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Sicca-Syndrom

Tränen für trockene Augen

14.11.2016
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Von Verena Arzbach / Brennen, Jucken, rote Augen: Die Symptome eines Sicca-Syndroms machen Betroffenen oft sehr zu schaffen. Trockene Heizungsluft verstärkt die Beschwerden im Winter oft zusätzlich. PTA sollten wissen, welche Ursachen hinter dem trockenen Auge stecken können und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.

Das trockene Auge ist eine Volkskrankheit: 15 bis 17 Prozent aller Deutschen leiden darunter. So heißt es in einer gemeinsamen Leitlinie zur Behandlung des trockenen Auges der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft und des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands. Neben Brennen, Jucken und Rötung sind Blendempfindlichkeit, eine verschwommene Sicht und auch tränende Augen Beschwerden, die die Betroffenen beim Sicca-Syndrom, auch Keratokonjunktivitis sicca gennannt, plagen.

Der gesunde Tränenfilm im Auge besteht aus drei Schichten: Die Mucin-Schicht vermittelt die Haftung am Auge, die wässrige Phase versorgt das Auge mit Nährstoffen und schützt ­vor Infektionen und die äußere Lipid­schicht verhindert ein zu schnelles Verdunsten der Tränenflüssigkeit. Beim Sicca-­Syndrom unterscheiden Mediziner eine Störung der wässrig-muzinösen Tränenfilmanteile von einem gestörten ­Lipidanteil. Bei vielen Patienten liegt allerdings auch eine Kombination aus beidem vor.

Oft liegt dem Sicca-Syndrom eine nicht-entzündliche Meibomdrüsen-Dys­funktion (MDD) zugrunde. Die Meibomdrüsen sitzen am inneren Rand des Augenlids und produzieren die äußere Lipidschicht des Tränenfilms. Ist ihre Funktion und damit die Lipidschicht gestört, verdunstet der wässrige Anteil des Tränenfilms zu schnell.

Neben der MDD gibt es laut Leitlinie weitere Risikofaktoren, die die Entstehung eines trockenen Auges begünstigen. Die Leitlinie nennt hier vor allem die Akne rosacea, aber auch Diabetes sowie einen Androgen- oder Vitamin-A-Mangel, eine medikamentöse Glaukomtherapie oder Hornhautopera­tionen. Allergien und rheumatische ­Erkrankungen können ebenfalls Ur­sache eines trockenen Auges sein. Ältere Menschen und generell Frauen sind häufiger betroffen: Mit zunehmendem Alter produzieren die Drüsen weniger Mucin, und auch hormonelle Verän­derungen in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren können ein ­Sicca-Syndrom begünstigen. Außerdem kann die Einnahme bestimmter Medikamente die Symptome eines trockenen Auges verstärken. Dazu zählen unter anderem Antihistaminika, Anticholinergika, Antidepressiva, Neuroleptika, Betablocker und Estrogene. Umweltbedingungen wie trockene Raumluft, Klimaanlagen, Rauch, Ozon und lange Bildschirmarbeit verstärken an sich schon vorhandene Symptome.

Tränen ersetzen

Das trockene Auge ist nicht nur eine Befindlichkeitsstörung: Der ­Tränen­film enthält auch keimtötende Substanzen, die das Auge vor Infektionen schützen. Beim trockenen Auge ist dieser Schutz vermindert: Das Risiko für Entzündungen wie eine chronische Binde- oder Hornhautentzündung steigt. Nach ärztlicher Diagnose sollte das Sicca-Syndrom daher also behandelt werden.

Mittel der Wahl sind in der Regel ­Tränenersatzmittel. In der Apotheke steht eine riesige Auswahl rezeptfreier Präparate zur Verfügung. Generell gilt für die Selbstmedikation: Die Anwendung sollte nur bei milden Formen erfolgen und befristet sein. Nur auf den Rat eines Augenarztes hin sollte der Patient die Präparate dauerhaft verwenden. Welches Präparat sich konkret für welchen Patienten eignet, ist ­abhängig von Art und Schwere der Beschwerden. Ein Anhaltspunkt: Brennen die Augen stark, ist meist eine Lipidstörung im Rahmen einer MDD der Grund für das Sicca-Syndrom. Ein Fremd­körpergefühl ist dagegen eher ein Indiz für eine wässrige Sekretionsstörung. Da bei vielen Patienten Mischformen vorliegen, enthalten viele Präparate nicht nur einen Wirkstoff, sondern kombinieren mehrere Wirkprinzipien.

Ist vor allem die Menge der Tränenflüssigkeit vermindert beziehungsweise die wässrige Phase gestört, eignen sich Tränenersatzstoffe in Tropfen- oder Gelform. Die oft eingesetzte Hyaluronsäure hat ein gutes Wasserbindungsvermögen, steigert die Viskosität des Tränenfilms und senkt zudem seine Osmolarität. Hyaluronsäure-Präparate wie Artelac® Rebalance/-Splash, Biolan®, Hylo-Comod®, Hyabak® oder Vismed® eignen sich sowohl bei milden als auch stärkeren Beschwerden. Einige Präparate enthalten neben der Hyaluronsäure pflegende Inhaltsstoffe wie Dexpanthenol (zum Beispiel Bepanthen® Augentropfen, Hylo-Care®) oder reizlindernden Augentrost (zum Beispiel Hylo-Fresh®).

Zusatztipps bei trockenen Augen

Diese Maßnahmen helfen dabei, die Symptome des trockenen Auges zu lindern beziehungsweise zu vermeiden:

  • Räume ausreichend lüften
  • während der Heizperiode einen Luftbefeuchter verwenden
  • Grünpflanzen verbessern das Raumklima
  • vitaminreiche Ernährung und ausreichend Schlaf
  • Zigarettenrauch meiden
  • ausreichend trinken (mindestens 2 Liter pro Tag)
  • bei der Arbeit am Bildschirm häufig Pausen einlegen. Ab und zu bewusst blinzeln
  • reizarme Kosmetika verwenden

Bei milden, unregelmäßig auf­tretenden Beschwerden können PTA oder Apotheker auch Zubereitungen mit Polymeren wie Polyvinylalkohol (wie Liquifilm®, Siccaprotect®) und ­Povidon (wie Lac-Ophtal® MP/-sine, Lacrimal® O.K., Lacri-Stulln®, Oculotect fluid/ sine PVD®, Protagent®/ -SE, Vidisept®, Wet-Comod®) empfehlen. Auch sie zeigen ein gutes Wasserbindungsvermögen und sind gut verträglich, allerdings etwas weniger viskos. Cellulose-Derivate wie Hypromellose (zum Beispiel Artelac®, Berberil® DryEye, ­Sic-Ophtal®) oder Carmellose (wie ­Cellufresh®, Cellumed®, Celluvisc®) steigern die Viskosität des Tränenfilms stärker als Polyvinylalkohol und Povidon und wirken etwas länger.

Höher viskose Augengele mit ­Carbomeren (wie Artelac® Complete, Lac®-Ophtal® Gel /sine Gel, Siccapos® Gel, Thilo-Tears®/-SE Gel, Vidisic®, ­Visc-Ophtal® sine) bleiben länger im Auge. Sie sind bei stärkeren Beschwerden geeignet oder wenn der Patient nicht so häufig tropfen möchte. Augengele sollten zur Nacht eingesetzt werden, da sie die Sicht beeinträchtigen können. Daneben gibt es Augengele mit Naturstoffen wie dem Tamarindensamen-Polysaccharid (wie Visine® müde Augen sensitiv). Das viskose Gel verflüssigt sich im Auge beziehungsweise beim Lidschlag. Bei Hydroxypropyl-Guar (wie in Systane® Hydration, -Ultra) ist es umgekehrt: Beim Eintropfen flüssig, bildet sich erst im Auge ein Mucin-artiges Gel.

Osmoprotektive Augentropfen schützen die Zellen vor dem hyperosmolaren Tränenfilm. Sie enthalten eine wasserbindende Komponente wie etwa Trehalose (wie Thealoz® Duo) oder Carboxymethylcellulose (wie in Optive®). Diese werden von den Zellen im Auge aufgenommen, das Zellvolumen wird wieder hergestellt und die Proteinfunktion stabilisiert.

Für Kunden mit leichten Beschwerden, die homöopathische Zubereitungen bevorzugen, können PTA und Apotheker Zubereitungen mit Schöllkraut (wie Wala® Chelidonium comp. Augentropfen oder Chelidonium Rh D4 Augentropfen von Weleda) empfehlen. Sie eignen sich bei trockenen, brennenden Augen. Tropfen mit Augentrost (Euphrasia officinalis, zum Beispiel Wala® Euphrasia Augentropfen oder Weleda Euphrasia D3 Augentropfen) sind eine Empfehlung bei gereizten, geröteten und tränenden Augen.

Präparate mit Lipiden

Liegt die Ursache des trockenen ­Auges in einer gestörten Meibom­drüsen-Funktion, eignen sich lipidhaltige Sicca-Präparate. Sie enthalten etwa mittelkettige Triglyceride (wie in Artelac Lipids® oder Visine® Trockene Augen) oder Phospholipide (zum Beispiel in Systane® Balance). Daneben gibt es liposomale Lidsprays mit Sojalecithin (wie Omnitears®, Tears Again®, Lipo Nit®). Vielen Patienten hilft auch eine Wärmebehandlung mit spezieller Lidrandpflege: Dazu legt sich der Betroffene morgens und abends warme Kompressen (in etwa 40 °C warmes Wasser getauchte Wattepads) fünf Minuten lang auf die geschlossenen Augen. Die Wärme soll die Lipide geschmeidig machen und die Funktion der Drüsen anregen. Unterstützend kann der Patient mit einem Wattestäbchen senkrecht zur Lidkante massieren, um das Fett aus den Drüsen zu drücken. Gleiches kann auch mit einer speziellen Wärmebrille (wie Blephasteam®) erreicht ­werden.

Bei besonders ausgeprägter Symptomatik oder bei Sonderformen der ­Erkrankung kann der behandelnde Augenarzt immunmodulierende Augentropfen verschreiben. Diese enthalten zum Beispiel Corticosteroide, Ciclosporin A oder Antibiotika, seltener Pilocarpin, Acetylcystein oder Vitamin-A-­Säure.

Keine Weißmacher

Achtung: Vasokonstriktorische Augentropfen, sogenannte Weißmacher, sind beim Sicca-Syndrom kontraindiziert. Sie verengen die Gefäße und beseitigen zwar so schnell eine störende ­Rötung der Augen. Doch sie verstärken die Austrocknung und können den Augeninnendruck steigern.

Wichtige Hinweise für die Beratung: Sicca-Präparate sollen regelmäßig (»by the clock«), nicht nur bei Beschwerden, angewendet werden. Je stärker und belastender die Symptome sind, desto ­höher sollte die Viskosität der Zube­reitung sein. PTA oder Apotheker sollten möglichst unkonservierte be­ziehungsweise unbedenklich konservierte Präparate (siehe Kasten) empfehlen, besonders wenn häufig getropft wird. Träger weicher Kontaktlinsen sollten nur künstliche Tränen ohne Konservierungsmittel verwenden, da sich diese in der Kontaktlinse anreichern und zu Hornhautschäden führen könnten. Bei harten Kontaktlinsen können Tränenersatzmittel mit und ohne Konservierungsmittel verwendet werden. /

Problem Konservierung

Die Augen sind besonders infektions­gefährdet. Augentropfen müssen daher keimfrei hergestellt beziehungsweise sterilisiert werden. Bei Mehrdosenbehältnissen ist es nicht zu vermeiden, dass bei der Anwendung Keime in die Augentropfen-Flüssigkeit gelangen. Solche Präparate enthalten daher in der Regel ein Konservierungsmittel, das sich gegen Bakterien und Viren richtet. Diese können jedoch bei häufiger Anwendung selbst die Augen schädigen. Das in der Ophthalmologie gängige Benzalkoniumchlorid etwa stört den Tränenfilm und kann den Zustand eines trockenen Auges verschlechtern. Beim Sicca-Syndrom ist es daher ungeeignet. Moderne Konservierungsmittel sind besser verträglich: zum Beispiel Polyquad (Polidroniumchlorid, wie in Systane®) oder Polyhexanid (wie in Hylo-Vision® HD). Andere Konser­vierungsmittel wie Oxyd™ (Oxychlorokomplex, etwa in Artelac Rebalance®) oder Purite (Natriumchlorit, wie in ­Optive®) zerfallen im Auge beziehungsweise bei Tageslicht in unschädliche Sub­stanzen.

Bei unkonservierten Augentropfen haben Kunden die Wahl zwischen Einmaldosis-Ophtiolen und besonderen Mehrdosen-Behältnissen wie Comod® oder Airless®. Diese arbeiten mit einer speziellen Luftführung, bei der keine Außenluft angesaugt wird. So gelangen keine Keime ins Innere der Flasche.