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Lokaltherapie

Schmerzen topisch lindern

14.11.2016
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Von Kornelija Franzen / Wenn Gelenke oder Muskeln schmerzen, muss nicht immer die Schmerztablette zum Einsatz kommen. Eine wirksame Alternative zur peroralen Therapie ist die topische Anwendung schmerz- und entzündungshemmender Dermatika. Dabei haben sich in der Selbstmedikation neben nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) auch verschiedene Phytopharmaka sowie die lokale Anwendung von Wärme oder Kälte etabliert.

Prellungen, Verstauchungen, verspannte Muskeln an Nacken oder Rücken, Sehnenscheiden- oder Schleimbeutelentzündungen, Arthritis: Die Liste schmerzhafter Zustände des Bewegungsapparates ist lang und ­beinhaltet sowohl akute als auch chronische Erkrankungen. Werden NSAR peroral eingenommen, sorgen aus­reichend hohe Plasmaspiegel meist für eine schmerz- und entzündungshemmende Wirkung – allerdings zum Preis möglicher gastrointestinaler oder kardiovaskulärer Nebenwirkungen.

Die Gefahr, dass unerwünschte Arznei­mittelwirkungen auftreten, steigt besonders dann, wenn der Patient das Medikament über einen längeren Zeitraum hinweg anwendet, er bereits ­Glucocorticoide einnimmt oder manifeste Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorliegen. Nicht zuletzt ist bei einer unzureichenden Leber- oder Nierentätigkeit, chronischen Atemwegserkrankungen (Cave: Anal­getika-Asthma) und höherem Alter Vorsicht geboten.

 

Eine wirksame und verträglichere Therapieoption ist dann die topische Anwendung von schmerzlindernden Substanzen. In Form von Creme, Gel, Spray oder Pflaster werden sie gezielt auf die betroffene Körperstelle aufgetragen. Die Wirkstoffkonzentration im Zielgewebe ist Untersuchungen zufolge nach topischer Anwendung höher als nach peroraler Gabe. Der Wirkstoff gelangt dabei nur zu einem geringen Anteil in den systemischen Kreislauf; Nebenwirkungen sind daher selten. Gelegentlich treten allerdings Haut­reaktionen wie etwa Brennen, Juckreiz oder Rötungen auf.

 

Nachweislich wirksam

Lange Zeit war nicht klar, ob und in ­welcher Menge topisch applizierte Wirkstoffe tatsächlich im Zielgewebe ankommen. Schließlich müssen sie zunächst die Hautbarriere überwinden. Einen starken Schutzwall bildet die Hornschicht, das Stratum corneum. Es besteht aus toten, verhornten Epidermiszellen, eingebettet in eine Matrix aus Lipiden. Hydrophilen Stoffen ist es nahezu unmöglich, diese Schicht zu durchdringen, während Substanzen mit lipophilem Charakter (etwa die NSAR Diclofenac, Felbinac, Ibuprofen oder Indometacin) durch die Lipidmatrix hindurch diffundieren können.

 

Äußerlich angewendete NSAR besitzen gegenüber topischen Placebo-Zubereitungen eine überlegene schmerzhemmende Wirksamkeit. Laut einem aktualisierten Cochrane-Review von 2015 ist die Wirkung von Diclofenac, Ibuprofen, Ketoprofen und Piroxicam gesichert. Einzig für Indometacin ist eine Wirkung besser als Placebo nicht belegt. Darüber hinaus ist auch gesichert, dass der symptomlindernde Effekt von Creme- und Gelzubereitungen nicht ausschließlich dem durchblutungsfördernden Einmassieren geschuldet ist. Valide Studien, in denen die systemische und lokale Therapie ­direkt miteinander verglichen wird, fehlen bislang allerdings.

 

Hydrophile Gele

Ein gutes Penetrations- und Permeationsvermögen von Dermatika hängt nicht nur von der Lipophilie der Arzneisubstanz und deren Konzentration in der Zubereitung ab. Entscheidend ist auch die Beschaffenheit der Grund­lage. Ein schnelles Anfluten ermöglichen hydrophile Grundlagen. Sie treiben den lipohilen Wirkstoff gewissermaßen dazu, das Trägermedium zu verlassen und in die Haut einzudringen. Es wundert daher nicht, dass neben Cremes, Spraylösungen und Pflastern der Markt vor allem von Hydrogelen dominiert wird. Im Übrigen haben topische Zubereitungen mit einem hohen Wasseranteil noch einen weiteren Vorteil: Die bei Verdunstung entstehende Kälte lindert schmerzhafte Schwellungen und Entzündungen. Der Zusatz leicht verdunstender Alkohole unterstützt diesen Effekt.

 

Pharmazeutische Hersteller setzen vor allem auf milchig-trübe Emulsions- sowie klare Mikrogele. Bei Emulsionsgelen (Emulgelen) ist das hydrophile Gelgerüst von wirkstoffhaltigen Öltröpfchen (wie in Voltaren Schmerzgel®) beziehungsweise Liposomen (wie in Diclac® Schmerzgel) durchsetzt. Sie hinterlassen aufgrund ihres Ölanteils ein angenehmes Hautgefühl – ein Plus für die Compliance. Mikrogele (wie Doc® Ibuprofen Schmerzgel) enthalten fein dispergierte Tensid-ähnliche Mizellen, die in ihrem Inneren den Wirkstoff in gelöster Form mit sich tragen und nach Kontakt mit Hornhautlipiden in die Haut entlassen.

 

»Weniger ist mehr«: Dieser Ausspruch trifft auf die Applikation topischer NSAR-haltiger Cremes oder Gele nicht zu. Im Gegenteil: PTA und Apotheker sollten dem Patienten raten, mindestens einen etwa 5 cm langen Creme- oder Gelstrang aufzutragen und diesen anschließend einzureiben. Manche Hersteller empfehlen sogar 9 bis 10 cm. Nur so ist gewährleistet, dass eine ausreichende Menge Wirkstoff das schmerzende Gewebe erreicht. Die meisten Präparate, etwa 1-prozentige Diclofenac- oder 5-prozentige Ibuprofen-Zubereitungen, können drei- bis viermal täglich angewendet werden. Bei höher konzentrierten Zubereitungen (wie Voltaren Schmerzgel forte® mit 2,23 Prozent Diclofenac) genügt es, die Zubereitung zweimal am Tag aufzutragen.

Traditionell haben sich bei Muskel-, Rücken- und Gelenkschmerzen auch Zubereitungen mit antiphlogistisch und analgetisch wirksamen Extrakten aus Beinwellwurzel (wie Kytta® Schmerzsalbe), Beinwellblüten und -blättern (wie Traumaplant®) und Arnikablüten (wie Klosterfrau® Arnika Schmerz-Salbe, Kneipp® Arnika Salbe S, Doc® Arnika Creme) bewährt. Im Vergleich mit NSAR schnitten die pflanzlichen Präparate recht gut ab: In einer direkten ­Vergleichsstudie erwies sich zum Beispiel Kytta-Salbe®f, der Vorgänger von ­Kytta® Schmerzsalbe, als gleichwertig wirksam wie ein Diclofenac-Gel. Traumaplant wirkt zusätzlich wundheilungsfördernd und kann sogar auf offene (Schürf-)Wunden aufgetragen werden.

 

Wärme entkrampft

Wärme lockert verspannte Muskeln und hat durch einen durchblutungssteigernden Effekt auch einen positiven Einfluss auf chronische Gelenkerkrankungen. In der Apotheke können Kunden auf eine breite Palette wärmespendender Präparate zurückgreifen. Vor der Abgabe müssen PTA und Apotheker allerdings eine akute Entzündung ausschließen. Sie liegt vor, wenn der Patient von einer schmerz­begleitenden Rötung, Schwellung oder Überwärmung berichtet.

 

Deutlich anwenderfreundlicher als Wärmflaschen und Kirschkernkissen sind selbstklebende Wärmeauflagen, etwa aus der Produktreihe Thermacare®. Hier wird zu therapeutischen Zwecken Wärme genutzt, die bei der Oxidation feiner Eisenspäne mit Luftsauerstoff entsteht. Etwa 20 Minuten nach Aktivierung erreichen die Auflagen ihre »Betriebstemperatur« von rund 40°C. Die Wirkdauer der Auflagen beträgt etwa acht bis zwölf Stunden.

 

Seit vielen Jahren ist die wärmespendende und analgetische Wirkung des Alkaloids Capsaicin bekannt. Bereits die amerikanischen Ureinwohner wussten um die heilende Wirkung verschie­dener Pfeffer- und Chili-Arten. Das ­Alkaloid aktiviert – ebenso wie etwa Temperaturen über 42°C oder Säure – spe­zielle Nozizeptoren. In der Folge weiten sich Gefäße, die zu einer besseren Durchblutung und einer Erwärmung des Gewebes führen. Die Dauerstimulation macht die Nozizep­toren unempfindlich für weitere Schmerzreize.

 

Vorsicht, brennt!

Wichtige Hinweise für den Anwender: Schleimhäute und Augen dürfen nicht in Berührung mit Capsaicin kommen. PTA und Apotheker sollten daher nicht versäumen, den Kunden auf die Notwendigkeit des Händewaschens nach Gebrauch entsprechender Salben (wie Finalgon® CPD Wärmecreme, ABC® Wärmecreme) oder Capsaicin-haltiger Pflaster (wie ABC® Wärmepflaster; synthetisches Capsaicinoid Nonivamid in ABC® Wärmepflaster sensitive) hinzuweisen. Ein guter Tipp ist auch die Verwendung von Einmalhandschuhen. Wärmepflaster können bis zu zwölf Stunden auf der Haut verbleiben. Bis zu einer erneuten Anwendung an gleicher Stelle müssen allerdings mindestens zwölf Stunden Pause liegen.

 

Den Schmerz kaltstellen

Menthol ist gewissermaßen das Gegenstück zu Capsaicin. Beide Moleküle binden an strukturverwandte Rezeptoren, lösen aber völlig unterschiedliche Empfindungen aus. Während Capsaicin Wärme vermittelt, erzeugt Menthol ein Gefühl von Kälte. Darüber hinaus wirkt es juckreiz- und schmerz­stillend sowie lokalanästhetisch. PTA und Apotheker können vor allem bei Sportverletzungen wie leichten Prellungen und Verstauchungen ein Menthol-haltiges Spray (wie Sportslife® Eisspray akut, Klosterfrau® Schmerzfluid) empfehlen.

 

In Zubereitungen zur äußeren Anwendung bei stumpfen Verletzungen, aber auch bei allgemeinen Muskel- und Gelenkschmerzen, wird Menthol gerne mit Kampfer, Eukalyptus-, Rosmarin-, Fichtennadel- oder Latschenkiefernöl kombiniert (wie Klosterfrau® Franzbranntwein Gel, Allgäuer® Latschenkiefer Franzbranntwein, Sogoon® Schmerzcreme, Retterspitz® Muskelcreme). Die Inhaltsstoffe ergänzen sich in ihrer kühlenden und hyperämisierenden Wirkung.

 

Kunden, die schmerzende Muskeln, Knochen und Gelenke homöopathisch behandeln wollen, können PTA und Apotheker zum Beispiel Traumeel® S Creme mit einer Kombination von 14 Heilpflanzen, darunter etwa Schafgarbe, Eisenhut und Beinwell, empfehlen. Alternativen sind Rhus-Rheuma Gel® mit Giftsumach (Rhus toxicodendron), Sumpfporst (Ledum externum) und Beinwell oder Wala Aconit Schmerzöl® mit blauem Eisenhut, Kampfer und Lavendelöl. /

Drei Gründe, die für eine topische Schmerztherapie sprechen

Drei Gründe, die für eine topische Schmerztherapie sprechen

  • Die lokale Anwendung ist verträglicher.
  • Massage beim Einreiben wirkt schmerzlindernd.
  • Zubereitungen mit hohem Wasseranteil wirken zusätzlich kühlend.