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Aus dem Takt

Corona-Pandemie bringt Zeitgefühl durcheinander

Für manche schneller, für manche langsamer: Viele Menschen haben den Lauf der Zeit während der ersten Corona-Welle anders wahrgenommen als sonst. Das geht aus einer in der Fachzeitschrift «PLOS ONE» veröffentlichten Studie hervor.
dpa
15.07.2020  14:00 Uhr

Ein Team um Ruth Ogden von der John-Moores-Universität in Liverpool befragte dafür rund 600 Menschen in Großbritannien zwischen dem 7. und 30. April in einer Online-Umfrage zu Zeitempfinden, Gemütszustand und persönlichen Umständen. Die Kontaktbeschränkungen hätten eine seltene Gelegenheit geboten, um zu studieren, wie sich Störungen des alltäglichen Lebens auf die Wahrnehmung von Zeit auswirken, so die Autoren.

Alter und Zufriedenheit maßgeblich

Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, die Zeit der Kontaktbeschränkungen sei für sie entweder schneller oder langsamer vergangen als sonst. Wer älter und unzufrieden mit dem Maß seiner sozialen Kontakte war, für den verging die Zeit häufig langsamer. Wer jünger und zufriedener war, verspürte eher eine Beschleunigung der Ereignisse. Das galt sowohl für einzelne Tage als auch für ganze Wochen.

Interessant ist dieses Ergebnis vor allem, weil frühere Studien zeigen, dass ältere Menschen einen Zeitraum von zehn Jahren im Rückblick gewöhnlich als kürzer wahrnehmen als jüngere Menschen. Auch landläufig ist das Phänomen bekannt, dass mit zunehmendem Alter die Jahre scheinbar immer schneller verstreichen.

Ereignisreich lässt lang erscheinen

Der Psychologie-Professor Helmut Prior von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main sieht hier keinen Widerspruch. Wer in der Zeit der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen ein nur wenig ereignisreiches Leben hatte, habe einzelne Tage möglicherweise als quälend lang empfunden, so Prior. Später einmal im Rückblick könne sich das anders darstellen. «Wenn diejenigen, für die das über viele Wochen so lief, zurückschauen, haben sie fast das Gefühl, da war überhaupt keine Zeit», sagte der selbst nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler.

Grund dafür sei, dass Zeit in der Rückschau oft über Ereignisse wahrgenommen werde. «Da sind dann nur relativ wenige Ereignisse gewesen, die das strukturiert haben.» Das betreffe nun einmal häufiger ältere Menschen, die bereits in Rente sind. Hinzu komme möglicherweise auch, dass ältere Menschen stärker dazu neigten, negative Erinnerungen auszublenden.

Für Menschen, die in der Krise stärker gefordert waren als vorher, beispielsweise Eltern und Beschäftigte in systemrelevanten Berufen, sei die Zeit im momentanen Empfinden offenbar schneller vergangen. Doch im Rückblick könne es sich für sie so anfühlen, als seien es beinahe Jahre gewesen, sagte Prior.

Eine Einschränkung für die Aussagekraft ihrer Studie sehen die Autoren in der Tatsache, dass der Alkoholkonsum während der Pandemie angestiegen ist. Wie sich das eine oder andere Gläschen auf die Wahrnehmung von Zeit auswirkt, ist noch nicht geklärt.

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