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Spannungskopfschmerz

Beratung zur Selbstmedikation

12.12.2016
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Von Maria Pues / Mediziner bezeichnen mit dem Begriff Spannungskopfschmerz, was Patienten meist »ganz normale Kopfschmerzen« nennen. In der Regel ist Spannungskopfschmerz ein weitgehend harmloser Schmerz, der Betroffene weniger stark beeinträchtig als eine Migräneattacke und der sich zumeist im Rahmen der Selbstmedikation gut behandeln lässt. Für PTA und Apotheker gibt es in der Beratung einige Punkte zu beachten.

Im Beratungsgespräch ist zunächst die Eigendiagnose des Patienten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. So handelt es sich laut International Headache ­Society (IHS) mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Spannungskopfschmerz, wenn der Schmerz

  • den ganzen Kopf betrifft und nicht nur einseitig auftritt,
  • zwischen 30 Minuten und 7 Tage andauert,
  • sich dumpf-drückend anfühlt, aber nicht pulsierend,
  • von leichter bis mittlerer Intensität ist und
  • sich bei leichten körperlichen Aktivitäten wie Gehen oder Treppensteigen nicht verstärkt.

 

Eine Übelkeit oder der Hang, sich übergeben zu müssen, ist dagegen in Abgrenzung zu einer Migräne nicht vorhanden. Eine Licht- oder Lärm-Überempfindlichkeit kann auftreten, nicht jedoch beides zusammen.

Die genauen Ursachen des Spannungskopfschmerzes sind noch nicht vollständig geklärt. Häufig entstehen sie infolge von Reizungen schmerzempfindlicher Strukturen des Kopfes, zum Beispiel der Hirnhäute, -gefäße und/oder -nerven. Oft spielen Stress und Verspannungen der Muskulatur etwa des Nackens eine Rolle.

Die Kopfschmerzen können als ­primärer oder als sekundärer Spannungskopfschmerz auftreten. Primärer Kopfschmerz tritt ohne erkennbare ­Ursache auf, sekundäre Formen sind Folge anderer Erkrankungen, für die sie mitunter als Warnzeichen fungieren können.

Bei Verdacht auf einen sekundären Kopfschmerz sollten PTA und Apotheker dem Patienten daher zu einem Arztbesuch raten, damit die Grunderkrankung diagnostiziert und behandelt werden kann. Auch bei bestimmten zusätzlichen Symptomen (siehe Kasten) ist dem Patienten ein sofortiger Arztbesuch anzuraten.

Schmerz als Nebenwirkung

Aber auch Pharmakotherapien können mit Kopfschmerz einhergehen. Dazu gehört zum Beispiel häufig die Behandlung eines hohen Blutdrucks mit Antihypertensiva; sinkt der Blutdruck wunschgemäß, kann dies vor allem zu Beginn der Therapie Kopfschmerz ­induzieren. Diese legen sich im weiteren Verlauf der Therapie jedoch meist wieder, wenn der Körper sich an den gesünderen niedrigeren Blutdruck gewöhnt hat. Auch Nitrate, die etwa zur Erweiterung verengter Herzkranzge­fäße eingesetzt werden, können zu Kopfschmerz führen (»Nitratkopfschmerz«), wenn sich neben den Koronargefäßen auch Blutgefäße im Gehirn erweitern. Nicht zuletzt kann auch ein Übergebrauch von Schmerzmitteln zu Kopfschmerzen führen (»Analgetika-Kopfschmerz«).

Die medizinischen Fachgesellschaften unterscheiden außerdem einen episodischen (weniger als 180 Tage im Jahr) und einen chronischen Spannungskopfschmerz. Der episodische Spannungskopfschmerz gliedert sich wiederum in einen sporadischen (vereinzelt auftretenden) und einen häufigen. In der Selbstmedikation sollte nur ein episodischer Spannungskopfschmerz behandelt werden. Von einem chronischen Spannungskopfschmerz spricht man, wenn die Beschwerden an mindestens 15 Tagen pro Monat über mindestens sechs Monate auftreten. Dieser sollte stets ärztlich behandelt werden.

Evidenzbasiert therapieren

Zur Orientierung, welche Arzneimittel in der wissenschaftlich untermauerten Selbstmedikation zur Verfügung ­stehen, liefern die gemeinsamen Empfehlungen der Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur evidenzbasierten Selbstmedikation bei Migräne und episodischem Spannungskopschmerz wich­tige Informationen. Danach bilden sechs Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen die Mittel der ersten Wahl.

5 Fragen der Beratung

Um die Eigendiagnose des Patienten zu hinterfragen, eignen sich im Beratungsgespräch folgende fünf Fragen:

  • Seit wann besteht der Kopfschmerz? Tritt er häufiger auf?
  • Schmerzt der gesamte Kopf oder nur eine Seite?
  • Ist es ein drückender oder ein pochender Schmerz?
  • Gibt es Begleiterscheinungen wie Übelkeit oder andere?
  • Welche Arzneimittel verwendet der Patient wie lange?

Eine hervorgehobene Empfehlung geben sie für die Kombination aus Acetylsalicylsäure (ASS) 250 bis 265 mg, Paracetamol 200 bis 265 mg plus Coffein 50 bis 65 mg, wobei zwei Tabletten notwendig sind. Diese Kombination schnitt in Sachen wissenschaftlicher Evidenz, Wirksamkeit und Verträglichkeit am besten ab. Ebenfalls als wirksam und gut verträglich erwiesen sich Ibuprofen 400 mg sowie zwei Tabletten der Kombination aus Paracetamol 500 mg und Coffein 65 mg. Allerdings sind diese wissenschaftlich weniger gut belegt als die Dreifach-Kombi. Ebenfalls als Mittel der ersten Wahl wurden Acetylsalicylsäure 1000 mg und Diclofenac 25 mg eingestuft, allerdings mit Abstrichen bei der Verträglichkeit. ­Paracetamol 1000 mg gilt als Mittel der zweiten Wahl. Nur in Einzelfällen sollten Phenazon, Propyphenazon oder Naproxen zum Einsatz kommen. Aber: Haben Patienten mit einem Wirkstoff beziehungsweise einer Wirkstoffkombination mit geringer Evidenzlage gute Erfahrungen hinsichtlich Wirkung und Verträglichkeit gemacht, sollten sie die Therapie nicht wechseln, rät die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).

Für Patienten, die keine Schmerzmittel einnehmen möchten oder dürfen, kann eine Zubereitung mit Minzöl eine Alternative für die Linderung ihrer ­Beschwerden darstellen. Das äußerlich anzuwendende Arzneimittel ist zugelassen zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Spannungskopfschmerzen.

Für und Wider

Verträglichkeit und mögliche Wechselwirkungen sind neben der Wirksamkeit wichtige Stichworte, wenn es um die Auswahl eines Arzneimittels für einen bestimmten Patienten geht. Hier können nur einige wichtige Aspekte an­geführt werden, über weitere informieren die Fachinformationen.

So wirkt Acetylsalicylsäure nicht nur schmerzlindernd und entzündungshemmend, sondern hemmt auch die Blutgerinnung. Patienten, die bereits gerinnungshemmende Mittel einnehmen, sollten daher keine Acetylsalicylsäure einnehmen, da sich dann die gerinnungshemmenden Effekte addieren können. Zudem kann die blutverdünnende Wirkung des Analgetikums noch vier bis acht Tage nach der Einnahme anhalten. So würde ein anstehender Zahnarzttermin gegen Acetylsalicylsäure bei Spannungskopfschmerz ­sprechen. Aber auch wer bereits Pro­bleme mit Magen und Darm hat, sollte besser keine Acetylsalicylsäure ein­nehmen, denn Patienten reagieren häufig mit Magen-Darm-Beschwerden wie mit Sodbrennen, Bauchschmerzen oder Übelkeit. Auch Magen-Darm-­Blutungen können auftreten.

Wer bereits Acetylsalicylsäure zur Blutverdünnung nimmt, muss hingegen bei der Anwendung von Ibuprofen einiges beachten, denn die Einnahmezeitpunkte der beiden Arzneimittel entscheiden über die Wechselwirkung. Die besteht jedoch nicht – wie man vielleicht erwarten würde – in einer Zunahme der Blutungsneigung, da beide Wirkstoffe einen ähnlichen Wirk­mechanismus aufweisen. Vielmehr kann Ibuprofen die blutverdünnende Wirkung der Acetylsalicylsäure herabsetzen, wenn es zuerst eingenommen wird. Der Grund: Ibuprofen blockiert, wenn es kurz zuvor eingenommen wird, reversibel die Bindungsstelle an der Cyclooxynase I, die auch Acetyl­salicylsäure benötigt, um wirken zu können. Wird Ibuprofen zwei Stunden später eingenommen, kommt es nicht zu dieser Wechselwirkung. Obwohl auch Diclofenac wie Ibuprofen zu den NSAR gehört, wurde diese Wechselwirkung hier noch nicht beobachtet.

Die Fachinformationen Paracet­amol-haltiger Arzneimittel warnen vor allem vor der Gefahr einer Überdosierung. So kann ein Abbauprodukt des Paracetamols, das N-Acetyl-p-benzochinonimin, dosisabhängig das Lebergewebe irreversibel schädigen. In den gebräuchlichen Dosierungen und bei gesunder Leber wird es durch Glutathion entgiftet. Sind die Glutathion-Speicher jedoch erschöpft, kann das Abbauprodukt seine schädigende ­Wirkung entfalten. Auch manche Patientengruppen, die möglicherweise niedrigere Glutathion-Speicher haben als Gesunde, sollten Paracetamol nur mit Bedacht einnehmen. Dazu gehören Patienten mit der Stoffwechselstörung Morbus Meulengracht, aber potenziell auch Patienten mit Diabetes mellitus oder Menschen mit Down-Syndrom.

Schmerz durch Therapie

Mit OTC-Analgetika lassen sich Spannungskopfschmerzen meist schnell und zuverlässig lindern. Doch sollte diese Arzneimittel nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als zehn Tage im Monat eingenommen werden. Andernfalls besteht die ­Gefahr, dass das schmerzlindernde Medikament selbst zur Ursache von Schmerzen wird, dem sogenannten Medikamenten- oder Übergebrauchs-Kopfschmerz. Wie häufig dieser in der Bevölkerung auftritt, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von einem Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus. Um dem Teufelskreis aus Analgetika-Einnahme und Analgetika-Kopfschmerz zu entkommen, ist eine ärz­tliche Behandlung erforderlich. Diese kann je nach Patient und Symptomatik ambulant, in einer Tagesklinik oder sta­tionär erfolgen.

Der Medikamenten-Kopfschmerz bringt PTA und Apotheker mitunter in eine schwierige Situation. Eine Verweigerung der Abgabe des Schmerzmittels würde vermutlich die meisten Betroffenen dazu verleiten, sich andernorts mit dem Gewünschten zu versorgen. Damit sie ihre Schmerzen in den Griff bekommen können, reicht jedoch eine Selbstmedikation offensichtlich nicht aus – auch wenn die Betroffenen dies aufgrund kurzzeitiger Besserungen möglicherweise anders beurteilen. Langfristig ist eine Therapie durch einen Arzt sicherlich der erfolgversprechendere Weg, auf den Betroffene jedoch meist ebenso sanft wie beharrlich immer wieder hingewiesen werden müssen. Ein gutes Vertrauensver­hältnis zwischen Apothekenteam und Patient spielt dabei eine große Rolle.

Knoten lösen

In der Behandlung des chronischen Spannungskopfschmerzes durch den Arzt übernehmen neben einer Pharmakotherapie vor allem Entspannungsverfahren eine tragende Rolle. Sie tragen dazu bei, dass Muskelverspannungen – und in ihrer Folge der Kopfschmerz – möglichst gar nicht erst entstehen.

Als nicht medikamentöse Zusatzempfehlung eignen Entspannungs­verfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training oder Yoga sich aber auch für Patienten, die nicht unter ­einem chronischen Spannungskopfschmerz leiden, sondern unter häu­figen episodischen Spannungskopfschmerzen. Regelmäßig angewendet, helfen sie, in Stress-Situationen gar nicht erst hineinzugeraten, und ­beugen einem erhöhten Muskeltonus vor.

Ein Kopfschmerz-Tagebuch kann zudem helfen, dem Kopfschmerz auf den Grund zu gehen – besonders wenn ­Patienten häufiger daran leiden und/oder wenn sie über wechselnde Symptome und Begleiterscheinungen berichten. So schließen sich Spannungs- und Migränekopfschmerz nicht gegenseitig aus: Wenn ein Migräniker an Kopfschmerzen leidet, muss es sich nicht um eine Migräne-Attacke handeln, auch andere Kopfschmerzformen kommen infrage. Eine Dokumentation kann – nicht zuletzt auch für den Besuch beim Arzt – wertvolle Hinweise leisten und dem Betroffenen helfen, seinen Kopfschmerz zu charakterisieren. /

Zum Arzt, wenn die Kopfschmerzen…

  • an mehr als zehn Tagen pro Monat auftreten
  • mit weiteren Symptomen einhergehen, zum Beispiel Lähmungen, Gefühls-, Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen oder starkem Schwindel
  • mit akuten psychischen Störungen einhergehen, zum Beispiel Störungen des Kurzzeitgedächtnisses oder der Orientierung
  • zum ersten Mal im Alter von über 40 Jahren auftreten
  • stärker sind, länger andauern oder anders lokalisiert sind als üblich
  • erstmals nach körperlicher Belastung auftreten und/oder sehr stark sind und in den Nacken ausstrahlen
  • zusammen mit hohem Fieber auftreten
  • nach einer Kopfverletzung, zum Beispiel einem Sturz, auftreten
  • trotz Behandlung zunehmen
  • zusammen mit einem epileptischen Anfall und Bewusstlosigkeit auftreten
  • nicht auf die Arzneimittel ansprechen, die zuvor immer geholfen haben.

 

Quelle: Selbstmedikation bei Migräne und beim Kopfschmerz vom Spannungstyp, Evidenzbasierte Empfehlungen der Deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG)