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Soziale Phobie

Die Angst vor den anderen

14.12.2015
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Von Inga Richter / Menschen mit Sozialphobie haben große Angst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, prüfend betrachtet zu werden und sich zu blamieren. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung ziehen sie sich immer häufiger von geselligen Zusammenkünften und beruflichen Treffen zurück. Je eher das Leiden erkannt und behandelt wird, desto größer die Heilungschancen.

Schon der Gedanke an die Betriebsfeier lässt das Herz rasen und die Hände feucht werden. Selbst eine Einladung zur Silberhochzeit, ein Restaurantbesuch oder ein Spieleabend mit Bekannten kann für viele Menschen zur Tortur werden. Die Sorgen um die Wirkung der eigenen Person auf die anderen Anwesen­den beherrschen das gesamte Denken: Wie sehe ich aus? Bewege ich mich merkwürdig? Was soll ich sagen und wie? Erschwerend kommt hinzu, dass die Nervosität körperlich-vegetative Symptome hervorruft. Die Hände zittern. Mit steigendem Herzschlag nimmt die Durchblutung zu. Hoffentlich werde ich nicht rot im Gesicht. Bemerkt jemand, dass meine Stimme bebt? Die Angst vor dieser sichtbaren Angst wird zur selbst erfüllenden Prophezeiung.

»Es handelt sich um ein starkes Angsterleben, das sich sowohl auf schulische und berufliche Situationen als auch auf Freundschaften und Beziehungen beziehen kann«, sagt Johannes Peter Wolters, Vorstand des Verbandes der Selbsthilfe Soziale Phobie (VSSP). Bei manchen Betroffenen begrenzt sich die Beklemmung auf bestimmte Situationen, beispielsweise das Essen in Gegenwart anderer Menschen. Als Auslöser für diesen sogenannten nicht generalisierten oder spezifischen Typ der sozialen Angststörung dient oft ein einschneidendes Ereignis in der Vergangenheit, schreibt Dr. Hans Morschitzky, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut, in seinem Buch »Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbst­hilfe-Programm in 7 Schritten«. Möglicherweise hat der Betreffende während einer gemeinsamen Mahlzeit ein Glas Rotwein umgestoßen und dies als sehr peinlich empfunden oder sich mit Soße bekleckert.

Bei der generalisierten Form hingegen fürchten sich die Betroffenen vor den verschiedensten Begegnungen. Es ist ihnen fast unmöglich, vor anderen zu reden und Gespräche mit Fremden oder mit Menschen des anderen Geschlechts zu führen: »Eine generalisierte Sozialphobie hängt immer mit mangelnden sozialen Fertigkeiten und einer allgemeinen Selbst­unsicherheit zusammen«, so Morschitzky.

Bei allen Betroffenen ist eine gewisser Sensibilität für Selbstwertkränkungen vorhanden, informiert Wolters. Manche waren bereits als Kind schüchtern, haben vielleicht lieber gelesen als mit Freunden gespielt. Solange die äußeren Bedingungen gleich blieben, würden sie nicht darunter leiden. Ändere sich jedoch das Umfeld, müsse sich beispielsweise ein introvertierter Mensch im Studium, Beruf oder in einer Partnerschaft plötzlich aufgeschlossener präsentieren, könne das zum Problem werden. Doch auch wer in Kindheit und Jugend für selbstbewusst und extrovertiert gehalten wurde und sich selbst dafür hielt, sei vor der Erkrankung nicht gefeit. »Bei einer falschen Selbsteinschätzung kann unerwartete Kritik durch die Öffentlichkeit enormen Druck verursachen und Angst auslösen«, sagt Wolters. Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand ist nur ein Beispiel von vielen Prominenten, die unter sozialer Phobie litten. 20 Jahre lang hat sie öffentliche Auftritte vermieden.

Spuren in die Vergangenheit

Im »Social Phobia Research Center« an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Bonn suchen Wissenschaftler nach den genetischen Ursachen dieser Phobie mit dem Ziel, zukünftig effektivere Therapien entwickeln zu können. Nach Informationen der Forscher zählt die soziale Phobie zu den am häufigsten vorkommenden psychischen Störungen, gleich nach Alkoholabhängigkeit und Depressionen. Durchschnittlich sollen zwölf von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens betroffen sein. Dass es eine genetische Veranlagung gibt, lassen Untersuchungen an Zwillingen vermuten, die getrennt voneinander aufwuchsen. Erkrankte eines der Geschwister, so bestand eine 30- bis 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es dem anderen ebenso erging. Bei zweieiigen Zwillingen ist die Wahrscheinlichkeit geringer. Auch weiß man, dass das Risiko um ein Dreifaches erhöht ist, wenn bereits ein Familienmitglied unter sozialer Phobie leidet.

Doch es sind nicht nur genetische Komponenten, die die Erkrankung zum Vorschein bringen, sagt Wolters, mehr Einfluss habe das soziale Umfeld: »Wenn ein Elternteil kaum Selbstbewusstsein hat und Ängste zeigt, lernen Kinder diese Angst.« Der Nachwuchs entwickelt weniger Selbstvertrauen, wenn es in der Erziehung an Lob fehlt. Zudem kann auch eine sehr behütete Kindheit zu mangelhaft ausgebildeter Selbstsicherheit führen. In den meisten Fällen zeigen sich die ersten Symptome in der Pubertät. Wolters nennt ein weiteres Beispiel: Ein sensibles Kind, das auf dem Land aufwächst, ist andere Strukturen und Verhaltensweisen gewohnt als Menschen in der Großstadt. »Bei einem Umzug, vielleicht aufgrund eines Studiums oder eines Berufes, besteht die Gefahr, auf Ablehnung zu stoßen.«

Rückzug und Isolation

»Ängste haben eine Warnfunktion«, so Wolters. Entweder stürze man sich auf den Feind und bekämpfe ihn oder man ziehe sich zurück. Personen mit wenig Selbstbewusstsein meiden die jeweils beängstigenden Anlässe, solange das ohne negative Folgen möglich ist. »Das Leiden beginnt, wenn die Betroffenen hohen Aufwand betreiben müssen, den phobischen Situationen auszuweichen.« Ein Kind beispielsweise, das in der Schule einmal ausgelacht wurde, deshalb ständig schwänzt und dafür Ärger bekommt, ein Angestellter, der sich schon Wochen vor einer Betriebsfeier krankmeldet, oder eine Frau, die mit Ende 30 immer noch keine Beziehung zu einem Partner aufbauen konnte, weil ihr Gespräche mit Fremden schlichtweg unmöglich sind. Schlimmstenfalls isolieren sich die Betroffenen gänzlich von der Außenwelt.

Sozialängstliche Menschen sind gefährdet, alkohol- oder drogenabhängig zu werden. Einerseits macht die euphorisierende Wirkung mutiger, gewissen Situationen gegenüberzutreten. Andererseits dient die dämpfende Wirkung im Alltag dazu, den Dauerstress der negativen Gedanken um sich selbst zu betäuben. »Unbehandelt zeigt sich im Laufe der Zeit fast immer eine Komorbidität«, sagt Dr. Thomas Middendorf, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Chefarzt der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung der Schön Klinik in Bad Arolsen. Neben den Suchterkrankungen sind das meist Depressionen.

Ob die Schwermut die Ursache oder die Folge der Sozialphobie ist, ist meist nicht zu klären. In beiden Fällen empfiehlt sich zunächst laut Middendorf eine stationäre Aufnahme. Erst nach einem Entzug beziehungsweise einer Behandlung der Depression sind die Patien­ten psychisch in der Lage, sich ihren sozialen Problemen zu stellen.

Die Sozialphobie kann auch mit anderen Angsterkrankungen Hand in Hand gehen, so Middendorf. Dazu gehöre unter anderem die generalisierte Angststörung, bei der sich die Betroffenen »um alles und jeden Sorgen machen«, oder die Agoraphobie, bei der bestimmte Orte, Situationen oder Menschengedränge die Ängste auslösen. Weiterhin werden oftmals begleitende Persönlichkeitsstörungen festgestellt, wie die Aufmerksamkeits-Defi­zit-Hyper­aktivitäts­störung (ADHS) und Essstörungen.

Früh gegenlenken

Oft vergehen Jahre oder gar Jahrzehnte, bis sich Betroffene um Hilfe bemühen. Manche erkennen erst spät, dass ihre Beschwerden längst über eine starke Schüchternheit hinausgehen. Andere ertragen ihr Leid lange, weil sie selbst beim Arzt nicht negativ auffallen wollen. »Für einen Menschen mit Selbstwertproblemen gleicht ein solches Outing einer Kapitulationserklärung«, sagt Wolters. Doch je länger der Kontakt zu anderen Menschen fehle, umso schwerer fiele der Gang zum Arzt, zum Therapeuten oder in eine Selbsthilfegruppe. Die Überzeugung, minderwertig zu sein, chronifiziert sich, genauso wie die zurückhaltenden Verhaltensweisen.

Inzwischen trauen sich immer mehr betroffene Menschen, diesen Schritt zu wagen, so Wolters. Er spricht von einer »positiven Entwicklung«. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist die soziale Angststörung ein Diagnosekriterium. In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) ist sie unter »Phobischen Störungen« aufgeführt, genauso im diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM-IV) unter »Sozialer Angststörung«. Die offizielle Anerkennung als Krankheit macht einerseits die Ärzte aufmerksamer, sodass die Diagnose häufiger gestellt wird. Und durch die umfassenden Informationen in den Medien belesen sich die Leute mehr. Wolters: »Das Thema wird entschämt und enttabuisiert.«

Durch Konfrontation lernen

Im Folgenden sind verschiedene von Morschitzky beschriebene Übungsmöglichkeiten gegen die Angst, auch Konfrontationstherapie genannt, aufgeführt. Morschitzky selbst sagt dazu: »Das erfordert sehr viel Mut, führt dafür aber auch besonders rasch zum Ziel!«

  • Absichtlich Situationen hervorrufen, in denen man sonst erröten, zittern oder schwitzen könnte. Beispiel: Kleine Reden halten vor Bekannten, Freunden, Kollegen.
  • Im Restaurant oder Cafe: An den Tischen vorbeilaufen, alle Anwesenden anschauen, als ob man jemanden suche; Zucker auf dem Tisch verstreuen und die Tischdecke austauschen lassen; einen weiter entfernt stehenden Kellner um die Rechnung bitten.
  • In der Stadt über eine weitere Entfernung einem Bekannten etwas zuru­fen.
  • Aufsehen erregende Kleidung tragen oder einen Regenschirm, wenn es gar nicht regnet.
  • Im Supermarkt: Den Einkaufswagen stehen lassen, weil man die Geldbörse vergessen hat, oder in der Warteschlange an der Kasse darum bitten, vorgelassen zu werden, weil man nur einen Artikel kaufen möchte.
  • Eilig oder unfreundlich wirkende Passanten nach einem Weg fragen, um einen Euro für den Einkaufs­wagen bitten oder ein Gespräch erzwingen.
  • Im Geschäft um Preisnachlässe verhandeln, im Zug absichtlich auf reser­vierte Plätze setzen.
  • Mit einem Diktiergerät vorbeigehende Personen zu irgendeinem Thema befragen.

Quelle: Dr. Hans Morschitzky/Sigrid Sator, Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbsthilfe- Programm in 7 Schritten. Walter-Verlag 2005.

Psychotherapie und Selbsthilfe

Die Therapie stützt sich auf drei Säulen: Medikamente, Psychotherapie und Selbsthilfe. Als Medikamente eignen sich angstlösende Benzodiazepine nur in akuten Stresssituationen. Auf Dauer machen sie abhängig. Meist werden Antidepressiva wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Mono­aminooxidase- (MAO)-Hemmer eingesetzt. Antidepressiva allein helfen allerdings nicht. Wolters: »In manchen Fällen können sie jedoch den Weg ebnen, dass Betroffene überhaupt in der Lage sind, andere Hilfsmaßnahmen anzugehen.« Unbehandelt ginge eine soziale Angst jedenfalls nicht einfach weg, weiß Middendorf.

Eine Psychotherapie sei spätestens dann angebracht, wenn das Leiden so groß sei, dass das berufliche und private Leben eingeschränkt werde. »Das erste Ziel ist es, dass die Patienten ihr Vermeidungsverhalten abbauen.« Stück für Stück würden sie angeleitet, die individuellen Angstsituationen hierarchisch zu ordnen und zu überlegen, welche Gedanken und Gefühle ihre Furcht forciert haben. War es die Angst, sich zu blamieren oder zu versagen? Diese negativen Gedanken werden in positive Leitsätze umformuliert. Aus »Ich habe Angst, mich zu blamieren« wird »Ich werde mich bemühen, darf mich aber auch mal blamieren«. In einer so genannten Konfrontationstherapie setzen sich die Patienten mit für sie unangenehmen Situationen auseinander und üben diese in der Praxis. »Eine Übung ist zum Beispiel, sich in einem Schuhgeschäft mehrere Modelle zeigen und sich ausgiebig beraten zu lassen, dann aber nichts zu kaufen«, erzählt Middendorf. Durch vielfache Wiederholungen verinnerlicht sich die Erfahrung, dass nichts Schlimmes geschehen kann. In jedem Fall ist auch der Wille gefragt, sich selbst zu helfen. Auch körperliche Betätigung genauso wie Entspannungsübungen wirken sich positiv auf das Gemüt aus.

»Selbsthilfegruppen sind ein eigentherapeutischer Weg und ein erster Schritt zurück in die Gesellschaft«, erklärt Wolters. Unter Menschen mit den gleichen Problemen müsse man nicht befürchten, dass die eigene Angst bemerkt werden könnte. Durch den Austausch der jeweiligen Erfahrungen können sich die Mitglieder gegenseitig stützen und voneinander lernen. /

Informationen und Adressen von Selbsthilfegruppen finden sich unter

 www.vssp.de/selbsthilfegruppen-verzeichnis-bund