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Überaktive Blase

Hilfen bei Harndrang

11.12.2017
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Von Sandra Westermair / Eine überaktive Blase ist für Betroffene enorm belastend. Oft schränkt der ständige Harndrang das tägliche Leben massiv ein. Verhaltens- und physiotherapeutische sowie medikamentöse Maßnahmen können Abhilfe schaffen.

Die Reizblase betrifft laut der Deutschen Gesellschaft für Urologie hier­zulande mindestens 16 Prozent aller Erwach­senen. Plötzlich einsetzender starker Harndrang, der Betroffene mehr als acht Mal täglich sofort zum Toilettengang zwingt, ist das Leit­symptom. Nicht immer, aber in manchen Fällen, kommt es bei der über­aktiven Blase auch zu unwillkürlichem Urinabgang. Diese Form der Blasenschwäche bezeichnen Mediziner als Dranginkon­tinenz. Sie ist abzugrenzen von der Belastungsinkontinenz, bei der eine schwache Beckenbodenmus­kulatur für Harnverlust etwa bei Husten­, Niesen oder dem Heben schwerer Gegen­stände verantwortlich ist.

Normalerweise registrieren Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand den Füllungsgrad des Organs und leiten diesen über sensible Neuronen an Rückenmark und Gehirn weiter. Das Gefühl von Harndrang entsteht etwa ab einer Füllmenge von 150 bis 300 ml. Parasympathische Nerven, die dem Kreuzbeinbereich des Rückenmarks entsprin­gen, regen durch Ausschütten des Botenstoffs Acetylcholin, der an muscarinerge Rezeptoren bindet, den Detrusor-Muskel in der Blasenwand zur Kontraktion an. Erst sobald sich zu­sätzlich innerer und äußerer Schließmuskel entspannen, was in der Regel steuerbar ist, setzt das Wasserlassen ein.

Teilschritte fehlerhaft

Bei einer überaktiven Blase können verschiedene Teilschritte dieses Mecha­nismus fehlerhaft ablaufen. In einigen Fällen übermitteln beispielsweise die Dehnungsrezeptoren bereits bei minimaler Blasenfüllung sen­­sorische Reize an das zentrale Nerven­system. Häufig reagiert auch der Detru­sor-Muskel überempfindlich und kontrahiert frühzeitig. Risikofaktoren für das Auftreten der Beschwerden sind hohes Lebensalter, Übergewicht, weibliches Geschlecht, psychischer und körperlicher Stress sowie hormonelle Veränderungen. Zum Teil geht eine Reizblase mit einer Depression, Ob­stipation oder Erektionsproblemen einher­. Bei älteren Patienten ist durch das häufige nächtliche Wasserlassen außerdem die Sturzgefahr erhöht.

Liegt ein Verdacht auf eine überaktive Blase vor, klärt der Urologe oder Gynä­kologe zunächst ab, ob den Beschwerden andere Ursachen zugrunde liegen, etwa Harnwegs- oder vaginale Infekte, Prostata-Erkrankungen, ana­tomische Veränderungen, Steinleiden sowie Tumoren der Blasenwand. Teilweise können sich auch degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose hinter den Symp­tomen verbergen.

Tagebuch führen

Für Patienten ist es hilfreich, ein Mik­tionstagebuch zu führen, in welchem sie über zwei bis fünf Tage ihre Toi­lettenbesuche, die dabei abgegebene Harnmenge und die subjektiv empfundene Stärke ihres Harndrangs auf­zeichnen. Es kann sowohl zur genaueren Diagn­ostik als auch zur Erfolgs­beur­teilung einer späteren Therapie herangezogen werden.

Um die Häufigkeit und Intensität der Harndrang-Episoden zu verringern, empfehlen sowohl die Leitlinie der American Urological Association als auch die Leitlinie der Deutschen Ge­sellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) eine Kombination aus Verhaltens- und Physiotherapie. Letztere befindet sich zurzeit in Überarbeitung.

Maßnahmen, die der Patient einfach zu Hause umsetzen kann, sind beispielsweise das Anpassen der Trinkmenge auf etwa 1,5 l pro Tag. Spätabends sollte nicht mehr viel getrunken werden, um nächtlichem Harndrang vorzu­beugen. Außerdem sollte der Patient­ scharfe Speisen, Kaffee und das Rauchen re­duzieren oder möglichst einstellen.

Auf Basis eines Miktionstagebuchs kann mit medizinischer Betreuung auch ein Toilettentraining durchgeführt werden. Betroffene lernen dabei, ihre Blase in immer größer werdenden Abständen zu entleeren und zwischenzeitlich den Harndrang zu unter­drücken. Physiotherapeutische Maßnahmen wie Beckenbodentraining in Kombination mit Elektrostimulation und Biofeedback unterstützen den Erfolg. Diese Methoden sind zwar effektiv und frei von Nebenwirkungen, erfordern aber eine monatelange konsequente Mitarbeit des Patienten.

Pflanzlich oder lokal

Nicht zuletzt aus diesem Grund sind Medikamente eine wertvolle Er­gänzung verhaltenstherapeutischer Maßnahmen. Liegen unkomplizierte Formen einer Reizblase vor und sind andere Erkrankungen ärztlich aus­geschlossen, ist eine Phytotherapie mit Kürbissamen möglich. Zur Stammpflanze Cucurbita peponis existiert eine Monographie der Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte von 1991, welche eine Tagesdosis von 10 g Droge empfiehlt. Bei Frauen kann auch zunächst eine lokale Anwendung von Estrogen-Cremes oder -Zäpfchen versucht werden. Laut der Leitlinie der DGGG, die zurzeit aktualisiert wird, existiert dafür eine gute Evidenz.

Am häufigsten verordnen Ärzte bei einer Reizblase Anticholinergika beziehungsweise sogenannte neurotrop-muskulotrop wirksame Spasmolytika wie Oxybutynin (zum Beispiel Dridase®, Kentera®) und Propiverin (zum Beispiel Mictonetten®, Mictonorm®). Die Wirksamkeit dieser Arzneimittel­gruppen ist durch jahrelange Erfahrung und zahlreiche Studien gut belegt. Durch Blockade von Muscarinrezep­toren beziehungsweise eine direkte Relaxa­tion der glatten Muskelzellen wird die Anspannung des Detrusors vermindert, das Gefühl ständigen Harndrangs lässt nach.

Fesoterodin (Toviaz®), Tolterodin (wie Detrusitol®) und Trospiumchlorid (wie Spasmex®, Urivesc®) zählen zu den Anticholinergika. Diese Substanzen blockieren sämtliche Muscarin­rezeptor-Subtypen, sodass häufig auch unerwünschte Effekte wie Ver­stopfung, Mundtrockenheit oder verschwommenes Sehen auftreten. Eine Ausnahme bildet Trospiumchlorid: Es durchdringt die Blut-Hirn-Schranke so gut wie nicht und hat daher ein geringeres Nebenwirkungspotenzial. Das gilt auch für die neueren spezifischen M3-Blocker wie Solifenacin (Vesikur®) und Darifenacin (Emselex®). Sie binden nur an M3-Rezeptoren, die sich an glatten Muskelzellen und Drüsen befinden.

Bekommt ein Patient ein solches Arzneimittel zum ersten Mal verordnet, sollten PTA oder Apotheker darauf hinweisen, dass die Wirkung erst nach einigen Tagen bis Wochen einsetzt. Verbessern sich die Symptome innerhalb dieser Zeit nicht, kann der be­handelnde Arzt das Präparat eventuell wechseln. Retardpräparate sind zu bevorzugen. Sie gewähren gleichmäßige Wirkstoffspiegel und eine gute Therapieadhärenz, weil eine ein- bis maximal zweimal tägliche Einnahme genügt.

Bei unselektiven Anticholinergika kann es zu Nebenwirkungen am Herzen kommen. So kann sich etwa der Pulsschlag erhöhen. Bei ZNS-gän­gigen Wirkstoffen besteht auch ein verstärktes Risiko für Benommenheit und Konzentrationsschwierigkeiten. Gerade bei erstmaliger Einnahme sollten PTA und Apotheker Patienten daher auf besondere Vorsicht im Straßen­verkehr hinweisen.

Nicht verordnen darf der Arzt diese Medikamente bei Patienten mit Engwinkel­glaukom, mit einer Ver­eng­ung der Harnwege sowie bei Herz­rhyth­mus­störungen oder ent­zünd­lichen Darmerkrankungen. In Schwan­ger­schaft und Stillzeit sollte die Ein­nahme nur bei schwerwiegenden Pro­blemen erfolgen. Das Nutzen-­Risiko-Verhältnis ist vom Mediziner streng abzuwägen.

Wenn nichts hilft

Sprechen Patienten nicht auf konven­tionelle Therapiemethoden an oder sind Arzneimittel kontraindiziert, gibt es die Möglichkeit, Botulinumtoxin in verschiedene Bereiche der Blasenwand zu injiziieren. Das Nervengift blockiert die Signalweiterleitung an der motorischen Endplatte und an den C-Fasern des sensorischen Nervensystems. Seine Blasen-entspannende Wirkung tritt innerhalb von zwei bis drei Wochen ein, hält jedoch­ nicht sehr lange an. Deshalb muss die Injektion nach einem halben Jahr wiederholt werden.

In schwerwiegenden Fällen können Chirurgen zum Beispiel auch das Verfahren der sakralen Neuromodulation anwenden. Dabei werden Elektroden und eine Art Schritt­macher in den Kreuzbeinnerv des Rückenmarks implantiert und die Blasen­entleerung über externe Geräte vom Patienten selbst gesteuert. Mit der Kontrolle über die Blase soll so auch ein Stück Lebensqualität wieder­gewonnen werden. /