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Fibromyalgie-Syndrom

Magnesium als Therapieoption

23.11.2015
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Von Ernst-Albert Meyer / Das Fibromyalgie-Syndrom ist eine ­rätselhafte Krankheit. Bis heute sind die Ursachen im Detail ­unbekannt, Arzneimittel mit dieser Indikation gibt es nicht und eine Heilung ist bis jetzt nicht möglich. Allerdings steigt weltweit die Zahl der Erkrankten. Viele Patienten, besonders in den ­ USA, nehmen in der Selbstmedikation Magnesium ein und versprechen sich davon eine Linderung ihrer Beschwerden.

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) – ins Deutsche übersetzt in etwa »Faser-Muskel-Schmerz« – wird den chronischen rheumatischen Krankheiten zugeordnet. Das Wort »Rheuma« kommt aus dem Griechischen und bedeutet »fließender Schmerz«. Diese Bezeichnung trifft auch auf FMS-Patienten zu, denn sie leiden unter wechselnden und ausgedehnten, über den Körper verteilten Schmerzen. Frauen erkranken erheblich häufiger als Männer: Der Frauenanteil liegt zwischen 85 bis 95 Prozent. In Deutschland soll die Zahl der FMS-Patienten zwischen 1,6 und 4 Millionen liegen. FMS, auch als Weichteilrheumatismus bezeichnet, ist ein Syndrom, das heißt eine Krankheit mit mehreren Symptomen.

Der Symptomenkomplex besteht vor allem aus chronischen, nicht entzündlichen Schmerzen des Bewegungsapparates und der Weichteile. Hierbei dominieren Muskelsteifheit und -schwäche sowie Muskelschmerzen. Diese können typischerweise durch Drücken von Schmerzpunkten, sogenannten Tenderpoints, an Muskeln und Sehnenansätzen ausgelöst werden.

Beim FMS ist die Reizleitung im Körper gestört, zum Beispiel die von den Muskeln über das Rückenmark zum Gehirn. Bei den Patienten liegt eine neuromuskuläre Übererregbarkeit und eine erniedrigte Schmerzschwelle vor, das heißt, eigentlich nicht schmerzhafte Reize nehmen die Betroffenen als Schmerzen wahr. Eine Ursache für dieses Geschehen liegt in der verstärkten Freisetzung des Neuropeptids Substanz P aus Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren), sodass eine neurogene Entzündung ausgelöst wird.

Erschwerte Diagnose

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) zu diagnostizieren, ist schwierig. So haben viele Patienten meist eine lange Odyssee hinter sich und im Durchschnitt 2,4 Jahre lang einen Arzt nach dem anderen aufgesucht, bis die Diagnose FMS feststand. Das liegt zum einen daran, dass sich die heutigen diagnostischen Methoden wie Laboruntersuchungen, Röntgen, Ultraschall oder andere bildgebende Verfahren nicht zur Diagnose dieser Erkrankung eignen. Zum anderen schildert jeder Patient ganz unterschiedliche Begleitsymptome.

Neben den vorherrschenden muskelspezifischen Beschwerden gehören viele körperliche und zentralnervöse Begleitsymptome zum Krankheitsbild des FMS. Sie tragen ebenfalls zur Entwicklung chronischer Schmerzen bei. Die vielfältigen körperlichen Beschwerden beruhen meist auf einer Dysbalance im vegetativen Nervensystem, das heißt auf einer gesteigerten Aktivität des Sympathikus im Ruhezustand. Die Patienten klagen unter anderem über Berührungsschmerzen, Kopfschmerzen beziehungsweise Migräne, Muskelkrämpfe, unruhige Beine, Reizmagen, -darm und -blase, Tachykardie, Atembeschwerden und Schwindel. Als zentralnervöse Beschwerden nennen bis zu 90 Prozent der Patienten Angst und/oder depressive Störungen, die ebenfalls die Schmerzschwelle senken.

Hinzu kommen Schlafstörungen, Erschöpfung und eine erhöhte Stressanfälligkeit. Je nach vorherrschenden Symptomen erhalten die Patienten unterschiedliche Arzneimittel: Antidepressiva, Analgetika, nicht steroidale Antirheumatika oder Muskelrelaxantien.

Mangel beheben

Die Folgen eines latenten Magnesiummangels betreffen den gesamten Organismus, denn der Mineralstoff erfüllt viele wichtige Funktionen. Auffallenderweise gleichen viele Symptome des Fibromyalgie-Syndroms den Beschwerden, die bei Magnesiummangel auftreten (siehe Kasten).

Wichtige Symptome eines Magnesiummangels

Allgemein: Hyperaktivität, Ner­vosität, innere Unruhe, Schlaf­störungen, Lärmempfindlichkeit, Kopfschmerzen, geringe Stress­toleranz, Schwin­del, Erschöpfung

Neuro-muskulär: Übererregbarkeit, Muskelverspannungen, Muskelkrämpfe wie zum Beispiel Wadenkrämpfe, Krämpfe der Fußsohlen, der Kau- und Gesichtsmuskulatur, erhöhte Krampf- und Schmerzanfälligkeit, Muskelzuckungen (Tics)

Nerven/ZNS: depressive Störungen, Angst, Migräne, Parästhesien (Kribbeln und Taubheitsgefühle in den ­Extremitäten)

Herz/Kreislauf: Herzrhythmusstörungen wie Tachykardien, ventrikuläre Extrasystolen und Koronarspasmen, Hyper­tonie, arterielle Gefäßspasmen (Raynaud-Krankheit)

Magen/Darm: reizmagen- beziehungsweise reizdarmähnliche, krampf­artige Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Obstipation

Fachleute vermuten, dass vor allem Frauen mit Magnesium unterversorgt sind. Viele nehmen täglich mit der Nahrung weniger als die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene Menge von 300 bis 350 mg Magnesium auf. So haben Untersuchungen ergeben, dass ein Teil der deutschen Bevölkerung – auch viele Patienten mit FMS – suboptimal mit Magnesium versorgt oder sogar von einer Hypomagnesiämie (unter 0,8 mmol Mg/l Serum = 1,95 mg Mg/dl Serum) betroffen sind. Dies legt den Schluss nahe, auch Patienten mit FMS mit einer Magnesiumsubstitution zu behandeln.

Pilotstudie

Einen Nutzen der Magnesiumtherapie zeigte eine Pilot­studie mit FMS-Patienten. In einer offenen Studie wurden 60 Frauen mit FMS auf drei Behandlungsgruppen mit jeweils 20 Patientinnen verteilt. Die Frauen erhielten acht Wochen lang entweder jeden Tag 300 mg Magnesium als Magne­siumcitrat, 10 mg Amitriptylin oder eine Kombination aus beiden Wirkstoffen. Vor Beginn der Studien wurde bei den Teilnehmerinnen eine verminderte Magnesiumkonzentration im Serum festgestellt.

Die Frauen, die Magnesium eingenommen hatten, reagierten am Ende der Studie signifikant unempfindlicher auf Druck auf die Tenderpoints (siehe auch Grafik). Der sogenannte Tenderpoint-Index verbesserte sich ebenfalls signifikant und auch die Fibromyalgie Impact Questionnaire (FIQ, Standardisierter Fragebogen zur Erfassung von Fibromyalgiebeschwerden) sowie die Depression.

Die Frauen der Amitriptylingruppe erreichten beim FIQ nicht das Niveau, aus dem sich eine signifikante Besserung der FMS-Beschwerden ableiten lässt. Besonders effektiv verringerte die Kombination aus Magnesium und Amitriptylin die Beschwerden durch FMS. Es wurde weniger Substanz P freigesetzt, was zur Abnahme der Schmerzen führte.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass der unzureichende Magnesium-Status im Organismus an der Entstehung von FMS beteiligt sein könnte. Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse ist deshalb die Substitution von Magnesium eine Therapieoption beim FMS.

Richtig dosieren

Dabei ist es allerdings wichtig, das Magnesium ausreichend hoch zu dosieren, raten Nährstoffexperten und zunächst vier bis sechs Wochen lang einzunehmen. Als Tagesdosis empfehlen sie 300 mg Magnesium in Form einer organischen Magnesiumverbindung. Denn die Bioverfügbarkeit der gut löslichen Salze Magnesiumaspartat, Magnesiumcitrat oder Magneisumgluconat ist deutlich höher als die anorganischer Verbindungen wie Magnesiumcarbonat oder Magnesiumoxid. Magnesiumcitrat ist beispielsweise 3,5-mal besser bioverfügbar als Magnesiumoxid. Da Magnesium aus kleinen Dosen leichter resorbiert wird, sollten die Patienten die Tagesdosis auf mehrere Einzel­dosen aufteilen. Bei nachgewiesenem Magnesiummangel kann die Dosis auch auf 500 mg pro Tag erhöht werden. Höhere Konzentrationen sollten die Patienten nur nach Rücksprache mit ihrem Arzt einnehmen. Wegen seiner guten Verträglichkeit ist Magne­sium für die Dauertherapie geeignet. /