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Demenzprävention

Bewegung bringt das größte Plus

Mitte Mai hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erstmals eine Leitlinie aus zwanzig Empfehlungen zur Vorbeugung von Demenz vorgelegt. Nach Auswertung weltweiter Studien unterstreichen die Autoren den Einfluss, den körperliche und geistige Aktivität, aber auch Ernährung auf den Untergang von Nervenzellen des Gehirns haben.
Barbara Erbe
17.06.2019
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Die Zahlen bedrücken: 50 Millionen Menschen sind laut WHO-Bericht weltweit an Demenz erkrankt, in zwanzig Jahren sollen es mit 152 Millionen mehr als dreimal so viele sein. In Deutschland haben etwa 1,7 Millionen Menschen eine Demenzerkrankung, ergänzt Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG). »Die meisten von ihnen sind 85 Jahre und älter, doch rund 25.000 Menschen sind bereits im berufstätigen Alter betroffen.« Landesweit rechnet die DAlzG bis 2050 mit rund 3 Millionen Betroffenen.

Was die WHO auf insgesamt 96 Seiten zusammengetragen hat, ist für Experten nicht neu, in dieser Fülle an Erkenntnissen, Belegen und Hinweisen aber einzigartig, informiert die Expertin der DAlzG auf Nachfrage von PTA-Forum. »Neu ist allerdings die Einteilung der Empfehlungen in starke Empfehlungen, an die sich alle Menschen – möglichst spätestens ab dem mittleren Lebensalter – halten sollten, und eingeschränkte Empfehlungen, die nicht für alle gelten oder zu denen es Alternativen gibt.«

Einfluss des Lebensstils

Die Adressaten der Leitlinie sind in erster Linie Heilberufler und Gesundheitspolitiker, denn die WHO hat vor allem die gesamtgesellschaftliche Entwicklung im Blick. Zugrunde liegen den Empfehlungen Erkenntnisse aus einer Reihe neuerer Studien, die deutlich zeigen, dass der persönliche Lebensstil den Abbau kognitiver Fähigkeiten beeinflusst – also das Wahrnehmen, Denken und Erkennen. Vor allem Bewegungsmangel, Tabakkonsum, ungesunde Ernährung und übermäßigen Alkoholgenuss stellen die Studienautoren als Risikofaktoren heraus. Und weisen zudem auf Krankheiten hin, die das Risiko, eine Demenz zu entwickeln, steigern: Bluthochdruck, Diabetes, Hypercholesterinämie, krankhaftes Übergewicht und Depression.

Die erste und dringlichste Empfehlung zielt auf körperliche Bewegung. Große Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass Menschen, die körperlich aktiv sind, seltener an Demenz erkranken als Menschen, die sich wenig bewegen. Wer besonders viel Sport treibt, profitiert auch in hohem Maße davon, heißt es in dem Bericht, denn »Bewegung scheint die Gehirnstrukturen positiv zu beeinflussen«. Darüber hinaus fördert sie die Herz-Kreislauf-Gesundheit und beugt so den Risikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes sowie hohen Cholesterinwerten vor, zudem unterstützt sie das körpereigene Immunsystem.

Aus diesem Grund lautet die erste starke Empfehlung an alle Erwachsenen, sich im Alltag so viel wie möglich zu bewegen, also zum Beispiel zu Fuß zu gehen oder Fahrrad zu fahren, und möglichst auch Sport zu treiben. Auch bei denjenigen, deren kognitive Fähigkeiten schon leicht beeinträchtigt sind, senkt mäßige Anstrengung – idealerweise mindestens zweieinhalb Stunden pro Woche – das Risiko weiteren Abbaus.

Tabu für Tabak

Eine weitere starke Empfehlung betrifft das Rauchen: Längsschnittstudien deuten darauf hin, dass im Tabak enthaltene Substanzen das Gehirn schädigen und darüber hinaus als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Entstehung von Demenz fördern. Entsprechend dringlich rät die WHO zur Rauchentwöhnung.

Überraschend stark spricht sich die WHO auch gegen die Einnahme isolierter Vitamine (B und E) oder ungesättigter Fettsäuren aus. Deren präventiver Nutzen sei nicht belegt. Ebenso deutlich rät die Leitlinie allen Menschen zu einer ausgewogenen Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Nüssen, Vollkornprodukten, wenig Zucker, wenig Salz und wenig ungesättigten Fettsäuren. Die in diesem Zusammenhang oft gelobte mediterrane Diät wird nur bedingt empfohlen, da die Studienlage zur präventiven Wirksamkeit bezogen auf Demenz nicht eindeutig sei.

Kontrolle

Zwei weitere starke Empfehlungen betreffen den Umgang mit Bluthochdruck und Diabetes, vor allem Typ II. Beide Krankheiten erhöhen nach Studienlage das Risiko, in späteren Jahren an Demenz zu erkranken. Entsprechend sollten Patienten Zugang zu einem angemessenen Disease-Management-Programm erhalten. Auch Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Depressionen und Hörverlust begünstigen die Entwicklung einer Demenz und sollten umfassend behandelt werden.

Schließlich betont die WHO die wichtige Rolle, die geistige und soziale Anregungen und Aktivitäten bei der Vorbeugung von mentalem Verfall spielen. Eine größere »kognitive Reserve« könne im menschlichen Gehirn degenerative Schäden besser »ausgleichen«, indem sie alternative Nervenverbindungen nutzt.

Dieses Prinzip gelte auch für das Hörverstehen, ergänzt Professor Dr. Monique Breteler, Direktorin für Populationsbezogene Gesundheitsforschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn, im Gespräch mit PTA-Forum. Menschen mit besonders guten kognitiven Fähigkeiten könnten einen Schaden der Hörzellen besser ausgleichen, weil sie besser in der Lage seien, die Bruchstücke, die sie hören, sinnvoll zu interpretieren. Umgekehrt liege Gehörverlust nicht immer an geschädigten Hörzellen. »Manchmal sinkt auch die Fähigkeit, das Gehörte zu ›entziffern‹, also den Sinn daraus zu entschlüsseln.«

Keine Schuldzuweisungen

Insgesamt dürfe man aber nicht vergessen, dass es neben dem Lebensalter und den genannten Faktoren noch weitere gibt, die Demenzerkrankungen auslösen, betont Susanna Saxl. Dazu gehören die Gene ebenso wie Umwelteinflüsse oder Dinge, »die noch überhaupt nicht bekannt oder gar erforscht sind«.  Selbst wenn alle WHO-Empfehlungen hundertprozentig befolgt würden, würde das Aufkommen von Demenz lediglich um rund 30 Prozent sinken – »nicht mehr, aber auch nicht weniger«.

Das bestätigt auch Monique Breteler. »Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Menschen, die an Demenz erkranken, daran ›selbst schuld‹ seien.« Der persönliche Lebensstil spiele zwar eine wichtige Rolle dabei, wie früh oder spät die Krankheit ausbreche. »Aber er ist nicht allein ausschlaggebend.« Im Grunde gelte für den Einfluss des Lebensstils auf eine Erkrankung wie Demenz dasselbe wie für viele andere Krankheiten, bis hin zum Krebs: »Alles, was das Herz-Kreislauf-System stärkt, schützt das Gehirn. Und alles, was Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetes begünstigt, steigert das Erkrankungsrisiko.« Aber es sei wichtig zu verstehen, »dass es noch viele andere Faktoren für Demenzerkrankungen gibt, die gründlich erforscht werden müssen.«

Um konkretere Hinweise auf diese Einflussfaktoren zu finden und damit neue Ansätze für präzisere Intervention, Früherkennung und Prävention zu ermöglichen, hat Breteler die sogenannte Rheinland-Studie ins Leben gerufen. Ziel dieser vor zweieinhalb Jahren begonnenen und auf Jahrzehnte angelegten Bevölkerungsstudie ist es, ein besseres Verständnis von Gesundheit und Krankheit im Laufe des menschlichen Lebens zu erlangen.

Begleitet werden dabei rund 30.000 Menschen ab 30 Jahren. »Wir wissen ja, dass sich Demenz nicht über Nacht, sondern über Jahrzehnte entwickelt.« Davon, dass erstmals auch viele jüngere Menschen begleitet und regelmäßig befragt und untersucht werden, verspricht sich das interdisziplinäre Forscherteam wichtige Erkenntnisse über Entstehung und Möglichkeiten der Vorbeugung – »vor allem auch im Bereich der individualisierten Behandlung«.

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