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Ärzte, Apotheker und Patienten

Bei Medikationsmanagement auf Zusammenarbeit setzen

Angesichts zunehmender Polypharmazie wird Medikationsmanagement als Dienstleistung der Apotheke immer wichtiger. Dies gelingt nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den Ärzten. Aber auch die Patienten müssen wissen, warum sie diese Leistung brauchen.
Brigitte M. Gensthaler
16.10.2020  12:00 Uhr

»Medikationsmanagement ist eine Chance für die Apotheke«, ist Dr. Christian Ude, Stern-Apotheke Darmstadt, überzeugt. Bei einer Diskussionsrunde bei der Expopharm Impuls, die Ulrich Brunner von pharma4u leitete, warb er für die besondere Dienstleistung der öffentlichen Apotheke. Ziel sei immer, Nutzen für den individuellen Patienten zu generieren.

Apotheker sollten für Probleme der Polymedikation sensibilisiert sein und nicht nur auf geriatrische Patienten achten, empfahl Ude im Einführungsvortrag. Sie könnten im Gespräch Patienten identifizieren, die von Medikationsanalyse und -management profitierten, sollten ihre Leistung aber auch offensiv anbieten. Voraussetzung in der Apotheke seien Ressourcen wie gut qualifiziertes Personal, fachliche Ausstattung und Räumlichkeiten. »Wir müssen ein neues Verständnis der Apotheke generieren; wir verstehen uns als hochqualifizierte Dienstleister und wirken als Heilberufler mit an der Therapie«, sagte Ude. Damit dieser Mehrwert wahrgenommen werde, müsse man Verständnis und Nachfrage bei Patient und Arzt generieren: »Wissen Sie eigentlich, dass und warum Sie unsere Dienstleistung brauchen?« Die Apotheke könne eine Komplettlösung anbieten, um die bestmögliche Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) für den Patienten zu gewährleisten. Dafür brauche der Berufsstand aber auch eine verlässliche Vergütung.

Gut vorbereitet

Dass der Berufsnachwuchs gut vorbereitet ist auf die neuen Anforderungen, verdeutlichte Professor Dr. Ulrich Jaehde, Leiter Klinische Pharmazie an der Uni Bonn, in der Diskussion. Seit 2005 gebe es eine Examensprüfung in Klinischer Pharmazie, für Weiterqualifizierung und Training Angebote vieler Apothekerkammern. Absolventen suchten gezielt nach Apotheken, die Medikationsmanagement anböten, sagte er. »Der Nachwuchs möchte Heilberufler werden und das Berufsbild verändern. Medikationsmanagement sollte Kernkompetenz der künftigen Apotheker sein.«

Jaehde wies nachdrücklich auf die interprofessionelle Zusammenarbeit als »Schlüssel zum Erfolg« hin. Die meisten Ärzte sähen Vorteile in der Zusammenarbeit mit dem Apotheker, wenn diese vorab vereinbart werde. Sein Tipp: »Sprechen Sie für den Start mit dem Hausarzt, mit dem Sie die beste Verbindung haben, und stellen Sie ihm die Möglichkeiten und Vorteile dar.« Gemeinsam mit kooperativen Ärzten könne man Erfahrungen im Medikationsmanagement sammeln.

Arzneimittelcoach für Rheumapatienten

Apotheker Tim Steimle, Leiter Arzneimittel bei der Techniker Krankenkasse, warnte vor »AMTS light«. Er sehe Medikationsmanagement als einen zentralen Aspekt zur Positionierung der Apotheken in der Zukunft, aber diese Leistung müsse auch bei den Patienten ankommen. Die elektronische Patientenakte, in der umfangreiche Gesundheitsdaten gespeichert werden können, biete enorme Möglichkeiten und das E-Rezept sei ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. Über Selektivverträge könnten Krankenkassen das Thema vorantreiben.

Steimle verwies auf das Projekt der TK mit dem Berufsverband Deutscher Rheumatologen zur Betreuung von Rheumapatienten, das unter anderem ein Modul Arzneimittel und ein Arzneimittelcoaching beinhaltet. Über den TK-Arzneimittelcoach können sich Rheumapatienten ergänzend zum Arztgespräch zu ihrem Krankheitsbild beraten lassen. Die vertiefte Beratung und das Medikationsmanagement finde in der Apotheke vor Ort statt. Die TK wolle dieses Angebot ausbauen und allen ihren Versicherten anbieten. »Wir arbeiten gut mit den Apothekern und auch der Noventi zusammen. Wir sollten jetzt mutig sein und gemeinsam nach vorne gehen.«

Diesen Ball griff Apotheker Dr. Sven Simons, Vorstand der Noventi Health SE, gerne auf. Bei der Implementierung pharmazeutischer Dienstleistungen seien Netzwerkbildung und gemeinsames Agieren unverzichtbar. Apotheker sollten »die Reihen schließen«. Ebenso sollten Unternehmen sich gemeinsam an einen Tisch setzen und ihre Exklusivitätsansprüche aufgeben. Plattform-Technologien und große Netzwerke wie das »Pro AvO«-Bündnis, dem unter anderem der Noventi-Konzern angehört, zeigten die enormen Potenziale der neuen digitalen Ausrichtung und von Kooperationen. Dabei setze die Noventi »immer auf die öffentliche Apotheke als Drehscheibe im Markt«, versicherte Simons.

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