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Wenn das Ohr pfeift

Bei Hörsturz und Tinnitus ist keine kausale Behandlung möglich

Hörsturz und Tinnitus treten häufig gemeinsam auf. Für Betroffene eine Doppelbelastung, die durch das Fehlen ursächlicher Behandlungsmöglichkeiten verstärkt wird. Der Fokus liegt auf verhaltenstherapeutischen Maßnahmen.
Carina Steyer
16.11.2020  13:00 Uhr

Es summt, pfeift, rauscht oder brummt im Ohr – ohne dass es dafür eine Schallquelle gibt. Diese Beschreibung ist typisch für den Tinnitus, von dem nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga rund 10 Millionen Erwachsene zumindest zeitweise betroffen sind. Ein plötzlicher einseitiger Hörverlust, der ohne erkennbare Ursache auftritt und von einem pelzigen Gefühl an der Ohrmuschel oder einem Druckgefühl im Ohr begleitet wird, deutet außerdem auf einen Hörsturz hin. Rund 150.000 Erwachsene erleben ihn jedes Jahr, schätzt die Deutsche Tinnitus-Liga.

Obwohl die Symptomatik von Hörsturz und Tinnitus schon lange bekannt ist, wissen Wissenschaftler bisher nur wenig über die Ursachen. Als gesichert gilt, dass beide Erkrankungen im Innenohr entstehen. Verantwortlich für den Hörsturz ist vermutlich eine Funktionsstörung der Haarzellen. In gesunden Ohren nehmen die Haarzellen die von außen kommenden Schallwellen wahr und wandeln diese in elektrische Impulse um. Über den Hörnerv gelangen sie ins Gehirn, wo sie zum Höreindruck verarbeitet werden. Fällt eine Frequenz aus, hören wir entsprechende Töne nicht mehr. Das Gehirn registriert das Fehlen und versucht, die fehlende Frequenz zu ersetzen. Es greift dabei auf sein akustisches Gedächtnis zurück, was jedoch nicht immer reibungslos funktioniert. Statt der gewohnten Töne hören Betroffene nun ein Pfeifen, Rauschen oder Brummen.

Unklare Ursache

Unbekannt ist bis heute, was die Funktionsstörung der Haarzellen auslöst. Diskutiert werden Durchblutungsstörungen, Erkrankungen des Innenohrs, Infektionen sowie Stress. Für die Betroffenen bedeutet die fehlende Ursache: Es gibt keine kausale Behandlung. Das ist auch der Grund warum ein Hörsturz heute nicht mehr als medizinischer Notfall angesehen wird. Solange kein vollständiger Hörverlust auftritt, raten HNO-Ärzte ihren Patienten zunächst einmal 24 bis 48 Stunden abzuwarten und sich während dieser Zeit möglichst viel Ruhe zu gönnen. Normalisiert sich das Gehör nicht, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie in ihrer Leitlinie zum Hörsturz die Behandlung mit Glucocorticoiden. So sollen Entzündungen und Schwellungen im Innenohr gelindert werden. Wissenschaftlich gesichert ist diese Annahme jedoch ebenso wenig wie die richtige Dosierung. Leitliniengerecht ist derzeit die dreitägige Einnahme von jeweils 250 mg Prednisolon (oder ein anderes Glucocorticoid in äquivalenter Dosierung). Tritt nach ein bis vier Wochen keine Besserung ein, kann der Wirkstoff nach Betäubung des Trommelfells direkt in den Raum zwischen Trommelfell und Innenohr appliziert werden.

Obwohl sie über Jahrzehnte hinweg fester Bestandteil der Hörsturzbehandlung war, gilt die Infusionstherapie mit dem Blutplasma-Ersatz Hydroxyethylstärke (HAES) heute als wirkungslos. Da sie schwere Nebenwirkungen mit sich bringen kann, sollte sie nicht mehr angewendet werden.

Spontane Heilung

Hörsturz und Tinnitus zeigen eine hohe Spontanremissionsrate. Etwa 80 Prozent der Betroffenen sind nach einigen Tagen bis wenigen Wochen wieder symptomfrei. Schlechter ist die Prognose bei einem vollständigen Hörverlust. Hier erholt sich das Gehör häufig nicht mehr, was für die Betroffenen eine große Belastung darstellt. Vor allem in schwierigen Hörsituationen, wie zum Beispiel in Gesprächen mit mehreren Personen, beim Richtungshören oder Hören mit Störgeräuschen, erleben Betroffene starke Einschränkungen in ihrer Kommunikationsfähigkeit. HNO-Ärzte empfehlen deshalb, die verloren gegangenen Frequenzen mit einem Hörgerät auszugleichen. Bei einem vollständigen Hörverlust kann auch ein Cochlea-Implantat in Frage kommen. Oft bessert sich nach der Versorgung mit einem Hörgerät auch ein noch bestehender Tinnitus. Dies wird damit erklärt, dass das Gehirn die fehlende Frequenz nicht mehr selber ausgleichen muss.

Wenig Evidenz

Bleibt ein Tinnitus länger als drei Monate bestehen, gilt er als chronischer Tinnitus. Nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga trifft das in Deutschland auf etwa 3 Millionen Erwachsene zu. Wie sehr sich Betroffene in ihrem Alltag durch den Tinnitus beeinträchtigt fühlen, hängt von der Ausprägung und der Wahrnehmung des einzelnen Patienten ab. Während einige es gut schaffen, dem Ohrgeräusch keine Bedeutung beizumessen, fühlen sich andere stark gestört. Schätzungen zufolge empfinden zwischen 6 und 20 Prozent der Betroffenen ihr Ohrgeräusch als lästig, etwa 5 bis 8 Prozent fühlen sich schwer beeinträchtigt. Zur Belastung wird der Tinnitus, wenn er mit negativen Emotionen belegt wird und ständige Hinwendungsreaktionen provoziert. Die Folge sind Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen und Angsterkrankungen. Aus dem ursprünglichen Symptom wird dadurch eine eigenständige Erkrankung, die therapeutischer Unterstützung bedarf.

Tinnitus-Patienten finden eine Vielzahl an Therapieverfahren auf dem Markt, die versprechen, die Ohrgeräusche beseitigen zu können. In den meisten Fällen fehlt jedoch die wissenschaftliche Evidenz. So gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Tinnitus-Patienten einen Zink- oder Magnesiummangel aufweisen. Auch die Einnahme von Vitaminen haben bisher in Untersuchungen keinen positiven Einfluss auf einen Tinnitus gezeigt. Für eine Therapie mit hyperbarem Sauerstoff sowie für Akupunktur ist kein Nutzen belegt.

Medikamentöse Behandlungsansätze werden derzeit nur als sinnvoll erachtet, wenn sie auf die Begleitsymptome abzielen wie zum Beispiel ein Antidepressivum, wenn der Tinnitus zu Depressionen geführt hat. Allerdings sollten Patienten vor der Einnahme darüber aufgeklärt werden, dass Psychopharmaka einen bestehenden Tinnitus verstärken können. Erst wenn Betroffene verstehen, dass das Medikament langfristig die begleitende psychische Erkrankung bessert und damit die Tinnitus-Belastung reduziert, können sie trotz auftretender Verstärkung die notwendige Compliance zeigen.

Akzeptanz schulen

Die S3-Leitlinie Tinnitus von 2015 und die europäische Tinnitus Leitlinie von 2019 geben ausschließlich für die kognitive Verhaltenstherapie eine starke Therapieempfehlung. Sie gilt derzeit als am besten belegt. Ihr Ziel ist es, den Patienten anzuleiten, die Ohrgeräusche sowie Stress besser zu verarbeiten, die Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Ohrgeräusche zu verringern und den Tinnitus sowie seine Konsequenzen anders zu bewerten. Betroffene erlernen dafür gezielte Bewältigungsstrategien, die ihnen Schritt für Schritt das Vertrauen in die eigene Einflussnahme zurückgeben. Gleichzeitig werden vermeidende Verhaltensweisen nach und nach abgebaut. Im Rahmen der Therapie können zudem begleitende Symptome wie Ängste, Depressionen oder Schlafstörungen behandelt werden.

Für Therapieverfahren wie die Tinnitus-Retraining-Therapie oder Sound-Therapien finden sich keine Empfehlungen in der Leitlinie. Sound-Therapien nutzen unterschiedliche Prinzipien. Bei der sogenannten passiven Musiktherapie hört der Betroffene Musik, die in seiner Tinnitus-Frequenz verändert wurde. Obwohl es dafür inzwischen entsprechende Apps gibt und die Kosten von einigen Krankenkassen übernommen werden, konnten Studien keine Verbesserung der Symptome im Vergleich zu Placebo nachweisen.

Die Retraining-Therapie besteht aus einer Kombination aus Aufklärung und Beratung, verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätzen sowie einer Sound-Therapie mit sogenannten Maskern. Diese erzeugen ein kontinuierliches Hintergrundrauschen, das parallel zum Tinnitus gehört wird und eine Gewöhnung an das Ohrgeräusch ermöglichen soll. Inzwischen weiß man jedoch, dass der Sound-Therapie mit Maskern nur eine zweitrangige Wirkung zukommt und der therapeutische Nutzen der Retraining-Therapie hauptsächlich in der kognitiven Verhaltenstherapie liegt.

Die Tinnitus-Retraining-Therapie wurde ursprünglich von Pawel Jastreboff und Jonathan Hazell in den 90er Jahren entwickelt. Eine Anpassung an deutsche Verhältnisse und Qualitätsstandards wurde durch die Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neurootologen und Otologen (ADANO) vorgenommen, weshalb heute auch der Begriff Retraining-Therapie nach ADANO geläufig ist.

Ängste nehmen

In der europäischen Leitlinie betonen die Experten außerdem, dass die Aufklärung über die Zusammenhänge des Tinnitus für die Patienten von großer Bedeutung ist, um die Erkrankung zu verstehen. Darüber hinaus sollten Tinnitus-Patienten über angemessene Gehörschutzmaßnahmen informiert werden. Hierbei geht es vor allem darum, den Betroffenen zu vermitteln, dass übertriebener Gehörschutz oder das Vermeiden von Geräuschen eine Geräuschüberempfindlichkeit und somit die Belastung durch den Tinnitus verstärken kann. Patienten sollten angehalten werden, für sie positive Aktivitäten weiterhin auszuüben und allenfalls geringfügig auf den Tinnitus zu modifizieren. Darüber hinaus sollten ihnen Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung oder Atemtechniken empfohlen werden. Auch ein Besuch einer Selbsthilfegruppe wird von den Experten als hilfreich angesehen. Die größte Selbsthilfeorganisation für Tinnitus-Betroffene ist die Deutsche Tinnitus-Liga. Sie vermittelt auf ihrer Internetseite Adressen von Selbsthilfegruppen in der Nähe des eigenen Wohnortes.

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