PTA-Forum online
Rückenschmerzen bei Kindern

Bewegungsmangel ist Ursache Nr. 1

14.11.2016
Datenschutz

Von Carina Steyer / Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden in Deutschland, und auch immer mehr Kinder und Jugendliche klagen darüber. Schuld ist meist ein Mangel an Bewegung: 23 Stunden pro Tag verbringen viele Kinder im Sitzen, Liegen oder Stehen.

Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland leidet laut Robert-Koch-Insti­tut (RKI) unter wiederkehrenden Rückenschmerzen. Bei Kindern galten Rückenschmerzen lange als Ausnahmeerscheinung. In den 1980er-Jahren war es eine weit verbreitete Lehrmeinung, dass Rückenschmerzen bei Kindern sehr selten auftreten und wenn doch, dann fast immer als Symptom einer ernstzunehmenden Erkrankung.

Inzwischen gilt diese Annahme jedoch als überholt. Kinder und Jugendliche klagen immer häufiger über Rückenschmerzen, und ihre Eltern suchen deshalb mit ihnen den Arzt auf. In der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) erhebt das RKI fortlaufend den Gesundheitszustand der 0- bis 17-Jährigen. Die Daten von fast 15 000 Kindern und Jugendlichen zeigen: Rückenschmerzen treten etwa ab der Einschulung auf und werden mit dem Alter der Kinder häufiger. So gab knapp die Hälfte der 11- bis 17-jährigen befragten Kinder und Jugendlichen an, in den vergangenen drei Monaten Rückenschmerzen gehabt zu haben.

Modernes Leben

Was hat sich in den vergangenen 30 Jahren verändert, dass Rückenschmerzen vom Alarm- zum Alltagssymptom wurden? Diese Frage wurde 2011 auch 100 Kinder- und Jugendärzten in einer Umfrage des Forsa-Instituts Berlin im Auftrag der Kranken­kasse DAK gestellt. Als Hauptursachen für die Rückenschmerzen sehen die ­Pädiater demnach einen Mangel an Bewegung, Übergewicht, zu viel Zeit vor dem Fernseher und Computer sowie zu wenig Anregung der motorischen Entwicklung durch die Eltern.

Neun Stunden sitzen

Unterstützt werden die Vermutungen der Kinderärzte durch Studienergebnisse. Laut KiGGS-Studie erreichen nur noch 28 Prozent der 3- bis 17-Jäh­rigen das von der Weltgesundheits­organisation WHO empfohlene Bewegungspensum von einer Stunde pro Tag an wenigstens fünf Tagen pro Woche. Der Sportwissenschaftler Professor Dr. Klaus Bös vom Ins­titut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Karlsruhe hatte 1000 Grundschul­kinder sieben Tage lang ein Bewegungstagebuch führen lassen. Neun Stunden des Tages verbrachten die ­Kinder demnach durchschnittlich im Sitzen. Dazu kommen weitere neun Stunden im Liegen und fünf Stunden im Stehen. Übrig bleibt am Ende maximal eine Stunde, in der die Kinder in Bewegung sind. Und das, obwohl an­nähernd 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Sportvereinen angemeldet sind. Aber der organisierte Sport scheint die sinkende körperliche Aktivität in der Freizeit nicht ausgleichen zu können.

Während in den 1970er-Jahren fast alle Erstklässler ihren Schulweg zu Fuß bewältigten, war es im Jahr 2012 nur noch die Hälfte. Eine große Rolle spielen auch elektronische Medien. Die tägliche Nutzung von Fernseher, Computer, Spielekonsole und Smartphone ist bei Kindern und Jugendlichen zur Selbstverständlichkeit geworden. Bei vielen Kindern findet meist zwar noch eine Kontrolle durch die Eltern statt, Jugendliche entscheiden dagegen weitgehend selbst über ihren Medienkonsum. Mit Beginn der Pubertät, wenn der kindliche Bewegungsdrang nachlässt und die Interessen sich ver­lagern, nimmt die Nutzung elektronischer Medien laut KiGGS-Studie bei einem Großteil der 11- bis 17-Jährigen mehr als zwei Stunden pro Tag ein.

Die Folgen der Bewegungsarmut: Kinder und Jugendliche sind heute deutlich bewegungsein­ge­schränk­ter, motorisch ungeschickter und die sportliche Leistungsfähigkeit hat sich deutlich verschlechtert. Dazu kommen oftmals eine ungesunde Ernährung und Übergewicht.

Die Wirbelsäule wird normalerwei­se durch ein umfangreiches System aus Bauch- und Rückenmuskeln gestützt. Ohne Bewegung werden diese Muskeln nicht genug trainiert. Sind sie zu schwach, kann die Wirbelsäule nicht ausreichend stabilisiert werden. Die Folgen sind Fehlstellungen und/oder eine Überbeanspruchung der Wirbelsäule. Arbeiten Kinder zusätzlich noch auf ungeeigneten Sitzmöbeln und an falsch eingestellten Tischen, kann es zu Muskelverkürzungen, Nackenverspannungen und Haltungsschäden kommen. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) rät aus diesem Grund auch davon ab, die Kinder Hausaufgaben am Küchentisch machen zu lassen.

Auch für das Tragen ihrer Schul­tasche brauchen Kinder eine gut ausgebildete und starke Wirbelsäulenmuskulatur. Eltern sollten den Sitz und das Gewicht der Schultasche regelmäßig überprüfen, empfehlen die Experten der DGOU. Wichtig ist, dass die ­Träger weder zu locker noch zu straff sitzen. Zu enge Schulterriemen fördern die Entwicklung eines Rundrückens, zu lockere eines Hohlkreuzes. Viele Kinder tragen Schultaschen, die deutlich zu schwer sind. Maximal 10 Prozent des Körpergewichts sollten sie wiegen, was bei einem Grundschüler etwa 3 bis 4 Kilo­gramm wären. Häufig bringen die Taschen jedoch bis zu 10 Kilogramm auf die Waage. Das Gewicht drückt ­die Bandscheiben zusammen und begünstigt Fehlstellungen. Schulärzte fordern daher schon lange, einen Großteil der Bücher in der Schule zu verwahren, um Kinder vor unnötigen Belastungen zu schützen.

Eltern sollten genau beobachten, wann ihr Kind über Rückenschmerzen klagt. Bei häufigen, regelmäßigen oder starken Rückenschmerzen sollten sie möglichst schnell einen Kinderarzt oder ­-orthopäden aufsuchen. Laut dem Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, lassen sich bei etwa 15 Prozent der Fälle organische Ursachen finden, beispielweise Fehlstellungen oder Verknöcherungen der Wirbelsäule. Diese benötigten eine frühzeitige, zielgerichtete Behandlung, um dauerhafte Folgeschäden im Erwachsenenalter zu vermeiden. Auch Kinderorthopäden plädieren für eine rechtzeitige Behandlung. Gerade aus unbehandelten Rückenschmerzen würde sich häufig ein Schmerzgedächtnis entwickeln, durch das die Betroffenen Schmerzen empfinden, auch wenn der eigentliche Auslöser fehlt. Physiotherapie oder Sport- und Ballspiele unter sachkundiger Anleitung helfen den jungen Patienten, ihre Muskeln aufzubauen und gezielt zu stärken.

Bewegung fördern

Noch besser als eine rasche Therapie sei jedoch ein erhöhtes Bewegungs­angebot in Kindergärten und Schulen, da sind sich alle Experten einig. Auch die Eltern sind gefragt. Gemeinsame körperliche Aktivitäten wie Schwimmen, Klettern, Radfahren oder He­rumtollen fördern die motorische Entwicklung, kräftigen die Muskeln und vermitteln den Kindern Spaß an der Bewegung. Viele Experten empfehlen zum Beispiel einfache Spiele wie Seilspringen oder Gummitwist. Die Stiftung Kindergesundheit fordert zudem, mehr Platz für Kinder zu schaffen. Verkehrsberuhigte Zonen und Bewegungsräume, in denen sie gefahrlos und weitgehend unbeaufsichtigt spielen können, geben Kindern die Möglichkeit, Spielpartner zu treffen. Kinder die zu zweit oder in einer Gruppe spielen, bewegen sich automatisch mehr, so die Experten. /