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Diabetes

Fahrplan für die Schwangerschaft

14.12.2015
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Von Isabel Weinert / Mit Diabetes schwanger werden oder die Zuckerkrankheit erst während der Schwangerschaft bekommen: Beides sollte betroffene Frauen unbedingt zu einer optimalen Stoffwechseleinstellung motivieren. Hohe Blutzuckerwerte können das Ungeborene schädigen und Schwangerschaftsrisiken für die Mutter erhöhen. Es handelt sich in jedem Fall um Hoch­risiko-Schwangerschaften.

Entwickelt sich ein Diabetes während einer Schwangerschaft, handelt es sich in der Regel um einen Gestationsdia­betes. Deutlich seltener manifestiert sich ein Typ-1-Diabetes während einer Schwangerschaft. Ist dies der Fall, dann handelt es sich um zeitlich zufällig überschneidende Ereignisse.

Die Ursache für einen Gestations­diabetes ist ähnlich wie diejenige für einen Typ-2-Diabetes: Die Zellen reagieren zunehmend schlechter auf Insulin (Insulinresistenz), die Bauchspeicheldrüse vermag den steigenden Insulinbedarf immer weniger zu kompensieren. In diese Situation führen auch Hormone, die Insulin entgegenwirken. Das macht sich besonders ab der 23. Schwangerschaftswoche (SSW) bemerkbar.

Bei Risiken früher testen

Im Jahr 2013 wurde im Schnitt bei 4,4 von 100 Frauen ein Gestationsdiabetes festgestellt. Um eine rechtzeitige Therapie zu ermöglichen, wird der Blutzuckerwert von Schwangeren mit einem erhöhten Risiko für Gestations­diabetes (siehe Kasten) bereits vor der 24. Schwangerschaftswoche getestet, entweder spontan während eines ­ohnehin anberaumten Besuchs beim Frauenarzt oder speziell, um die ­Nüchternglucose zu bestimmen. Liegt der Spontanwert höher oder gleich 200 mg/dl beziehungsweise der Nüchternwert über 92 mg/dl, steht eine Zweitmessung an. Das gilt beim Spontanwert auch für ein Ergebnis zwischen 140 und 199 mg/dl.

Alle anderen Schwangeren werden zwischen der 24. und der 28. Schwangerschaftswoche auf Diabetes untersucht, und zwar mittels eines vereinfachten oralen Glucosetoleranztests (OGTT) auf nüchternen Magen, das heißt, wenigstens acht Stunden nach der letzten Mahlzeit. Dazu trinkt die werdende Mutter 50 g Glucose in 200 ml Wasser gelöst. Eine Stunde später wird der Blutzuckerwert bestimmt. Liegt er höher als 135 mg/dl, steht der Standard-OGTT an, mit 75 mg Glucose in 200 ml Wasser und Test der Zuckerwerte vor, eine und zwei Stunden nach Trinken der Glucoselösung. Von einem Gestationsdiabetes geht der Arzt aus, wenn der Nüchternwert 92 mg/dl oder mehr beträgt, eine Stunde nach dem Glucosegetränk 180 mg/dl oder mehr gemessen werden oder der Blutzucker nach zwei Stunden immer noch bei mindestens 153 mg/dl liegt. Der Zweittest sollte bereits bei einem Diabetologen stattfinden.

Gut zu beeinflussen

Auf die Diagnose Gestationsdiabetes reagieren werdende Mütter oft geschockt. Es hilft dann zu erklären, dass die Therapie vergleichsweise einfach ist: In etwa 80 Prozent der Fälle genügen eine veränderte Ernährung plus regelmäßige Bewegung, um den Blutzucker wieder in den optimalen Bereich zu senken.

Doch wie ernährt sich eine Schwangere ausgewogen? Fest steht: Für zwei sollte keine Schwangere essen, solche mit Diabetes schon einmal gar nicht. Es kommt vielmehr auf die Wahl der richtigen Lebensmittel an. Unter den Kohlenhydraten fahren Frauen mit Gestationsdiabetes am besten mit allem, was aus Vollkorn hergestellt wurde und keinen Zucker enthält, sowie mit Hülsenfrüchten und Gemüse. Solche Lebensmittel verhindern steile Blutzuckeranstiege, wofür auch die enthaltenen Ballaststoffe sorgen. Zudem tragen sie dazu bei, lästiger Verstopfung Einhalt zu gebieten. Obst darf es in Maßen sein, in großen Mengen nicht, denn Früchte können den Blutzucker teilweise schnell nach oben schießen lassen.

Risikoanalyse auf manifesten Diabetes

Folgende Faktoren erhöhen das Risiko einer Schwangeren für einen Gestationsdiabetes; modifiziert nach: Praxisleitlinie der Deutschen Diabetischen Gesellschaft zum Gestationsdiabetes

  • Alter ≥ 45 Jahre
  • BMI ≥ 30 kg/m2 vor Eintreten der Schwangerschaft
  • körperliche Inaktivität
  • Eltern oder Geschwister mit Diabetes
  • Angehörige einer ethnischen Risikopopulation (wie Asiatinnen, Lateinamerikanerinnen)
  • Geburt eines Kindes ≥ 4500 Gramm
  • Gestationsdiabetes in der Vorgeschichte
  • arterielle Hypertonie (Blutdruck > 140/90 mmHg) oder Einnahme von Medikamenten zur Therapie der ­arteriellen Hypertonie
  • Dyslipidämie vor Eintreten der Schwangerschaft (HDL < 35 mg/dl [0,9 mmol/l] und/oder Triglyzeride > 250 mg/dl [2,82 mmol/l])
  • polyzystisches Ovarsyndrom
  • Prädiabetes (IGT/IFG/HbA1c ≥ 5,7 %) bei früherem Test (unabhängig von früherem Gestationsdiabetes)
  • andere klinische Zustände, die mit Insulinresistenz assoziiert sind (wie Acanthosis nigricans)
  • Vorgeschichte mit KHK, pAVK, ­cerebral-arterieller Durchblutungsstörung
  • Einnahme Insulin-gegenläufiger ­Medikation (wie Glucocorticoide)

Alles, was Zucker enthält oder Honig, sollte während der Schwangerschaft auf der Tabuliste stehen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt in ihren Leitlinien drei Haupt- und drei Zwischenmahlzeiten, gleichmäßig über den Tag verteilt. Das Frühstück sollte die wenigsten Kohlenhydrate enthalten, denn die Insulinempfindlichkeit ist morgens physiologischerweise am schlechtesten.

Wer bereits vor der Schwangerschaft übergewichtig war, sollte währenddessen zwar auf keinen Fall eine Reduktionsdiät machen, die Kalorienzufuhr aber möglichst so gestalten, dass das Gewicht nicht deutlich ansteigt. Frauen mit einem BMI von größer/gleich 30 genügen 20 bis 24 Kilo­kalorien pro Kilogramm Körpergewicht. Eine Schulung nebst individueller Ernährungsberatung bei einem Diabetologen bringt Sicherheit im Umgang mit der richtigen Kalorienmenge.

Baustein Bewegung

Der zweite wesentliche Faktor für ­ gute Blutzuckerwerte trotz Gestations­diabetes heißt Bewegung, sofern aus gynäkologischer Sicht, etwa wegen drohender Frühgeburt, nichts dagegen spricht. Mindestens dreimal pro Woche zügiges Gehen schaffen die meisten Schwangeren, aber es eignet sich nach Beratung mit dem Arzt auch ein Ausdauer- und Krafttraining auf niedrigem bis mittlerem Niveau.

Schlagen die genannten Maßnahmen binnen zwei Wochen nicht ausreichend an und liegen die Blutzuckerwerte morgens über 95 mg/dl und eine Stunde nach einer Mahlzeit über 140 mg/dl, kommt Insulin zum Einsatz. Vielen Betroffenen genügt es dann, ein schnell wirksames Insulin zu den Mahlzeiten zu spritzen, nur in einigen Fällen braucht es zusätzlich ein Basalinsulin, das den Grundbedarf an Insulin deckt.

Hoher Blutzucker hat Folgen für Mutter und

Bekommen Ungeborene im Mutterleib zu viel Glucose, schraubt sich die Insulinproduktion des Fetus herauf, um für einen normalen Blutglucosespiegel zu sorgen. Nach der Geburt leiden diese Säuglinge dann unter ­Unterzuckerungen, die mittels Glucosegaben ausgeglichen werden müssen. Die Kohlenhydratmast des Un­geborenen über das »Masthormon« Insulin führt außerdem häufig zu ­einem hohen Gewicht von mehr als 4000 g. Das begünstigt Geburtskomplikationen. Die hohe Blutglucose kann darüber hinaus die Lungenreife sowie Leber- und Nierenfunktion beeinträchtigen, das Risiko für Fehlbildungen ist erhöht. Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft hohe Zuckerwerte hatten, entwickeln zudem selbst leichter Übergewicht und Typ-2-Diabetes.

Mütter mit Gestationsdiabetes leiden häufiger unter Infektionen, ­hohem Blutdruck und erleiden öfter eine Frühgeburt. Sie bekommen wahrscheinlicher einen Typ-2-Diabetes als Frauen mit normalen Blutzuckerwerten während der Schwangerschaft.

Selbst messen lernen

Schon direkt nach der Diagnose Gestationsdiabetes sollten betroffene Frauen lernen, ihren Blutzucker selbst zu messen und die Werte genau zu protokollieren. Nur auf dieser Grundlage kann der Arzt entscheiden, wie es weitergeht.

Frauen mit Gestationsdiabetes bekommen Blutzuckerteststreifen zulasten der Krankenkassen verordnet. Wer mit Ernährung und Bewegung auskommt, sollte viermal täglich testen, wer Insulin braucht, sollte dies bis zu achtmal pro Tag tun. Das Therapie­regime mit Insulin entspricht einer Intensivierten Konventionellen Therapie (ICT). Das heißt, die Insulingaben werden nach vorherigem Blutzuckertest auf dessen Ergeb­nis und die zur Mahlzeit geplante Kohlenhydratmenge abgestimmt.

Um beurteilen zu können, wie es dem ungeborenen Kind geht, steht alle zwei bis drei Wochen eine Ultraschall­untersuchung an, nach Maßgabe des Arztes auch häufiger. Um unter Umständen auch eine Gestose rechtzeitig erkennen zu können, sollten Frauen mit Gestationsdiabetes ihren Blutdruck regelmäßig kontrollieren und die Werte dokumentieren.

Ein Geburtshaus oder gar eine Hausgeburt ist für Risikoschwangere wie Frauen mit Diabetes tabu. Auf jeden Fall sollten sich die Eltern rechtzeitig um eine Klinik kümmern, die über ein Perinatalzentrum Level 1 oder 2 verfügt. In vielen Fällen geht alles gut, aber zur Not hat man hier die Sicherheit, das Neugeborene in Expertenhänden zu wissen.

Kontrolle auf Dauer

Nach Geburt des Kindes normalisieren sich die Blutzuckerwerte der Mutter in der Regel wieder. Allerdings entwickeln 35 bis 60 Prozent der Frauen in den zehn Jahren nach der Schwangerschaft einen manifesten Typ-2-Diabetes. Besonders gefährdet für diese Entwicklung sind Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft übergewichtig waren, solche, bei denen der Diabetes schon vor der 24. Schwangerschaftswoche auftrat, deren Ein-Stunden-Belastungstest größer oder gleich 200 mg/dl Glucose im Blut anzeigte, die eine Insulintherapie brauchten sowie Asiatinnen.

Stillen, Normalgewicht und Bewegung unterstützen gute Blutzuckerwerte. Der Arzt gibt außerdem vor, in welchen zeitlichen Abständen der Blutzucker kontrolliert wird, um einen sich anbahnenden Typ-2-Diabetes rechtzeitig zu erkennen. /