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Wundrose

Gefährliche Hautentzündung

Nicole Schuster
25.11.2016
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Von Nicole Schuster / Erysipele sind nichteitrige Infektionen der oberen Hautschicht und Lymphwege. In den meisten Fällen werden sie durch Streptokokken ausgelöst. Typischerweise rötet sich die Haut lokal begrenzt, aber äußerst schmerzhaft. Zudem leiden Patienten unter Allgemeinsymptomen wie Fieber. Mittel der Wahl ist die systemische Behandlung mit Penicillin. Treten Komplikationen auf, können diese lebensbedrohlich sein.

»Ein Erysipel zeigt sich als ein entzündetes Hautareal, das in klassischen Fällen hellrot ist, leicht glänzt und scharf begrenzt erscheint. Es kann dann von anderen Weichgewebeinfektionen wie den diffuser verlaufenden Phlegmonen unterschieden werden«, sagt Professor Dr. Cord Sunderkötter von der Abteilung für translationale Dermatoin­fektiologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Gespräch mit PTA-Forum.

Auf das äußere Erscheinungsbild bezieht sich auch der aus dem Griechischen stammende Fachbegriff Erysipel, der »das die Haut Rötende« bedeutet. Die Hautinfektion entsteht bevorzugt an den Unterschenkeln, an den Armen und im Gesicht (Gesichtsrose), kann aber prinzipiell jeden Bereich befallen.

 

Bei den Erregern handelt es sich um Streptokokken der Gruppe A, die vorübergehend die Haut und Schleimhaut vieler Menschen besiedeln. Dort verursachen sie in der Regel keine Beschwerden, da sie die Hautbarriere nicht überwinden können. »Dringen die Bakterien aber durch kleinste, oft unscheinbare Verletzungen ein, können sie sich im oberen Bindegewebe, entlang der Lymphspalten und in den aus ihnen hervorgehenden feinen Lymphgefäßen ausbreiten«, erklärt der Experte.

 

Eine häufige Eintrittspforte für die Erreger ist Fußpilz in den Zehenzwischenräumen. Da solche Interdigitalmykosen weit verbreitet sind, treten Erysipele nicht selten an den Beinen junger und sonst gesunder Menschen auf. Streptokokken können allerdings auch einen Insektenstich zum Eindringen nutzen oder durch Hautrisse, beispielsweise infolge von gelegentlichem Kratzen, in tiefere Gewebe eindringen. »Bei größeren Verletzungen wie Ulcera verursachen hingegen eher Staphylokokken Probleme«, sagt Sunderkötter. »Sie erzeugen ebenfalls eine Entzündung, allerdings meist kein Erysipel, sondern eher Phlegmone.« Zudem erhöhen bestimmte Krankheiten wie Lymphödeme oder Schwellungen der Beine als Folge von Durchblutungs­störungen, Herzschwäche oder vorangegangenen Infektionen das Risiko, an Wundrose zu erkranken.

 

Schmerzhafte Schwellung

Vor allem bei der Erstinfektion leiden Patienten zunächst unter Allgemeinsymptomen wie Fieber oder zumindest Frösteln und Abgeschlagenheit, bevor die ersten Hautveränderungen sichtbar werden. Als Abwehrreaktion des Körpers schwellen die nahe liegenden Lymphknoten an. Die flächenhafte, akute Entzündung betrifft vornehmlich die Lederhaut (Dermis), die zwischen der Oberhaut und dem Unterhautgewebe liegt. Charakteristisch sind ein Spannungsgefühl und Schmerzen bei Druckbelastung. Die Stelle färbt sich hellrot, fühlt sich heiß an und schwillt an.

 

Bei einigen Patienten bilden sich zungenförmige Ausläufer. Laien halten diese unter der Haut durchschimmernde Rötung, die zur Körpermitte hin verläuft, manchmal für Zeichen einer »Blutvergiftung«. Dies ist jedoch falsch, da die Erreger und somit auch die Entzündung die Lymphgefäße betreffen. Bei einigen Patienten entstehen außerdem Blasen im entzündeten Areal. Einblutungen in die Haut treten bevorzugt an den Unterschenkeln auf, da hier der Gewebedruck besonders groß ist.

 

Die Diagnose erstellt der Arzt anhand der klinischen Symptome, vor allem muss er andere Hauterkrankungen ausschließen. Bei Herpes Zoster (Gürtelrose) beispielsweise sehen die Erytheme beziehungsweise Hautrötungen zwar ähnlich aus, allerdings verlaufen diese charakteristischerweise entlang den Nervensegmenten und es gesellen sich Bläschen hinzu, die in Gruppen zusammenstehen.

Akute Hautentzündungen durch Reizstoffe verursachen weder Fieber noch ein Krankheits­gefühl. Für allergische Kontaktekzeme wie bei einer Nickelallergie ist starker Juckreiz typische. Chronisch-venöse Insuffizienz mit Stauungsödem kann ebenfalls zu einer Entzündung der Unterhaut (Hypodermitis) führen. Sie ist zwar auch durch eine scharf begrenzte Rötung gekennzeichnet, verläuft aber anders als ein Erysipel häufig symmetrisch an beiden Unterschenkeln. Zudem fehlen Symptome wie Fieber und eine Schwellung der Lymphknoten. Krankheiten wie Borreliose, eitrig verlaufende Phleg­mone sowie Venenentzündungen oder Venenthrombosen im Bein muss der Arzt ebenfalls abklären.

 

»Bei einem Erysipel gehört es zur Diagnostik, die Eintrittspforte der Erreger zu finden«, berichtet der Dermatologe. Diese müsse – seiner Erfahrung nach – nicht unbedingt direkt im entzündeten Bereich liegen. Gelangen die Erreger über eine Wunde zwischen den Zehen in die Lymphgefäße, bildet sich die Wundrose oft erst einige Zentimeter höher an den Unterschenkeln. Ein Abstrich ist beim Erysipel in der Regel unnötig, eine Blutuntersuchung bestätigt die Infektion, wenn die Blutsenkungsgeschwindigkeit und die Zahl der weißen Blutkörperchen (neutrophile Leukozytose) erhöht sind.

 

Bevorzugte Therapie

Ein Erysipel erfordert die Gabe von Antibiotika. »Mittel der Wahl ist nach wie vor Penicillin«, sagt Sunderkötter. »Das bewährte und nebenwirkungsarme Antibiotikum wirkt hervorragend gegen Streptokokken, sie zeigen bislang keine Resistenzen. Bei Penicillinallergien kann auf Clarithromycin ausgewichen werden.« Von der vorschnellen Gabe eines Breitbandantibiotikums sollten Ärzte absehen. Die Therapie muss systemisch erfolgen und darf nicht zu früh abgebrochen werden, auch wenn sich die Patienten schnell besser fühlen. Bei der Erstinfektion bedeutet das die sieben- bis zehntägige Einnahme eines ausreichend hoch dosierten Penicillins. Treten bei Patienten häufig Rezidive auf, senkt die tägliche Einnahme des Antibiotikums in niedriger Dosierung die Zahl der Infektionen. In leichten Fällen, zum Beispiel bei dem Erysipel am Bein eines gesunden Jugendlichen, ist die Behandlung ambulant mit oral einzunehmenden Präparaten möglich. Verläuft die Infektion schwer, muss das Medikament während eines stationären Aufenthalts parenteral verabreicht werden. Dasselbe gilt für Risikopatienten wie Diabetiker oder Menschen mit Durchblutungsstörungen.

 

Bestimmte Maßnahmen können die Abheilung beschleunigen beziehungsweise die Symptome lindern. So sollten Patienten vor allem in der Anfangszeit den betroffenen Körperteil ruhig halten und häufig hoch lagern. Das fördert den Lymphabfluss und die Schwellung geht schneller zurück. Besteht ein Thromboserisiko, sollte der Arzt prüfen, ob die Gabe von Antikoagulantien erforderlich ist. Bei einem Lymphstau in Arm oder Bein beschleunigt die spezielle Massage (Lymphdrainage) eines Physiotherapeuten den Abtransport von Gewebeflüssigkeit. Befindet sich die Wundrose im Gesicht, sollten Patienten anfangs wenig sprechen und weiche Kost zu sich nehmen. Gegen die Entzündungsreaktion, Schmerzen und das Fieber helfen nicht steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure. Auch gemäßigtes Kühlen empfinden die Patienten als angenehm, allerdings sollten sie die Kältebehandlung nicht übertreiben, damit sich die kleinen Gefäße im infizierten Gebiet nicht zu sehr zusammenziehen und dem Antibiotikum den Zugang erschweren. Ist die Schwellung zurückgegangen, verhindern Kompressionsverbände oder Stützstrümpfe ein neues Ödem.

 

Sepsis als Komplikation

Erfolgt die Therapie zu spät oder unzureichend, kann sich die Entzündung weiter im Körper ausbreiten und beispielsweise auf die Venen übergehen. Unbehandelt könnten die Bakterien sich sogar auch im Blut ausbreiten und eine Sepsis verursachen. Die Blutvergiftung kann zu einem tödlichen Multi­organ­versagen führen. Diese Gefahr besteht aber häufiger, wenn Staphylokokken die Infektion ausgelöst haben. Streptokokken als Erreger des Erysipels schädigen eher Lymphgefäße so weit, dass sich Ödeme und schlimmstenfalls sogenannte Elefantenbeine (Elephan­tiasis nostras) bilden. »Eine mögliche Komplikation bei bestimmten Streptokokken-Stämmen ist außerdem eine Nierenentzündung«, weiß Sunderkötter. »Sie ist sehr selten, aber um sie auszuschließen, reicht eine einfache Urinuntersuchung etwa 20 Tage nach der Diagnose.«

 

Gefürchtet sind auch Rezidive des Erysipels, also ein erneutes Auftreten an genau derselben Stelle. Nach der Ersterkrankung geschieht dies bei etwa jedem zehnten Patienten innerhalb von sechs Monaten bis zu drei Jahren. Oft liegt das daran, dass die Eintrittspforte der Erreger nicht ausreichend behandelt wurde. Bei Hautverletzungen durch Fußpilz ist dann die Anwendung eines geeigneten Antimyko­tikums, etwa Ciclopiroxolamin oder Miconazol, notwendig. Bei einem Rezidiv muss der Patient möglicherweise ein Jahr lang Antibiotika einnehmen, um die Entstehung eines erneuten Erysipels zu verhindern.

 

Da Diabetiker und Menschen mit Durchblutungsstörungen der Beine oder Hände zu den Risikogruppen zählen, sollten sie die Haut regelmäßig auf kleine Verletzungen untersuchen. Für Menschen mit Diabetes ist nicht nur zur Verhinderung eines Erysipels eine professionelle Fußpflege empfehlenswert. Wunden, auch wenn sie noch so marginal erscheinen, sollten desin­fiziert und angemessen versorgt werden. Bei den ersten Zeichen einer Entzündung ist der Arztbesuch ratsam. /