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Pflanzen des Jahres 2016

Experten haben entschieden

23.11.2015
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Von Michael van den Heuvel / Bei leichten Beschwerden vertrauen immer mehr Menschen auf die Heilkraft von Arzneipflanzen. Dieser Trend wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass mehr als jede zweite Krankenkasse die Kosten für rezeptfreie, apothekenpflichtige Arzneimittel, also auch Phytopharmaka, als individuelle Leistung erstatten. Durch ihre Wahl im Rahmen der »Pflanzen des Jahres 2016« haben Verbände und Stiftungen einzelne Pflanzen nun besonders herausgestellt.

Die Heilpflanze des Jahres kürt traditionell der Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser ­bekannt als Paracelsus (NHV Theophrastus). Für 2016 fiel die Wahl auf den Kubeben-Pfeffer oder Schwanz-Pfeffer (Piper cubeba). Die Kletterpflanze stammt aus Indonesien. Ihre Früchte werden noch grün geerntet. Erst beim Trocknen nehmen sie ihre charakteristische schwarze Farbe an (siehe auch Foto rechts). Hierzulande ist diese ungewöhnliche Pfeffersorte nur als Gewürz für Reis, Meeresfrüchte oder Gemüse bekannt, häufig in Form der marokkanischen Gewürzmischung Ras el-Hanout (= Chef des Ladens). Diese enthält neben Kubeben-Pfeffer unter anderem Muskatnüsse, Rosen, Zimt, Macis, Anis, Gelbwurz, Chili, Ingwer, Gewürznelken, Piment und Kardamom.

NHV Theophrastus möchte durch seine Wahl auf die recht unbekannte Heilwirkung aufmerksam machen. Chinesische Ärzte empfahlen im 1. Jahr­hundert den Pfeffer zur Appetitanregung. Nach ­Hildegard von Bingen führt Kubeben-Pfeffer unter anderem »… zu einem fröhlichen Geist und ­einem scharfsinnigen Verstand ...« ­Autoren alter Schriften berichten von expektorierenden und sogar von aphrodisierenden Effekten. Wissenschaftler führen diese Wirkung vor ­allem auf das ätherische Öl zurück. Im Labor identifizierten ­Forscher unter anderem die Sesquiterpene β-Bisa­bolen, δ-Cadinen, β-Caryo­phyllen, α- und β-Cubeben sowie Copaen. Als Haupt­einsatzgebiete nennt NHV Theophrastus entzündliche und bakterielle Erkrankungen der Harn­wege und expektorierende Effekte bei chronischer Bronchitis. Der Pfeffer soll den Magen stärken, die Verdauung fördern sowie Krämpfe und Blähungen lösen. Das mehrmalige tägliche Kauen von drei getrockneten Früchte soll Kopfschmerzen und Schwindel lindern. Außerdem soll Kubebenpfeffer die Gehirnleistung, die Konzentration und das Wohlbefinden steigern. Anhänger der Naturheilkunde setzen Kubeben-Pfeffer bei Kopfschmerzen, Stockschnupfen oder Harnwegserkrankungen ein.

Allroundtalent in Küche und Offizin

Auch die Arzneipflanze des Jahres 2016 hat großes therapeutisches Potenzial. Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg wählte für das nächste Jahr den Echten Kümmel ­(Carum carvi).

Die zweijährige Pflanze zählt zu den ältestesten Gewürz- und Arneipflanzen Europas, wie auch archäologische Funde aus der Steinzeit belegen. Derzeit wird Kümmel in vielen europäischen Ländern hauptsächlich als Gewürz angebaut. Ihre Samen machen schwer verdauliche Gerichte mit Kohl oder Sauerkraut ­bekömmlicher. Sie sind aber auch in sogenannten Kümmelschnäpsen wie dem skandinavischen Aquavit enthalten.

Verantwortlich für die arzneiliche Wirkung ist vor allem das ätherische Öl aus den Samen. Reines Kümmelöl (Carvi aetheroleum) besteht zu rund 60 Prozent aus Carvon. Dieser Haupt­inhaltsstoff lindert Krämpfe im Gastrointestinaltrakt und auch Blähungen, falls bei der Verdauung vermehrt Gase im Darm entstehen und diese Schmerzen und ein Völlegefühl verursachen.

Wissenschaftlich anerkannt ist die Anwendung von Kümmelöl bei leichten krampfartigen Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, bei Blähungen und Völlegefühl. Im Labor haben Forscher sogar antimikrobielle Eigenschaften des Öls gegen pathologische Keime nachgewiesen. Der europäische Dachverband der nationalen Gesellschaften für Phytotherapie, die European Scientific Coopera­tive on Phytotherapy (ESCOP), rät Eltern, deren Babys häufig unter Blähungen und Koliken leiden: Eine 10-prozentige Lösung in Öl auf den Bauch des Säuglings aufzutragen und einzumassieren.

Für Erwachsene oder Schulkinder sind Teemischungen mit Anis, Fenchel und Kümmel eher geeignet. Allerdings sollten die Samen vor der Teezubereitung kurz im Mörser angestoßen werden, damit die ätherischen Öle freigesetzt werden. Besonders praktisch sind standardisierte Kombinationspräparate. Sie eignen sich auch beim sogenannten Roemhild-Syndrom. Die betroffenen Patienten leiden unter Brust- und Herzschmerzen mit Beklemmungs­gefühlen, die auf Gasansammlungen in Magen und Darm zurückzuführen sind. Auch beim Reizdarmsyndrom bessert Kümmelöl die Beschwerden.

Der Würzburger Studienkreis warnt jedoch davor, den Echten Kümmel selbst zu sammeln, denn die Verwechslungsgefahr mit anderen Pflanzen, die dem Kümmel stark ähneln, aber sehr giftig sind, ist groß. Dazu gehören beispielsweise die Hundspetersilie oder der Wiesenschierling.

Häufigster Stadtbaum

Von den eher krautigen Gewächsen wie Pfeffer oder Kümmel unterscheidet sich der »Baum des Jahres 2016«, die Winterlinde (Tilia cordata). Ihre Wahl gab der Präsident der »Baum des Jahres Stiftung«, Dr. Silvius Wodarz, Mitte Oktober in Berlin bekannt. In Deutschland und Mitteleuropa prägen Linden als häufigste Bäume das Stadt- und Landschaftsbild. In der Naturheilkunde haben vor allem die getrock­neten Blütenstände (Tiliae flos) große Bedeutung. Die Ernte erfolgt bis zu fünf Tage nach dem Aufblühen. Lindenblüten finden Verwendung als Tee sowie ebenfalls als Lindenblütenhonig.

Auch die Kommission E des ehemaligen Gesundheitsamts beurteilte die therapeutischen Verwendung der Lindenblüten bei Erkältungskrankheiten und trockenem Reizhusten. Bei diesen Indikationen haben sich die Zubereitungen auch traditionell schon seit Langem bewährt. Im Tee entfalten die enthaltenen Schleimstoffe, die Arabinogalaktane ihre Wirkung. Diese bilden eine Schutzschicht in den oberen Atemwegen. Den Glykosiden wird eine krampflösende, schmerzstillende, entzündungshemmende und antimikrobielle Wirkung zugeschrieben. Bei fiebrigen Erkältungen dient der Tee als schweißtreibendes Mittel und unterstützt so den Genesungsprozess. Manche Patienten schätzen Tiliae flos auch als Badezusatz.

Heilsam und giftig

Bei vielen Pflanzen liegen Nutzen und Schaden oft eng beieinander. Welche den Titel »Giftpflanze des Jahres 2016« tragen wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Wie schon in den letzten Jahren fordert der Botanische Garten im hamburgischen Wandsbek nun bereits zum zwölften Mal Interessierte auf, bis zum 15. Dezember über das Internet abzustimmen. Am 15. Januar 2016 soll der Sieger feststehen. Als Kandidaten kommen in Frage: das Schlafmützchen, der Rhododen­dron, die Christrose und das Efeu.

Das Schlafmützchen (Eschscholzia californica, + giftig) gehört zu den Mohngewächsen und kommt unter anderem in den südlichen Bundesstaaten der USA, in Südafrika, Australien und in den wärmeren Regionen Europas vor. Trotz der nahen Verwandtschaft unterscheiden sich die Inhaltsstoffe grundlegend vom Schlafmohn (Papaver somniferum). Hauptalkaloid der Wurzel ist bei Eschscholzia das Allocryptopin. Im Kraut kommt hauptsächlich Califor­nidin vor. Weitere Inhaltsstoffe sind Eschscholzin, Protopin, Sanguinarin und Chelerythrin. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA bewertet Eschscholzia californica als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bei leichtem Stress und hält den Einsatz als Schlafmittel für möglich. Weitaus größere Potenziale der Pflanze sind bislang unerforscht. Boehringer Ingelheim hat sich die »Verwendung von definier­ten Extrakten aus den ober­irdischen Teilen von Eschscholzia californica zur Behandlung von Depressionen verschiedenen Ursprungs« sogar schützen lassen, wie es in der Patentschrift heißt.

Der nächste Kandidat ziert auch hierzulande viele Gärten mit saurem Boden: Rhododendron (Rhododendron sp., ++ stark giftig). Als giftige Inhaltsstoffe haben Chemiker sogenannte Grayanotoxine identifiziert. Diese Moleküle kommen sowohl in Blättern als auch in Blüten und im Nektar vor. Beim Menschen verlangsamen Grayanotoxine die Herztätigkeit bis hin zum Koma. Einzelne Vergiftungen traten nach dem Genuss von sogenannten pontischem Honig auf. Dieser Wildhonig aus Regionen der türkischen Schwarzmeerküste enthält größtenteils Pollen und Nektar von Rhododendron ponticum. Homöopathen setzen Rhododendron zur Thera­pie von Geschlechtskrankheiten, Nervenschmerzen oder Rheuma ein.

Bei Hobbygärtnern ist auch die Nieswurz oder Christrose (Helleborus niger, +++ sehr stark giftig) sehr beliebt, da sie bereits im späten Winter blüht. Die Pflanzenteile enthalten vor allem ein Gemisch aus unterschied­lichen Steroidsaponinen mit Digitalis-ähnlicher Wirkung, das unter der Bezeichnung Helleborin zusammen­gefasst wird. Die höchsten Konzentrationen an Helleborin finden sich im Wurzelstock. Der Geruch verschiedener Inhaltsstoffe soll einen starken Niesreiz auslösen, was zum deutschen Namen der Pflanze geführt hat. Als klassisches Homöopathikum wird Helleborus bevorzugt bei Beschwerden des Zentralnerven- und Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren und des Magen-Darm-Trakts eingesetzt.

Bewährte Arzneipflanze

Der vierte Kandidat, Efeu (Hedera helix, ++ sehr giftig), ist aus der Phytotherapie nicht mehr wegzudenken. Die immergrüne Kletterpflanze enthält in sämtlichen Teilen vor allem die Saponine α-Hederin beziehungsweise Hederagenin, den ungesättigten Alkohol Falcarinol und diverse Sesquiterpene. Bei Kindern führen schon zwei bis drei Beeren zu Durchfall, Erbrechen, Puls­rasen und Krämpfen. Gärtner, die ohne Handschuhe Pflanzen beschneiden, entwickeln an den Händen oft eine Kontaktdermatitis durch Falcarinol.

Efeu-Extrakte haben sich bei starkem Husten bewährt. Hier kommen die expektorierenden und spas­­mo­lytischen Eigenschaften der Pflanze zum Tragen. Dies geschieht indirekt durch Reizung der Magenschleimhaut., sodass sensorische ­Fa­sern des Parasympathikus die Schleim­­drüsen der Bronchialschleimhaut stimulieren. Falcarinol schützt zumindest im Tierexperiment gegen Krebs. Die Substanz zeichnet sich durch analgetische, antibakterielle, fungizide Effekte aus. Homöopathen setzen Hedera helix bei unterschied­lichen Nervenerkrankungen, Gelenkbeschwerden, Sehnen­scheiden­ent­zün­­­dungen und Erkrankungen der Schilddrüse ein.

Wertvolle Schönheit

Zur Staude des Jahres 2016 wurden die Schwertlilien (Iris spec) gewählt. Kein Wunder, dass die Wahl des Bund deutscher Staudengärtner auf diese Art fiel, denn mit ihrer unglaublichen Farbenvielfalt – von Weiß über Gelb, Orange, Rot Blau bis fast Schwarz – bereichern Lilien zahlreiche Gärten. Die Wildarten der Schwertlilien kommen in unterschiedlichen Vegetationszonen vor. Aus der Wurzel von Iris pallida haben Apotheker vor Jahrhunderten ein Brechmittel hergestellt. Homöopathen setzen Iris versicolor auch heute noch bei diversen Magen-Darm-Beschwerden ein.

Qualität aus der Apotheke

Die Anwendungsgebiete einiger »Pflan­zen des Jahres 2016« gehören auch zu den umsatzstärksten Indikationen von Phytopharmaka, beispielsweise Magen-Darm-Erkrankungen und Erkältungen. Fragen Kunden oder Patienten demnächst verstärkt nach der Arzneipflanze oder Heilpflanze 2016, können PTA und Apotheker die Gelegenheit nutzen, um auf wichtige Unterschiede hinzuweisen: Präparate aus der Apotheke durchlaufen umfangreiche Prozesse zur Qualitäts­sicherung, um einen konstanten Wirkstoffgehalt sicherzustellen. Damit können Produkte aus dem Supermarkt oder aus der Drogerie nicht konkurrieren. /