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Therapie der Schizophrenie

Prophylaxe von Episoden

12.12.2016
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Von Verena Arzbach, Gießen / An Schizophrenie erkrankte Patienten müssen oft dauerhaft Medikamente einnehmen, um psychotischen Episoden vorzubeugen. Dank moderner Wirkstoffe können viele Patienten heute gut eingestellt werden: Die Antipsychotika der zweiten Generation wirken gezielter als ältere Substanzen und zeigen ein günstigeres Nebenwirkungsprofil.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens an Schizophrenie. Wie bei vielen anderen Erkrankungen lässt sich auch ihre Entstehung nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Erwiesen ist, dass es eine genetische Komponente der Erkrankung gibt. »Sind beide Elternteile betroffen, dann hat das Kind ein Risiko von 46 Prozent, ebenfalls zu erkranken«, verdeutlichte Professor Dr. Sibylle Roll, ärztliche Direktorin der Vitos-Klinik Eichberg in Eltville, Rheingau, bei der Zentralen Fortbildung der Landesapotheker­kammer Hessen in Gießen.

Daneben spielen aber auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle. So kann etwa ein be­lastendes Lebensereignis, aber auch Stress, Drogen oder eine Schwangerschaft die Erkrankung auslösen. »Die Hirnentwicklung ist etwa im Alter von 25 Jahren abgeschlossen«, erklärte die Psychiaterin. Besonders Faktoren, die während der Pubertät auf das Gehirn einwirken, seien daher für die Hirnentwicklung entscheidend.

Plus und Minus

Im Gehirn von Schizophrenie-Patienten können Wissenschaftler strukturelle Veränderungen nachweisen. So lasse sich etwa eine Volumenänderung der grauen Substanz beobachten, sagte Roll. Und auch der Neurotransmitterhaushalt gerät ins Wanken: Bei der Schizophrenie bestehe unter anderem ein Überangebot an Dopamin im mesolimbischen System, welches für die sogenannte Positiv-Symptomatik verantwortlich ist (siehe auch Kasten). »Die Patienten leiden unter visuellen und akustischen Halluzinationen, teilweise mit imperativem Charakter.« Dies sei besonders gefährlich, betonte Roll, denn diese »inneren Stimmen« könnten den Patienten beispielsweise zum Suizid auffordern. Im mesocorticalen System ist dagegen zu wenig ­Dopamin vorhanden. Das sei die Ur­sache der Negativ-Symptome wie Antriebsminderung, Depressivität und verlangsamtes Denken, sagte Roll.

Eine Schizophrenie-Erkrankung verläuft meist in Episoden. Wer einmal eine solche erlebt hat, hat ein hohes Rezidiv-Risiko: Rund 80 Prozent der Patienten erleben innerhalb von fünf ­Jahren nach der ersten Episode einen Rückfall, die Hälfte der Patienten sogar innerhalb eines Jahres nach dem ersten Zwischenfall. »Bei jeder psychotischen Episode geht Hirnsubstanz unwiederbringlich verloren«, betonte Roll. »Das Ausgangsniveau lässt sich nicht wieder herstellen.«

Rational und gezielt

Daher ist das Ziel der Pharmakotherapie, neue Episoden möglichst zu ­vermeiden. Die moderne Psychopharmakatherapie ist laut Roll heute rational und viel gezielter als früher. Die ­Antipsychotika der zweiten Generation, Atypika wie Quetiapin, Olanzapin und Aripiprazol, wirkten einer Metaanalyse zufolge signifikant besser als die älteren Neuroleptika wie Haloperidol oder Benperidol. Zudem zeigten sie ein günstigeres Nebenwirkungsprofil – vor allem die gefürchteten extrapyramidal-motorischen Störungen (EPS) treten bei den neueren Substanzen nur noch selten auf.

Quetiapin sei etwa vielseitig einsetzbar, je nach Dosierung zeige das Antipsychotikum unterschiedliche Wirkungen, weiß Roll. »Bei einer Dosierung zwischen 25 und 75 mg wirkt es sedierend, in der retardierten Form ab 300 bis 450 mg antidepressiv und ab 600 bis 800 mg antipsychotisch«, verdeutlichte sie. Olanzapin sei ebenfalls gut wirksam, als Nebenwirkung sei ­allerdings eine Gewichtszunahme möglich. Aripiprazol sei dagegen gewichtsneutral und führe auch nicht zu Fettstoffwechselstörungen. Der Arzneistoff blockiert die Dopaminwirkung im mesolimbischen System und wirkt zusätzlich partiell agonistisch im mesocorticalen System. Daher sei mit diesem Wirkstoff eine Monotherapie möglich, so Roll. In der Praxis würden aber häufig auch Kombinationen mehrerer Wirkstoffe eingesetzt. Hier sei es wichtig, Präparate zu kombinieren, die an unterschiedlichen Rezeptoren angreifen, betonte Roll.

Relativ neu ist Loxapin (Adasuve®), das seit 2013 bei milder bis moderater Agitiertheit bei Erwachsenen mit Schizophrenie oder bipolarer Störung zu­gelassen ist. Der zu inhalierende Wirkstoff ist ein Antagonist an dopamin­ergen D2-Rezeptoren und serotonergen 5-HT2A-Rezeptoren. »Das Präparat ist nur zur Akuttherapie zugelassen, nicht zur Erhaltungstherapie«, betonte Roll. Als Nebenwirkungen treten sehr häufig Somnolenz und schlechter Geschmack im Mund auf. Laut Roll ist der Wirkstoff aufgrund seiner Nachteile durchaus verzichtbar, Lorazepam sei bei Erregungszuständen die bessere Wahl.

Depotformulierungen erlebten in der antipsychotischen Therapie derzeit eine Renaissance, berichtete die Referentin. Solche LAI (long acting injectables) verbesserten die Adhärenz enorm: Patienten, die mit einem LAI behandelt werden, hätten eine bis zu 30 Prozent geringere Rezidivquote im Vergleich zur oralen Gabe. Jedoch würde diese Darreichungsform häufig stigmatisiert, beispielsweise als eine Art Strafe für nicht adhärente Patienten eingesetzt – zu Unrecht, wie Roll betonte. »Frühzeitig eingesetzt, können LAI eine Chronifizierung der Erkrankung verhindern.« /

Symptome der Schizophrenie

Positivsymptome (vor allem in akuter Episode vorherrschend, bei gesunden Menschen nicht vorhanden):

  • Denkstörungen, Wahn: häufig Verfolgungswahn
  • Ich-Störungen: manche Bereiche der eigenen Gedanken werden als fremd erlebt
  • Halluzinationen: visuell, oft auch akustisch (»Stimmen hören«)

Negativsymptome (Fähigkeiten gesunder Menschen ­fehlen den Patienten, vor allem in chronischer Phase zwischen den Episoden vorherrschend):

  • Teilnahmslosigkeit, Antriebsstörungen
  • Affektverflachung
  • Konzentrations-, Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Katatone Symptome: Störungen der Motorik, die Patienten sind vorübergehend völlig bewegungs- und reaktionslos (Stupor)