PTA-Forum online
Leukämien

Längst kein Todesurteil mehr

12.12.2016  11:33 Uhr

Von Barbara Erbe / Jahr für Jahr erkranken in Deutschland rund 11 000 Menschen neu an Leukämie, teilt das Kompetenznetz Leukämien mit. Die vom Volksmund auch Blutkrebs genannte Erkrankung bezeichnet das unkontrollierte Wachstum unreifer Blutkörperchen bei der Blutbildung. Die Aussichten auf einen Behandlungserfolg haben sich in den vergangenen Jahren verbessert. Ein Überblick.

Gemeinsam ist allen Leukämiearten, dass im Knochenmark zu viele, meist unreife und nicht funktionsfähige ­weiße Blutzellen entstehen. Diese tummeln und akkumulieren sich im Blut. Von dort aus können sie alle anderen Körper­organe erreichen. Ein Verdacht auf Leukämie besteht, wenn ein Mikroliter Blut mehr als 10 000 Leukozyten enthält. Die Bezeichnung Leukämie ­leitet sich von den griechischen Worten »leukos« (weiß) und »haima« (Blut) ab und bedeutet »weißes Blut«.

Die wichtigste Unterscheidung, die Onkologen zwischen Leukämien beziehungsweise hämatologischen Erkrankungen treffen, ist die zwischen akuten und chronischen Leukämien, betont Professor Dr. Arnold Ganser, Internist, Hämatologe und internistischer Onkologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, im Gespräch mit PTA-Forum. »Akute Leukämien können in jedem ­Lebensalter auftreten. Sie zeichnen sich durch einen plötzlichen Beginn schwerer Krankheitssymptome aus und müssen sofort behandelt werden. Chronische Leukämien gibt es fast nur bei Erwachsenen, und sie verlaufen eher schleichend.«

Eine weitere grundlegende Unterscheidung ist die zwischen myelo­ischen und lymphatischen Leukämien – also zwischen Leukämien, die von den Vorstufen der roten Blutkörperchen (Erythrozyten), Blutplättchen (Thrombozyten), Granulozyten und Monozyten ausgehen (myeloische Leukämien), und solchen, die aus Vorstufen der vor allem für die Immunabwehr zuständigen Lymphozyten entstehen (lymphatische Leukämien). Dazu hilft es, sich den Prozess der Blutbildung zu vergegenwärtigen.

Blasten als Bremser

Alle Blutzellen gehen aus der schrittweisen Teilung und ­Reifung (Differenzierung) einer gemeinsamen Stammzelle im Knochenmark hervor. Eine Leukämie entsteht, wenn aufgrund einer Mutation im Erbmaterial eine unreife Zelle in einem frühen Stadium der Blutbildung entartet.

Die Folge: Ihr normaler Reifeprozess bricht ab, sie teilt und vermehrt sich fortan unkontrolliert weiter. Daneben kommt es zum Verlust diverser Reparatur- und Kontroll­mechanismen. Dadurch entstehen über die Zeit Milliarden weiterer funktionsuntüchtiger Zellen, die ihre eigentliche Aufgabe im Körper nicht wahrnehmen können. Diese so genannten leukämischen Blasten, stabiler und sich schneller vermehrend als gesunde Zellen, ­reichern sich im Knochenmark an und verdrängen dort die gesunden Zellen. Eine normale Blutbildung ist so nicht mehr möglich.

Während die Zahl funktionstüchtiger Blutzellen sinkt, steigt die Infektionsgefahr der Patienten sowie das ­Risiko von Anämien oder Blutungen. Da­rüber hinaus können sich Blasten aus dem Knochenmark über den Blutkreislauf prinzipiell auf alle Organe des Körpers ausbreiten. Folgen können Vergrößerungen von Lymphknoten, Milz oder Leber sein, ebenso ­Störungen der Nieren- oder Leberfunktion und bei Befall des Gehirns auch neurologische Veränderungen.

Sammelbegriff Leukämie

Fachleute ergänzen die Einteilung in myeloisch oder lymphatisch sowie akut oder chronisch zwar je nach Erbsub­stanz der Leukämiezellen auch noch durch viele weitere Details. Doch als Hauptformen der Krankheit gelten diese vier: akute myeloische Leukämie (AML), akute lymphatische Leukämie (ALL), chronische myeloische Leukämie (CML) und chronische lymphatische Leukämie (CLL).

Für den Verlauf, die Prognose und das Ansprechen auf die Therapie ist es entscheidend, welcher Subtyp der Leukämie vorliegt. Und davon gibt es unzählig viele. Vor 40 Jahren kam die Diagnose Leu­kämie einem Todesurteil gleich. Heute geht man davon aus, dass etwa 70 bis 80 Prozent der kindlichen Leukämien geheilt werden können, bei Erwachsenen ist die Prognose etwas schlechter, heißt es beim Kompetenznetz Leukämien.

Am weitesten vorangeschritten ist die Forschung bei der chronisch myelo­ischen Leukämie. Sie wird jährlich im Durchschnitt nur bei 1 bis 2 von 100 000 Menschen neu diagnos­tiziert. Meist sind Patienten zwischen 50 und 60 Jahren ­betroffen – Männer etwas häufiger als Frauen.

»Noch vor 15 Jahren wurden vielen dieser Patienten Stammzellen transplantiert«, informiert Ganser. Heute wisse man jedoch, dass der Verursacher ein einziges fehlerhaftes Chromosom ist. Wird das Tumorgen mit einem Hemmstoff gezielt ausgeschaltet, hat das Auswirkungen auf das Krebswachstum. »Die sogenannten Tyrosinkinasehemmer wirken so gezielt gegen Blutkrebszellen, dass sie im Vergleich zur Chemotherapie kaum Nebenwirkungen haben.« Mit diesen Medikamenten werde diese Form der Leukämie zu ­einer gut beherrschbaren Krankheit mit einem nahezu normalen Alltag – vorausgesetzt der Körper zeigt keine Resistenzen gegenüber den Tyrosin­kinasehemmern. »Es sieht momentan sogar so aus, dass jeder vierte Patient die Medikamente nach mehrjähriger Einnahme wieder ab­setzen kann, ohne dass es zu einem Rückfall kommt«, stellte Ganser in Aussicht.

Von der chronischen lymphatischen Leukämie sind vor allem ältere Menschen um die 75 Jahre betroffen. Da die Krankheit sehr langsam voranschreitet, entwickeln viele Patienten zunächst kaum Unregelmäßigkeiten im Blutbild oder Krankheitssymptome und bedürfen anfangs auch noch keiner Behandlung (Watch-and-wait-Strategie).

Standardtherapie bei dieser Leukämieform ist die Chemotherapie in Form von Tabletten oder Infusionen, gelegentlich ergänzt um eine Strahlentherapie. Der Antikörper Rituximab ergänzt in vielen Fällen die Therapie. »Dieser Antikörper richtet sich gegen eine Struktur auf der Oberfläche der CLL-Zellen«, erläutert der Experte. »Insgesamt ist die Prognose für CLL-Patienten dank neuer Arzneistoffe deutlich besser geworden.« Auch wenn man so weit wie bei der CML bei allen anderen Leukämiearten noch nicht gekommen ist.

Schnell handeln

Weitaus bedrohlicher als die chronischen Formen der Leukämie sind indes die akuten Erkrankungen. Die akute myeloische Variante, besonders komplex und bösartig, ist mit rund 3000 Neuerkrankungen pro Jahr eine der häufigeren Leukämie-Erkrankungen in Deutschland. Anders als die ­akute lymphatische Variante, die vor allem bei Kindern auftritt, bricht sie eher im Alter aus – etwa die Hälfte der Patienten ist über 70 Jahre.

Die Therapie der AML sollte sobald wie möglich beginnen. Bereits eine Therapieverzögerung von fünf Tagen verschlechtert bei Patienten unter 60 Jahren die Prognose und die Therapieergebnisse deutlich. Bleibt die AML unbehandelt, führt sie innerhalb von wenigen Wochen zum Tod.

Zwar haben sich die Überlebenschancen bei rechtzeitigem Therapie­beginn in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Dennoch ist eine Heilung bislang eher die Ausnahme. Der ehemalige Außenminister Deutschlands, Guido Westerwelle, erlag Anfang dieses Jahres dieser akuten hämatologischen Erkrankung. Für die AML wurden bislang rund 80 verschiedene Mutationen beschrieben. Das macht eine Prognose für den Behandlungsverlauf nahezu unmöglich.

Akute Leukämien erfordern eine so­fortige und sehr intensive chemo­therapeutische Behandlung. Um die größtmögliche Wirkung gegen die Leukämiezellen zu erzielen, werden Kombinationen verschiedenartig ­wirkender Zytostatika eingesetzt. Ziel ist es, den größten Teil der Leukämiezellen zu zerstören und damit ein Verschwinden der Krankheitssymptome zu erreichen ­(Remission). Deshalb erhalten AML-­Patienten in der Regel stationär eine Induktions-, eine Konsolidierungs- und eine mehrjährige Erhaltungstherapie.

Nur wenn ein hohes Risiko für einen Rückfall besteht oder die Chemotherapie nicht ausreichend anschlägt, kommt eine Stammzellentransplan­tation infrage, erklärt Ganser. Dabei werden dem Patienten Blutstamm­zellen eines passenden Spenders (allogen) oder seltener des Patienten selbst (autolog) transplantiert. Zuvor muss das gesamte blutbildende System des Patienten durch eine Chemo- oder ­Bestrahlungstherapie weitgehend zerstört werden. »Diese enorme Be­lastung riskieren wir nur, wenn die Heilungschancen mit Transplantation mindestens 10 Prozent höher liegen als ohne, und wenn uns der Patient im Hinblick auf Alter und Allgemeinzustand stabil genug erscheint.«

Die akute lymphatische Leukämie schließlich kann mit etwa 1,1 Neudiagnosen pro 100 000 Einwohner jährlich alle Altersgruppen betreffen, ist aber am häufigsten bei Kindern unter 5 Jahren (5,3 Fälle pro 100 000 Einwohner pro Jahr). Jede zweite Krebsdiagnose bei Kindern lautet ALL, betont Ganser. Studien belegen, dass die Heilungschancen bei akuter lymphatischer Leukämie individuell stark schwanken und nicht nur von Alter und Allgemein­zustand der Patienten abhängen, sondern auch von der Anzahl der weißen Blutkörperchen bei der Diagnose. Dank intensiver Kombinationschemotherapien liegen »die Heilungschancen bei Kindern bei etwa 75 bis 90 Prozent, bei Erwachsenen entsprechend niedriger«, so Ganser. /

Leukämie – und dann?

Leukämie ist ein Sammelbegriff für eine ganze Gruppe von Blutkrebs-Varianten. Für den Verlauf, das Ansprechen auf die Therapie und die Prognose ist nicht nur entscheidend, welche Variante der vier Leukämie-Hauptgruppen, sondern auch welcher Subtyp vorliegt. So sind für die AML bislang rund 80 Mutationen beschrieben. Als Hauptformen gelten folgende vier:

  • akute myeloische Leukämie (AML)
  • akute lymphatische Leukämie (ALL)
  • chronisch myeloische Leukämie (CML)
  • chronische lymphatische Leukämie (CLL)


Die besten Überlebenschancen haben derzeit Patienten mit einer ­CML. Mit der Entwicklung der Tyrosin­kinase­hemmer wie Imatinib ist diese Form der Leukämie zu einer gut beherrschbaren Krankheit geworden. Bei den anderen Leukämieformen sind die Forscher längst noch nicht soweit. Eine gezielte Arzneimitteltherapie ist derzeit nicht möglich. Chemo- und Bestrahlungstherapien genauso wie die Transplanta­tion von Knochenmarkstammzellen sind eher ungerichtet.