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Hypertonie

Nicht nur Tabletten helfen

10.12.2018
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Von Judith Schmitz / Zur Behandlung eines Bluthochdrucks stehen viele verschiedene Arzneimittel zur Verfügung. Doch nicht immer muss die medikamentöse Therapie die erste beziehungsweise einzige Wahl zur Behandlung sein. Auf verschiedene Weise können Patienten ihren Blutdruck selbst aktiv senken.

Das Wichtigste zur Behandlung des Bluthochdrucks sei die Umstellung der Lebensweise, schreibt die Deutsche Hochdruckliga in ihrem Patienten­leitfaden. Auch Ärzte wie Dr. Ursula Manunzio vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) und Leiterin der Sportkardiologischen Ambulanz Bonn sowie Dr. Christian Kessler, naturheilkund­licher Arzt am Immanuel Krankenhaus in Berlin, geben diesen Rat ihren Patienten mit auf den Weg. Denn neben zunehmendem Alter und damit verbundener zunehmender Steifheit der Gefäße sowie einer genetischen Prä­disposition sind Risikofaktoren für Bluthochdruck vor allem Adipositas, ein erhöhter Bauchumfang, eine ungesunde Ernährung mit zu viel tierischem Eiweiß und Fett und zu wenig Obst und Ge­müse, Bewegungsmangel, Rauchen, Stress und Alkoholkonsum – also allesamt Lebensstilfaktoren, die der Patient selbst beeinflussen kann.

Der Körper reguliert den Bluthochdruck über komplexe Mechanismen. Bei den meisten Patienten liegt eine essenzielle beziehungsweise primäre Hypertonie vor, das heißt, es kann keine direkte Ursache für den Bluthochdruck ausgemacht werden. Bei der sekundären Hypertonie ist dagegen eine organische Erkrankung für die Hypertonie verantwortlich, zum Beispiel eine Schild­drüsenüberfunktion oder eine Aortenklappeninsuffizienz. Egal ob primär oder sekundär: Ist der Blutdruck dauerhaft erhöht, belastet das die Arterien­ und schädigt den Herzmuskel, der über­mäßig viel Arbeit leisten­ muss. Erkrankungen wie etwa Herzschwäche, Herzinfarkt oder Schlaganfall können folgen.

Oft unbemerkt

Menschen mit Bluthochdruck haben eine geringere Lebenserwartung als die durchschnittliche Bevölkerung. 40 Prozent der Erwachsenen und mehr als 80 Prozent der über 65-Jährigen sind betroffen. Das Tückische­: Sie spüren den hohen Blutdruck meist nicht. Daher ist eine regelmäßige Kontrolle besonders wichtig. Je früher ein Bluthochdruck erkannt wird, umso besser kann der Einzelne dagegen vorgehen.

Eine arterielle Hypertonie besteht laut der europäischen ESC/ESH-Leit­linie 2018 ab Werten von 140/90 mmHg. Dann ist eine Arzneimitteltherapie immer indiziert. Bei Werten von 130 bis 139/85 bis 89 mmHg ist eine medikamentöse Therapie nur bei hohem kardiovaskulärem Risiko angeraten. Für Menschen unter 65 Jahren gibt die Leitlinie einen systolischen Zielblutdruck von 120 bis 129 mmHg vor; bei Älteren und Nierenkranken ist man groß­zügiger (130 bis 139 mmHg). Laut Leit­linie kann ein diastolischer Zielwert unter­ 80 mmHg für alle Patienten erwogen werden. Das American College of Cardiology (ACC) und die American Heart Association (AHA) sind etwas strenger: Die US-amerikanischen Gesellschaften haben die Grenzwerte für Bluthochdruck im vergangenen Jahr nach unten korrigiert. Patienten mit Blutdruckwerten über 130/80 mmHg gelten hier bereits als Grad-1-Hypertoniker.

Viele Wirkmechanismen

Die allgemeine medikamentöse Therapie­ hat Arzneimittel aus fünf Medikamentengruppen parat, die jeweils allein oder in Kombination einsetzbar sind: Diuretika, Calcium-Antagonisten, ACE-Hemmer, Angiotensin-Rezeptorblocker (Sartane) und Betablocker. Zu viel Wasser und Kochsalz im Kreislauf können sich negativ auf den Bluthochdruck auswirken, etwa bei Menschen mit Herzinsuffizienz. Diuretika wie Hydro­chlorothiazid, Furosemid und Torasemid sorgen dafür, dass verstärkt Flüssigkeit ausgeschieden wird und verringern damit das Blutvolumen. Der Gefäßdruck verringert sich, das Herz muss weniger stark pumpen und wird entlastet.

Calcium-Antagonisten wie Amlodipin, Nitrendipin, Verapamil und Diltiazem blockieren den spannungsab­hängigen Einstrom von Calcium-Ionen über bestimmte Kanäle in der glatten Muskulatur in den Gefäßwänden sowie im kardiovaskulären System. ACE-Hemmer wirken blutdrucksenkend, indem sie ein Schlüsselenzym bei der Bildung des gefäßverengenden Peptidhormons Angiotensin II blockieren. Zu ihnen gehören­ etwa Enalapril, Lisinopril und Ramipril. Candesartan, Losartan und Valsartan sind Beispiele für AT1-Antagonisten. Sie blockieren den Typ-1- Rezeptor für Angiotensin II und ver­hindern so ebenfalls die Wirkung des gefäßverengenden Angiotensin II.

Die häufig eingesetzten Beta­blocker, zum Beispiel Bisoprolol oder Metoprolol, verhindern, dass das Herz unnötig schnell schlägt und machen die Herzarbeit damit­ effektiver. Sie begrenzen Folgeschäden des Bluthochdrucks und eignen sich besonders für Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder für jüngere Patienten mit Blutdruck­anstieg unter Stress. Beta­blocker sind ungeeignet bei Asthmatikern wegen einer möglichen Verstärkung der Luftnot und bei Menschen mit verlangsamtem Herzschlag. Reservemittel bei unzu­reichender Blutdrucksenkung sind α-1-Blocker und Sympathikusblocker sowie Spironolacton.

Experten empfehlen in der Regel, mehrere Arzneistoffe zu kombinieren. Verschiedene Wirkmechanismen können dann greifen. Die Nebenwirkungen reduzieren sich teils, weil die einzelnen Wirkstoffe in geringerer Dosis ein­genommen werden als bei einer Monotherapie. Wann ein erhöhter Blutdruck behandelt werden muss, hängt aber nicht nur von den Werten allein, sondern­ auch vom Risikoprofil des Pa­tien­ten ab, etwa von vaskulären Vor­erkrankungen, Alter, Geschlecht und Rauchen.

Stress reduzieren

Auch der nichtmedikamentöse Ansatz spielt bei der Therapie des Bluthochdrucks eine große Rolle. Bei Dauerstress etwa helfen Medikamente dabei, die Blutdruckspitzen zu senken. Solange jedoch die Ursache, der Stress, bestehen bleibt, wird der Betroffene weiter Hypertoniker bleiben. Einem Patienten mit beginnendem Bluthochdruck ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung rät der Arzt Kessler zu Stressreduktion, Bewegung und gesunder Ernährung. In der Regel stelle sich dann nach drei bis sechs Monaten ein niedrigerer Blutdruck ein.

Zur Stressreduktion gibt es verschiedene Möglichkeiten: Der Patient sollte zum Beispiel seinen Tagesablauf überdenken und gegebenenfalls besser strukturieren. Überbelastung sollte möglichst vermieden werden. Unterstützend kann hier eine halbe Stunde Meditation pro Tag helfen. Auch Yoga, Tai-Chi oder Qigong tragen zur Entspannung bei und können den Blutdruck positiv beeinflussen. Eine weitere Entspannungsmethode, die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, lasse sich auch spontan während eines anstrengenden Meetings einsetzen. Der Blutdruck sinke dadurch nachweislich, so Manunzio.

Mehr Bewegung

Eine Lebensstiländerung mit einer gesünderen Ernährung und mehr Bewegung bewirkt oft auch einen Abbau von Übergewicht – ein Problem, mit dem viele Patienten zu kämpfen haben. Als Faustregel gilt: Vier bis fünf Mal pro Woche sollte man sich eine halbe Stunde schweißtreibend bewegen. Ab einem­ zusätzlichen Verbrauch von 1000 kcal pro Woche erzielt man erste Effekte. Geeignet sind Ausdauersportarten wie Wandern, Nordic Walking, Laufen oder Schwimmen. Aber auch ein ausdauerorientierter Kraftsport ist möglich, wenn Blutdruckspitzen und Pressatmung vermieden werden.

Gemüse, Fisch und Nüsse

Eine vegetarische Ernährung konnte laut der Deutschen Hochdruckliga den systolischen Blutdruck um 5/2 mmHg in kontrollierten Studien und um 7/5 mmHg in Beobachtungsstudien senken. Zur Blutdrucksenkung eignet sich eine frisch zubereitete pflanzen­basierte vollwertige Ernährung ähnlich der Mittelmeerkost: viel Gemüse, Salat und Obst (insbesondere Rote Beete, Spinat, Rucola und Heidelbeeren wirken sich positiv auf einen erhöhten Blutdruck aus), Oliven- und Leinöl statt Butter oder Sahne und magere Milchprodukte. Frischer Seefisch hat einen hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren, und Nüsse und Ölsaaten, besonders Walnüsse, schützen die Gefäße. Auch sollten ballaststoffreiche Vollkorn­produkte und ­Hülsenfrüchte vermehrt auf dem ­Speiseplan stehen, und wenn überhaupt, sollte fettarmes Fleisch in Maßen verzehrt werden. Beim Würzen sollten frische Kräuter Salz vorgezogen werden. 

Allerdings warnt Manunzio auch davor, zu wenig Salz zu verwenden, da dadurch eine Hyponatriämie entstehen kann. Die Deutsche Bluthochdruckliga empfiehlt einen täg­lichen Kochsalzverbrauch von 5 bis 6 Gramm. Vielen ­Betroffenen kann auch ­Intervallfasten bei der Gewichtsabnahme helfen, etwa ein 14-stün­diges verlängertes Fasten über Nacht. Eine wahres ­Fitnessstudio für die Gefäße seien auch regelmäßige Kneippsche Wasseranwendungen, betont Kessler. Über reizregulatorische Prinzipien werden dabei die Ge­fäße trainiert.

Blutspenden kann bei Hypertonie-Pa­tienten ebenfalls einen positiven Effekt haben, wie im vergangenen Jahr eine Studie der Charité-Universitätsmedizin Berlin gezeigt hat. Die Blutdruckre­duktion war umso deut­licher ausgeprägt je häufiger Blut gespendet wurde­. Bei Patienten mit mittelschwerer Hypertonie war der Blutdruck nach vier Spenden, also nach etwa neun bis zwölf Monaten, um 17 mmHg systolisch und 12 mmHg diastolisch ge­sunken. Menschen, die regelmäßig zur Blutspende gehen, erkranken außerdem auch seltener an Herzinfarkten als Menschen, die kein Blut spenden.

Aktiv werden

Wer aktiv etwas für seinen Blutdruck tut, beugt dem metabolischen Syndrom vor, dem »tödlichen Quartett­« aus erhöhtem Blutdruck, Blutzucker, Blutfettwerten und Körpergewicht. Der erste wichtige Schritt sei, sich selbst zu motivieren, aktiv gegen seinen­ hohen Blutdruck vorzugehen. Mediziner Kessler warnt aber: Wer bereits­ Antihypertensiva einnimmt, dürfe sie natürlich keinesfalls direkt und wenn überhaupt nur in Rück­sprache mit dem Arzt absetzen. /