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Alltagshilfen

Das geht noch allein!

 Menschen mit Behinderungen sind in vielen Lebensbereichen auf Hilfe angewiesen. Wo diese nicht ständig verfügbar oder aber gewünscht ist, können spezielle Hilfsmittel alltägliche Verrichtungen erleichtern und wieder möglich machen. Gerade in den privatesten Bereichen wie Körperhygiene oder An- und Auskleiden möchten die meisten Betroffenen so selbstständig wie möglich bleiben. Das Apothekenteam kann hier wertvolle Tipps geben.
Edith Schettler
08.02.2019
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So vielfältig wie die Arten der Körperbehinderungen ist auch das Sortiment der Hilfsmittel, die spezialisierte Händler für die Betroffenen anbieten. Im Hilfsmittelverzeichnis des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherer (GKV) sind in den Produktgruppen 02 (Adaptionshilfen), 04 (Bade- und Duschhilfen), 16 (Kommunikationshilfen) und 33 (Toilettenhilfen) diejenigen Alltagshilfen aufgeführt, für die die GKV die Kosten übernimmt. Die in der Produktgruppe 51 zusammengefassten Pflegehilfsmittel zur Körperpflege/Hygiene und zur Linderung von Beschwerden erstatten die Pflege­kassen nach Anerkennung eines Pflege­grades für den Betroffenen. Die meisten Alltagshilfen sind jedoch nicht im Hilfsmittelverzeichnis aufgelistet.

Apotheken können eine Reihe dieser Produkte über ihren Großhandel oder vom Hersteller beziehen, haben aufgrund fehlender Lieferverträge jedoch im Unterschied zu beispielsweise Sanitätshäusern keine Möglichkeit, ihre Leistungen gegenüber den Gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen. Eine eingehende Beratung mit anschließendem Verkauf einer Alltagshilfe kann ­jedoch das Leistungsangebot der Apotheke für diese spezielle Kundengruppe gut ergänzen.

Selbstständig im Bad

Kaum ein anderer Bereich im Alltag verlangt so nach Zurückgezogenheit wie der Aufenthalt in Bad und Toilette. Eine Reihe von Hilfsmitteln kann hier die Anwesenheit von Pflegepersonen weitestgehend ersetzen. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten Badewannenlifter, -sitze, -einsätze, Duschsitze und -liegen sowie Stütz- und Haltegriffe für das Bad (alles zum Beispiel von der Firma Meyra®). Die Pflegekassen finanzieren Kopf- und Ganzkörperwaschsysteme für den Pflegebereich. Wenn absehbar ist, dass der Patient hochpreisige Produkte nur kurzzeitig benötigt, wie zum Beispiel nach einer Operation, verleihen die Kassen die Hilfsmittel für die Dauer des Gebrauches und lassen sie danach von ihrem Vertragslieferanten für den nächsten Einsatz aufbereiten.

In der Produktgruppe 02 (Adaptionshilfen) des Hilfsmittelverzeichnisses sind in der Untergruppe 05 erstattungs­fähige Halterungen und Greifhilfen für Produkte zur Körperhygiene zusammengefasst. So gibt es Halterungen für Fön und Elektrorasierer, die an der Wand befestigt werden und das Arbeiten mit einer Hand ermöglichen. Über die Hand geschobene Halter für die Zahnbürste erlauben das Zähneputzen fast ohne Kraftaufwand. Dreibürsten-Kopf-Zahnbürsten reinigen gleichzeitig Kau- und Seitenflächen der Zähne, der Patient muss sie nur einfach hin und her bewegen (beispielsweise Dr. Lohmann Superbrush®).

Spezielle Greifzangen aus Kunststoff mit einem langen Griff fixieren das Toilettenpapier und geben es nach Benutzung auf Knopfdruck wieder frei. Alle diese Produkte ermöglichen Patienten mit Schädigungen der oberen Extremitäten oder Störungen der Feinmotorik in Folge von Gelenk- oder neurologischen Erkrankungen, Verletzungen oder Fehlbildungen die selbstständi­ge Körperhygiene.

Neben den verordnungsfähigen Hilfsmitteln gibt es noch eine Anzahl nützlicher Produkte, die diese ergänzen. Rutschfeste Dusch- und Badewannenmatten verhindern das Ausgleiten im Nassbereich und gehören unbedingt in jedes senioren- und behindertengerechte Bad. Badeschwämme, Haarbürsten und Kämme sind mit ­ex­tra langem Griff erhältlich (beispielsweise über Thomashilfen für Körperbehinderte GmbH & Co. Medico). Sehr praktisch ist auch eine Hilfe zum Eincremen, Waschen und Bürsten des Rückens mit langem gebogenem Stiel und auswechselbaren Köpfen (zum Beispiel Russka® Die 3. Hand). Hand- und Nagelbürsten sowie Nagelfeilen gibt es mit Saugfüßen zur Befestigung am Waschplatz (ebenfalls über Thomashilfen).

Das Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Paraplegiologie des Universitätsklinikums Heidelberg hat eine Reihe von Produkten für Ohnhänder und bewegungseingeschränkte Menschen entwickelt. Unter den Hilfsmitteln finden sich zum Beispiel eine Einführhilfe für Tampons zur Befestigung an der Toilettenbrille, eine Halterung für die elektrische Zahnbürste mit Saugfuß, eine Haarbürste mit Wandbefestigung und ein Nagelknipser mit verlängertem Hebel, auf dem eine Nagelfeile angebracht ist. Die Vorrichtung ist auf einem Brett befestigt und auch mit einem Fuß zu bedienen.

An- und ausziehen ohne Hilfe

Ebenfalls über das Universitätsklinikum Heidelberg erhältlich ist ein Anziehbaum, an dem ähnlich wie an ­einem Laborstativ verschiedene Toilettenartikel wie beispielsweise Bürsten befestigt werden können. Mittels Klemmvorrichtung lässt sich auch eine Knopfhilfe, ein Stab mit einer Drahtschlaufe an einem Ende, anbringen. Mit ihrer Hilfe kann der Patient auch ohne Hände Knöpfe an der Kleidung schließen. Ein Anziehhaken mit mehreren verschieden geformten Fortsätzen hilft beim An- und Ausziehen von Hemden und Hosen sowie beim Öffnen und Schließen von Reißverschlüssen und Gürteln. Er wird ebenfalls am Anziehbaum oder aber mit einem Saugnapf an der Wand befestigt. Am Anziehbaum können ebenfalls Prothesenstäbe und -ringe zum An- und Ausziehen von Armprothesen montiert werden. Beim An- und Ausziehen der Strümpfe hilft ein Strumpfanzieher, der einem überdimensionierten Schuhlöffel ähnelt und auch mit Verlängerungsbändern versehen sein kann. Für Ohnhänder gibt es ihn auch zur Befestigung am Stuhl. Sämtliche genannten Hilfsmittel können die Betroffenen im Univer­sitätsklinikum Heidelberg bestellen: www.klinikum.uni-heidelberg.de/

Hilfsmittelberatung.110312.0.html. Weniger stark behinderte Personen kommen auch gut mit einem einfachen Anziehstab zurecht, mit dem S-förmigen Haken am Ende können sie Ärmel und Hosenbeine schoppen und damit besser anziehen. Ein gut durchdachtes Modell hat am zweiten Ende einen Schuhlöffel. Elastische Schuhbänder (zum Beispiel von Param) und große, griffige Reißverschluss-Zipper sind sinnvolle Alltagshilfen, mit denen vorhandene Kleidungsstücke einfach nachgerüstet werden können.

Anziehhaken / Foto: Universitätsklinikum Heidelberg
Strumpfanziehhilfe / Foto: Universitätsklinikum Heidelberg
Halterung für eine elektrische Zahnbürste / Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

Die »Buckingham BH-Anziehhilfe« legt sich die Frau um den Hals und fixiert ein Ende des BHs in einer Klemmvorrichtung. Das andere Ende kann sie mit einer Hand um den Körper führen und mit dem fixierten Ende verbinden. Eine besonders schicke Idee hatte die Firma Shafies Socken OG, Pulheim. Sie kombinierte schwarze Socken mit Bändern und Knöpfen in den unterschiedlichsten Farben. Die Schlaufen am Bündchen lassen sich leicht mit den Fingern greifen, was das An- und Ausziehen erleichtert. Eine Werkstatt für behinderte Menschen in Köln produziert die modischen Hingucker, einige wenige Einzelhändler haben sie bereits in ihr Sortiment übernommen. Die Firma vertreibt ihre Schlaufensocken aber auch selbst (shafiesschlaufensocken.wordpress.com).

Einige Anzieh- und Knopfhilfen führt das Hilfsmittelverzeichnis in der Produktgruppe 02 (Adaptionshilfen) auf. Voraussetzung für die Erstattung durch die GKV ist die Beeinträchtigung oder Unmöglichkeit des selbstständigen An- und Ausziehens von Kleidung aufgrund von Schädigungen der Hand- oder Fingerfunktion. In der Untergruppe 01 (Anziehhilfen) finden sich übrigens auch die Anziehhilfen für Kompres­sionsstrümpfe.

Leichter greifen, besser halten

Mechanische Greifzangen in verschiedenen Längen und mit den unterschiedlichsten Handgriffvarianten ermöglichen es den Patienten, entfernte kleinere Gegenstände, so zum Beispiel auf dem Fußboden oder auf einem Regal, zu fassen und zu bewegen (wie Russka Greifzange »Helfende Hand«). Besonders für Rollstuhlfahrer sind diese Hilfsmittel unentbehrlich. Wenn der Gebrauch der Hände nicht möglich, die Armbeweglichkeit aber noch gegeben ist, können pneumatische Greifhilfen gute Dienste leisten. Diese Apparaturen trägt der Patient am Körper, ein Kompressor sorgt für die Bewegung der Greifzange. Eine Steuerung, im Bedarfsfall auch eine Sprachsteuerung, regelt das Öffnen und Schließen sowie die Kraft des Greifers (wie Gripability).

Griffe aus Kunststoff (zum Beispiel Param Halter für zwei Schlüssel) ermöglichen das Benutzen von kleinen Schlüsseln, für Tür- und Fenstergriffe sind Verlängerungen im Handel (zum Beispiel Sundo Homecare). Mit Universalgriffen lassen sich viele verschiedene kleinere Gegenstände fassen und benutzen, so zum Beispiel Wasserhähne, Heizungsregler, Drehschalter von Elektrogeräten und Schlüssel. Der Patient drückt den Griff auf den Gegenstand, der die in der Griffplatte befindlichen Metallstifte nach unten drückt. Die übrigen Stifte klemmen den Gegenstand ein und machen eine Drehbewegung möglich (zum Beispiel Russka Universalgriff). Alle diese Produkte sind verordnungsfähig und im Hilfsmittelverzeichnis zu finden.

Für Pinsel, Schreib- und Malstifte gibt es farbige Schaumstoffschläuche, die sich zuschneiden und über den Griff oder Stift schieben lassen (beispielsweise Griffverdickungen von Medictools®). Griffadapter sind außerdem für Werkzeuge und Gartengeräte erhältlich. Spezialscheren mit Einhandbedienung, Nähnadeln mit offenem Öhr, Nadeleinfädler, Einhand- oder Linkshänder-Blockflöten, Spielkartenhalter oder Mono-Sitzski (alles zum Beispiel über Thomashilfen) machen es auch Behinderten möglich, ihren Hobbys nachzugehen und ein erfülltes Leben zu führen.

Barrierefrei kommunizieren

In den letzten Jahren wurde in das Hilfsmittelverzeichnis eine Reihe von Kommunikationshilfen aufgenommen, die es den Betroffenen ermöglichen, Smartphone und Computer selbstständig trotz Behinderung zu nutzen.

So sind für Behinderte spezielle Tastaturen und Eingabegeräte erhältlich, die die Bedienung eines Computers ermöglichen, so beispielsweise Großfeld- oder Displaytastaturen und behindertengerechte Computer-Mäuse. Für Personen, die sich nur unzureichend lautsprachlich äußern können und aufgrund einer ausgeprägten cerebralen oder zentralen Bewegungsstörung oder einer neuromuskulären Behinderung nicht in der Lage sind, sich auf herkömmliche Weise schriftlich mitzuteilen, übernehmen die Gesetzlichen Krankenkassen auch die Kosten für Zubehör, welches die Anwendung von Normaltastaturen und -mäusen durch Behinderte ermöglicht. Mit Hilfe der Geräte können Verzögerungs- und Ansprechzeiten eingestellt oder Betätigungswege verkleinert werden. Zum Leistungsumfang gehören außerdem die entsprechende Software zur Modifikation von Tastaturen oder zur sonstigen Eingabeunterstützung oder aber spezielle Sprachausgabefunktionen. Beispielsweise Schlaganfall­-Patienten mit einer Aphasie profitieren von diesen Hilfs­mitteln. 

Persönliches Vokabular erstellen

Verschiedene Augensteuerungssysteme erlauben es einem bewegungsunfähigen Patienten, beispielsweise den Mauszeiger mit den Augen zu steuern, indem er seine Augen über den Bildschirm wandern lässt. Kamerabilder lassen erkennen, wo der Benutzer hinschaut, und bewegen den Cursor zu diesen Punkten. Der Klick kann dann sowohl mit einem Lidschlag als auch mit dem Verweilen des Blickes auf einer bestimmten Stelle erfolgen.

Personen, die sich nicht oder nur unzureichend lautsprachlich verständlich äußern können und schreibunfähig sind beziehungsweise eine Störung der Schreibfähigkeit aufweisen, haben Anspruch auf eine Versorgung mit Tafeln und Symbolsammlungen, die Bilder, Symbole, Wörter oder Fotos enthalten, die mögliche Gesprächsthemen abbilden. Durch eine individuelle Zusammenstellung entsteht so ein persönliches Vokabular, das auf die aktuellen Bedürfnisse des Anwenders abgestimmt ist. Viele Selbsthilfevereine halten auf ihren Seiten Downloads mit den Zeigetafeln bereit, so zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM).

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