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Tee

Grün ist Trend

14.11.2016
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Von Ulrike Becker / In Deutschland kommt immer häufiger grüner Tee in all seinen Varianten in die Tassen. Gegen Krebs, Herz­erkrankungen oder als Schutz vor Alzheimer – bei mehr als 60 gesundheitlichen Problemen soll der regelmäßige Genuss helfen. Doch die Werbung verspricht mehr, als wissenschaftlich haltbar ist.

Der Teekonsum wächst hierzulande kontinuierlich. So viel Tee wie im Jahr 2015 haben sich die Deutschen noch nie schmecken lassen: ganze 28 Liter waren es pro Kopf. Das ist zwar nur ein Fünftel des Kaffeekonsums. Doch der Deutsche Teeverband hat berechnet, dass im Vergleich zu 2005 heute jeder Deutsche innerhalb eines Jahres durchschnittlich 3 Liter mehr Tee trinkt.

An diesem Wachstum ist die gestiegene Nachfrage nach Grüntee (Theae viridis folium) beteiligt. Die Tee­her­steller bieten zahlreiche Sorten an, etwa Sencha, Gunpowder oder Darjeeling, und befeuern den Trend mit immer neuen Kreationen, die beispielsweise Ingwer oder Limone enthalten. 2015 bestand der gesamte Teeverbrauch in Deutschland bereits zu 30 Prozent aus dem leicht bitteren, blassgrünen Getränk. Der weltweit größte Teeproduzent ist China. Mehr als 60 Prozent des grünen Tees im deutschen Handel stammt von chinesischen Teebauern. Grüner Tee besteht wie schwarzer Tee aus den Blättern der Teepflanze Camellia sinensis, ist aber anders als dieser nicht fermentiert. Nach dem Pflücken werden die frischen Blätter kurz zum Trocknen ausgebreitet, um sie anschließend leichter verarbeiten zu können. Es folgt ein kurzes Erhitzen, mit Wasserdampf oder elektrischer Hitze, was den Fermentations- beziehungsweise Oxida­tionsprozess durch das Inaktivieren der Enzyme unterbricht. Viele Inhaltsstoffe bleiben so erhalten.

Vollmundige Verspechen

Die Werbung verspricht teilweise großspurig, dass grüner Tee eines der besten Mittel zur Erhaltung der Gesundheit sei und bei über 60 Krankheiten wirke. Richtig ist, dass grüner Tee einige wertvolle Stoffe enthält. Darunter befinden sich zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe, wie verschiedene Gerb- und Aromastoffe, aber auch Aminosäuren, ätherische Öle, Vitamine und Mineralstoffe. Durch die fehlende Fermentation bleiben im Grüntee beispielsweise deutlich mehr Gerbstoffe erhalten als in schwarzem Tee und er schmeckt entsprechend bitterer. Dadurch wird auch das vorhandene Coffein, das gebunden an Gerbstoffe vorliegt, langsamer freigesetzt als bei Schwarztee. Eine Tasse mit 200 ml Grüntee liefert etwa 30 mg des wachmachenden Alkaloids. Zum Vergleich: Eine Tasse schwarzer Tee enthält etwa 45 mg und eine Tasse Kaffee 90 mg Coffein. Durch die geringere Dosis in Grüntee sind nicht die gleichen stimulierenden Effekte zu erwarten wie nach dem Genuss von Schwarztee oder Kaffee; anregend kann der Genuss dennoch sein. Beachtlich sind wie auch bei Schwarztee die Mengen an Fluorid, was sich bei entsprechender Trinkmenge positiv auf die Zahngesundheit auswirkt. Auch Vitamine lassen sich nachweisen. Für die Zufuhr von nur 10 mg Vitamin C muss aber 1 l Grüntee getrunken werden.

Reich an Polyphenolen

In China und Indien wird grünem Tee schon seit Jahrhunderten ein gesundheitlicher Nutzen zugeschrieben. Heute beschäftigen sich Forscher auf der ganzen Welt in unzähligen Studien ­damit, dem Wirkmechanismus von Grüntee in der Prävention oder bei der Behandlung von Erkrankungen auf die Spur zu kommen. Die Wissenschaft ­interessiert sich besonders für die Substanzgruppe der Polyphenole. Diese Verbindungen zählen zu den sekundä­ren Pflanzenstoffen. Sie sind in Grüntee etwa in der fünffachen Menge enthalten wie in schwarzem Tee. Über 90 verschiedene Polyphenole konnten identifiziert werden. Etwa ein Drittel der Trockenmasse besteht aus Catechinen, einer Untergruppe der Polyphenole. Vor allem Epigallocatechingallat (EGCG) steht im Mittelpunkt der Forschung. Es macht etwa 60 bis 80 Prozent der Catechine aus. Weitere Catechinabkömmlinge sind Epicatechin, Epigalloctechin und Epicatechingallat. Ein Liter Tee enthält etwa 140 bis 190 mg EGCG.

Superfood Matcha-Tee

Matcha-Tee besteht aus fein gemahlen Grünteeblättern und ist als sogenanntes Superfood momentan besonders angesagt. Seine intensive grüne Farbe resultiert aus einem hohen Chlorophyllgehalt. Die Teepflanze wird dazu in der Regel vier Wochen vor der Ernte beschattet und produziert durch die geringere Lichtzufuhr mehr grünen Pflanzenfarbstoff. Matcha soll besonders reich an Antioxidanzien, Polyphenolen, Coffein und Mineralstoffen wie Kalium und Calcium sein. Denn im Unterschied zu anderen Tees trinkt man beim Matcha-Tee sämtliche Teebestandteile mit. So werden zwar tatsächlich mehr der potenziell günstigen Inhaltsstoffe aufgenommen. Die zugeführten Mengen sind jedoch minimal: In eine Tasse Matcha-Tee rührt man lediglich 1 bis 2 g Teepulver. Zu den werbewirksam postulierten Gesundheitsversprechen fehlen wie bei normalem Grüntee belastbare wissenschaftliche Nachweise. Da sowohl grüner als auch Matcha-Tee häufig mit Pestiziden belastet sind, lohnt der Griff zu ökologisch angebautem Tee.

Zahlreiche Laborstudien mit Zell­kulturen deuten auf positive gesundheitliche Wirkungen hin, unter anderem wegen des hohen antioxidativen Potenzials der Polyphenole. Sie wirken außerdem möglicherweise entzündungshemmend und antibakteriell, ­beeinflussen das Immunsystem und den Blutdruck. Auch epidemiologische Bevölkerungsstudien lassen eine prä­ventive Wirkung der Polyphenole auf bestimmte Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermuten.

Einfluss auf Krebsrate

In Ländern mit hohem Verbrauch an Grüntee gibt es weniger Krebserkrankungen. Allerdings lässt sich der be­obachtete Effekt anhand epidemiologischer Daten nicht allein auf den Tee­genuss zurückführen. Auch der gesamte Lebensstil sowie die übrigen Ernährungsgewohnheiten nehmen schließ­lich Einfluss auf die Krebsent­stehung. Die meisten Studien dazu stammen aus dem asiatischen Raum, wo dem Teekonsum ein ganz anderer Stellenwert zukommt als hierzulande. Bestärkt werden die Erkenntnisse aber durch Laborstudien. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Polyphenole aus Grüntee die Entwicklung künstlich erzeugter Tumoren verringerten. Vor allem die antioxiative Wirkung von EGCG und Epicatechingallat scheint die Zellen vor Schäden am Erbgut zu schützen. Polyphenole können zudem das unkontrollierte Wachstum von Tumorzellen hemmen und den Zelltod von Krebszellen auslösen. Wieder andere Labor- und Tierstudien bescheinigen den Catechinen, die Ausbreitung von Krebszellen und die Bildung von Blutgefäßen, die sogenannte Angiogenese, zu hemmen. Darüber hinaus sind Wirkstoffe aus Grüntee in der Lage, Entgiftungsenzyme zu aktivieren, was ebenfalls vor einer Krebsentwicklung schützen kann. Auch wenn die zahlreichen Ansätze eine krebshemmende Wirkung plausibel erscheinen lassen, ist die genaue Wirkung von Grüntee auf Krebszellen bisher nicht genau geklärt.

Eine relativ neue Erklärung für die mögliche krebspäventive Wirkung ist der Einfluss von bestimmten Tee-Inhaltsstoffen auf die Genaktivität. Dr. Clarissa Gerhäuser vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg berichtet in einer Publikation von Hinweisen, dass ein Inhaltsstoff aus grünem Tee bestimmte Enzyme hemmt und damit wiederum die Aktivität von Genen bremst, die eine Tumor­entstehung begünstigen. Die Wirkstoffe nehmen dabei Einfluss auf epigenetische Strukturen, das bedeutet sie verändern die Genaktivität, die nicht auf die Erbsubstanz selbst zurückzuführen ist. Kleine chemische Gruppen heften sich dabei an DNA-Abschnitte im Zellkern und beeinflussen, ob ein Gen gut oder schlecht abgelesen werden kann. Catechine aus Grüntee steuern offenbar das Ablesen von Genen, die eine wichtige Rolle in Entgiftungsprozessen und in der Reparatur von Zellschäden spielen.

Während die Erkenntnisse aus Labor- und Tierstudien einleuchtend und vielversprechend klingen, sind die Resultate aus Humanstudien widersprüchlich. Die österreichische Sektion der Cochrane Gesellschaft, einem unabhängigen Netzwerk von Experten, hält nach einer Analyse der bislang veröffentlichten Studien nur eine präventive Schutzwirkung vor Leberkrebs durch grünen Tee für belegbar. Positive Auswirkungen auf andere Krebsformen sind laut den Experten nicht eindeutig genug. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum ist der Überzeugung, dass noch viel Forschungs­arbeit nötig ist, um grünem Tee oder seinen Extrakten einen anerkannten Stellenwert bei der Prävention oder Therapie von Krebs zuzuschreiben.

Plus für Herz und Kreislauf

Die Catechine sollen auch das kardiovaskuläre System schützen. 2015 nahmen japanische Forscher zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen unter dem Aspekt des Grünteekonsums und der Sterblichkeit ins Visier. In die groß angelegte Bevölkerungsstudie flossen Daten von über 90 000 Japanern ein, und es wurden fast 13 000 Todesfälle analysiert. Die Wissenschaftler entdeckten hierbei zwar keinen Zusammenhang zwischen grünem Tee und der Krebssterblichkeit, aber mit steigendem Teekonsum verringerte sich die Sterblichkeit an Herzerkrankungen. Bei Männern nahmen zusätzlich die Todesfälle durch Schlaganfall und Atemwegerkrankungen ab.

Chinesische Wissenschaftler analysierten mit einer ähnlichen Frage­stellung im vergangenen Jahr insgesamt 18 prospektive Kohortenstudien. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Konsum von einer Tasse grünem Tee pro Tag mit einem um 5 Prozent geringeren Risiko für die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mit einem um 4 Prozent geringeren Risiko für die Gesamtsterblichkeit einhergeht.

In einer gemeinsamen Arbeit, ebenfalls aus dem Jahr 2015, nahmen Wissenschaftler aus Kanada und China randomisierte kontrollierte Studien unter die Lupe, um die Wirkung von grünem Tee und Grüntee-Extrakt auf den Blutdruck bei übergewichtigen und fettleibigen Erwachsenen zu prüfen. Sowohl grüner Tee als auch der Extrakt führten zu einer geringen, aber signifikanten Reduktion des Blutdrucks, so das Fazit. Für konkrete Empfehlungen sei es jedoch noch zu früh, betonten die Wissenschaftler.

Auch bei der Prävention von Alz­heimer-Demenz gibt es Hinweise aus Laborversuchen und Zellkulturstudien für eine positive Wirkung von Catechinen beziehungsweise den Epigal­locatechingallaten aus Grüntee. Sie könnten der Alzheimer-typischen Ab­lagerung von Amyloiden im Gehirn ­entgegenwirken. Möglicherweise ver­ändern sie die Strukturen von falsch aufgefalteten und damit schädlichen ­Proteinen im Gehirn und tragen so zu einem Umbau dieser Ablagerungen in harmlose Verbindungen bei.

Laut Werbung kurbelt der Genuss von Grüntee auch die Fettverbrennung an und soll so die Gewichtsreduktion unterstützen. Wissenschaftlich belegt ist ein schnelleres Abnehmen bislang jedoch nicht; auch nicht, ob ein Zusammenhang zwischen der Zufuhr eines Grüntee-Extrakts und einem beschleunigten Fettstoffwechsel besteht. Anhand von Tierversuchen konnten Wissenschaftler immerhin zeigen, dass die Catechine den Blutzuckerspiegel senken, vermutlich über eine Hemmung des stärkeabbauenden Enzyms Amylase. Das verzögert die Stärkeaufspaltung in Zuckerbausteine und die Aufnahme aus der Nahrung ins Blut.

Hilfe beim Abnehmen?

Speziell das EGCG führte bei Mäusen und Ratten mit metabolischem Syndrom zu einer Verbesserung der Insulinwirkung und der Fettoxidation. In einer Studie mit über­gewichtigen postmenopausalen Frauen, die über zwölf Wochen zweimal am Tag 150 mg EGCG erhielten, konnten die Forscher ebenfalls ein Absinken des Blutzuckerspiegels feststellen, wenn bei den Teil­nehmerinnen bereits eine gestörte Glucosetoleranz vorlag. Andere Human­studien waren allerdings weniger aus­sagekräftig.

Trotz der widersprüchlichen Studien­ergebnisse stimmen Wissenschaftler grundsätzlich darin überein, dass sich der Genuss von grünem Tee positiv auf die Gesundheit auswirken kann. Ein Wundermittel, das vor Krebs, Herzerkrankungen und Übergewicht schützt, ist er aber sicher nicht. Auch dann nicht, wenn weitere Humanstudien dazu beitragen sollten, die genauen molekularen Wirkmechanismen und die tatsächliche ­Resorptionsrate aufzuklären. Denn die Entstehung von Erkrankungen ist stets vielschichtig. Neben der genetischen Ausstattung leistet der gesamte ­Lebensstil einen Beitrag – inklusive ­Ernährung, Bewegung und Stressfak­toren. Dennoch schadet es nicht, öfter zum Grüntee zu greifen. Bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Grüntee-Extrakt sollte man allerdings vorsichtig sein. Zu unklar sind die Dosierungen und ihre Wirkungen auf den Stoffwechsel. Zudem sind Wechselwirkungen mit Arzneistoffen möglich, zum Beispiel mit Chemotherapeutika. /