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Supplemente in der Schwangerschaft

Von Anfang an gesund

14.12.2015
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Von Kornelija Franzen / Der Mehrbedarf an Vitaminen und Mineral­stoffen in der Schwangerschaft ist allein über die Ernährung kaum zu decken. Kritisch ist vor allem eine ausreichende Versorgung mit Folsäure und Jod. Die Frage ist daher nicht ob, sondern welche Supplemente PTA und Apotheker empfehlen sollten.

Mit der erfolgreichen Verschmelzung von Ei- und Samenzelle startet der ­Körper ein beeindruckendes Großprojekt: Das Wunderwerk Mensch beginnt. Es gilt, binnen 9 Monaten einen komplexen Organismus, bestehend aus Billionen von Zellen, neu zu erschaffen. Damit Zellteilungs- und Reifungsprozesse einwandfrei gelingen, benötigen sie neben Energie vor allem eines: Mikronährstoffe.

Doch welche Vitamine und Mineralstoffe sind besonders wichtig? Und vor allem: Wie sieht eine gesunde Ernährung in der Schwangerschaft aus? Eine gute Orientierungshilfe bietet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Sie rät Schwangeren zu einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Kost gemäß der DGE-Ernährungspyramide. Bevorzugt sollten pflanzliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte auf dem Speiseplan stehen, seltener tierische Erzeugnisse wie Fleisch, Eier und Milchprodukte. Im Fokus steht die Qualität und nicht die Quantität der Nahrungsmittel. Die Annahme, eine Schwangere müsse »für zwei essen« ist längst überholt. Tatsächlich steht man einer übermäßigen Gewichtszunahme heute kritisch gegenüber. Sie steigert das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen, darunter Gestationsdiabetes und Prä­eklampsie (Hypertonie, in Verbindung mit Proteinurie und Ödemen). Ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel sollten daher täglich maximal 250 kcal, ab dem dritten Trimenon 500 kcal zusätzlich aufgenommen werden.

Anders sieht es mit den benötigten Mikronährstoffen aus: Ihr Mehrbedarf steigt bereits mit dem ersten Schwangerschaftstag. Im Handel werden zahlreiche Kombinations- beziehungsweise Multivitaminpräparate (wie Orthomol® natal, Centrum® materna, Femibion® 1, 2) angeboten. Für viele Inhalts­stoffe ist ein zusätzlicher Nutzen bisher nicht belegt. Vitamine und Mineralstoffe, auf die es in der Schwangerschaft tatsächlich ankommt, werden im Folgenden besprochen.

Ein klares Ja zu Folsäure

Weil die Aufnahme über Nahrungsmittel meist mehr als ungenügend ist, empfiehlt die DGE Schwangeren, Folsäure zu supplementieren. Natürlich vorkommende Folate oder Folsäure, wie die synthetisch hergestellte Form genannt wird, sind unverzichtbar für Wachstums- und vor allem Zellteilungsprozesse des Körpers. Der Bedarf an Folsäure verdoppelt sich in der Schwangerschaft annähernd und wird mit etwa 550 µg pro Tag beziffert. Besonders während der Embryonalentwicklung spielt das Vitamin eine zentrale Rolle. Fehlt Folsäure in dieser frühen Phase, kann es zu schwerwiegenden Missbildungen des Wirbelsystems kommen. Neuralrohrdefekte wie Spina bifida (»offener Rücken«) können entstehen. Außerdem erhöht ein Mangel das Risiko für Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten und angeborene Herzfehler.

In Übereinstimmung mit dem ­Bundesinstitut für Risikobewertung und der DGE empfehlen Frauenärzte daher zusätzlich zu einer folatreichen Ernährung eine Supplementierung von 400 µg Folsäure/ Tag ab Kinderwunsch sowie in den ersten 12 Schwan­ger­schaftswochen. Eine Einnahme dar­über hinaus ist ratsam. Der Start der Einnahme schon vor der Empfängnis ist besonders dann anzuraten, wenn bisher mit den als »Folsäure-Räubern« bekannten hormonellen Kontrazeptiva verhütet wurde. Nicht selten empfehlen Mediziner ihren Patientinnen daher vorbereitend beziehungsweise in den ersten Schwangerschaftswochen 800 bis 1000 µg Folsäure täglich. Bei einer ungeplanten Empfängnis gewährleisten höhere Dosen ein schnelleres Anfluten des so dringend benötigten Vitamins. Eine Überdosierung ist aufgrund der Wasserlöslichkeit unwahrscheinlich. Man sollte allerdings wis­sen, dass erhöhte Folsäurespiegel einen Vitamin-B12-Mangel maskieren können. Folsäure und Vitamin B12 werden daher gerne in Form von Kombinationspräparaten angeboten.

Lebensmittel mit nennenswertem Folatgehalt sind grünes Blattgemüse (Spinat, Salat, Kohlsorten), Hefe, Hülsenfrüchte, Weizenkeime und Vollkornprodukte.

Struma vorbeugen

Etwa 30 Prozent der Deutschen sind unzureichend mit Iod versorgt. Das essenzielle Spurenelement wird für die Synthese der Schilddrüsenhormone Levothyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) benötigt. Während der embryonalen und fetalen Entwicklung sind Schilddrüsenhormone wesentlich an Wachstums– und Reifungsprozessen der Organe und Muskeln sowie des Nervensystems beteiligt. Ein Mangel kann gravierende körperliche und geistige Entwicklungsstörungen des Kindes nach sich ziehen und erhöht die Wahrscheinlichkeit für Früh- und Totgeburten.

Wird über einen längeren Zeitraum hinweg zu wenig Iod aufgenommen, versucht die Schilddrüse, das Defizit durch Größenzunahme zu kompensieren: Ein Jodmangelstruma (Kropf) ist die Folge. In der Schwangerschaft kann es aufgrund des erhöhten Bedarfs leicht zu einer solchen Unterversorgung kommen. Ursächlich für den Mehrbedarf sind vor allem ein gesteigerter Grundumsatz der Mutter sowie eine vermehrte Iodausscheidung über die Niere. Hinzu kommt, dass ab dem zweiten Trimenon die kindliche Schilddrüse selbst zu arbeiten beginnt. Auch sie muss fortan über den mütterlichen Kreislauf mit ausreichend Iod versorgt werden.

Die DGE empfiehlt werdenden Müttern von Anfang an eine Supplementierung von 100 bis 150 µg Iod/Tag. Wohlgemerkt: Der Gesamtbedarf liegt bei 230 bis 260 µg Iod/Tag. Eine ausreichende Versorgung wird nur erreicht, wenn zusätzlich auf die richtige Ernährung geachtet wird. Diese bein­haltet, regelmäßig Milch und Milchprodukte zu verzehren, mit jodiertem Speisesalz zu würzen und vor allem, zweimal wöchentlich Meeresfisch zu essen. Frauen, die bereits vor Beginn der Schwangerschaft an einer Funktionsstörung der Schilddrüse (vor allem bei Hyperthyreosen) leiden, sollten von der PTA zur Klärung des Iodbedarf an ihren Arzt verwiesen werden. Gegebenenfalls ist hier von einer Supplementierung über Nahrungsergänzungsmittel abzusehen.

Eisenspeicher füllen

Im Verlauf einer Schwangerschaft erhöht sich die Blutmenge um etwa 30 bis 40 Prozent. Ruft man sich in ­Erinnerung, dass das Zentralatom des Hämo­­globins Eisen ist, so lässt sich der Mehrbedarf dieses Spurenelements leicht nachvollziehen. In Zahlen ausgedrückt verdoppelt sich die benötigte Eisenmenge auf nunmehr 30 mg ­täglich.

Gute Eisenlieferanten sind neben Fleisch, Geflügel und Fisch vor allem auch Hülsenfrüchte, Haferflocken, Rote ­Beete und Vollkorn­pro­dukte. Zu beachten ist: Zwei­wertiges tierisches ­Hämeisen (Fe2+) wird leichter resorbiert als dreiwertiges pflanz­liches Nicht-Hämeisen (Fe3+). Ein guter Tipp zur Verbesserung der Eisenaufnahme aus Gemüse oder Getreide ist daher, Vitamin C als Reduktions­­mittel einzusetzen. Ein Spritzer Zitronensaft, frisches Obst als Nachtisch oder ein Glas Orangensaft macht pflanzliches Eisen verwertbarer.

Da der Eisenwert im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig kontrolliert wird, fällt ein Mangel rechtzeitig auf und kann nach Anraten des Arztes durch entsprechende Präparate ausgeglichen werden.

Vitamin D in bestimmten Fällen

Der positive Nutzen einer Vitamin-D-Supplementierung in der Schwangerschaft wird kontrovers diskutiert. ­Unstrittig ist seine Bedeutung für die Ausbildung eines gesunden Knochensystems. Allerdings deuten Studien­ergebnisse darauf hin, dass unphysiologisch hohe Dosen die Prävalenz für Nahrungsmittelallergien beim Kind fördern.

Das fettlösliche Vitamin D (Calciferol) kann nur zu einem geringen Teil über Lebensmittel (fetter Seefisch, ­Pilze, Eier) aufgenommen werden. Hauptsächlich wird es jedoch endogen in der Epidermis mithilfe von UV-B-Strahlen gebildet. Eine Schwangere benötigt täglich etwa 20 µg (800 IE) Vit­amin D. In einer Studie des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Gießen wiesen in den Wintermonaten 98 Prozent der untersuchten Schwangeren einen zu geringen Vit­amin-D-Spiegel auf. Daraus lässt sich die Notwendigkeit einer Supplementation während der Winterzeit ableiten. Auch im Sommer kann, wenn konsequent die Sonne gemieden wird, eine Ergänzung nötig sein.

Omega-3-Fettsäuren, darunter in erster Linie Docosahexaensäuren (DHA), spielen unter anderem eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Sehvermögens und des Gehirns. Um optimal versorgt zu sein, müssen täglich etwa 200 mg aufgenommen werden. Vorrangig finden sich Omega-3-Fettsäuren in Fischöl, aber auch in Lein-, Raps- und Walnussöl. Wird Fisch selten bis gar nicht verzehrt, sollten PTA und Apotheker unbedingt zu entsprechenden Ergänzungspräparaten raten.

Vegetarisch bis vegan

Empfehlungen zur Supplementierung von Mikronährstoffen basieren auf der Grundlage einer Ernährung durch Mischkost. Doch der Anteil vegetarisch oder gar vegan essender Schwangerer wächst. Was sollten PTA und Apotheker dann bei der Beratung beachten?

Eine ovolactovegetarische Kost deckt den Mehrbedarf der meisten Nährstoffe. Neben der generellen Empfehlung, Folsäure und Iod zu ergänzen, müssen schwangere Vegetarierinnen in erster Linie auf ihre Eisenwerte achten. Bei Verzicht auf Fisch sollten zudem Omega-3-Fettsäuren ergänzt werden.

Ganz anders verhält es sich bei einer streng veganen Ernährungsweise. Hier müssen zwingend zahlreiche Nährstoffe, darunter neben Vitaminen und Mi­kro­nährstoffen vor allem Proteine und Fette in Form von Kombinationspräparaten eingenommen werden. Andernfalls drohen ernsthafte gesundheit­liche Folgen für Mutter und Kind. Eine engmaschige Kontrolle und Beratung durch den Arzt ist hier Pflicht. /

Supplementierung generell empfohlen
Mikronährstofftäglicher BedarfPräparatebeispiel
Folsäure400-800 μg / TagFolio® jodfrei (400μg Folsäure, Vit B12)
Folio® forte jodfrei (800μg Folsäure, Vit B12)
Folsan®
Jod100–150 μg / Tag
(cave: Schilddrüsen­vorerkrankung)
Jodetten®
Jodid®
Folio® (+ Folsäure, Vit B12)
Supplementierung im Bedarfsfall
Mikronährstofftäglicher BedarfPräparatebeispiel
Eisenbis zu 30 μg / Tag
bei diagnostiziertem Eisenmangel
Eryfer®100
ferro sanol®
Vitamin D10–20 μg (400–800 IE) / Tag
bei fehlender Sonnenexposition
Vigantoletten®
Vitamin D3 Hevert
Folio® +D3
Omega-3-Fettsäuren (DHA200mg/Tag
bei fehlendem Fischkonsum
Eicosan® 750 Omega-3-Konzentrat