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Isoglucose

Die Menge macht’s

14.11.2017
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Von Maria Pues / »Skandal« und »Sirup-Schwemme« schreien die einen beim Stichwort Isoglucose. Andere reagieren zurück­haltender. In einer Aussage stimmen beide überein: Die Gesundheit gefährdet Isoglucose vor allem dann, wenn sie in zu großen Mengen konsumiert wird.

Zum 1. Oktober 2017 haben das Europäische Parlament und die Europäische Kommission verschiedene Änderungen beschlossen, die sich auf den Zuckermarkt in Deutschland auswirken. So entfallen die EU-Quoten für Zucker und Isoglucose (siehe Kasten). Bislang durfte der Anteil an Isoglucose nur 5 Prozent des europäischen Zuckermarktes betragen. Zudem entfallen die Mindestpreise für Zuckerrüben sowie die Produktionsabgabe für Zucker und Isoglucose. Isoglucose ist deutlich preiswerter als Zucker aus Zuckerrüben und wird vor allem in den USA produziert. Nicht nur das Produktionsverfahren, sondern auch Subventionen auf den Maisanbau in den USA sorgen für den niedrigen Preis. Isoglucose kann jetzt un­gebremst auf den europäischen Markt gelangen. Der Wegfall der Mindestpreise für hiesige Zuckerrüben provoziert eine Ausweitung der Anbau­flächen. Insgesamt ist zukünftig mehr und billigerer Zucker verfügbar.

Gesundheitsexperten befürchten, dass dadurch der in vielen Nahrungsmitteln ohnehin hohe Zuckeranteil weiter steigen wird und damit auch die bereits jetzt oft viel zu hohe Zucker­aufnahme. Die Weltgesundheits­organisation WHO empfiehlt eine maximale Aufnahme von zugesetztem Zucker von 50 g täglich (das entspricht acht Stück Würfelzucker). Die tatsächliche Zucker-Aufnahme liegt in Deutschland jedoch bereits jetzt fast doppelt so hoch. Zucker reduzieren, das rät daher­ auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in ihren kürzlich über­arbeiteten Ernährungsregeln.

Kritiker bemängeln vor allen den vermeintlich hohen Fructose-Anteil in Isoglucose. Manche Berichter­stattung konzentrierte sich ganz auf den Fructose-Anteil, sodass der Eindruck entstehen konnte, Isoglucose bestehe ausschließlich aus diesem Zucker. Fructose-Glucose-Sirup besteht jedoch zu 55 Prozent aus Fructose und zu 45 Prozent aus Glucose; bei Glucose-Fructose-Sirup ist es in etwa umgekehrt. Damit ähneln beide dem kristallinen Haushaltszucker: Dieser besteht aus dem Disaccharid Saccharose, das aus einem Molekül Glucose und einem Molekül Fructose zusammengesetzt ist, also in einem fixen Verhältnis von 50:50. Entsprechend kommt das Max-Rubner-Institut, das Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, zu dem Ergebnis: Der Unterschied zwischen Isoglucose und unserem Haushaltszucker ist so gering, dass bei identischer, nicht zu hoher Zufuhrmenge keine Unterschiede auf den Stoffwechsel zu erwarten sind.

Gift für die Leber

Eines ist aber sicher richtig: Ein Zuviel an Fructose schadet dem Stoffwechsel. Anders als in Fachkreisen genießt Fructose bei medizinischen Laien jedoch meist einen guten Ruf, denn »Frucht­zucker kommt doch aus Früchten, oder etwa nicht?« Fructose wird Insulin-­unabhängig vor allem in der Leber verstoffwechselt. Das ließ sie eini­ge Zeit als besonders für die Er­nährung von Dia­betikern geeignet erscheinen, was sich jedoch als Trugschluss erwies. Ein Zuviel an Fructose landet ungebremst in den Fettdepots des Körpers, auch in der Leber. Dort ist sie einer der Hauptverursacher einer nichtalkoholischen Fettleber (NAFLD). Experten wie Pro­fessor Dr. Michael Trauner vom Uni­versitätsklinikum Wien bezeichnen Fructose daher auch als »das Lebergift des 21. Jahrhunderts«.

Fructose steht außerdem im Verdacht, ein metabolisches Syndrom zu begünstigen. Auch bei Gicht-Patienten kann sie zu Problemen führen, denn sie kann die Harnsäure-Werte erhöhen. Menschen mit einer Fructose-Into­leranz können diese Zuckerart nur begrenzt­ verdauen, denn sie muss – ähnlich Lactose – mithilfe eines Enzyms im Dünndarm resorbiert werden. Arbeitet­ dieses nicht in ausreichendem Maße, gelangt der Zucker in tiefere Darmabschnitte, wo er von Darm­bakterien verarbeitet wird. Dies kann zu Blähungen und Durchfällen führen. Gewisse Mengen Fructose werden jedoch auch von ihnen vertragen, und ein kompletter Verzicht auf Obst und Gemüse ist nicht erforderlich. Im Gegenteil, denn diese enthalten auch wich­tige Vitamine, Mineralien, Spuren­elemente und Ballaststoffe.

Immer mehr, immer süßer

Die Süßkraft von Fructose liegt über der von Glucose. Eigentlich könnte dies bedeuten, dass weniger Zucker­ be­nötigt wird, um einen ausreichenden Süßeffekt zu erhalten. Das könnte theoretisch helfen, Kalorien einzu­sparen. Praktisch scheint aber ein anderer Effekt zu überwiegen: die Süß-Gewöhnung mit der Tendenz, immer mehr und immer süßere Speisen­ zu bevorzugen. Aber auch bestimmte Umstände können dazu führen, dass mehr Iso­glucose in Lebensmitteln verarbeitet wird, gab die Organisation Foodwatch in einer Presseinformation zu bedenken. So könne ein höherer Zuckerzusatz in Konserven oder Joghurt eine schlechte Rohstoffqualität, zum Beispiel zu saures Obst, überdecken.

Fazit: Isoglucose ist weder neu noch giftig. Auch in deutschen Lebens­mitteln findet sie sich bereits seit vielen Jahren. Neu ist jedoch die Menge, mit der es zukünftig zur Verfügung steht. Möglicherweise ändert sich daher die Zusammensetzung mancher industriell hergestellter Nahrungs­mittel. Das kann insbesondere für Patien­ten mit Stoffwechselstörungen bedeutsam sein.

Zucker einsparen

Apothekenkunden und Patienten, die ihre Zuckerzufuhr reduzieren möchten oder sollen, können PTA und Apotheker raten, vor allem auf Softdrinks und Limo­naden zu verzichten. Denn diese spielen bei der Entstehung von Übergewicht, Diabetes Typ 2 und ver­schiedenen Stoffwechselerkrankungen eine große Rolle. Zucker spart auch, wer statt Fruchtjoghurt Natur­joghurt kauft (oder selbst herstellt) und nach Wunsch echtes Obst hinzugibt. Selbst zusammengestelltes Müsli aus Haferflocken, Trockenobst und Nüssen oder Leinsamen ist nicht nur preiswerter, sondern enthält auch weniger Zucker als Fertig-Müslis. Wer sich Süßigkeiten zudem nur noch an Wochentagen gönnt, an denen er sich viel bewegt, kann seinen Zucker­konsum bereits deutlich vermindern.

Nicht vergessen sollten PTA und Apotheker, dass nicht nur Diabetiker auf ihre Zuckerzufuhr achten müssen, sondern beispielsweise auch Patienten mit zu hohen Blutfettwerten. Solchen Stoffwechselstörungen kann auch eine übermäßige Zufuhr einfacher Kohlen­hydrate zugrunde liegen. Fatal wäre es, wenn die Betroffenen sich betont fettarm und damit oft zu kohlenhydratreich ernähren würden. /

Was ist Isoglucose?

Isoglucose wird auch als Industriezucker bezeichnet, weil er sich durch seine sirupartige Konsistenz gut für die industrielle Produktion eignet. Viele Limonaden, industriell gefertigte Backwaren und Soßen sind mit Isoglucose gesüßt. Isoglucose wird aus Mais-, Weizen oder Kartoffelstärke hergestellt. In einem ersten Schritt entsteht durch Verflüssigung zunächst Maltodextrin und dann durch Verzuckerung Glucosesirup. Ein Teil der Glucose wird in einem dritten Schritt durch Zusatz von Enzymen in Fructose umgewandelt. Diese besitzt einen höheren Süßungsgrad als Glucose.

Isoglucose gibt es mit verschiedenen Anteilen von Glucose und Fructose, die jeweils in Form ihrer Monosaccharide vorliegen. Der jeweils größere Anteil steht am Anfang der Bezeichnung. In den USA läuft Isoglucose unter der Bezeichnung HFCS (High Fructose Corn Sirup). Laut Foodwatch sind dort HFCS-55 (mit 55 Prozent Fructose) und HFCS-42 (mit 42 Prozent Fructose) gebräuchlich. Daneben gibt es noch einen besonders süßen Isoglucose-Sirup mit 90 Prozent Fructose-Anteil (HFCS-90). Dieser findet allerdings allenfalls Verwendung, um Light-Produkte zu süßen.