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Nicotinabstinenz

Strategien für junge Raucher

12.12.2016
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Von Nicole Schuster / Raucherkarrieren beginnen meist bereits im Teenageralter. Auf diese Gruppe zielt auch die Werbung für Tabakprodukte ab. Die Botschaft hingegen, dass Zigaretten der Gesundheit schaden, beeindruckt Jugendliche oft zu wenig. Mit innovativen Ideen, etwa Apps, eröffnen sich Wege, speziell junge Menschen vor den Gefahren zu warnen.

»Rauchen ist im Alltag in Deutschland immer noch sehr präsent«, sagt Dr. Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention/WHO-Kollaborations­zentrum für Tabakkontrolle/Wissenschaftskommunikation am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg im Gespräch mit PTA-­Forum. So griff hierzulande einer Studie aus 2013 zufolge etwa ein Viertel der Bevölkerung ab 15 Jahre regelmäßig zur Zigarette. Es ist besorgniserregend, dass dabei der größte Anteil auf ­Minderjährige und junge Erwachsene entfiel.

Zuversichtlicher klingen da schon Umfrageergebnisse der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), gemäß denen die Raucherquote unter den 12- bis 17-Jährigen seit 2001 zurückgeht. Während 2001 noch etwa 28 Prozent Tabak konsumierten, waren es 2014 nur noch knapp zehn Prozent, wobei sich Mädchen in der Überzahl befanden. Damit wurde zwar ein historischer Tiefstand erreicht, Entwarnung bedeutet das aber noch nicht. Denn wenn es um Nichtraucherschutz und Unterstützung in der Entwöhnung geht, tut sich hierzulande viel zu wenig. Laut einer aktuellen Studie, der sogenannten TCS (Tabak-Controll-Skala), nimmt Deutschland im europäischen Vergleich vor Österreich nur den vorletzten Platz ein. Die Wissenschaftler berücksichtigten bei ihrer Bewertung Faktoren wie den Preis von Tabak­waren, Nichtraucherschutzgesetze am Arbeitsplatz und in öffentlichen ­Einrichtungen, die Aufklärung über ­Gesundheitsgefahren, Werbeverbote ­sowie das Unterstützungsangebot zur Entwöhnung.

Ebenfalls ein Gesichtspunkt: Wie gut verfügbar sind Zigaretten? In Deutschland sind sie in fast jedem Supermarkt und an Tankstellen zu bekommen. Hinzu kommt: »Europaweit steht jeder zweite Zigarettenautomat in Deutschland«, erzählt Schaller. Maßnahmen an den Geräten, die sicherstellen sollen, dass nur Erwachsene Zugriff auf die Produkte haben, seien zu leicht zu umgehen.

Jugend im Fokus

Mädchen und Jungen werden in Deutschland zu wenig vor den Ge­fahren durch Zigaretten gewarnt. Stattdessen lassen sie sich von Plakaten beeinflussen, auf denen Rauchen als lässig und schick dargestellt wird. Experten wie Schaller fordern daher ein umfassendes Werbeverbot für Zigaretten und Co: »Deutschland ist das letzte Land in Europa, das noch unein­geschränkt Außenwerbung für Tabakprodukte erlaubt. Ein Außenwerbe­verbot ist also überfällig. Optimal wäre zudem, Werbung am Verkaufsort und dort auch das Ausstellen von Zigaretten zu untersagen.«

Die Hersteller nutzen außerdem gezielt Veranstaltungen wie Festivals, die vor allem Teenager besuchen, um ihre Werbung zu platzieren. Wenn Jugend­liche konsequent vom Tabakkonsum abgehalten werden sollen, dann funktioniert das laut Schaller aber am besten über den Geldbeutel. »Eine deutliche Erhöhung der Tabaksteuer ist das wirksamste Mittel, Rauchen weniger attraktiv zu machen. Gerade junge Menschen, denen meist weniger Geld zur Verfügung steht, reagieren besonders empfindlich auf Preiserhöhungen.«

Die infolge der EU-Tabakrichtlinie seit dem 20. Mai 2016 auf Zigarettenschachteln aufgedruckten Warnbilder führen zwar gesundheitliche Folgen des Konsums deutlich vor Augen. Ob Raucher dadurch allerdings ihr Suchtverhalten überdenken, ist unklar. »Es gibt für wenig Geld spezielle Etuis zu kaufen, mit denen sich die Bilder verbergen lassen. Wen diese Fotos so stören, dass er sie nicht sehen will, den haben sie allerdings emotional schon erreicht«, so die Expertin.

Suchtpotenzial unterschätzt

Die Gründe, warum junge Menschen überhaupt mit dem Rauchen anfangen, sind vielfältig. »Die Jugend ist grundsätzlich neugierig und offen dafür, ­etwas Neues auszuprobieren«, weiß Schaller. Einige Jugendliche finden es außerdem nach wie vor cool, an der ­Zigarette zu ziehen. Eine wichtige Rolle spielt auch der Freundeskreis, die so­genannte Peergroup. In bestimmten Gruppen müssen Mädchen und Jungen zudem nach wie vor Angst haben, nicht dazuzugehören, wenn sie nicht mitrauchen.

Wer einmal begonnen hat, legt damit möglicherweise den Grundstein für eine lebenslange Abhängigkeits­karriere. Verantwortlich für das Suchtpotenzial der Produkte ist nicht allein das enthaltene Nervengift Nicotin. In Zigaretten befindet sich darüber hi­naus ein Gemisch aus über 600 erlaubten Stoffen, von denen zahlreiche als krebserregend beziehungsweise suchtfördernd gelten. Auf diese Substanzen verzichten wollen Hersteller aber nicht. So kühlt zum Beispiel das häufig enthaltene Menthol und reduziert das anfängliche Kratzen im Hals. Der Rauch kann dadurch gleich tiefer inhaliert werden, und es gelangt mehr Nicotin in den Körper. Andere Zusätze wie Kakao oder Honig erinnern an Süßigkeiten und lassen gerade für Jugendliche Zi­garetten als harmlos erscheinen.

Die genauen Auswirkungen aller Inhaltsstoffe auf den Körper sind nicht gänzlich bekannt. Die Substanzen verändern sich auch beim Verbrennen und werden unter Umständen noch gefährlicher. Zudem bestehen im Zusammenspiel mit Nicotin gewisse Wechsel­wirkungen. So schließen einige Zusatzstoffe gebundenes Nicotin auf und vergrößern so die Menge an Substanz aus der Tabakpflanze, die für den Körper verfügbar ist. Der auf der Schachtel abgedruckte Wert des Nicotingehalts ist daher nicht unbedingt gleichzusetzen mit der Menge, die am Ende tatsächlich frei wird.

Herausforderung Entzug

Der Rauchentzug ist eine Herausforderung. Es treten vielfältige Symptome auf, zu denen das starke Verlangen, zur Zigarette zu greifen, ebenso gehört wie Konzentrationsstörungen, Zittern, Schwitzen, Schweißausbrüche und körperliche Schmerzen, wie etwa Kopfweh. Die Betroffenen sind außerdem leicht reizbar. Nach den ersten drei Tagen ist das Gröbste überstanden, denn dann ist das Nicotin so weit abgebaut, dass es im Gehirn nicht mehr nachweisbar ist. Nach drei Wochen haben sich auch Hirnveränder­ungen wieder normalisiert. Schwieriger als die körperliche Sucht ist die psychische zu überwinden, die lebenslang bestehen bleibt.

Stress-Situationen können die Versuchung hervorrufen, den alten Kompensationsmechanismus zu nutzen und sich eine Zigarette anzuzünden. Viele Situationen wie etwa ein Besuch in der Stammkneipe, die Konfrontation mit Tabakprodukten in der Werbung und freilich auch das Zusammensein mit Rauchern erwecken die Lust, selbst wieder mit dem Laster anzufangen.

Die wichtigste Voraussetzung für dauerhafte Abstinenz ist der Wille, es auch wirklich zu wollen. Ein Motivator könnte dabei die Angst vor Gesundheitsschäden sein. Zu den typischen »Raucherkrankheiten« zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, die chronische ob­struktive Lungenerkrankung (COPD) sowie Tumore, vor allem der Lunge. In Deutschland sterben jährlich etwa 121 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Die Furcht vor Krankheiten und einem früheren Sterben betrifft allerdings vor allem Ältere, die schon lange Tabakwaren konsumiert haben. Jugendliche hingegen zeigen sich von diesen für sie eher abstrakten Warnungen oft unbeeindruckt. Alter und Krankheit sind für sie noch zu weit weg.

Übergangslösung

Beim Rauchstopp können verschiedene Nicotinersatzmittel aus der Apotheke helfen. Je nach Geschmack und Bedürfnis können Betroffene auswählen, ob sie sich den Suchtstoff in Form von Kaugummis, Lutschtabletten, Inhala­toren, Sprays oder Pflastern zuführen möchten. Wichtig ist im Beratungs­gespräch zu vermitteln, dass diese ­Präparate nur dazu da sind, in der ­ersten Zeit die Entzugssymptome auf körperlicher Ebene abzumildern. Ein dauerhafter Ersatz für den Griff zur Zigarette sind sie nicht, schon allein deshalb, weil sie zwangsläufig einen giftigen Stoff, nämlich Nicotin, ent­halten. Die meisten Produkte sind auch nur für Erwachsene zugelassen. Unter-18-Jährige sollten außerdem für sie geeignete Präparate nur unter ärztlicher Aufsicht einnehmen.

Der Einsatz von Nicotinersatz­mitteln verschafft dem Aufhörwilligen den Vorteil, sich zunächst auf die Bewältigung der psychischen Abhängigkeit zu konzentrieren und dabei kontinuierlich die Nicotindosis reduzieren zu können. Die Rauchentwöhnung verläuft hierbei je nach Abhängigkeit zwar über mehrere Wochen oder sogar Monate, hat aber den Vorteil, dass Verhaltensmuster, die an das Rauchen einer Zigarette gebunden sind, verändert werden. Klar: Während der Anwendung von Nicotinersatzmitteln darf aufgrund toxischer Risiken nicht weiter geraucht werden.

Raucherentwöhnungs-Seminare sowie bestimmte alternative Behandlungen wie Akupunktur oder Hypnose dürften jüngere Menschen zwecks Raucherentwöhnung weniger attraktiv finden. Ansprechender könnten sich dagegen technische Spielereien erweisen. Ein Beispiel ist ein spezielles Feuerzeug (Quitbit-Feuerzeug), das mit einer App verbunden ist. Es zählt die Anzahl der täglich konsumierten Zigaretten sowie die seit dem letzten Rauchen vergangene Zeit. Der Nutzer kann einstellen, wie viele Zündungen und damit Zigaretten er täglich zulassen möchte, oder er legt fest, dass das Gerät beispielsweise nur alle drei Stunden zündet.

Per App zur Abstinenz

Auch Apps könnten das Potenzial haben, auf dem Weg zur Nicotin-Abstinenz unterstützend einzugreifen. Eine Zielgruppe sind oft Jugendliche. Ein Beispiel ist die Smokerface-App, die der Medizinstudent Titus Brinker programmiert hat. Diese Applikation zielt auf die Eitelkeit der jungen Leute ab. Wer ein Foto von sich hochlädt, bekommt vor Augen geführt, wie er nach 15 Jahren aussieht, wenn er täglich eine ­Packung Zigaretten verbraucht. Die App ist kostenlos und mit iOS und Android kompatibel. Wer aus Angst, durch den Tabakkonsum beschleunigt zu ­altern, sofort aufhören möchte, ­bekommt die ebenfalls kostenlose Smokerstop-App angeboten. Sie unterstützt mit Tipps, die auf das individuelle Rauchverhalten abgestimmt sind. Auch Beratungsleistungen, beispielsweise wie sich die gefürchtete Gewichtszunahme vermeiden lässt, bringt das Programm mit.

Ob sich E-Zigaretten zum Ausstieg aus der Abhängigkeit eignen, ist umstritten. Zum einen ist noch nicht völlig klar, wie stark auch die verbrennungsfreie Variante den Körper schädigt. Zum anderen gibt es Hinweise, dass sie Jugendliche erst recht zur Sucht animieren könnten. /