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Biofeedback

Schulung des Wahrnehmens

11.12.2017
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Von Barbara Erbe / Die Erfahrung zeigt: Es ist möglich, durch Entspannungstechniken Puls, Atemfrequenz, Körpertemperatur, Hirnströme oder die Spannung der Muskeln zu beeinflussen. Die Biofeedback-Methode macht derlei Körperreaktionen sicht- und messbar. Im Idealfall lernen Patienten dabei, über ihre Gedanken Beschwerden zu lindern, etwa bei Kopfschmerzen oder Bluthochdruck.

Nicht umsonst wird das vegetative Nervensystem auch autonomes Nerven­system genannt. Schließlich lässt es sich nicht direkt vom Willen des Menschen steuern. Der wäre mit der Regulierung so vieler lebenswichtiger Funktionen, wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel, maßlos überfordert. Und auch Schlaf wäre unmöglich.

Weil der Automatismus der unwillkürlichen Vorgänge überlebenswichtig ist, hätten Mediziner lange Zeit angenommen, dass es überhaupt nicht möglich sei, das vegetative Nervensystem willentlich oder per Geisteshaltung zu be­einflussen, berichtet Lothar Niepoth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback (DGBfb), im Gespräch mit PTA-Forum. »Das ist aber widerlegt. Wir wissen längst, dass beispielsweise Stress, Ängste, Belastungen und Schmerzen körperliche Prozesse sehr wohl beeinflussen und etwa Muskelverspannungen, Herzbeschwerden oder Veränderungen der Durchblutung auslösen können.«

Die Crux dabei ist: Meist laufen diese­ körperlichen Reaktionen ab, ohne dass die Betroffenen sie bewusst wahrnehmen – und idealerweise etwas gegen die Stressfaktoren unternehmen können. Hier setze die Biofeedback-Metho­de an, erklärt Niepoth, der als Psychologischer Psychotherapeut am Münchener Biofeedback-Labor arbeitet. »Wir zeigen unseren Patienten, wie sie Stressreaktionen ihres Körpers gezielt wahrnehmen und dann bewusst beeinflussen können.«

Gezielt steuern

Als Beispiel nennt er den Blutdruck: Kaum ein Mensch sei in der Lage, die Höhe seines Blutdrucks wahrzunehmen und einzuschätzen. Andererseits sei es für Menschen mit Bluthochdruck wichtig, eben diesen zu senken oder Blutdruckspitzen zu vermeiden. »Beim Biofeedback messen wir den Blutdruck und stellen seine Höhe kontinuierlich auf dem Bildschirm dar. Betroffene können erkennen, ob er gerade steigt oder sinkt.« Ziel ist zunächst, die Patien­ten in die Lage zu versetzen, selbst zu erspüren, ob ihr Blutdruck gerade hoch oder niedrig ist. Darüber hinaus erlernen sie Entspannungstech­niken, die sie gezielt anwenden können, um ihren Blutdruck wenn nötig zu senken. »Während einer Biofeedback-Sitzung­ bekommen Hochdruckpatienten eine direkte Rückmeldung, ob und welche psychologische Strategie am erfolgreichsten ist, den eigenen Blutdruck zu senken.«

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat sich mit der Biofeedback-Methode und Techniken zur Stressbewältigung bei Bluthochdruck befasst und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Behandlungsform zwar insgesamt noch wenig erforscht sei, aber »die Ergebnisse zeigten, dass einige der Stressbewältigungstechniken den unteren (diastolischen) Blutdruckwert etwas­ senkten. Auf den oberen (systolischen) Blutdruckwert hatten die erlernten Stressbewältigungsstrategien aber keine erkennbare Wirkung«, heißt es in der Bewertung des IQWiG. Ins­gesamt lägen zudem »keine Studien für die Nutzenbewertung einer Interven­tion zur Stressbewältigung bei Patienten mit primärer beziehungsweise essenzieller Hypertonie vor.«

Schmerzen lindern

Bei der Biofeedback-Therapie von Spannungskopfschmerzen und Migräne wiederum wird unter anderem die Ausdehnung der Blutgefäße gemessen und zurückgemeldet. Mithilfe eines Therapeuten lernen Migränepatienten, durch Entspannungsübungen den Durchmesser ihrer Blutgefäße – die sich während eines Migräneanfalls ausweiten – zu verringern, sodass die Kopfschmerzen im Erfolgsfall nach­lassen. Hintergrund ist die Annahme, dass eine Anspannung der Gefäße die Migräneschmerzen reduzieren kann. Nichtsdestotrotz gehen Wissenschaftler inzwischen davon aus, dass sich auch eine neuronale Fehlsteuerung des Anfalls im Hirnstamm abspielt, die nur wenig mit vaskulären Veränderungen zu tun hat.

Offenheit und Neugier

Wichtig für den Erfolg des Biofeedbacks sei, »dass man der Methode auch zugeneigt ist«, betont Niepoth. »Allerdings ist das auch bei anderen Therapie­formen so.« Besondere intellektuelle Fähigkeiten brauche man nicht, und man sollte möglichst auch keine übersteigerten Erwartungen haben. Was helfe, seien »Neugier und ein hohes Maß an Offenheit und Probierbereitschaft«. Sein persönlicher Eindruck ist, dass das Verfahren in den letzten Jahren deutlich beliebter geworden ist und dass immer mehr Ärzte damit arbeiten. Nicht zuletzt deshalb biete auch die BKK 24 als erste Kranken­kasse inzwischen Biofeedback als Extraleistung an – andere Kassen dächten darüber nach. Denn Patienten, die einmal in der Methode geschult wurden, können das Gelernte im Idealfall ihr Leben lang umsetzen. Sie stärken damit ihr Körper­bewusstsein und brauchen auch keine Nebenwirkungen zu fürchten.

Da die Behandlungsmethode auf einer­ verbesserten inneren Wahr­nehmung basiert, sollen Patienten in der sogenannten Transferphase so geschult werden, dass sie anschließend auch ohne das Feedback von Geräten wahrnehmen können, wie es um für sie wichtige Faktoren wie etwa Blutdruck, Gefäßweite oder Herzrate steht . Diese sollen sie dann mithilfe der gelernten (Entspannungs-)Methoden positiv beeinflussen können. Entsprechend kann Biofeedback auch in einer Arztpraxis oder mit einem tragbaren Biofeedback-Gerät nach entsprechender Anleitung zu Hause erlernt werden.

Was die apparative Ausstattung anbe­langt, unterscheidet die DGBfb zwischen tragbaren und stationären Biofeedbackgeräten. Tragbare Geräte werden nach einer Einarbeitungsphase an Patienten ausgeliehen, sodass sie zum Beispiel in Belastungssituationen oder abends vor dem Einschlafen in Eigen­regie Entspannungstrainings durch­führen können. Es gibt beispielsweise auch Inkontinenztrainer, die Pa­tienten auch außerhalb therapeutischer Sitzungen das spezifische Aufbautraining der Beckenbodenmusku­latur ermöglichen.

Stationäre Biofeedbackgeräte (Mehr­kanalableitungen) machen es über Computerprogramme möglich, gleichzeitig verschiedene Körpersig­nale zu erfassen und auf einem Computerbildschirm darzu­stellen. »Erst hierdurch wird es möglich, das Zusammenwirken verschie­dener physiologischer Prozesse zu demon­strieren und zu erkennen, in welchen Körperbereichen bestimmte, eventuell auffällige physiologische Reaktionsmuster vorliegen«, erläutert Niepoth.

Allen Anwendungsformen gemeinsam ist die Hoffnung beziehungsweise die Erwartung, dass sich durch Biofeed­back genau jene pathophysiologischen Prozesse verändern lassen, die für bestimmte Krankheiten relevant sind. Der restliche Körper­ soll von diesen Vorgängen unbeeinflusst bleiben. Denn während viele Medikamente im gesamten Körper wirksam sind, kann Biofeedback als spezifische Interven­tion ohne bislang bekannte Neben­wirkungen ein­gesetzt werden. /

Signale des Körpers

Zu den am häufigsten abgeleiteten körperlichen Signalen beim Bio­feedback zählen nach Erfahrung von Lothar Niepoth:

  • Muskelspannungen, etwa bei Spannungskopfschmerzen
  • Hautleitfähigkeit als allgemeines Maß für Entspannung
  • Hauttemperatur, zum Beispiel zur Behandlung der Gefäßkrankheit Morbus Raynaud
  • Arteriendurchmesser der Schläfenarterie, wie bei der Migräne­behandlung
  • Atemfrequenz und Atemtiefe, zum Beispiel bei Hyper­ventilations­syndrom, Asthma bronchiale, Panik­erkrankungen, Schmerzzuständen
  • Blutdruck, zur Behandlung der essenziellen Hypertonie
  • Fingerpuls als Maß für die peri­phere Durchblutung
  • EEG-Aufzeichnungen, zur Förderung der zentralnervös gesteuerten Entspannung; zum Teil auch zur Epilepsiebe­­hand­lung
  • Beckenbodenmuskulatur, zum Inkontinenztraining
  • Herzrate, zum Beispiel bei Tachykardien oder Panik­­­­- störungen
  • Analsphinktermessung, zum Beispiel bei Verstopfung, entzündlichen Darmerkrank­ungen, Stuhlinkontinenz