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Nachwuchssorgen

Beratung bei Haarausfall

Die wenigsten Präparate gegen Haarausfall können halten, was die Werbung verspricht. Wissenschaftlich gut belegt bei androgenetischer Alopezie ist lediglich die Therapie mit Finasterid und Minoxidil. Im Beratungsgespräch sollten PTA und Apotheker die meist überzogenen Erwartungen zurechtrücken und klarmachen, dass eine Haarausfalltherapie immer eine Langzeittherapie ist.
Elke Wolf
29.04.2021  13:00 Uhr

Die Angst vor der Glatze ist bei vielen tief verwurzelt. Ganz im Gegensatz zu den Haaren in der Kopfhaut. Bis zu 100 Haare fallen gesunden Erwachsenen täglich aus. Ein Missverhältnis ergibt sich erst dann, wenn über längere Zeit mehr Haare ausfallen als nachwachsen. Das hinterlässt Spuren auf dem Schopf; meist so charakteristisch, dass das klinische Erscheinungsbild erste Hinweise auf die Ursachen des Haarschwunds gibt. Doch auch wenn das Apothekenteam meist der erste Ansprechpartner in Sachen Haarausfall ist: Ein Dermatologe sollte erst die genaue Ursache des Haarproblems klären.

Die häufigste Form des Haarausfalls ist die Alopecia androgenetica, auch unter den Bezeichnungen erblich bedingter Haarausfall oder androgenetische Alopezie (AGA) bekannt. Rund 50 Prozent der Männer und 10 bis 20 Prozent aller Frauen sind im Laufe ihres Lebens betroffen. Während sich bei Männern Geheimratsecken oder Stirnglatze Platz verschaffen, dünnen sich bei Frauen die Haare um den Scheitel herum diffus aus. Dieses Ausfallmuster bei der Frau um den Scheitel herum ist schwer zu unterscheiden vom sogenannten diffusen Haarausfall etwa infolge bestimmter Medikamente, nach der Geburt eines Kindes oder aufgrund von Mangelerscheinungen (Eisen, Zink oder Vitamine). Darüber hinaus zeigen rund zehn Prozent aller Betroffenen den kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) mit autoimmuner Genese.

Präparate mit Evidenz

Die meisten Präparate zeigen lediglich eine bescheidene Wirksamkeit gegen die Nachwuchssorgen auf dem Kopf. Nur zwei Arzneistoffe können anhand von Doppelblindstudien ihre Wirksamkeit gegen die androgenetische Alopezie belegen: das verschreibungspflichtige Finasterid in der Dosierung 1 mg (wie Propecia®), das für frühe AGA-Stadien des Mannes zugelassen ist, und das apothekenpflichtige Minoxidil (wie Regaine®, Minoxidil BIO-H-TIN®, Alopexy®), das es in 2- und 5-prozentigen Formulierungen gibt.

Finasterid blockiert die 5α-Reduktase, also jenes Enzym, das die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) katalysiert, und zwar so effektiv, dass sich bei täglicher Einnahme der Serum-DHT-Spiegel um rund 70 Prozent erniedrigt. DHT ist jenes Androgen, auf das die Haarfollikel bei einer AGA überempfindlich reagieren und das die Haarfollikel degeneriert. Damit verkürzt sich die Anagen-, also die Wachstumsphase.

Ob der Patient auf die Behandlung anspricht, ist nach rund sechs Monaten zu beurteilen. Wichtig: Um den gewünschten Effekt zu halten, ist es unerlässlich, Finasterid kontinuierlich weiter einzunehmen, andernfalls kehrt innerhalb von neun bis zwölf Monaten das Haarproblem wieder. Hier kommt also der Beratung durch den Apotheker eine große Bedeutung zu, denn die Geduld und das Durchhaltevermögen der Patienten werden während der Behandlung auf eine harte Probe gestellt.

Was Nebenwirkungen betrifft, ist bei ein bis zwei Prozent der Anwender mit Libido- und Potenzeinschränkungen zu rechnen. Brustwachstum ist selten. Statistisch nicht relevant, aber für die Patienten beunruhigend sind Berichte über eingeschränkte Fertilität und das Auftreten von Mammakarzinomen. Männer sollten wissen, dass die Behandlung den PSA-Wert bei einer Prostatakarzinom-Untersuchung etwa halbiert.

Ebenfalls gut dokumentiert ist die topische Anwendung von Minoxidil, zugelassen zur Stabilisierung des AGA-Verlaufs bei Männern und Frauen von 18 bis 49 Jahren. Die Regaine-Lösungen für Frauen sind niedriger dosiert als die für Männer. 1 ml Lösung enthält 20 mg des Wirkstoffs, die für Männer 50 mg. Regaine-Schaum ist dagegen von den Inhaltsstoffen und der Konzentration mit 50 mg Minoxidil pro 1 g Schaum in der Frauen- und Männerversion identisch und wird nur gendergerecht vermarktet. Die Lösung muss zweimal täglich mit dem Applikator auf die betroffenen Stellen aufgetragen und mit dem Finger verteilt werden, der Schaum (1 g pro Tag) nur einmal täglich.

Wie der aktive Metabolit Minoxidilsulfat in der Anagenphase jedoch genau wirkt, ist nicht vollends geklärt. Sichtbare Effekte sind unter Minoxidil oft schon nach zwei bis vier Monaten zu sehen, eine kontinuierliche Behandlung vorausgesetzt. Minoxidil ist ein Kaliumkanalöffner und wirkt vasodilatierend. Vermutlich wirkt es am Haarfollikel, indem es die Durchblutung verbessert und die Ruhephase des Haarzyklus verkürzt.

Die Minoxidil-Anwendung ist beratungsintensiv: So sollten nach dem Auftragen der Lösung die Haare nicht geföhnt werden, da sonst der Wirkstoff verdunstet. Bei der Anwendung müssen die Patienten exakt arbeiten, um etwa die Kontamination des Gesichts zu vermeiden. Andernfalls drohen Hyertrichosen, also unerwünschte vermehrte Behaarung. Das kann bereits durch Wirkstoffreste auf dem Kopfkissen geschehen. Deshalb müssen Lösung oder Schaum mehrere Stunden vor dem Schlafengehen aufgetragen werden. Während der Schwangerschaft und Stillzeit ist Minoxidil kontraindiziert.

Achtung: In den ersten acht Wochen der Behandlung können vermehrt Haare ausfallen. Dieser sogenannte Shedding-Effekt kommt durch eine Umstrukturierung der Follikel von der Telogen- in die Anagenphase zustande. Haarfollikel, die sich in der Ruhephase befinden, werden aktiviert. Neue Haare schieben durch ihr Wachstum die alten, locker sitzenden Haare aus der Kopfhaut heraus, was als verstärkter Haarverlust wahrgenommen wird. Über die vielen Haare in der Bürste zu Beginn der Therapie müssen die Patienten informiert werden, da sie dieses Phänomen sonst als Misserfolg werten.

Für Frauen gibt es eine weitere Behandlungsmöglichkeit: oral einzunehmende Antiandrogene, etwa Cyproteronacetat, Dienogest, Drospirenon und Chlormadinon. Cyperteronacetat (in Androcur®), die Kombination von Cyproteronacetat mit Ethinylestradiol (in Diane®-35) und Chlormadinonacetat mit Ethinylestradiol (in Neo-Eunomin®) sind für die Indikation androgenetische Alopezie zugelassen. Als Monosubstanz wird Cyproteron nur bei schweren Formen verordnet. Möglich ist auch die Verordnung eines entsprechend kombinierten hormonellen Kontrazeptivums oder in den Wechseljahren eines Hormonersatzpräparats.

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