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Prostatasyndrom

Beschwerden lindern, Fortschreiten aufhalten

Sehr viele ältere Männer haben eine vergrößerte Prostata – oft ohne es zu wissen. Welche Therapieansätze es bei Beschwerden gibt, erklärten die Professoren Dr. Theo Dingermann und Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Frankfurt, beim Pharmacon Meran.
Brigitte M. Gensthaler
23.07.2019  12:00 Uhr

Die Prostata wächst im Lauf des Lebens unter dem Einfluss der männlichen Sexualhormone, vor allem von Dihydrotestosteron. Fast jeder Mann über 80 Jahren hat eine vergrößerte Vorsteherdrüse (benigne Prostatahyperplasie, BPH). Eine BPH an sich muss nicht behandelt werden. Allerdings können typische Beschwerden des unteren Harntrakts auftreten, die als LUTS (lower urinary tract symptoms) bezeichnet werden. Die Männer berichten zum Beispiel über häufiges, auch nächtliches Wasserlassen (Pollakisurie, Nykturie), einen verzögerten Start und längere Dauer der Miktion (Dysurie), Unterbrechungen im Harnstrahl und Nachträufeln. Mitunter leiden sie an starkem Harndrang und Inkontinenz.

Ursache dieser Probleme ist ein Zusammendrücken von Harnblase und -röhre durch die Prostatavergrößerung sowie eine überaktive Blase (OAB, früher Reizblase genannt). Das gesamte Beschwerdebild wird als benignes Prostatasyndrom (BPS) zusammengefasst.

»Der größte Risikofaktor für ein BPS ist das Alter«, berichtete Dingermann. Es gebe Zusammenhänge mit Übergewicht, mangelnder Bewegung oder Diabetes mellitus. Der Verlauf ist langsam, chronisch und progredient. Wichtig: Eine BPH geht nicht in ein Karzinom über! Vor jeder Therapie muss das komplexe Krankheitsbild vom Hausarzt oder Urologen abgeklärt werden. Dabei setzt der Arzt eine körperliche sowie eine digital-rektale Untersuchung, Ultraschall, Urindiagnostik und einen Fragebogen (International Prostate Symptom Score, IPSS) ein. Dieser dient auch der Verlaufskontrolle. Ein beschwerdefreier Mann hat 0 Punkte, bei 8 bis 19 Punkten ist die Symptomatik mittelschwer und ab 20 Punkten schwer (maximal 35).

Von watchful waiting bis Operation

Hat der Mann milde Beschwerden und wenig Leidensdruck, kann die Strategie Watchful Waiting (kontrolliertes Zuwarten) gewählt werden, informierte Schubert-Zsilavecz. Mitunter könne eine Lebensstiländerung die Symptome lindern, zum Beispiel weniger Kaffee- und Alkoholkonsum, Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr auf etwa 1,5 l/Tag und Blasentraining. Der Mann muss regelmäßig zur Kontrolle zum Arzt gehen. »Bei älteren Männern, deutlich vermindertem Harnfluss oder einem IPSS über 19 ist Abwarten keine Option mehr«, betonte der Referent. Mitunter ist auch eine Operation erforderlich. Dies gilt zum Beispiel bei wiederholten Harnverhalten oder Harnwegsinfekten oder bei Harnblasensteinen.

Medikamentöse Therapie

Chemisch-synthetische Arzneistoffe verordnet der Arzt meist dann, wenn der Mann einen deutlichen Leidensdruck hat, aber keine Operation erforderlich ist. Dafür stehen fünf Wirkstoffgruppen zur Verfügung. Die wichtigsten sind a1-Blocker und 5a-Reduktase-Inhibitoren (5-ARI).

Die a1-Blocker lassen die glatte Muskulatur von Blase und Prostata erschlaffen und mildern dadurch die Beschwerden. Zu dieser Stoffgruppe gehören Doxazosin und Terazosin, die bei Bluthochdruck und bei BPS zugelassen sind, sowie die deutlich selektiver wirksamen Stoffe Tamsulosin, Alfuzosin und Silodosin. »Alle a1-Blocker reduzieren den IPSS und erhöhen die Durchflussgeschwindigkeit des Harns durch die Harnröhre. Adäquat dosiert sind sie gleich effektiv«, betonte Schubert-Zsilavecz. Die a1-Blocker wirken innerhalb von Stunden oder Tagen, aber sie beeinflussen das Volumen der Prostata und das Fortschreiten der BPH nicht. Vorsicht: Doxazosin und Terazosin senken den Blutdruck.

Die 5-ARI Finasterid und Dutasterid hemmen den hormonellen Einfluss auf die Prostata und reduzieren damit langfristig deren Volumen. Diese Therapie ist eher geeignet für Männer mit großem Prostatavolumen, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Die Wirkung tritt langsam ein; Beschwerden bessern sich erst nach einigen Monaten. Daher werden a1-Blocker und 5-ARI auch zusammen eingesetzt. Es gibt ein Kombipräparat mit Dutasterid und Tamsulosin.

Wenig Bedeutung hat der PDE5-Hemmer Tadalafil, der ebenfalls die Muskulatur erschlaffen lässt. Die Beschwerden nehmen deutlich ab, aber das Prostatavolumen bleibt unverändert. Leidet der Mann vor allem an Symptomen einer überaktiven Blase, zum Beispiel an häufigem Wasserlassen, verstärktem Harndrang und Dranginkontinenz, können Anticholinergika (Muskarinrezeptor-Antagonisten, MRA) helfen. Dazu gehören zum Beispiel Trospiumchlorid, Tolterodin, Darifenacin und Solifenacin. Sie senken den Tonus der Blasenwandmuskulatur und reduzieren Harndrang, Miktionsfrequenz und Dranginkontinenz. Bei Patienten mit hoher Restharnmenge sind MRA jedoch kontraindiziert. Achtung: MRA können anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Obstipation, Schwindel oder Sehstörungen auslösen.

Die Rolle der Phytopharmaka

Patienten mit mäßig ausgeprägten Beschwerden fragen oft nach pflanzlichen Medikamenten. »Phytotherapeutika könnten eine Option bieten für Männer mit leichten bis moderaten Beschwerden und hohem Leidensdruck, die andere Medikamente ablehnen«, sagte Dingermann. Zu beachten sei, dass falsch eingesetzte oder unwirksame Präparate eine indizierte evidenzbasierte Therapie verhindern könnten. Unerlässlich ist die Diagnose beim Arzt.

Für die Auswahl der Präparate geben die Pflanzen-Monographien des »Committee on Herbal Medicinal Products» (HMPC) der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA eine gute Richtschnur. Je nach Studienlage und Evidenz unterscheiden die Experten Pflanzenzubereitungen mit normaler Zulassung auf Basis guter klinischer Studien, mit dem Status »well-established-use« (WEU) oder dem Status »traditional-use« (TU; Registrierung). So sind bestimmte Zubereitungen aus Sägepalmenfrüchten oder Brennnesselwurzel aufgrund mäßiger Belege als TU eingestuft. Dagegen kann eine Extraktkombination der beiden mit guten klinischen Studien aufwarten. Eher mäßig sind die Daten für Kürbissamen (Curcubita pepo), Gräserpollen (Secale cereale), Afrikanischen Pflaumenbaum (Prunus africana) sowie Phytosterole, die aus Kiefern, Fichten und der Afrikanischen Kafferntulpe (Hypoxis rooperi) gewonnen werden.

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