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Bei Übelkeit und Erbrechen genau nachfragen

Lebensmittelvergiftung, Reisekrankheit, Schwangerschaft, Migräne, Medikamente, Stress – die Reihe möglicher Ursachen von Erbrechen ist lang. Wenn Betroffene Rat in der Apotheke suchen, müssen PTA und Apotheker klären, ob eine Selbstbehandlung vertretbar ist.
Annette Immel-Sehr
14.11.2019
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Babys, Kleinkinder und jüngere Schulkinder übergeben sich relativ häufig, weil bei ihnen Magen und Darm sehr empfindlich reagieren. Meist ist dies kein Grund zur Sorge, vor allem, wenn es beim einmaligen Erbrechen bleibt und das Kind nicht weiter krank ist. Möglicherweise hat es zu hastig getrunken oder zu viel Verschiedenes durcheinandergegessen. Auch ein heftiger Wutanfall von Kleinkindern endet manchmal damit, dass sie sich übergeben.

Erbrechen kann auch eine sinnvolle Schutzmaßnahme des Körpers sein, um Giftstoffe möglichst schnell zu eliminieren – aus einem verdorbenen Nahrungsmittel etwa. In vielen Fällen ist es aber ein unangenehmes, kräftezehrendes Symptom einer Erkrankung oder die Folge einer Therapie.

Magen, Zwerchfell und Bauchmuskulatur ziehen sich beim Erbrechen reflexartig kräftig zusammen, und die Schließmuskeln lockern sich, sodass der Mageninhalt, in schweren Fällen sogar Darminhalt, über die Speiseröhre hinausbefördert wird. Das Brechzentrum (Area postrema) im verlängerten Rückenmark steuert diesen Vorgang. Es ist über Nerven unter anderem mit dem Gehirn, dem Gleichgewichtsorgan und dem Magen-Darm-Trakt verbunden. Erhält es von dort Reize, kann dies Erbrechen auslösen. Als Neurotransmitter spielen dabei besonders Serotonin, Dopamin und Histamin eine Rolle. Erbrechen kann einhergehen mit einem Schweißausbruch, vermehrtem Speichelfluss, Schwindel, Blässe und Kreislaufschwäche.

Ursachen mannigfaltig

Zu den häufigsten Ursachen im Bereich der inneren Organe zählen Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Entzündungen von Verdauungsorganen und mechanische Hindernisse wie ein Darmverschluss. Die sensorischen Signale werden vom Rachen, der Speiseröhre, vom Magen oder dem Dünndarm über die Nervenbahnen zum Brechzentrum geleitet. Auch ein Herzinfarkt und Herzinsuffizienz können sich in Erbrechen äußern. Ebenso lösen Störungen im Gehirn Erbrechen aus, zum Beispiel ein Migräneanfall, ein Sonnenstich, eine Gehirnerschütterung, Hirnhautentzündung oder ein erhöhter Druck in der Schädelhöhle.

Nicht zuletzt spielt die Psyche eine Rolle. Starke Gefühle wie Ekel, Stress, Angst und Schmerzen können das vegetative Nervensystem aktivieren und dazu führen, dass sich ein Mensch übergibt. Erbrechen am Morgen noch vor dem Frühstück gilt als Hinweis für eine Schwangerschaft, Erbrechen nach Mahlzeiten könnte auf einer gestörten Magenpassage beruhen, Erbrechen ohne vorausgehende Übelkeit deutet auf eine direkte Reizung des Brechzentrums durch neurologische Ursachen hin.

Prophylaxe hilfreich

Für viele Menschen ist Krebstherapie gleichbedeutend mit Übelkeit und Erbrechen. Gegenüber den Anfängen der Chemotherapie hat sich hier allerdings Vieles verbessert. Durch die prophylaktische Gabe hochwirksamer (verschreibungspflichtiger) Antiemetika hat diese gefürchtete Nebenwirkung viel von ihrem Schrecken verloren. Eingesetzt werden 5-HT3-Antagonisten wie Ondansetron, Neurokinin-1-Rezeptorantagonisten wie Aprepitant oder Corticosteroide wie Dexamethason. Zudem gibt es heute zahlreiche Krebsmittel, die besser verträglich sind. Sie haben ein geringeres emetogenes Potenzial, wie Ärzte sagen. Allerdings hat Erbrechen bei Tumorpatienten oft auch andere Ursachen. So ist es möglicherweise die Nebenwirkung einer Opiodtherapie oder Folge einer Elektrolytstörung, eines Darmverschlusses oder Ausdruck eines fortgeschrittenen Krankheitsstadiums.

Nicht ohne Rückfragen

Fragt ein Kunde in der Apotheke nach einem Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen, sollten PTA und Apotheker sich die Beschwerden und die Begleitumstände genau berichten lassen. Andernfalls lässt sich nicht entscheiden, ob eher der Gang zum Arzt statt einer Selbstmedikation angezeigt ist. Vorübergehendes Erbrechen ist in der Regel harmlos. Bei wiederholtem starkem Erbrechen ohne erkennbaren Anlass, bei hohem Fieber, krampfartigen Schmerzen oder wiederkehrenden Schmerzen an derselben Stelle sollten PTA und Apotheker den Kunden in jedem Fall an den Arzt verweisen. Im Beratungsgespräch könnten sie fragen, ob der Kunde kürzlich im Ausland war. Möglicherweise ist das Erbrechen Folge einer mitgebrachten Infektion.

Von Bedeutung ist auch die Frage nach dem Erbrochenen. Üblicherweise sind darin noch unverdaute Bröckchen der letzten Mahlzeit erkennbar. Kritisch wird es, wenn Erbrochenes rot ist oder schwarz wie Kaffeesatz. Im ersten Fall enthält es frisches Blut, im zweiten Fall Blut, das teilweise verdaut wurde. Ist das Erbrochene bitter und sieht gelbgrün aus, enthält es Galle. In all diesen Fällen sollte der Patient sich unbedingt ärztlich untersuchen lassen. Bei Kindern sollten Eltern einen Arzt konsultieren, wenn das Erbrechen nach einem Sturz oder Unfall eintritt, es mit starken Bauchschmerzen einhergeht oder wenn das Kind apathisch ist.

Allgemein sind Säuglinge, Kleinkinder und Hochbetagte Risikopatienten, da sie den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust, der mit dem Erbrechen einhergeht, nicht kompensieren können. Sie sollten immer ärztlich behandelt werden, wenn sie sich wiederholt übergeben haben. Im Rahmen der Selbstmedikation können vor allem die Beschwerden der Reisekrankheit und leichtes Schwangerschaftserbrechen therapiert werden.

Eindrücke unsortiert

In der Regel sind Brechreiz und Erbrechen auf die Dauer des Reisens beschränkt. Warum manche Menschen zu diesen Beschwerden neigen, andere aber nicht, ist unklar. Als Ursache wird vermutet, dass bei den Betroffenen die Sinneseindrücke von Auge, Ohr und Gleichgewichtsorgan nicht übereinstimmen. Wer von sich weiß, dass er zu Reisekrankheit neigt, sollte eine halbe Stunde vor Reisebeginn ein Antiemetikum einnehmen. Bei rektaler Applikation setzt die Resorption verzögert ein, sodass Zäpfchen möglichst zwei Stunden vor Reiseantritt eingeführt werden sollten. Ist die Reiseübelkeit erst einmal eingetreten, ist es schwieriger, die Beschwerden in den Griff zu bekommen. Bei einer länger dauernden Reise ist es nötig, die Einnahme im vorgegebenen Abstand zu wiederholen, bis die Tageshöchstdosis erreicht oder die Reise beendet ist.

Das erste Trimenon

Bei einer Kundin im gebärfähigen Alter, die ein Mittel gegen Erbrechen wünscht, ist die Frage »Besteht die Möglichkeit, dass Sie schwanger sind?« durchaus berechtigt. Vielleicht ist dann ein Schwangerschaftstest der erste Schritt, um den Grund der Beschwerden aufzuklären. Mehr als die Hälfte der Schwangeren hat vor allem in der Frühschwangerschaft mit dem Phänomen zu kämpfen. Die Ursachen sind letztlich nicht bekannt. Mediziner diskutieren hormonelle Veränderungen, eine genetische Disposition, einen erschlafften Schließmuskel am Ende der Speiseröhre, eine gesteigerte Geruchsempfindlichkeit und Vitamin B6-Mangel. Bei den meisten Schwangeren verschwinden die Beschwerden im Laufe des ersten Trimenons. Ein kleiner Teil hat allerdings auch darüber hinaus immer wieder mit Erbrechen zu kämpfen, ein Prozent sogar mit schwerem Erbrechen (mehr als fünfmal pro Tag). Gynäkologen sprechen dann von Hyperemesis gravidarum. In diesen Fällen ist meist eine Behandlung im Krankenhaus erforderlich.

Wie immer in der Schwangerschaft sollte eine Pharmakotherapie nur erfolgen, wenn es nicht anders geht. Für Schwangere ist es wichtig zu verstehen, dass es sich bei der Übelkeit nicht um eine Krankheit handelt, sondern um eine schwangerschaftsspezifische Veränderung, die in den meisten Fällen wieder verschwindet. Die Empfehlungen vieler Gynäkologen lauten, regelmäßig kleine, kohlenhydrat- und proteinreiche Mahlzeiten zu sich zu nehmen und auf ausreichendes Trinken zu achten. Fettes scharfes Essen (und dessen Geruch) kann bei Schwangeren Brechreiz auslösen. Kommt die Schwangere überhaupt nicht mit dem Erbrechen zurecht, sollte sie einen Arzt aufsuchen. In leichteren Fällen können PTA und Apotheker ein Antiemetikum empfehlen.

Antiemetika zur Selbstmedikation

Für die Selbstbehandlung bei Übelkeit und Erbrechen sind H1-Antihistaminika der ersten Generation wie Dimenhydrinat und Diphenhydramin meist Mittel der Wahl. Dimenhydrinat eignet sich je nach Darreichungsform auch für Kleinkinder. Als Wirkmechanismus wird eine Blockade zentraler und peripherer H1-Rezeptoren postuliert. Die Patienten sind auf die müde-machende Nebenwirkung hinzuweisen. Als weitere Nebenwirkungen können Schwindel und Muskelschwäche auftreten sowie anticholinerge Effekte wie Mundtrockenheit, ein erhöhter Augeninnendruck und Beschwerden beim Wasserlassen. Während der Anwendung sollten Patienten keinen Alkohol trinken, da Wirkung und Nebenwirkungen dadurch verstärkt werden können. H1-Antihistaminika sind kontraindiziert bei Engwinkelglaukom, Prostatahyperplasie, Asthma bronchiale und Epilepsie sowie in der Stillzeit. Sie sollten nicht bei einer bestehenden Therapie mit Psychopharmaka, Hypnotika, anticholinerg wirkenden Arzneistoffen und Antiarrhythmika angewendet werden.

Schaut man sich die Beipackzettel von Reisemedikamenten beziehungsweise Antiemetika an, so raten manche Hersteller von der Einnahme in der Schwangerschaft ab. PTA und Apotheker sollten sich die Beipackzettel anschauen, bevor sie einer Schwangeren ein Präparat empfehlen, um diese nicht zu verunsichern. Laut Embryotox, dem Internetportal der Charité-Universitätsmedizin Berlin, kann Diphenhydramin während der gesamten Schwangerschaft eingesetzt werden, auch die vorübergehende Anwendung von Dimenhydrinat ist laut Embryotox akzeptabel. Beide Substanzen sollten jedoch im dritten Trimenon nicht bei vorzeitiger Wehentätigkeit zum Einsatz kommen, da sie diese verstärken können.

Ingwer ab sechs Jahren

Vitamin B6 (Pyridoxin) ist ein wichtiges Coenzym im Aminosäurestoffwechsel. In kleineren Studien erwies es sich als wirksam, um Übelkeit und Erbrechen vor allem in der frühen Schwangerschaft zu behandeln. Auf welche Weise die Wirkung zustande kommt, ist nicht geklärt. Zur Therapie von Schwangerschaftserbrechen sollte eine Tagesdosis von 80 Milligramm nicht dauerhaft überschritten werden.

Für Patienten, die pflanzliche Arzneimittel bevorzugen, sind Ingwer-Präparate eine gute Empfehlung gegen Brechreiz. Sie eignen sich für Kinder ab sechs Jahren. Die Wirkung beruht auf einem Antagonismus an zentralen 5-HT3-Rezeptoren. Bei empfindlichen Personen kann Ingwer als Nebenwirkung Sodbrennen auslösen. Bei Gallensteinleiden ist er kontraindiziert. Laut Embryotox kann Ingwer in der Schwangerschaft in üblicher Dosierung eingenommen werden. Der Hersteller des Produktes Zintona® rät allerdings in der Gebrauchsinformation von der Anwendung bei Schwangerschaftserbrechen und in der Stillzeit ab. 

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