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Haarausfall

Fellwechsel im Herbst

14.11.2017
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Von Caroline Wendt / Manch einer sieht im Herbst nicht nur die Blätter fallen: Kunden berichten zu dieser Jahreszeit in der Apotheke verstärkt über Haarausfall. Doch gibt es neben dem saisonal auftretenden Haarausfall eine Vielzahl anderer Formen. In der Beratung gilt es, diese genau zu differenzieren.

Volles, glänzendes Haar gilt bei Mann und Frau als Zeichen der Jugend und Gesundheit. Kein Wunder also, dass Patienten mit dünner werdendem Haar oder kahlen Stellen auf der Kopfhaut einen hohen Leidensdruck empfinden. Sie hoffen, in der Apotheke schnelle Hilfe zu finden. Zur Beratung sollten PTA und Apotheker sich deshalb einige Grundlagen in Erinnerung rufen.

Haare im Wachstum

Jeder Mensch trägt 80 000 bis 120 000 Haare auf seinem Kopf. Diese wachsen durchschnittlich etwa 1 cm pro Monat. Die Wachstumsphase eines Haares, die Anagenphase, dauert zwei bis sechs Jahre, sie bestimmt die maximale Haarlänge eines Menschen. Im Anschluss an eine kurze Übergangsphase (Katagenphase), bei der das Haar Richtung Hautoberfläche geschoben wird, beginnt die Ruhephase (Telogenphase). Sie dauert etwa zwei bis vier Monate, danach fällt das Haar aus und ein neues beginnt an seiner Stelle zu wachsen. Ein Verlust von bis zu 100 Haaren täglich ist normal.

Ausgelöst wird ein verstärkter Haarausfall im Herbst vermutlich durch die vermehrte Sonneneinstrahlung der langen Sommertage. Diese bewirkt, dass besonders viele Haare von der Wachstums- in die Ruhephase ein­treten und einige Monate später ausfallen. Neben den jahreszeitlichen Schwankungen können noch andere Gründe einen diffusen Haarausfall (Alopecia diffusa) verursachen. So kann zum Beispiel bei Frauen ein plötzlich absinkender Estrogenspiegel nach der Geburt eines Kindes dazu führen, dass besonders viele Haare in die Telogenphase übergehen. Auch das Absetzen der Antibabypille kann diesen Effekt haben.

Der Haarausfall sollte nach einigen Wochen abnehmen, ansonsten sollten PTA und Apotheker einen Arztbesuch empfehlen. Denn ein ungewöhnlich starker Haarverlust kann auch Symptom einer zugrundeliegenden Krankheit sein. Sowohl bei einer Über- als auch bei einer Unterfunktion der Schilddrüse kann das Haar immer dünner und feiner werden. Aber auch chronische Leber- oder Nierenerkrankungen oder schwere Infektionskrankheiten können die Ursache eines ungewöhnlich starken Haarausfalls sein. Sinnvoll ist es auch, den Kunden nach seinen Ernährungsgewohnheiten zu fragen. Denn Crash-Diäten oder eine vege­tarische Ernährung können zu einem Nährstoffmangel führen. Hier sind sowohl der Eisen- als auch der Ferritinwert von Bedeutung. Letzterer gibt Auskunft über den Füllungsgrad der Eisen­speicher. Die Einnahme von Zink oder Biotin kann bei einem nachgewiesen Mangel einen Effekt zeigen.

Auch die Einnahme verschiedener Medikamente kann einen Haarausfall verursachen. Blutdrucksenker, orale Kontrazeptiva, Antibiotika oder Rheuma­medikamente: Die Liste der verdächtigen Arzneimittel ist lang. Doch sollten Patienten auf keinen Fall ihre Medikamente einfach absetzen. Hier muss der Arzt entscheiden, ob es beispiels­weise sinnvoll ist, zu einem anderen Präparat zu wechseln.

Diffuser Haarausfall ist meist reversibel. Hat sich der Hormonstatus normalisiert, sind die den Haarausfall verur­sachenden Medikamente abgesetzt oder ist die Grunderkrankung therapiert, wachsen die Haare in der Regel wieder wie gewohnt nach.

Breiter Scheitel

Während bei der diffusen Alopezie Haare am gesamten Kopf ausfallen, folgt der Haarverlust bei der androgenetischen Alopezie (AGA) speziellen Ausfall-Mustern. Bei Männern führt dieser genetisch bedingte Haarausfall zu Geheimratsecken, hoher Stirn und Tonsur. Bei Frauen lichten sich die Haare am Scheitel (siehe Grafiken). Im Alter von 70 Jahren sind 80 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen von dieser Haarausfallvariante betroffen.

Zurückzuführen ist sie auf eine erhöhte Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber den männlichen Geschlechtshormonen (Androgene). Insbesondere das Hormon Dihydrotestosteron (DHT) ist hierbei problematisch. In der Regel lassen­ sich keine erhöhten Hormonwerte im Blut nachweisen. Kommen bei Frauen allerdings weitere Symp­tome wie Seborrhoe, Akne oder Hirsutismus hinzu (SAHA-Syndrom), kann die Alopezie Hinweis auf einen zu großen Androgen-Einfluss sein. PTA und Apotheker sollten betroffenen Frauen zu einem Arztbesuch raten.

Zwei sind wirksam

Die Auswahl an Präparaten bei AGA ist groß. Doch laut der S3-Leitlinie »Behandlung der androgenen Alopezie bei Männern und Frauen« der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie können nur zwei Arzneistoffe eine Wirksamkeit nachweisen: das apothekenpflichtige Minoxidil und der verschreibungspflichtige Wirkstoff Finasterid. Beide Arzneistoffe konnten in mehreren klinischen Studien bei mehr als 80 Prozent der Anwender den Haarverlust stoppen. Bei etwa 50 Prozent der Anwender verdichtete sich das Haar sogar wieder. Sowohl bei Finasterid als auch bei Minoxidil ist bei den Anwendern Geduld gefragt: Die Wirkung setzt bedingt durch den Haarzyklus erst nach drei bis fünf Monaten ein . Sie ist reversibel, sobald das Arzneimittel wieder abgesetzt wird.

Minoxidil (zum Beispiel in Regaine® oder Minoxidil Bio-H-Tin®) wird als Lösung­, Spray oder Schaum zweimal täglich auf die Kopfhaut aufgetragen. Männer sollten eine fünfprozentige Zube­reitung verwenden, bei Frauen reicht eine zweiprozentige aus. Der Schaum soll im Vergleich zur Lösung etwas besser verträglich sein, da er kein Propylenglycol enthält. Bei der Be­ratung sollten PTA und Apotheker den Kunden auf den sogenannten Shedding-Effekt vorbereiten. Das bedeutet, dass der Haarverlust zu Beginn der Thera­pie zunächst zunimmt. Um zu verhindern, dass Patienten die Therapie direkt wieder abbrechen, sollten sie erfahren, dass diese initiale Verschlimmerung Zeichen eines erfolg­reichen Therapiestarts ist. Denn Minoxidil bewirkt, dass ruhende Telogenhaare früher­ als sonst abgestoßen werden, da sie durch neu nachwachsende Anagenhaare verdrängt werden. Warum das so ist, ist noch nicht ganz geklärt. Wissenschaftler vermuten eine ver­besserte Durchblutung des Gewebes, welches die Haarwurzel mit Nährstoffen versorgt.Nebenwirkungen einer Mino­xidil-Behand­lung können Rötungen, Schuppungen oder eine Kontakt­dermatitis auf der Kopfhaut sein. Bei Frauen kann es zudem zu einer Hypertrichose im Schläfenbereich kommen.

Reduktase-Hemmstoff

Die zweite wirksame Therapie­option laut Leitlinie ist Finasterid 1 mg (zum Beispiel Propecia®). Dieser nur für Männer zugelassene Wirkstoff hemmt die 5α-Reduktase, ein Enzym, welches für die Umwandlung von Testo­steron in DHT verantwortlich ist. Durch die Hemmung der 5α-Reduktase wird der DHT-Spiegel im Blut um 70 Prozent gesenkt. Das verschreibungspflichtige Medi­kament wird meistens gut vertragen, kann aber bei 1 bis 2 Prozent der Anwender zu einer Abschwächung der Libido und zu Potenz­störungen führen. In seltenen Fällen wurde eine Gynäkomastie, eine Verweiblichung, beobachtet.

Übergewicht und Rauchen schaden auch der Haarpracht

Eine italienische Studie mit 351 Teilnehmern konnte einen möglichen Zusammenhang zwischen Über­gewicht, Rauchen und androgenetischer Alopezie feststellen. Bei Probanden mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 25, die durchschnittlich mehr als zehn Zigaretten­ am Tag rauchten, war das Risiko für eine AGA um das Sechsfache erhöht. Ursache könnten vermehrte Entzündungsreak­tionen oder eine toxische Schädigung der Haarwurzeln sein.

Frauen wird häufig eine Therapie mit topisch anzuwendenden Estrogen-Lösun­gen empfohlen. Laut der Leitlinie ist deren Wirksamkeit allerdings nicht hinreichend nachgewiesen. Liegt allerdings eine hormonelle Dysregulierung vor, können Frauen von einer systemischen Hormontherapie profitieren. So sind zum Beispiel Androcur® (Cyproteronacetat) und Neo-Eunomin® (Ethinylestradiol und Chlormadinonacetat) zur Behandlung der AGA zugelassen.

Bei der Alopecia areata (AA), auch kreisrunder Haarausfall genannt, handelt es sich um eine akute, entzündliche Erkrankung. Es bilden sich eine oder mehrere kahle Stellen, die sich ausweiten und auch verbinden können. Bei etwa 10 Prozent der Patienten fällt das gesamte Kopfhaar aus (Alopecia areata totalis). Die Ursache für diesen genetisch bedingten Haarausfall ist bisher nicht bekannt, es wird allerdings eine Autoimmunreaktion vermutet.

Spontane Remission

Kreisrunder Haarausfall kann in jedem Alter auftreten, meistens sind die Patienten jedoch zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die Alopecia areata ist häufig ver­gesellschaftet mit anderen autoimmunen Erkrankungen wie der atopischen Dermatitis, Asthma, einer Hashimoto-Thyreoditis oder Vitiligo (Weißfleckenkrankheit). Viele Patienten berichten auch über Stress als Auslöser, was aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist. Meistens verschwinden die Beschwerden innerhalb eines Jahres von allein wieder, was es schwierig macht, die Wirksamkeit einer Therapie zu beur­teilen. Je schwerer allerdings die Form der AA ist, desto unwahrscheinlicher ist eine spontane Remission. Häufig­ treten immer wieder kahle Stellen­ auf.

Bei leichtem kreisrunden Haarausfall verordnen Ärzte die Einnahme von Zink oder ein topisches Cortisonpräparat. Auch Cortison in Tablettenform kann eine Therapieoption sein. Das wirksamste Therapieverfahren ist zurzeit die Behandlung mit Diphenylcyclopropenon (DPCP). Dabei wird ein mildes Kontaktekzem auf der Kopfhaut erzeugt, das das Immunsystem »ablenken« soll.

Neue Optionen

Weitere mögliche Therapieoptionen sind eine Reiztherapie mit Dithranol, eine PUVA-Therapie (Methylpsoralen und UV-A-Strahlen), Ciclosporin oder eine Laserbehandlung. Neuere Studien konnten auch ein vermehrtes Wachsen der Haare unter der Therapie von Januskinase-Inhibitoren beobachten. Da es sich hierbei allerdings um ein Krebsmedikament mit erheblichen Nebenwirkungen handelt, sind weitere Stu­dien nötig, bis der Einsatz als Haarwuchsmittel möglich wird. /