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Blutkrebs

Covid-19-Impfung ist essenziell

Menschen mit Leukämie gelten bezüglich Covid-19 als Hochrisikogruppe. Wie können sie bestmöglich geschützt werden und in welcher Phase der Therapie ist eine Auffrischimpfung angezeigt? Können Krebsmedikamente die Wirksamkeit der Impfung beeinträchtigen? Antworten auf diese Fragen gab Professor Dr. Marie von Lilienfeld-Toal vom Universitätsklinikum Jena.
Wiebke Gaaz
24.01.2023  08:30 Uhr

Aufgrund der Blutkrebserkrankung und deren Therapie arbeitet das Immunsystem nur eingeschränkt im Vergleich zu gesunden Menschen. Krebspatienten sollten am besten eine Coronainfektion vermeiden; ihr Risiko, daran zu versterben, liege bei 10 bis 15 Prozent, sagte Lilienfeld-Toal bei einem von der Deutschen Leukämie & Lymphom Hilfe ausgerichteten Online-Vortrag für Betroffene. Zudem trete das Post-Covid-Syndrom bei Krebspatienten häufiger auf als bei nicht vorbelasteten Menschen. »Fast die Hälfte der Post-Covid-Betroffenen klagt über Atemwegsprobleme und Erschöpfung.« Letzteres Symptom sei schon während der Krebserkrankung und -behandlung gefürchtet und käme durch Post Covid potenziell noch einmal dazu, so Lilienfeld-Toal. Die Professorin ist Hauptautorin der Onkopedia-Leitlinie »Coronavirus-Infektion bei Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen«, die von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie herausgegeben wird.

Außerdem laut der Medizinerin interessant und für das allgemeine Pandemiegeschehen nicht unerheblich: die lange Viruspersistenz. »In Patienten mit geschwächtem Immunsystem kann SARS-CoV-2 bis zu 74 Tage überleben und während dieser Zeit mutieren. Impfungen werden dann weniger wirksam.«

Lilienfeld-Toal hob hervor, wie wichtig die allgemeinen Schutzmaßnahmen wie das Tragen einer Maske, das Testen und das Impfen sind. Die Krebserkrankung sollte möglichst gut unter Kontrolle sein, denn effektiv behandelte Patienten infizieren sich nach den Ausführungen Lilienfeld-Toals erfahrungsgemäß seltener. Auch ihr Risiko für eine Lungenentzündung nehme bei guter Behandlung der Grunderkrankung ab. Zusätzlich sei auf einen ausreichend hohen Vitamin-D-Spiegel zu achten.

Schutz lässt schneller nach

Für alle Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen besteht – einschließlich der Angehörigen – die Indikation für eine vollständige Schutzimpfung. Doch da die Patienten häufig eine immunsuppressive Therapie erhalten, lässt bei ihnen im Vergleich zu Gesunden der Impfschutz schneller nach, meist innerhalb von drei Monaten nach der Impfung. Wichtig: Das Risiko einer reduzierten Immunantwort stellt keine Kontraindikation für die Schutzimpfung dar. Dies sei vielmehr eine Indikation zur intensivierten Impfung, gegebenenfalls mithilfe der regelmäßigen Bestimmung der Antikörpertiter. Es gibt bisher keine Hinweise auf eine höhere Rate von Nebenwirkungen bei Krebspatienten nach der Schutzimpfung. »Eine lokale Lymphknotenschwellung im Zusammenhang mit der Impfung kann auftreten. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Krebserkrankung wieder aufflammt«, erklärte Lilienfeld-Toal. Eine erneute Grundimmunisierung sei nur nach einer Hochdosis-Chemotherapie sinnvoll.

Leukämie wird mit Medikamenten behandelt, die die entarteten, aber auch die gesunden B-Zellen im Blut abtöten. Bis die Stammzellen im Knochenmark wieder genug B-Zellen nachgebildet haben, ist der Patient immunsupprimiert und kann nicht genügend Antikörper gegen SARS-CoV-2 bilden. In dieser Zeit ist der Patient anfällig für Infektionen. Dies ist insbesondere der Fall bei Anti-CD-20-Therapien mit Rituximab oder Ibrutinib sowie vor einer geplanten Stammzelltransplantation. Daher empfiehlt die Expertin, Patienten möglichst vor der Behandlung zu impfen.

Die Auffrischimpfung empfiehlt Lilienfeld-Toal allen Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen. Diese sollte drei bis sechs Monate nach der vorherigen Schutzimpfung erfolgen. Eine Ausnahme sind immundefiziente Patienten mit erhöhtem Risiko für ein Impfversagen. Hier empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) eine Booster-Schutzimpfung bereits nach ein bis drei Monaten. Aufgrund der möglicherweise höheren Effektivität sollte ein RNA-basierter Impfstoff verwendet werden, informierte die Ärztin. Der Zeitpunkt der Auffrischimpfung sei strategisch so zu wählen, dass ein Zeitraum mit erhöhter Ansteckungsgefahr, beispielsweise die Wintermonate, möglichst in den drei Monaten nach der Impfung liegt. Die Vakzine könne auch zusammen mit der Grippeimpfung gegeben werden.

Prophylaxe mit Antikörpern

Bei Patienten mit fehlender Impfantwort auf die Schutzimpfung besteht die Möglichkeit der Präexpositionsprophylaxe mit Anti-SARS-CoV-2-Antikörpern wie Evusheld™ (Tixagevimab/Cilgavimab mit jeweils 150 mg). Allerdings sind die bisher zugelassenen Antikörper laut Onkopedia-Leitlinie nur mäßig gegen die Omikron-Variante wirksam. Dennoch empfiehlt die STIKO aktuell die Anwendung von Evusheld™ in der Dosierung mit jeweils 300 mg im Off-Label-Use. Diese Dosierung hat sich als sicher erwiesen und wurde im Februar 2022 in den USA regulär zugelassen. Die Präexpositionsprophylaxe kann vor Beginn, aber auch zu jedem Zeitpunkt innerhalb einer Impfserie erfolgen. Die Impfserie sollte dennoch durchgeführt beziehungsweise beendet werden.

Laut Onkopedia-Leitlinie ist die effektive Behandlung der Krebserkrankung für das Überleben der Patienten wichtiger als unverhältnismäßige Vorsichtsmaßnahmen im Sinne unnötiger Unterbrechungen oder Verschiebungen. Die Expertin rät allen Patienten, sich mit ihrem Arzt darüber abzustimmen, wie sie im Falle einer Covid-19-Infektion weiter vorgehen sollen. Bei einer ambulanten Behandlung mit milden Symptomen wird der Arzt im Allgemeinen Paxlovid® (Nirmatrelvir/Ritonavir) verordnen und gegebenenfalls die Sauerstoffsättigung kontrollieren.

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