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Intimpflege

Lieber weniger als mehr

12.12.2016
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Von Elke Wolf / Die vaginale Mikroflora gleicht einem fein austarierten Ökosystem. Eine übertriebene Genitalhygiene wirkt wie ein Störfaktor. Sie bringt nicht nur das physiologische Gleichgewicht durcheinander, sondern begünstigt Vaginal- und Harnwegsinfektionen. Eine wohldosierte Intimpflege sorgt für Wohlbefinden.

Die Vagina ist bakteriell dicht besiedelt. Hauptbewohner sind Laktobazillen, nach ihrem Entdecker auch Döderlein-Bakterien genannt. Der entscheidende Mechanismus, der verhindert, dass pathogene Keime die Scheide über­wuchern, ist das durch Estrogen geschaffene Milieu. Unter seinem Einfluss wird in den Plattenepithelien der Scheidenschleimhaut Glykogen gebildet. Dieses verstoffwechseln die Laktobazillen zu Milchsäure (Laktat), was den pH-Wert in den sauren Bereich (etwa pH 3,8 bis 4,4) sinken lässt.

Den Laktobazillen kommt eine dreifache Aufgabe zu: Sie veranlassen die Zytolyse der abgeschilferten Ober­flächenepithelzellen, die Freisetzung von Zucker und die Milchsäurebildung aus Dextrose und Maltose. Da das ­Vorkommen der Laktobakterien estrogenabhängig ist, ist ihre Konzentration in der Kindheit und ab den Wechsel­jahren vermindert.

Zwar überwiegen die Laktobazillen bei Weitem, doch findet man auch fakultativ pathogene Mikroorganismen wie Streptokokken, Staphylokokken oder Mycoplasmen, seltener auch Pilzsporen, allerdings nur in sehr geringer Anzahl. Es gilt: Eine Scheidenent­zündung liegt weniger an einem ver­änderten Keimspektrum als an einer veränderten Keimzahl in der Vagina.

Allerdings ist es nicht der niedrige pH-Wert per se, der Keimstämme in Schach hält, sondern die durch das saure Milieu ermöglichte Bereitstellung von Stickstoffmonoxid (NO). NO wirkt bakterizid und viruzid, indem es die Zellmembranen von Bakterien und die Proteinhüllen von Viren fragmentiert.

Mild reinigen

Um die physiologische Vaginalflora möglichst zu erhalten, genügt es, die Genitalregion mit lauwarmem Wasser oder milden Waschlotionen, die auf das Milieu des Intimbereichs abgestimmt sind, zu reinigen (wie Canesten® GYN Sensicare Intimwaschpflege, Vagisan® Intimwaschlotion, Sebamed® Intimwaschlotion). Auch eine pH-Wert an­gepasste Produktserie mit Kräuter­extrakten (Sagella® Intimpflege) ist im Handel. Bei Frauen ändert sich in Abhängigkeit des Hormonspiegels be­ziehungsweise der Lebensphase der pH-Wert im Intimbereich: Während er vor der Pubertät bei etwa 7 liegt, sinkt er in der Pubertät nach und nach auf etwa 5, um mit der Geschlechtsreife ­einen Wert zwischen 4 und 5 einzunehmen. Mit Erreichen der Menopause steigt der pH-Wert wieder auf 7 an.

Aus hygienischen Gründen dazu am besten nur die Hände oder einen Einmalwaschlappen verwenden. Dabei sollte sich die Frau nicht in der Scheide säubern, sondern nur die äußeren und inneren Schamlippen, also die Region zur Scheide hin. Der Mann sollte darauf achten, dass sich das sogenannte Smegma, bestehend aus Talgresten und abgeschilferten oberflächlichen Hautzellen, unter der Vorhaut nicht bildet, indem er bei der Reinigung die Vorhaut der Eichel zurückzieht. Nach dem Waschen sorgfältig abtrocknen.

Alkalische Seifen, Duschgele mit ­aggressiven oder entfettenden Waschsubstanzen, Intimsprays oder Scheidenspülungen (nur nach ärztlicher ­Verordnung!) sind tabu. Sie strapa­zieren das natürliche Hautmilieu und entziehen der Haut im Genitalbereich Fett. Intimtücher, also Vliestücher aus Zellstoff oder Mischgewebe, die mit wässrigen Lösungen bakterizider Wirkstoffe, Parfümölen und Milchsäure getränkt sind, am besten nur unterwegs verwenden.

Pflegen und beruhigen

Um die natürliche Fettschicht wieder aufzubauen beziehungsweise um ­gereizte, trockene Haut zu beruhigen, helfen spezielle Salben und Cremes mit pflegenden Lipiden (wie Deumavan® Salbe, Dexeryl®, Remifemin® Feuchtcreme). Das Fetten der Haut ergänzt oder ersetzt die natürliche Talgpro­duktion, gibt der Haut den benötigten Schutzfilm rasch zurück und hilft ihr, sich zu regenerieren. Auch wenn die Schleimhaut nach einer Vaginalmykose angegriffen ist, benötigt sie eher eine zusätzliche Pflege etwa mit Glycerin-Vaseline-Zubereitungen als Milchsäure. Bei der Intimpflege kann auch der Damm und der Analbereich mit einbezogen werden.

Infektionen vorbeugen

Die Übergänge zwischen der gewöhnlichen Intimpflege und einer ­medizinischen Therapie sind mitunter ­fließend. So zum Beispiel in den Wechseljahren. Der Estrogenspiegel ist verantwortlich für den Zustand der Scheidenhaut. Sinkt er in den Wechseljahren ab, wird die Schleimhaut trocken und juckt. Lokal wirksame Estriol/­Estradiol-enthaltene Cremes, Zäpfchen oder Ovula (wie Oekolp®, Ovestin®-Ovula und Creme, Linoladiol® N Creme) bringen Linderung.

So banal es klingt: Die richtige »Wischtechnik« nach dem Toilettengang ist essenziell. Die richtige Reinigung nach dem Stuhlgang von vorne nach hinten minimiert das Risiko einer Schmier­infektion deutlich. Denn so werden etwa Harnwegsinfektionen in neun von zehn Fällen von den eigenen Escherichia-coli-Stämmen ausgelöst, wenn diese vom Darm über die Haut im Analbereich in die Harnröhre und von dort weiter in die Blase gelangen.

Waschlappen, Handtücher und Slips sollten täglich gewechselt und bei mindestens 60° Grad Celsius mit einem Vollwaschmittel gereinigt werden. Wer ganz sichergehen möchte, kann dem Spülgang einen speziellen Wäsche­spüler (wie Canesten® Hygiene Wäschespüler) zusetzen. Synthetische ­Fasern haben im Intimbereich nichts zu suchen: Unterwäsche aus Kunstfaser, Binden und Slip-Einlagen mit Kunststoff-Folie und auch Nylon-Strumpf­hosen können keinen Schweiß aufsaugen und fördern damit einen Wärme- und Feuchtigkeitsstau. Lieber Baumwollunterwäsche tragen.

Auch Scheidendiaphragmen und lokale Spermizide können die physiologische Abwehrfunktion der Vagina aus dem Gleichgewicht bringen. Eventuell ist der Wechsel des oralen Kontrazeptivums angebracht, wenn sich das Scheidenmilieu zum Negativen hin wendet.

Der Aufenthalt im Schwimmbad­becken sollte nicht allzu lang ausgedehnt werden. Der hohe Chlorgehalt des Wassers setzt dem Scheidenmilieu ordentlich zu. Nach dem Schwimmen sollte man sich gut abtrocknen und sich schnell vom nassen Badeanzug befreien. Das beugt übrigens auch Harnwegsinfektionen vor. Und auch Dampfbäder und öffentliche, nicht aus­reichend desinfizierte Whirlpools sollten gemieden werden, denn hier herrscht ein ideales fecht-warmes ­Klima für Keime aller Art.

Die Haarentfernung in der Bikini­zone mag zwar in sein. Doch egal ob man den Schamhaaren mit Enthaarungscremes, Wachsstreifen, Epiliergerät oder Nassrasierer zu Leibe rückt: In jedem Fall wird die empfindlich dünne Haut im Intimbereich auf eine Belastungsprobe gestellt, und zwar sowohl mechanisch als auch chemisch durch die enthaltenen Substanzen. Enthaa­­rungscremes und -schäume sollte man zuvor an einer kleinen Hautstelle auf ihr individuelles Reizungspotenzial testen. Außerdem erhöht sich die Gefahr von Mikroentzündungen durch einwachsende Haarbälger. /