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Chronische Schmerzen

Risikopatienten früh erkennen

14.11.2016
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Von Verena Arzbach, Mannheim / Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung. Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland leben mit dauerhaften Schmerzen, die sie im Alltag beeinträchtigen. Welche Patienten gefährdet sind, chronische Schmerzen zu entwickeln, und wie sich dies eventuell verhindern lässt, erläuterten Mediziner im Oktober bei einer Presse- konferenz zum Auftakt des Deutschen Schmerzkongresses.

»Akuter Schmerz ist im Grunde nichts Schlechtes, denn er ist ein Warnsignal, ein Symptom, das Gefahr signalisiert, etwa bei einer Verletzung«, verdeutlichte Professor Dr. Esther Pogatzki-Zahn. Dieser Schmerz tritt plötzlich auf und lässt auch wieder nach beziehungsweise vergeht, sobald seine ­Ursache erkannt und behandelt worden ist. »Wird der Schmerz jedoch chronisch, kann er das Leben des Betroffenen deutlich beeinträchtigen«, sagte die Oberärztin der Klinik für Anästhesio­logie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Münster.

Eigene Erkrankung

Tatsächlich gelten chronische Schmerzen als eigenes Krankheitsbild, hinter dem zahlreiche Ursachen stecken können. Je nach Definition gelten Schmerzen als chronisch, wenn sie länger als drei bis sechs Monate bestehen. Weitverbreitet seien etwa chronische Rückenschmerzen, sagte Pogatzki-Zahn. »Bei nur 10 Prozent der Patienten mit Rückschmerzen können wir eine klare körperliche Ursache als Auslöser feststellen«, so die Schmerztherapeutin.

Ähnlich sieht es bei Kopf- und Gelenkschmerzen sowie bei postoper­a­tiven Schmerzen aus. »Das Problem ist, dass manche Patienten den Schmerz anfangs als begleitendes Übel akzeptieren und dieser dann unzureichend therapiert wird. Bereits das kann die Chronifizierung auslösen.«

Es gebe bestimmte Risikofaktoren bei den Patienten, die dazu führen könnten, dass sich aus akuten Schmerzen chronische entwickeln, so die Medizinerin. Doch diese Chronifizierungs-Anzeichen würden selbst von Ärzten oftmals nicht erkannt. »Risikopatienten für eine Chronifizierung müssen frühzeitig bei Auftreten bestimmter Risikofaktoren, sogenannten ›Yellow flags‹, herausgefischt werden«, for­derte Pogatzki-Zahn. Denn der Erfolg einer Schmerzbehandlung und damit die Vermeidung chronischer Schmerzen seien davon abhängig, wie früh der Arzt eine Therapie beginnen kann. Sind die Schmerzen erst einmal chronisch geworden, sei die Therapie schwierig und ein komplett schmerzfreies Leben für den Patienten nur noch selten möglich, verdeutlichte die Ärztin.

Oft nach Operation

Nach Operationen komme es relativ häufig zu einer Chronifizierung. 40 Prozent der Patienten hätten zwei Jahre nach einer Operation noch Schmerzen, sagte Pogatzki-Zahn. Bei 10 Prozent seien die Schmerzen so stark, dass sie das Leben der Betroffenen beeinträchtigten. In diesem Bereich der postoperativen Schmerzen sei gut untersucht, welche Risikofaktoren zu einer Chronifizierung führen können, berichtete ­Pogatzki-Zahn. »Der typische Patient mit chronischen Schmerzen ist demnach eher jung und weiblich. Bei Männern und Älteren werden Schmerzen seltener chronisch.« Viele Patienten mit chronischen Schmerzen hätten ­zudem in der Vergangenheit schon Schmerzerfahrungen gemacht und schon vor der Operation stärkere ­Analgetika wie Opioide eingenommen.

Eine große Rolle spielten aber vor ­allem psychische und psychosoziale Faktoren, sagte Pogatzki-Zahn weiter. So könnten Depressivität und Pessimismus erheblich dazu beitragen, dass sich chronische Schmerzen entwickeln. »Chronische Schmerzpatienten sind oftmals ›Katastrophisierer‹. Das heißt, sie erwarten in jeder Situation das Schlechteste«, verdeutlichte sie. Optimistische, widerstandsfähige Patienten, die sozial abgesichert sind und in stabilen Verhältnissen leben, seien dagegen seltener betroffen. Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, scheine ein wichtiger Schutzfaktor zu sein.

Früh herausfiltern

Bei der Therapie müsse ein Umdenken stattfinden, forderte Pogatzki-Zahn. »Wir müssen die Patienten, bei denen eine Chronifizierung droht, möglichst früh erkennen und entsprechend behandeln.« Hilfreich wäre hierzu eine psychologische Betreuung ­bereits in der Akutschmerzphase. Da­neben gehörten Medikamente, Physiotherapie und Entspannungstechniken zu einem wirkungsvollen interprofessionellen Schmerzmanagement. /