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Therapie grippaler Infekte

Vitamin C mit Fragezeichen

14.12.2015
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Von Verena Arzbach / Heiße Zitrone, Orangensaft und Kiwis gelten als Vitamin-C-Bomben und damit als bewährte Helfer, um Erkältungen vorzubeugen oder schnell wieder auf die Beine zu kommen. Was das Vitamin tatsächlich gegen grippale Infekte ausrichten kann, ist wissenschaftlich nicht genau geklärt.

Vitamin C ist im Körper vor allem als Radikalfänger und Antioxidationsmittel aktiv. Das heißt, es bindet die hochreaktiven Sauerstoffverbindungen, die im Körper etwa durch UV-Strahlung gebildet oder über Umweltgifte aufgenommen werden. Diese freien Radikale führen zu oxidativem Stress, der Zellschäden setzt und Alterungsprozesse vorantreibt. Sie spielen wahrscheinlich auch eine Rolle bei der Entstehung und Unterhaltung vieler Krankheiten, zum Beispiel bei Rheuma, Arteriosklerose oder Krebs. Vit­amin C wird im Körper auch für verschiedene Stoffwechselvorgänge gebraucht, zum Beispiel um Hormone zu bilden oder Nukleinsäuren zu reparieren. Zudem fördert das Vitamin die Aufnahme von Eisen im Darm und macht Nitrosamine aus Lebensmitteln unschädlich.

Dass der Mensch täglich genug ­Vitamin C aufnimmt, ist wichtig. Denn der Körper kann es weder selbst bilden noch in einem speziellen Speicher auf Vorrat halten. Laut dem Referenzwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung benötigen Erwachsene rund 100 mg Vitamin C pro Tag, Kinder je nach Alter zwischen 20 und 85 mg. Mit einer normalen, ausgewogenen Ernährung ist es meist kein Problem, diese Werte zu erreichen.

Mehr als genug

Meist nehmen Erwachsene und Kinder sogar mehr Ascorbinsäure auf, als sie benötigen. Ein Vitamin-C-Mangel kommt hierzulande daher so gut wie nie vor. Einen etwas erhöhten Bedarf an Vitamin C haben allerdings Schwangere, Stillende und Raucher. Sie sollten daher besonders darauf achten, dass sie genug Vitamin C zu sich nehmen. Gleiches gilt auch nach Krankheiten, Operationen, Infekten und bei Stress.

Ein Vitamin-C-Mangel äußert sich durch unspezifische Symptome wie ­Erschöpfung und Abgeschlagenheit. Der Betroffene fühlt sich müde und ist wenig leistungsfähig. Ein starker Mangel, den Mediziner als Skorbut bezeichnen, hat in westlichen Ländern heute kaum noch Bedeutung. Er kommt in der Regel nur noch bei Menschen aus Dritte-Welt-Ländern vor, die mangel­ernährt sind. Früher litten vor allem Seefahrer unter Skorbut, da sie lange Zeit ohne frische Lebensmittel auskommen mussten. Die Avitaminose äußer­te sich bei ihnen vor allem in Form flächiger Hauteinblutungen, vor allem an den Beinen, außerdem traten Schleimhautblutungen, Entzündungen und Schwellungen der Gelenke sowie Muskelschmerzen auf. Bei länger andauerndem Skorbut kann es zu einer Auszehrung, zunehmendem Kräfteverfall und Zahnverlust kommen.

Vitamin-C-Überdosierungen gibt es dagegen nicht. Vitamin C ist wasserlöslich und wird vom Körper wieder ausgeschieden, wenn es im Übermaß vorhanden ist. Allerdings: Hohe Vitamin-C-Dosen können Nierensteinen Vorschub leisten, zumindest laut einer schwedischen Studie mit mehr als 23 000 Männern. Bei Tagesdosen von 1 000 mg Vitamin C verdoppelte sich deren Risiko für Nierensteine. PTA und Apotheker sollten deshalb gerade Patienten, die bereits Nierensteine hatten, von einer hoch dosierten Vitamin-C-Zufuhr abraten.

Unklare Datenlage auch bei Zink

Zink gilt ebenso wie Vitamin C als wirksames Mittel zur Prophylaxe von Erkältungskrankheiten. Aber auch hier ist die Datenlage nicht überzeugend. Gemäß einer Cochrane-Analyse konnte Zink zwar die Dauer der Erkrankung signifikant um einen Tag verkürzen, wenn es innerhalb von 24 Stunden nach Beginn der Symptome eingenommen wurde. Die Schwere der Erkältungssymptome beeinflusste die Zink-Gabe aber nicht. Die Daten der Studien beziehen sich allerdings auf Zinkdosen von 75 mg oder mehr pro Tag – also weitaus mehr als normalerweise empfohlen wird. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät etwa zu einer täglichen Zufuhr von 7 mg (Frauen) bis 10 mg (Männer). Überdosierungen können etwa zu Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfällen führen. In den Studien berichteten auch viele Probanden über Übelkeit als Nebenwirkung, und auch der schlechte Geschmack der Zinkpräparate wurde oft kritisiert. Nutzen und Risiko einer Zink-Einnahme sind daher also fraglich. Eine prophylaktische Gabe wird aufgrund der uneinheitlichen Datenlage nicht empfohlen, schreiben die Autoren.

Virenbremse funktioniert nur im Labor

Welche Rolle Vitamin C als Nahrungsergänzung bei der Vorbeugung und Behandlung von Erkältungskrankheiten spielt, ist immer wieder Gegenstand von Untersuchungen. In Laborversuchen konnte Vitamin C zum Beispiel Rhinoviren erfolgreich an der Vermehrung hemmen und zeigte positive ­Effekte auf immunkompetente Zellen. Die klinische Studienlage ist weniger eindeutig. Die renommierte Cochrane Collaboration hatte im Jahr 2013 Studien sowohl zur prophylaktischen als auch zur therapeutischen Einnahme von mindestens 200 mg Vitamin C täglich bei Kindern und Erwachsenen analysiert. Ob eine Erkältung auftritt oder nicht, darauf hatte die Vitamin-C-Gabe keinen Einfluss. Nur Menschen, die über kurze Zeit körperlichem Stress ausgesetzt sind, etwa Marathonläufer und Skifahrer, profitierten in Studien von den Vitamin-C-Gaben. Bei ihnen halbierte sich das Risiko, an einem grippalen Infekt zu erkranken.

Allerdings hatte die vorbeugende Einnahme einen – wenn auch nur geringfügigen – Einfluss auf die Dauer der Erkrankung. Bei Erwachsenen, die über längere Zeit täglich Vitamin C substituierten, reduzierte sich die Dauer der Erkrankung um 8 Prozent. Bei einer Woche Erkältung sind die Betroffenen also höchstens einen halben Tag früher genesen. Bei Kindern war der Infekt immerhin um 14 Prozent verkürzt – bei einer Woche Erkältung heißt das also fast einen Tag früher gesund zu sein. Was die Beschwerden eines grippalen Infekts betrifft, war Vitamin C im Vorfeld eingenommen in der Lage, diese etwas zu mildern.

Therapeutisch hat die Einnahme von Vitamin C keinen Effekt. Beginnt man mit der Einnahme, wenn sich die Erkältung schon bemerkbar gemacht hat, beeinflusst Vitamin C weder die Dauer der Erkrankung noch die Schwere der Symptome. Immerhin war in den Studien die Einnahme von Vitamin C nicht mit mehr Nebenwirkungen assoziiert als Placebo.

Die Autoren der Cochrane-Analyse halten eine routinemäßige Vitamin-C-Supplementierung aufgrund der Ergebnisse für nicht gerechtfertigt. Da das Vitamin jedoch die Erkältungsdauer verkürzt und die Beschwerden etwas abmildern kann, wenn es prophylaktisch eingenommen wird, könnten Patienten selbst ausprobieren, ob eine Vitamin-C-Gabe ihnen hilft, schreiben die Forscher. Weitere Studien müssten allerdings folgen, um die Wirksamkeit von Vitamin C besser bewerten zu können.