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Adipositas in der Schwangerschaft

Folgenschwere Fehlernährung

14.11.2017  10:51 Uhr

Von Verena Arzbach, Stuttgart / Immer mehr Kinder sind zu dick. Schuld daran sind nicht nur eine falsche Ernährung und Bewegungsmangel, sondern auch die vorgeburtliche Prägung durch die Mutter. Ist sie zu Beginn der Schwanger­­­schaft adipös, steigt auch das Risiko des Kindes, später selbst unter Übergewicht oder Adipositas zu leiden.

Weltweit hat sich die Zahl der adipösen Kinder in den vergangenen 40 Jahren überproportional erhöht: Etwa 124 Millionen Kinder und Jugendliche sind nach einem aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO stark, weitere 213 Millionen moderat übergewichtig. Und wer als Kind übergewichtig oder adipös ist, bleibt es oft im Erwachsenenalter, wie Mediziner bei der Ernährungsfachtagung »Perinatale Programmierung« der Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an der Universität Hohenheim in Stuttgart betonten.

Präventionsmaßnahmen müssen daher zum Teil schon früh ansetzen, und zwar schon vor der Geburt. Denn ist die Mutter zu Beginn einer Schwangerschaft adipös, hat ihr Kind später ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, ebenfalls dick zu werden, sagte Professor Dr. Regina Ensenauer von der Universitäts-Kinderklinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Bei jeder Frau verändere sich der Stoffwechsel während einer Schwangerschaft, erklärte die Medizinerin. Bei adipösen Frauen allerdings sind diese Veränderungen besonders umfangreich, und es kommt häufiger zu Stoffwechselstörungen. »Der zentrale schädigende Mechanismus der mütterlichen Adipositas ist die Lipotoxizität«, so die Ärztin. Durch einen Überschuss an freien Fettsäuren entständen dabei oxidierte, zytotoxische Lipide, die unter anderem schädlich auf die Plazenta einwirken können. Dies könne die Entwicklung des Feten beeinträchtigen, seinen Lipidstoffwechsel stören und Entzündungen begünstigen.

Moderat zunehmen

Auch eine extreme Gewichtszunahme während der Schwangerschaft kann sich langfristig negativ auf den späteren Stoffwechsel des Kindes auswirken. Professor Dr. Berthold Koletzko, Kinder- und Jugendmediziner von der Ludwig-Maximilians-Universität München, mahnte, dass in der Schwangerschaft die normale körperliche Aktivität beibehalten und die Energiezufuhr nur mäßig gesteigert werden sollte. »Am Ende der Schwangerschaft wird nur etwa 10 Prozent mehr Nahrungsenergie benötigt als vor der Schwangerschaft«, sagte er. Eine Frau mit Normalgewicht sollte insgesamt maximal 16 Kilogramm zunehmen, eine übergewichtige Frau bis zu 11,5 Kilogramm und eine Frau mit Adipositas 9 Kilogramm (siehe Tabelle auf Seite 59). Tatsächlich werden die Grenzwerte allerdings meist überschritten: 60 bis 70 Prozent der übergewichtigen und adipösen Schwangeren lägen oberhalb dieser empfohlenen Grenzen, wie Ensenauer berichtete

Der dritte kritische Risikofaktor für spätere metabolische Veränderungen beim Kind sei das Auftreten eines Gestationsdiabetes, fuhr die Medizinerin fort. Dieser entsteht ebenfalls häufig im Zusammenhang mit Übergewicht: Bei einem Ausgangs-Body-Mass-Index (BMI) von 30 habe die werdende Mutter ein 3,5-fach erhöhtes Risiko, in der Schwangerschaft eine diabetische Stoffwechsellage zu entwickeln; bei einem BMI über 35 ist dieses Risiko sogar 9-fach erhöht. »Mit erhöhten Blutzuckerwerten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind mit erhöhtem Gewicht zur Welt kommt«, sagte die Medizinerin. Das gelte auch, wenn die Werte zwar erhöht sind, aber noch im Normalbereich liegen. Das Geburtsgewicht steht Studien zufolge auch in Zusammenhang mit dem späteren Gewicht: Je höher es ist, desto höher ist auch das Gewicht im Erwachsenenalter.

Praktische Tipps

Die Ernährung in der Schwangerschaft sowie im Säuglings- und Kleinkindalter stellt wichtige Weichen für die langfristige Gesundheit des Kindes. Doch eine Fülle an Informationen und teilweise widersprüchliche Aussagen zu einer richtigen Ernährung und Bewegung in der Schwangerschaft verunsichern ­viele werdende Mütter. Das Netzwerk Gesund ins Leben des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) in Bonn entwickelt und verbreitet einheitliche Handlungsempfehlungen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Empfehlungen richten sich an junge Familien und Fachkräfte im Gesundheits­wesen. Mehr dazu auf www.gesund-ins-leben.de.

Ensenauer und ihre Kollegen haben die Auswirkungen von Adipositas bei der Mutter auf die Nachkommen im Mausmodell untersucht. Sie fütterten gesunde weibliche Mäuse vor und während der Trächtigkeit mit hochkalorischer, fettreicher Nahrung. Die Nachkommen dieser fettleibigen Mäuse bekamen im Anschluss ausschließlich normal zusammengesetztes Futter. »Wir konnten bei den Nachkommen im Erwachsenenalter negative Auswirkungen beobachten, selbst wenn diese nach der Geburt nie fettreiches Futter bekamen«, erklärte Ensenauer. Die beobachteten Effekte waren geschlechtsspezifisch: Die männlichen Nachkommen setzten viel Fett an und nahmen an Gewicht zu. Zudem waren ihre Insulin- und Harnsäurespiegel erhöht. Bei den weiblichen Nachkommen war das nicht der Fall, sie hatten wenig viszerales Fett und ungewöhnlich kleine Fettzellen – dafür hohe Blutzuckerspiegel .

Erhielten die Nachkommen der adipösen Mäuse in einer weiteren Versuchsreihe ebenfalls fettreiche Nahrung, entwickelten die männlichen Mäuse häufig eine Fettleber und Insulinresistenz, berichtete Ensenauer. Besonders gefährdet aber waren die Weibchen, wenn sie fettreiche Nahrung bekamen: Ihre Fettzellen vergrößerten sich durch die fettreiche Kost, und sie legten stärker als die männlichen Mäuse an Gewicht zu. Auch ein Typ-2-Diabetes entwickelte sich bei ihnen häufiger als bei den Männchen.

Vorausschauend essen

Was müssen Mütter – abgesehen von gesunder Ernährung und Normalgewicht – während und nach der Schwangerschaft beachten, um ihrem Kind einen möglichst unbelasteten Start ins Leben zu ermöglichen? Das wollen Ensenauer und ihr Team herausfinden: Sie beobachten in der Mutter-Kind-Kohorte PEACHES (Programming of Enhanced Adiposity Risk in Childhood – Early Screening) 1700 adipöse Mütter und ihre Kinder vor und nach der Geburt. Sie wollen Daten zu weiteren pränatalen Risikofaktoren für kindliches Übergewicht sammeln, etwa ob ein Zusammenhang mit dem Alter der Mutter oder Rauchen besteht. Ersten Ergebnissen zufolge könnte etwa der Blutzuckerlangzweitwert HbA1c der Mutter bei der Geburt ein Risikomarker sein, informierte Ensenauer. Kinder von Frauen mit erhöhtem HbA1c, aber ohne Gestations­diabetes, hatten im Alter von vier Jahren einen höheren BMI als Gleichaltrige.

Empfohlene Gewichtszunahme während der Schwangerschaft

Ausgangsgewicht empfohlene Gewichtszunahme
Untergewicht, BMI < 18,5 12,5 bis 18 kg
Normalgewicht, BMI: 18,5 bis 24,9 11,5 bis 16 kg
Übergewicht, BMI: 25 bis 29,9 7 bis 11,5 kg
Adipositas, BMI > 30 5 bis 9 kg

Auch postnatal kann die Mutter noch Einfluss auf die »Programmierung« des Kindes nehmen: »Metaanalysen haben gezeigt, dass Stillen moderat, aber konsistent vor Adipositas im Kindes- und Erwachsenenalter schützt«, sagte Koletzko. Verantwortlich dafür sei womöglich der im Vergleich zur Säuglingsnahrung geringere Proteingehalt der Muttermilch. Gestillte Kinder nehmen weniger Gewicht zu als mit Flaschennahrung ernährte. »Stillen ist die beste Wahl«, betonte er. »Für nicht oder nicht voll gestillte Säuglinge sollten bevorzugt Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen mit niedrigem Eiweißgehalt, aber guter Eiweißqualität gewählt werden.« Kuhmilch hat einen hohen Eiweißgehalt; sie ist laut Koletzko im ersten Lebensjahr nicht als Getränk geeignet. /