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Schmerzlinderung

Placebo-Effekt auch ohne Täuschung

14.11.2016
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Von Verena Arzbach / Die Erwartung und der Glaube, dass ein Medikament die eigenen Beschwerden lindert, gelten als Basis des Placebo-Effekts. Eine neue Studie zeigt nun aber: Ein Placebo wirkt auch dann, wenn die Patienten wissen, dass sie ein Scheinmedikament bekommen.

Der Placebo-Effekt wurde bislang vor allem auf die positive Erwartungshaltung der Patienten zurückgeführt: Sie glauben, vom Arzt eine wirksame Therapie zu erhalten, woraufhin sich die Beschwerden bereits bessern. Eine neue Studie hat nun allerdings gezeigt, dass Placebos auch dann wirken können, wenn die Patienten wissen, dass sie ein Medikament ohne Wirkstoff einnehmen. Dies berichten US-amerikanische und portugiesische Forscher im Fachjournal »Pain«. Die Wissenschaftler um Professor Dr. Ted Kaptchuk vom Beth Israel Deaconess Medical Center und der Harvard Medical School untersuchten insgesamt 97 Patienten mit chronischen Schmerzen des unteren Rückens. Ein Großteil der Patienten nahm bereits vor der Studie Schmerzmittel, meist nicht steroidale Antirheumatika, ein. Diese Medikation durften alle Patienten beibehalten, sie wurden jedoch angehalten, die Dosierung der Analgetika nicht zu verändern. Zudem sollten sie keine neuen Medikamente einnehmen oder ihren Lebensstil stark verändern.

Weniger Rückenschmerzen

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe nahm weiter ihre Standard-Medikation ein, die Patienten in der Unter­suchungsgruppe erhielten zusätzlich ein als »Placebo-Tabletten« de­klariertes Präparat, das sie zweimal täglich einnehmen sollten. Sie wurden zudem darüber aufgeklärt, dass die Tabletten nur mikrokristalline Cellulose und keinerlei aktiven Wirkstoff ent­halten. Nach drei Wochen hatten sich die Rückenschmerzen in dieser Gruppe dennoch um 30 Prozent gebessert. Sowohl die üblichen Schmerzen als auch die Schmerzspitzen seien schwächer gewesen, ­berichteten die Patienten. In der Vergleichsgruppe schwächten sich die Schmerzen dagegen nur um 9 beziehungsweise 16 Prozent ab.

Die Ergebnisse stellten das bisherige Verständnis des Placebo-Effekts auf den Kopf, sagt Studienautor Kaptchuk. »Diese neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass der Placebo-Effekt nicht unbedingt durch die bewusste Erwartung der Patienten hervorgerufen wird, dass sie eine aktive Medizin bekommen, wie lange angenommen wurde. Eine Tablette im Kontext einer Patienten-Arzt-Beziehung einzunehmen –auch wenn man weiß, dass es sich um ein Placebo handelt –, ist ein Ritual, das wahrscheinlich bestimmte Hirnregionen aktiviert, die die Symptome ver­ändern«, führt er aus.

Da die Teilnehmerzahl der Studie relativ klein war und der Beobachtungszeitraum recht kurz, sind weitere Untersuchungen nötig, um die Hintergründe des Placebo-Effektes genauer zu untersuchen. Eine offene Placebo-Behandlung könnte aber in Zukunft gezielt bei vielen chronischen Beschwerden eingesetzt werden, so die Autoren. »Man wird mit einer Placebo-Behandlung keinen Tumor schrumpfen oder eine Arterie von Ablagerungen befreien können«, betont Kaptchuk. Aber Beschwerden, die stark von der Selbstwahrnehmung abhängen, wie Schmerzen, Fatigue, Depressionen oder Verdauungsbeschwerden, könnte ein Scheinmedikament durchaus lindern. /