinderernährung verwendet. Demnach wird ein Lebensmittel an Kinder vermarktet, wenn die Verpackung beispielsweise mit Spielen oder Marken-Maskottchen auffällig gestaltet ist, das Lebensmittel in der Werbung oder auf der Verpackung verniedlicht dargestellt wird, mit Aktionen wie Gewinnspielen oder Beigaben verkauft wird oder die Werbung beziehungsweise der Internetauftritt des Herstellers speziell an Kinder gerichtet ist. Ebenfalls wurden Lebensmittel mit auffälligen sensorischen Eigenschaften wie Knistern beim Essen oder einer auffällig bunten Farbe in die Studie mit einbezogen.

Kaum gesunde Produkte

Foodwatch bewertete die Produkte anhand des »Nutrient profile model« für Kinderlebensmittel, das Anfang des Jahres vom Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO ver­öffentlicht wurde. Die Beurteilung eines Lebensmittels erfolgt bei diesem Modell nach dem Anteil von Gesamtfett, gesättigten Fettsäuren, Gesamtzucker, Zuckerzusätzen, Süßungsmitteln, Salz sowie dem Kaloriengehalt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Von den 281 untersuchten Produkten erfüllten lediglich 29 die Kriterien eines gesunden Kinderlebensmittels. Die übrigen 252 Produkte und damit 90 Prozent der untersuchten Lebensmittel sind zu süß, zu salzig oder zu fettig und nach den WHO-Kriterien für eine gesunde Kin­der­ernährung nicht geeignet.

Oliver Huizinga, Experte für Kindermarketing bei Foodwatch, kommentiert die Studie wie folgt: »Mit wohlklingenden Selbstverpflichtungen inszeniert sich die Lebensmittelbranche als Vorreiter im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung und vermarktet gleichzeitig tonnenweise Süßigkeiten und Junkfood gezielt an Kinder.« Nicht nur Foodwatch, sondern auch die Deutsche Adipositas-Gesellschaft, die Deutsche Diabetes Gesellschaft sowie die Deutsche Diabetes-Hilfe kritisieren den EU Pledge inzwischen stark und halten ihn wegen mehrerer Gründe für wirkungslos. Sie sehen die Nährwertkriterien des EU Pledge als viel zu lasch an und fordern eine Verschärfung auf Grundlage des »Nutrient profile model« der WHO. Dieses Modell legt die Messlatte für Kinderlebensmittel deutlich höher und hält süßes Gebäck, Getränke und Säfte grundsätzlich für ungeeignet. Etwa bei Frühstücksflocken und salzigen Snacks gehen die Grenzwerte stark auseinander. Während laut EU Pledge Hersteller von Frühstücksflocken mit bis zu 30 Prozent Zucker und salzigen Snacks mit bis zu 2,3 Gramm Salz je 100 Gramm bei Kindern werben dürfen, setzen die WHO-Experten die Grenze bei 15 Prozent Zucker und 0,1  Gramm Salz je 100 Gramm.

Eine Lücke sehen Foodwatch und die medizinischen Fachgesellschaften auch bei der Ausnahme einzelner Marketing-Kanäle aus dem EU Pledge. Die Produzenten könnten dadurch auch Produkte wie Schokolade oder Softdrinks etwa durch auffällige Verpackungsgestaltung bewerben, obwohl diese Produkte die Kriterien des EU Pledge nicht erfüllen. Etliche große Lebensmittelhersteller wie Ehrmann, Hipp oder Haribo und viele andere sowie die Eigenmarken der Handelsketten hätten den EU Pledge zudem gar nicht unterzeichnet.

Zusätzlich sei die Altersgrenze für das Werbeverbot mit zwölf Jahren zu niedrig und müsse auf 16 Jahre angehoben werden. Nach Ansicht von Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft, ist der EU Pledge eine Mogelpackung, die den Verbraucher täusche, denn die meisten Kinderlebensmittel seien keine Lebensmittel, sondern Süßigkeiten. Er fordert eine gesetzliche Eindämmung des Marketings für Kinderlebensmittel, da sonst eine Welle von Fehlernährung und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nicht gestoppt werden könne.

Prävention ist wichtig

Derzeit gelten laut Kinder- und Jugendsurvey des Robert-Koch-Instituts 15 Prozent der Kinder und Jugend­lichen in Deutschland als übergewichtig, 6 Prozent werden als adipös eingestuft. Die Untersuchung hat gezeigt, dass zu wenig Obst und Ge­müse, aber zu viele Süßwaren, Knabberartikel und Limonaden konsumiert werden. Ernährungsverhalten und -gewohnheiten werden maßgeblich im Kindes- und Jugendalter geprägt, bleiben oft ein Leben lang bestehen und können somit langfristig für Gesundheit und Krankheit mitbestimmend sein. Dass gezielte Aufklärung über gesunde Ernährung und die Förderung des Bewusstseins für ausgewogenes Essen Wirkung zeigt, konnten erste Studien bereits belegen. Die Daten aus der jährlich durch­geführten Schuleingangsuntersuchung belegen, dass seit dem Jahr 2000 die Zahl übergewichtiger Kinder nicht weiter ansteigt und teilweise sogar zurückgeht. Im internationalen Vergleich kann ein ähnlicher Trend beobachtet werden.

Beunruhigender zeichnet sich die Situation für Adipositas bei Erwachsenen in Europa ab. Hier zeigt sich kein Rückgang, sondern im Gegenteil eine Zunahme. »Adipositas ist eine der am schnellsten wachsenden Bedrohungen für Gesundheit und Wohlbefinden in Europa. In einigen europäischen Ländern werden heute sechs von zehn Erwachsenen als adipös eingestuft. Bis 2030 könnten es nach Schätzungen bereits neun von zehn sein«, warnte Euan Woodward, Geschäftsführer der Europäischen Adipositas-Ge­sell­­schaft, am Europäischen Adipositas-Tag im Mai. Präven­tionsmaß­nah­men und Kampagnen zur gesunden Ernährung ­haben demnach in keiner anderen Alters­grup­pe so viel Potenzial wie bei Kindern und Jugendlichen. /