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Krätze oder Scabies

Beim zweiten Mal schlimmer

»Ich glaub, ich krieg die Krätze«, spricht der Volksmund, wenn etwas kaum noch auszuhalten ist. Auf die winzige Krätzmilbe trifft das definitiv zu. Sie verursacht so starken Juckreiz, dass Betroffene sich mitunter blutig kratzen.
Carina Steyer
09.03.2021  15:30 Uhr

Über Jahrhunderte hinweg war die Krätze eine gut bekannte und weit verbreitete Hautkrankheit. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verschwand sie für einige Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein, bis sie in den letzten Jahren wieder auffallend häufig diagnostiziert wurde. So stieg laut der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein die Anzahl der dokumentierten Behandlungsfälle von 2014 bis 2016 um 200 Prozent. Nach Angaben der Barmer Krankenversicherung erhöhte sich die Zahl der Verordnungen für Antiskabiosa von 2016 auf 2017 um 60 Prozent. Das Robert-Koch-Institut (RKI) registrierte bei der Analyse der Krätze-Meldungen von Gesundheitsämtern im Jahr 2015 und 2016 bei zwei Dritteln der Einrichtungen eine Zunahme der Fälle. Eine eindeutige Ursache für diesen Trend gibt es bisher nicht. Experten vermuten, dass es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren handeln könnte, welche die Bedingungen für die Übertragung der Krankheit verbessert haben. Wirklich weg war die Krätze nämlich auch in der Zwischenzeit nicht. In Einrichtungen, in denen viele Menschen zusammenkommen, gab es immer wieder Ausbrüche.

Anhaltender Kontakt nötig

Die Krätze ist eine parasitäre Hauterkrankung, die durch die winzig kleine, maximal 0,5 Millimeter große Krätzmilbe ausgelöst wird. Für eine Ansteckung reichen bereits wenige Milben oder ein einzelnes befruchtetes Weibchen, das durch Hautkontakt weitergegeben wird. Schnell sind die Tiere allerdings nicht. Für eine Übertragung ist ein anhaltender Hautkontakt von mindestens fünf bis zehn Minuten erforderlich. Typische Übertragungssituationen stellen etwa das Schlafen in einem gemeinsamen Bett, Kuscheln oder Körperpflege von Babys und Kleinkindern, die Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen sowie Sexualkontakte dar. Zwischen Kindern wird die Krätze meist beim gemeinsamen Spielen übertragen. Distanzierte soziale Kontakte wie das Händeschütteln oder eine Umarmung hingegen gelten nicht als gefährlich. Eine Ausnahme bildet die Scabies crustosa. Bei dieser besonders schweren Form der Krätze befinden sich Tausende Milben auf der Haut des Betroffenen, die bereits bei kurzen Kontakten übertragen werden können. Scabies crustosa tritt vor allem bei Menschen mit einer Immunschwäche auf.

Haben die Krätzmilben einen neuen Wirt gefunden, bohren sie sich in die oberste Hornschicht der Haut ein und legen kleine, kommaartige Gänge an. In ihnen legen die Weibchen pro Tag bis zu vier Eier ab. Sichtbar ist das Ganze von außen in der Regel nicht. Um Gänge und Milben sicher nachweisen zu können, ist eine mikroskopische Untersuchung nötig. Auffällig sind bisweilen die kleinen, etwa stecknadelkopfgroßen Bläschen, die sich am Ende der Gänge bilden. Gerade im Anfangsstadium der Erkrankung können sie Insektenstichen oder Flohbissen sehr ähnlich sehen. Besteht die Krätze länger, entwickelt sich ein großflächiger Ausschlag, der mitunter als allergische Reaktion fehlinterpretiert werden kann.

Quälender Juckreiz

Bis Betroffene den Befall mit Krätzmilben bemerken, vergehen im Durchschnitt etwa sechs Wochen. Leitsymptom ist ein kaum aushaltbarer Juckreiz, der durch die Immunantwort auf Eier, Kot und Stoffwechselprodukte der Milben ausgelöst wird. Vor allem nachts sind die Symptome durch die Wärme im Bett besonders ausgeprägt und können Betroffene schier in die Verzweiflung treiben. Sie kratzen sich bisweilen so stark, dass blutige Wunden entstehen, die wiederum zur Eintrittspforte für Krankheitserreger werden. Eine Ausnahme bilden Diabetiker und Demenzkranke. Sie haben häufiger eine verringerte Juckreiz-Wahrnehmung, sodass der Befall mitunter erst sehr spät erkannt wird.

Die Krätze zeigt sich bevorzugt in den Zwischenräumen von Fingern und Zehen, an Handgelenken und Ellenbogen, in den Achselhöhlen, der Nabelregion und Leistengegend, in den Analfalten und Genitalien sowie an den Brustwarzen. Bei Säuglingen und Kleinkindern können außerdem Kopf, Gesicht, Handflächen und Fußsohlen betroffen sein. Zudem kann sich der Juckreiz im Krankheitsverlauf auch auf Hautregionen ausbreiten, die nicht direkt von der Milbe betroffen sind.

Reinfektionen vermeiden

Mit der Krätze kann man sich immer wieder infizieren. Anders als Erstinfektionen treten Reinfektionen bereits nach wenigen Tagen in Erscheinung, da die Immunantwort auf die Milbe nun schneller erfolgt. Da Reinfektionen ein Risiko für »Pingpong-Effekte« darstellen, werden im Idealfall alle engen Kontaktpersonen eines Krätze-Patienten zeitgleich mit behandelt, auch wenn sie (noch) keine Symptome zeigen. Mittel der Wahl ist eine Permethrin-haltige Creme, die lückenlos auf den gesamten Körper aufgetragen werden muss. Bei Erwachsenen kann der Kopf ausgespart werden, bei Kleinkindern wird lediglich ein schmaler Rand um Mund und Augen frei gelassen. Beim Auftragen der Creme ist Hilfe durch eine zweite Person nötig. Diese sollte, um sich selbst vor einer Infektion zu schützen, unbedingt Handschuhe tragen, rät der Berufsverband der Deutschen Dermatologen.

Die Creme muss acht bis zwölf Stunden einwirken und wird deshalb am besten über Nacht aufgetragen. Am Morgen kann sie mit Wasser abgeduscht werden. Bis 36 Stunden nach der Therapie sollten Betroffene auf intensive Körperkontakte verzichten. In den vier folgenden Tagen sollten Bett- und Körperwäsche sowie Handtücher täglich gewechselt und bei 60 °C gewaschen werden. Nicht waschbare Textilien werden in Plastiksäcke verpackt und bei mindestens 21 °C für 72 Stunden darin belassen. Bei einer Scabies crustosa empfiehlt das RKI, die Zeit auf sieben Tage zu erhöhen. Eine Übertragung der Krätze durch Polstermöbel oder Teppichböden ist zwar theoretisch möglich, in der Regel reicht es aber aus, wenn sie mit einem leistungsstarken Staubsauger abgesaugt werden. Filter und Beutel sollten anschließend entsorgt werden. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann den Kontakt zu betroffenen Gegenständen 48 Stunden lang vermeiden. Krätzmilben überleben bei normaler Raumtemperatur nicht länger als zwei Tage.

Geduld haben

Eine Permethrin-Behandlung kann bei Bedarf nach einer Woche noch einmal wiederholt werden. Tritt abermals keine Besserung ein, können Betroffene die Behandlung nicht exakt durchführen oder liegt ein sehr starker Befall vor, kann eine systemische Therapie mit dem Wirkstoff Ivermectin angebracht sein. Er blockiert den Stoffwechsel von Milben, Larven und Eiern und führt innerhalb von 24 Stunden dazu, dass die Parasiten absterben. Darüber hinaus stehen die Wirkstoffe Benzylbenzoat oder Crotamiton zur topischen Anwendung zur Verfügung, die jedoch ein mehrtägiges Eincremen erforderlich machen.

Scheitert die ambulante Behandlung wiederholt oder liegt eine Scabies crustosa vor, können Betroffene auch stationär therapiert werden. Das hat nebenbei den Vorteil, dass die Milben auf Oberflächen im Haushalt bei der Rückkehr nach Hause bereits abgestorben sind. Mitunter kommt es vor, dass Juckreiz und Hautveränderungen trotz erfolgreicher Behandlung noch Tage bis Wochen weiter anhalten. In diesem Fall kann der Hautarzt eine Therapie mit antientzündlichen Mitteln einleiten. Eine gute Hautpflege kann ebenfalls helfen.

Meldepflichtige Krankheit

In Gemeinschaftseinrichtungen ist ein Befall mit Krätzmilben meldepflichtig. Das bedeutet, bei Verdacht auf Krätze sowie bei einer nachgewiesenen Erkrankung dürfen Betroffene Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten nicht besuchen oder dort tätig sein. Zudem muss die Einrichtung über die Krankheit informiert werden. Bei gewöhnlicher Krätze sind Erkrankte nach einer äußerlichen Behandlung beziehungsweise 24 Stunden nach Einnahme der Tabletten nicht mehr ansteckend und dürfen nach einer ärztlichen Freigabe wieder in Schule und Kindergarten zurückkehren. Bei größeren Ausbrüchen in Seniorenwohnheimen, Obdachlosen- oder Flüchtlingsunterkünften sowie Krankenhäusern entscheidet das zuständige Gesundheitsamt über die zu ergreifenden Maßnahmen. 

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