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Ernährung

Bei CED mit Vorsicht genießen

Für Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kann die Nahrungsaufnahme zur Qual werden. Sowohl während akuten Schüben als auch in symptomarmen Phasen gilt es, den durch starke Durchfälle und Bauchkrämpfe gestressten Darm zu beruhigen. Neben Medikamenten lässt sich das Befinden der Betroffenen mit einer konsequenten Diät erheblich bessern.
Cornelia Höhn
26.06.2020
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Zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) zählen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Während Letztere in der Regel im Enddarm beginnt und von dort aus meist kontinuierlich unterschiedlich weit in den Dickdarm hineinreicht, kann die Entzündungsreaktion bei Morbus-Crohn-Betroffenen den gesamten Verdauungstrakt betreffen – von den Lippen bis zum Darmausgang. Besonders häufig reagiert der Übergang zwischen Dick- und Dünndarm. Beide Erkrankungen treten häufig erstmals bereits bei jungen Menschen auf und nehmen in den vergangenen Jahren in Ländern mit westlichem Lebensstil stetig zu.

Die Krankheitsursachen sind vielfältig und noch nicht bis ins Detail geklärt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) spielen jedoch eine ballaststoffarme Ernährung sowie die Besonderheiten des individuellen Mikrobioms eine maßgebliche Rolle. Die Mikroflora der Betroffenen scheint Auslöser und Unterhalter eines chronischen Entzündungsprozesses zu sein und an der Darmwand fehlregulierte Immunreaktionen zu initiieren.

Außerdem ist die Bakterienvielfalt gegenüber Gesunden reduziert. Das gilt etwa für die Buttersäurebildner wie das entzündungshemmende Faecalibacterium prausnitzii, deren Anzahl im Schub noch stärker vermindert ist als in Remission. Buttersäure jedoch ist unverzichtbar für Aufbau und Differenzierung der Darmschleimhautzellen, dient ihnen als Energiequelle und stärkt die tight junctions, also die Verbindungsstellen zwischen den Zellen. Ausreichend Buttersäure scheint auch einem Leaky-Gut-Syndrom, also dem Syndrom des durchlässigen Darms, vorbeugen zu können. Weil eine ballastreiche Ernährung zu einer erhöhten Buttersäureproduktion beiträgt, gilt sie für CED-Patienten besonders sinnvoll. Doch Vorsicht: Wenn es im Verlauf eines Morbus Crohn zu Stenosen im terminalen Ileum kommt, muss der Kranke auf ballaststoff- und faserreiche Lebensmittel verzichten.

Cave: Minderversorgung

Viele Betroffene sind verunsichert, was und wie viel sie essen und trinken dürfen. Stellen sie dann noch fest, dass sich nach den Mahlzeiten ihre Bauchkrämpfe und Durchfälle verstärken, reduzieren sie Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, was das Immunsystem schwächt und Entzündungsreaktionen erst recht anfacht. Dieser Teufelskreis kann mit einer der Krankheitsphase angepassten Kost gemildert werden. Deshalb empfiehlt die Leitlinie Colitis ulcerosa von 2018 ausdrücklich, Patienten auf das Vorliegen einer Mangelernährung und eines Mikronährstoffmangels zu untersuchen, und sie rät von speziellen Diäten oder Ernährungstherapien zum Remissionserhalt ab. Nahrungsergänzungsmittel sollten nur nach ärztlicher Rücksprache genommen werden.

Nicht nur das Was, sondern auch das Wie der Ernährung hat große Bedeutung. Dazu gibt Professor Dr. Martin Storr, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität, in seinem Ernährungsratgeber »Colitis ulcerosa & Morbus Crohn: Was tut mir gut?« wertvolle Ratschläge:

  • In Ruhe und ohne Ablenkung essen. Lange und gründlich kauen.
  • Nicht zu heiß oder eiskalt essen und trinken.
  • 5 bis7 kleinere Mahlzeiten, aber nicht pausenlos essen.
  • Fettarme Zubereitungsformen wählen, wie Dampfgaren, Dünsten, Garen im Tontopf.
  • Keine einschränkenden Ernährungsformen, wenn nicht medizinisch erforderlich.
  • Vermeiden der vier »S«: Scharfe Gewürze, Salziges, Süßes, Saures.
  • Auf hochwertige Lebensmittel achten. Keine Convienceprodukte.
  • Ernährungs-Symptom-Tagebuch führen.

Ernährung bei CED muss der Krankheitsphase angepasst werden, in der sich der Betroffene befindet. Grundsätzlich steigt sowohl durch die Entzündung als auch durch die Durchfälle der Energie- und Nährstoffbedarf an, bei sehr häufigen Toilettengängen der Flüssigkeitsbedarf ebenfalls.

Leidet der Kranke also gerade unter einem besonders schweren Schub, empfiehlt sich der Einsatz einer hochkalorischen Trink- oder Sondennahrung, um den Darm zu schonen und den Patienten mit ausreichend Kalorien und Nährstoffen zu versorgen. Bei schweren Diarrhöen ist häufig die Zufuhr von nach WHO-Kriterien zusammengesetzten Elektrolytlösungen erforderlich.

Ist das Schlimmste überstanden oder handelt es sich um einen leichteren Schub, sind oft nur wenige milde Lebensmittel verträglich, mit denen der erhöhte Nährstoffbedarf gedeckt werden muss. Dazu gehören vor allem ballaststoffarme Kohlenhydratquellen, wie Breie aus Hafer- oder Hirseflocken, Reisschleim, Weiß- oder Toastbrot und Zwieback sowie pürierte Suppen aus Kartoffeln, Möhren, Zucchini oder anderen nicht blähenden Gemüsen mit entfetteter Brühe.

Besonders empfehlenswert ist eine Karottensuppe (siehe Kasten), die nach dem österreichischen Kinderarzt Ernst Moro (1874–1951) benannt wurde und gleich mit zwei Vorteilen punktet: Erstens regulieren die enthaltenen Pektine Stuhlkonsistenz und -frequenz, zweitens bilden sich durch eine lange Kochzeit Oligogalacturonsäuren, die den Angriff der Kommensalflora auf die entzündete Darmschleimhaut abpuffern.

Schritt für Schritt essen

Sobald diese Lebensmittel gut vertragen werden, darf der Patient sich an gedünstetes, passiertes Obst milder Sorten wie Äpfel, Bananen, Aprikosen und Melonen heranwagen.

In der akuten Phase steigt auch der Proteinbedarf der Betroffenen an, den sie durch gekochten Fisch, gekochtes und passiertes mageres Fleisch sowie weich gekochte Eier oder Rührei, ohne Fett gebraten, decken dürfen. Magerquark kann im Schub einer CED in kleinen Mengen versucht werden, allerdings tritt bei Morbus Crohn durch die Entzündung der Dünndarmschleimhaut oft ein vorübergehender Laktasemangel und damit eine sekundäre Laktoseintoleranz auf.

Toleriert der gestresste Darm die genannten Kohlenhydrat- und Proteinquellen, so kann der Kranke in Maßen zu Fetten wie Butter oder Pflanzenölen greifen. Wer als Morbus-Crohn-Patient an einem Gallensäureverlustsyndrom und Fettstühlen leidet, dem helfen MCT-Fette, die ohne Gallensäure verdaut werden können. Allerdings sind diese in Diätmargarinen oder -ölen enthaltenen mittelkettigen Triglyceride zunächst ungewohnt und führen daher oft zu Bauchschmerzen und Durchfall, sodass ihre Zufuhr sehr langsam zu steigern ist.

Auch wenn die Liste dieser milden Lebensmittel sehr überschaubar ist, gibt es auch dabei wieder starke individuelle Unterschiede in der Bekömmlichkeit. Es gibt durchaus wenn auch selten Patienten, die sich während eines Schubs nur von Tee mit etwas Butter sowie einem Brei aus Toastbrot, Banane und Brühe ernähren können. Tipp: Wer mit dieser Ernährung abnimmt, sollte zusätzlich bis zu 500 Kilokalorien über eine Formuladiät zu sich nehmen.

Lebensmittel bei CED gut geeignet
Getränke (2 bis 3 Liter) Stilles Wasser, Kamillen-, Pfefferminz-, Fenchel-, Melissentee, ungesüßt. Wenig: Kaffee, Grün-, Schwarztee, säurearme Saftschorlen
Gemüse Milde Sorten wie Zucchini, Möhren, Pastinaken, Fenchel, Kürbis, Spargel, Brokkoli, Kohlrabi, Spinat, Mangold, Salat, Chicorée, Sellerie, grüne Bohnen und junge Erbsen, Rote Bete, Petersilienwurzel, evtl. Linsen, Tomaten ggf. ohne Haut od. püriert. Morbus Crohn: bei Stenosen Kürbis, Mangold, Salat, Spinat meiden
Nüsse und Samen (eine kleine Handvoll/Tag) gemahlene Nüsse, geschrotete Samen, Flohsamenschalen, Sesam, Nussmuse. Morbus Crohn: bei Stenosen keine Flohsamenschalen
Obst (entkernt) Banane, Heidelbeeren, Honigmelone, Papaya. Wenn verträglich: Himbeeren, Erdbeeren, Brombeeren, Aprikose, Pfirsich geschält, reife Äpfel. Eventuell geschält, gegart, püriert
Getreide (fein gemahlen, zarte Flocken), Brot, Beilagen Reis, Hafer, Hirse, Dinkel, Gerste, Amaranth. Zwieback, Toastbrot, Mischbrot, fein gemahlene Vollkornbrote / -brötchen ohne Körner. Pell-, Salzkartoffeln, Reis, Nudeln, Grieß. Morbus Crohn: bei Stenosen keine Vollkornprodukte
Milchprodukte Naturjoghurt, Dickmilch, Buttermilch, Mozzarella, saure Sahne, Quark (bis 20 % Fett), Frischkäse, Hüttenkäse, junger fettarmer Schnittkäse. Milch, wenn verträglich
Fleisch fettarmes Fleisch wie Huhn, Pute, wenig mageres rotes Fleisch, Geflügelwurst
Fisch fettarme Sorten wie Seelachs, Kabeljau, Rotbarsch. Je nach Verträglichkeit: Fettfische wie Lachs, Makrele, Thunfisch
Ei und Eiprodukte fettarmes Rührei, Omelett, Spiegelei, weichgekochtes Ei
Fette Butter, Olivenöl, Omega-3-haltige Öle, wie Lein-, Walnuss-, Raps-, Hanföl. Bei Fettstühlen: MCT-Fette
Süßigkeiten / Snacks (maximal eine Handvoll/Tag) Butter-, Haferkekse, selbstgemachtes Gebäck aus Rühr-, Biskuit-, Quark-Öl-Teig, Konfitüre, wenig Süßen mit Zucker, Honig, Reissirup (fruktosefrei)
Erlaubt ist, was bekommt: Auflistung einer möglichen leichten Vollkost für CED-Patienten

Gerade für Alleinstehende ist es enorm wichtig, gerüstet zu sein und gut haltbare Lebensmittel wie Zwieback, Schmelzflocken, Tiefkühlgemüse und -fisch, Babygläschen sowie Eier, Butter und Quark im Haus zu haben, da ein plötzlich einsetzender Schub das Verlassen der Wohnung unmöglich machen kann.

Sobald eine adäquate medikamentöse Behandlung und die genannten Diätmaßnahmen den entzündeten Darm stabilisiert haben, dürfen sich Patienten auf einen Speiseplan nach dem Prinzip der leichten Vollkost freuen, der dann unter Berücksichtigung der eigenen Unverträglichkeiten zeitlebens beibehalten wird (siehe Tabelle). Selbsthilfeverbände wie beispielsweise die Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung DCCV oder die Internet-Plattform www.leben-mit-ced.de geben hierzu entsprechende Empfehlungen.

Heilender Ballast

Während in der Akutphase Ballaststoffe aus der Nahrung verbannt werden, sind sie wegen ihrer wissenschaftlich gesicherten Schutzfunktion vor CED ein unentbehrlicher Bestandteil des täglichen Speiseplans. Weil ihr Verzehr zu vermehrter Darmgasbildung führt, muss der Patient allmählich auf die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene Menge von 30 Gramm pro Tag steigern und ausreichend trinken. Wasserlösliche Ballaststoffe wie Pektine aus Obst und Gemüse, Schleimstoffe aus Floh- und Leinsamen, Betaglukane aus Hafer oder Gerste sollten überwiegen. Untersuchungen mit Colitis-ulcerosa-Patienten haben etwa für eine Flohsamen-Supplementierung in der schubfreien Zeit ähnliche antientzündliche Effekte gezeigt wie eine Therapie mit Mesalazin.

Präbiotika wie Inulin, Frukto-Oligosaccharide und Galakto-Oligosaccharide sind ebenfalls wasserlösliche Pflanzenfasern und beispielsweise in Chicorée, Topinambur und Schwarzwurzeln enthalten. Unter den Ballaststoffen nehmen sie eine Sonderstellung ein, weil sie selektiv das Wachstum nützlicher Darmbakterien sowie die Bildung größerer Mengen Butyrat fördern, welches die Schleimhautzellen des Dickdarms ernährt. Ausgewählte Präbiotika sollten laut Behandlungsleitlinie zur Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa, nicht aber bei Morbus Crohn erwogen werden.

Sofern Milchprodukte gut vertragen werden, ist der Verzehr, vor allem von selbstgemachtem Joghurt, eine hervorragende Quelle für Milchsäurebakterien. Durch die frische Zubereitung ist ihr Anteil höher als in gekauftem Joghurt, während der Laktosegehalt durch eine lange Reifezeit von bis zu 24 Stunden stark reduziert wird.

Neue Diäten, neue Beschwerden

Laienpresse und Internet warten heutzutage in immer kürzer werdenden Abständen mit neuen Diäten auf, denen dann die Hoffnung vieler Kranker gilt. Einen medizinische Wirksamkeitsnachweis gibt es für diese Ernährungstrends jedoch selten, weshalb sie im wahrsten Sinne des Wortes mit Vorsicht zu genießen sind. Ein Schlagwort findet sich jedoch in Ernährungskonzepten immer wieder: FODMAP. So auch für CED-Patienten. Mehrere klinische Studien konnten für die FODMAP-Diät positive Effekte auf die CED-Symptome zeigen. Es profitieren vor allem Patienten, deren Darmentzündung bereits gut unter Kontrolle ist, die aber nach wie vor unter verschiedenen Bauchbeschwerden und Stuhlveränderungen leiden. Die Abkürzung FODMAP steht für fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole – oder vereinfacht gesagt für verschiedene Kohlenhydrate, die Beschwerden bei der Verdauung machen, weil sie unter erheblicher Gasbildung von Darmbakterien verstoffwechselt werden. Werden Lebensmittel mit hohem FODMAP-Anteil eingeschränkt, reduziert das häufig die bestehende Restsymptomatik.

Eine Kostform, die CED zur Ausheilung bringt, gibt es nach aktueller wissenschaftlicher Datenlage nicht, jede Nahrungsumstellung kann nur mit dem Ziel erfolgen, sowohl Entzündungsaktivität als auch Beschwerden zu verbessern, Mangel- und Unterernährung zu verhindern und die Lebensqualität des Einzelnen zu steigern. 

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