PTA-Forum online
Blutegel

Parasiten mit Heilwirkung

12.12.2016
Datenschutz

Von Carina Steyer / Über Epochen hinweg gehörte die Behandlung mit Blutegeln zu den wichtigsten Therapieformen, bis neue medizinische Erkenntnisse ihr Ende einläuteten. Inzwischen feiern die blutsaugenden Parasiten ein Comeback, obwohl bis heute ihre Wirkung nicht gänzlich verstanden ist.

Schon in der Antike sollen Blutegel gefangen und zur Krankheitsbehandlung eingesetzt worden sein. Ihren abso­luten Höhepunkt erlebte ihre Verwendung jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es gab kaum eine Krankheit, die nicht mit Blutegeln behandelt wurde; der Verbrauch der Tiere war enorm. Kritische Stimmen bezeichnen diese Zeit gerne als »Vampirismus«, der nicht nur das eine oder andere Menschenleben kostete, sondern auch die natürlichen Blutegelbestände fast vollständig ausrottete.

Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich das Verständnis der Krankheitsentstehung grundsätzlich. So wurde die seit der Antike geltende Humoralpathologie (Krankheiten entstehen durch ein Ungleichgewicht der Säfte) zunehmend durch die moderne Zellularpathologie (Krankheiten basieren auf Störungen der Körperzellen) ersetzt. Und diese Veränderungen im Krankheitsverständnis brachten auch Veränderungen in der Behandlung mit sich. Das neue Hygieneverständnis führte dazu, dass die Blutegel, die sich weder desinfizieren noch sterilisieren ließen, nicht mehr als Heilquelle, sondern als Gefahrenquelle galten. Sie wurden demzufolge auch aus der Schulmedizin verbannt.

Lange Zeit fand man Blutegel nur noch in der Naturheilkunde und der Homöopathie, wo es als ausleitendes Ver­fahren eingesetzt wurde. Das änderte sich in den 1980er-Jahren, als die Transplantationsmedizin die Wirkung der Blutegel neu entdeckte. Die Erkenntnis, dass das Ansetzen von Blutegeln nach einer Hauttransplantation das Anwachsen des Transplantats ­wesentlich verbessert, verhalf den ­Tieren zu neuem Ruhm. Heute sind Blutegel in der rekonstruktiven und plastischen Chi­rurgie etablierte Behandlungshelfer.

Auch weitere Fachgebiete zeigen inzwischen verstärktes Interesse an den Tieren. Rheuma und Arthrose gelten in der Naturheilkunde neben chronischen Rückenschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen und Krampfaderleiden als typische Einsatzgebiete für Blutegel. Die Behandlung soll schmerz­lindernd wirken und bis zu einem halben Jahr anhalten. Vor allem bei rheumatischen Erkrankungen undArthrose hoffen Wissenschaftler, künftig die derzeitigen Behandlungsstrategien erweitern zu können. Erste Studienergebnisse bestätigten die schmerzlindernde Wirkung der Blutegel.

Im Jahr 2005 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Blutegel zum Fertigarzneimittel erklärt. Unter natürlichen Bedingungen ist der medizinische Blutegel, Hirudo medicinalis oder H. officinalis, jedoch nur noch selten zu finden. Die Bestände haben sich bisher kaum erholt und stehen in Deutschland sowie vielen ­anderen europäischen Ländern unter Naturschutz. Im medizinischen Gebrauch sind heute ausschließlich Zuchttiere, die aus spezialisierten Blutegelfarmen stammen.

Ein Teich, eine Charge

Blutegelfarmen sind kleine Öko­systeme unter kontrollierten Bedingungen. In großen Gewächshäusern stehen flache Teichwannen mit Pflanzenbesatz, die dem natürlichen Lebensraum der Blutegel sehr nahekommen. Nur die Aufzucht der Jungtiere erfolgt in großen Gläsern. Blutegel legen ihre Eier grüppchenweise und geschützt in Schaumkokons oberhalb der Wasseroberfläche ab. Später werden die ­Kokons mit den schlupfbereiten Egeln aus den Teichen gesammelt und in die Gläser überführt. Sind die Tiere groß genug, werden sie wieder in einen Teich gesetzt. Bei der Auslieferung bilden die Tiere eines Teichs eine Charge.

Acht Monate vor der Auslieferung werden die Blutegel unter Quarantäne gestellt. Sie soll vor allem eine mög­liche Verkeimung vermindern, führt aber auch dazu, dass die Tiere hungrig werden. Blutegel sind sehr genügsam und fressen auch bei üppigem Nahrungsangebot nur alle drei bis vier ­Monate. Sobald der Blutegel ausreichend Blut aufgenommen hat, fällt er vom Beutetier ab und lässt sich auf den Gewässerboden sinken. Dort verharrt er, bis seine Blutspeicher aufgebraucht sind. Im Durchschnitt brauchen Blutegel 5 bis 18 Monate, bis eine Mahlzeit vollständig verdaut ist. Ohne geeignetes Beutetier können sie aber auch bis zu zwei Jahre unbeschadet ohne Nahrung auskommen.

Unter natürlichen Bedingungen spüren Blutegel ihr Beutetier mit Chemo-, Thermo- und Mechanorezeptoren auf. Sobald sich das Wasser bewegt, schwimmt der Egel mit delphinartigen Bewegungen zielgerichtet auf das ­potenzielle Beutetier zu und prüft, ob es ihm gefällt. Blutegel sind durchaus wählerisch. Ausdünstungen von Tabak und Alkohol verderben ihnen genauso den Appetit wie Aromen aus Dusch­gels und Seifen. Auch die Einnahme ­mancher Arzneimittel sowie Gewitter sollen ihre Bissfreude trüben.

Bei einem Blutegel ist nur schwer zu erkennen, wo vorne und hinten ist. Sowohl der Kopf als auch der Hinterleib schließen mit einem Saugnapf ab, mit denen sich der Egel festhalten kann. Im vorderen Saugnapf liegt die Mundöffnung, die aus drei strahlenförmigen Kiefern besteht, die jeweils mit 60 bis 100 Kalkzähnchen besetzt sind. Mit ­seiner kräftigen Rachenmuskulatur führt der Egel die Saugbewegung aus, die für die Blutaufnahme notwendig ist. In der Rachenmuskulatur liegen auch die medizinisch bedeutsamen Speicheldrüsen, die in Ausführöffnungen zwischen den Zähnen enden.

Beißt ein Egel an, ist ein leichter Schmerz ähnlich einem Nadel- oder Insektenstich sowie ein leichtes Brennen zu spüren. Unmittelbar nach dem Biss beginnt der Blutegel zu saugen und hört erst wieder auf, wenn sein Magen komplett gefüllt ist. Zwischen drei und sechs Milliliter nimmt er pro Mahlzeit auf und benötigt dafür zwischen 20 Minuten und zwei Stunden.

Die heilende Wirkung der Blutegel ist bisher wissenschaftlich nicht gänzlich verstanden. Neben den Reizen durch den Biss und den Saugvorgang scheinen vor allem verschiedene Substanzen im Speichel der Tiere eine ­wichtige Rolle zu spielen. Sie werden während des gesamten Saugvorgangs mit dem Speichel in die Wunde abgegeben.Bisher wurden um die 100 dieser ­Substanzen identifiziert, die entweder gerinnungshemmend, antientzündlich und durchblutungsfördernd wirken ­(siehe Kasten). Sie scheinen sowohl die Durchblutung als auch den Gewebestoffwechsel im behandelten Bereich verbessern zu können.

Der wohl bekannteste Speichelbestandteil ist das Hirudin, das erstmals 1884 von John B. Haycraft beschrieben wurde. Es verbindet sich mit dem Thrombin des Wirtsblutes und wirkt ­gerinnungshemmend. Unterstützt wird dieser Effekt unter anderen von Calin. Diese gerinnungshemmenden Substanzen sind auch für die bis zu 24 Stunden anhaltenden Nachblutungen nach einer Blutegelbehandlung verantwortlich, bei der pro Bisswunde etwa 20 bis 30 Milli­liter Blut verloren gehen.

Biss mit Nebenwirkungen

Die Blutegelbehandlung kann auch Nebenwirkungen haben. Jucken, Brennen oder Rötungen sowie Allergien auf Bestandteile des Blutegelspeichels können, wenn auch selten, auftreten. Und auch Kontra­indikationen gibt es. Die Einnahme von gerinnungshemmenden Arzneimitteln oder eine immunsuppressive Therapie schließen eine Blut­egelbehandlung aus. Vorsicht sollten Menschen mit ­einer Neigung zu allergischen Reak­tionen walten lassen, da bei ihnen das Risiko von Nebenwirkungen höher ist. Auch bei Wundheilungs­störungen wie etwa bei Diabetikern, akuten Infektionen und in der Schwangerschaft wird von der Behandlung mit Blutegeln abgeraten.

Für die Blutegel ist die Behandlung ihre letzte Mahlzeit. Obwohl die Tiere bis zu 27 Jahre alt werden können, müssen sie nach der Behandlung getötet und entsorgt werden, um eine mögliche Krankheitsübertragung auszuschließen. /

Tierisch gut

Einige Bestandteile des Speichels von Blutegeln und ihre Wirkung

  • Hirudin: Hemmung der Blutgerinnung
  • Calin: kollagenvermittelte Gerinnungs- hemmung, die für eine Nachblutung sorgt, die wiederum der Wundreinigung dient
  • Eglin: Gerinnungs- und Entzündungshemmung
  • Bdellin: Gerinnungshemmung
  • Apyrase: Hemmung der Thrombozytenaggregation
  • Hyaluronidase: Abbau von Hyaluronsäure