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Langzeit-Covid-19

Corona und die Spätfolgen

Die meisten Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, müssen sich nur mit leichten Symptomen auseinandersetzen. Andere sterben. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die nach durchgestandener Krankheit noch lange mit Symptomen kämpfen.
dpa/Katja Egermeier
01.02.2021  14:00 Uhr

Knapp 2,2 Millionen Menschen in Deutschland haben sich seit Anfang 2020 mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert, etwa 55.000 von ihnen starben. Knapp 1,9 Millionen gelten als geheilt. Diese öffentliche Betrachtung von als genesen geltenden Covid-19-Patienten werde den sogenanntenn Long-Covid-Erkrankten aus Sicht von von Jördis Frommhold, Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, jedoch nicht gerecht. »Geheilt ist mitunter nicht gleich gesund.«

»Das sind Patienten, die einen nicht einmal schweren Krankheitsverlauf durchlitten haben müssen. Sie waren nach der Erkrankung weitgehend symptomfrei und haben erst nach einer gewissen Latenzzeit Symptome entwickelt«, sagt Frommhold. Die vielschichtigen und häufig neurologischen Symptome hinderten die Menschen, ein normales Leben zu führen.

Dass es selbst nach mildem Covid-19 zu dauerhaften Symptomen kommen kann, berichtet auch Intensivmediziner Privatdozent Dr. Christoph Spinner beim Pharmacon@home. Eine Studie aus Großbritannien habe gezeigt, dass von 4182 Befragten 13,3 Prozent in der Selbstanamnese angaben, auch vier Wochen nach der akuten Erkrankung noch Symptome zu haben. Nach acht Wochen seien es 4,5 Prozent und nach zwölf Wochen noch 2,3 Prozent gewesen. »Bei schweren Verläufen brauchen jedoch etwa 40 Prozent der hospitalisierten Patienten längerfristig Unterstützung«, so Spinner.

Klinik-Patienten stark betroffen

Ähnlich lautet die Einschätzung von Frommhold, derzufolge unter den Klinik-Patienten bis zu 50 Prozent unter Long-Covid leiden. Eine Studie aus China habe nach schwerem Akutverlauf und ohne weitere Nachsorge gezeigt, dass sogar bis zu 76 Prozent der vermeintlich Genesenen nach sechs Monaten unter Long-Covid-Symptomen leiden. Die Median-Klinik in Heiligendamm ist auf die Rehabilitation von Covid-19-Patienten spezialisiert, seit April 2020 wurden rund 350 Patienten behandelt.

Frommhold befürchtet, dass diese Menschen aus dem Blick der Öffentlichkeit und der Politik geraten und letztlich ihrem Schicksal überlassen werden. »Das kann sich zu einem volkswirtschaftlichen Problem entwickeln.« Denn viele dieser Patienten standen zuvor mit beiden Beinen fest im Leben und der Arbeitswelt.

Die Symptome von Long-Covid

Zu den Symptomen gehören chronische Müdigkeit oder Abgeschlagenheit. Dazu kämen zunehmend auch neurologische Einschränkungen. Es könnten sich zudem psychosomatisch bedingte Krankheiten entwickeln. »Die Patienten waren dynamisch und leistungsstark. Obwohl sie als genesen gelten, sind sie nicht arbeitsfähig und nicht in ihr bisheriges Leben integriert«, sagte Frommhold. Sie könnten so in eine Negativspirale geraten. Viele Betroffene berichteten, mit ihren Problemen selbst bei öffentlichen Anlaufstellen nicht ernst genommen zu werden.

Hintergründe unklar

Zu den medizinischen Hintergründen der Long-Covid-Erkrankung sei wenig bekannt, berichtete Frommhold. »Wir haben die Vermutung, dass es sich um eine Autoimmunreaktion handeln könnte.« Es gebe bereits den Nachweis, dass nach einer Covid-19-Erkrankung Autoantikörper gegen die Haarwurzeln gebildet werden, was zum typischen Long-Covid-Haarausfall führt. Auch im Liquor, dem Gehirnwasser, seien schon Antikörper gefunden worden.

»Patienten mit der Long-Covid-Problematik können behandelt werden«, betonte Frommhold. Es sei aber fraglich, ob die frühere Leistungsfähigkeit zu 100 Prozent erreicht werden kann. Inzwischen gebe es auch an einigen Universitätskliniken Anlaufstationen, außerdem haben sich Selbsthilfegruppen gebildet.

Long-Covid weiter erforschen

Für den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach wird die Bedeutung von Long-Covid dramatisch unterschätzt. Er forderte die weitere Erforschung von Long-Covid. Zudem müssten spezielle Reha-Kliniken aufgebaut werden. Das Angebot sei nicht ausreichend. Zusätzlich müsse eine Kampagne auf die Gefahren von Long-Covid aufmerksam machen. »Es ist ein Fehler zu glauben, dass nur die Alten sterben und die Jungen selbst nicht gefährdet sind.«

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