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Belohnungssystem reaktivieren

Das Hirn bei Depressionen elektrisch reizen

Menschen mit therapieresistenten Depressionen haben bis zu 70 verschiedene Therapien hinter sich, wenn sie zu Professor Dr. Thomas Schläpfer und seinem Team am Universitätsklinikum Freiburg kommen. Schläpfer leitet die Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Im Gespräch mit PTA-Forum beantwortet er Fragen zu Elektrokrampf-Therapie und Tiefer Hirnstimulation.
Isabel Weinert
23.09.2019  14:00 Uhr

Was versteht man unter dem Begriff »Interventionelle Biologische Psychiatrie«?

Schläpfer: Biologische Psychiatrie bezieht sich darauf, dass wir der Meinung sind, dass alle psychiatrischen Prozesse eine biologische Basis haben. Aus der Luft passiert nichts. Es gibt eine Biologie, die verändert sein muss. Unter dem »Interventionell« verstehen wir, dass wir direkt im Hirn mit Elektroden, mit Energie einwirken, um eine Veränderung herbeizuführen, und das selbstverständlich nur in allerschwersten Fällen.

Was ist der Unterschied zwischen Elektrokrampftherapie und Tiefer Hirnstimulation?

Schläpfer: Mit der Tiefen Hirnstimulation sind wir direkt in einem kleinen Hirnbereich, dem Belohnungszentrum. Der Patient spürt nichts von der Stimulation, weil es nur dieses winzige Gebiet ist, das wir stimulieren. Bei der Elektrokrampftherapie umfasst die Behandlung das gesamte Hirn. Damit sich der Krampf nicht auch auf den Körper ausweitet, bekommen die Patienten Muskelrelaxantien. Das Verfahren findet unter einer kurzen Narkose statt. Während bei der Tiefen Hirnstimulation ein Eingriff reicht, wird die Elektrokrampftherapie häufiger wiederholt.

Ähnelt die Tiefe Hirnstimulation bei einem Menschen mit Depression derjenigen bei Menschen mit Parkinson?

Schläpfer: Bei Parkinson handelt es sich um genau das gleiche Verfahren, genau die gleichen Elektroden, die gleichen Geräte. Die Elektroden werden in das Hirn gesetzt, der Schrittmacher, der die Impulse gibt, ist unter der Haut im Brustbereich implantiert.

Welches Verfahren setzt man wann ein?

Schläpfer: Die Elektrokrampftherapie ist eine extrem gut untersuchte, bekannte und validierte Methode, die man mit vertretbarem Aufwand durchführen kann. Bei der Tiefen Hirnstimulation handelt es sich um eine experimentelle Therapie, die bislang ganz wenige Menschen bekommen haben, die aber auch in Fällen zu wirken scheint, bei denen die Elektrokrampftherapie nichts nutzt. Das ist an sich sensationell, aber das noch sensationellere ist, dass die Tiefe Hirnstimulation die Wirkung behält, auch wenn wir das über Jahre machen.

Die Elektrokrampftherapie eignet sich exzellent, um jemanden aus seinen schwersten Depressionen herauszuholen, aber die Wirkung hält nur maximal einige Wochen an, dann kehrt die Depression zurück.

Welche Rolle spielt die sogenannte Magnetkrampftherapie?

Schläpfer: Magnetkrampftherapie ist ein Verfahren, das wir jetzt entwickelt haben. Es ist sehr spannend, weil wir Krämpfe mit Magnetwellen auslösen können anstatt mit elektrischem Strom. Das ist deshalb interessant, weil hier eine unangenehme Wirkung der Elektrokrampftherapie nicht auftritt: die Gedächtnisprobleme. Aus technischen Gründen setzen wir die Magnetkrampftherapie im Moment nicht ein, aber wir haben das in Bonn entwickelt, und derzeit wird die Therapie am Uniklinikum in Mainz durchgeführt. Das Verfahren wird auch weltweit erforscht.

Können Sie den Erfolg der Therapien in Zahlen benennen?

Schläpfer: Bei der Tiefen Hirnstimulation sind es 80 Prozent, das ist sehr viel. Bei der Elektrokrampftherapie – da ist das Ausmaß der Depression bei den Patienten deutlich geringer – sind es auch zwischen 60 und 70 Prozent. Es lohnt sich, solche Verfahren einzusetzen.

Bei der EKT sind es Amnesien, die als Nebenwirkung auftreten können. Welche Bereiche der Erinnerung betrifft das?

Schläpfer: Das sind objektiv Kleinigkeiten, man vergisst zum Beispiel, was man am Vortag gegessen hat. Subjektiv ist das aber sehr unangenehm. Die Patienten merken, dass sie etwas nicht mehr wissen.

Welche Nebenwirkungen gibt es außerdem?

Schläpfer: Bei der Elektrokrampftherapie sind es diese häufig auftretenden Gedächtnisprobleme. Bei der Tiefen Hirnstimulation kennen wir keine Nebenwirkungen, wenn das System eingeheilt ist und sich die Wunden geschlossen haben.

Wie gelangt die Elektrode bei der Tiefen Hirnstimulation in das Belohnungszentrum?

Schläpfer: Das machen Neurochirurgen. Sie planen den Eingriff mit Hilfe einer MRT-Aufnahme, damit sie wissen, wo genau der Ort ist, an dem die Elektrode platziert werden soll. Dann wird mit einem stereotaktischen Rahmen, der einem Schraubstock ähnelt, der Kopf des Patienten eingespannt und genau am Zielort die Elektrode eingesetzt. Das gelingt mit einer großen Genauigkeit.

Für Depressionen werden verschiedene Ursachen diskutiert. Weist die Tatsache, dass die Verfahren bei so vielen Patienten helfen darauf hin, dass es vielleicht doch nur eine begrenztere Ursache gibt oder wie lässt sich das erklären?

Schläpfer: Ich glaube, Depressionen haben gemeinsame Endstrecken, wenn sie wirklich schwer und therapieresistent sind. Die Straße der Entzündung, der Psychologie, der Traumata – alle führen am Ende zu den gleichen hirnphysiologischen Veränderungen und können deshalb auch gemeinsam mit den gleichen Methoden behandelt werden.

Wie erklärt man sich, warum bei manchen Patienten die Depression therapieresistent verläuft?

Schläpfer: Ich glaube, dass das Hirn eine gewisse Reagibilität hat, dass man mit Psychotherapie sehr gut eine Reagibilität hinbekommen kann, bei einer stärkeren Ausprägung braucht es zusätzlich Medikamente und dann gibt es Fälle, bei denen die Reagibilität derart herabgesetzt ist, dass nur der elektrische Reiz eine Chance auf Besserung bietet.

Kommen die Patienten nach erfolgreicher Therapie ohne Medikamente aus, oder wird das weiterhin begleitend gegeben?

Schläpfer: Es gibt einige Patienten, die keine Medikamente mehr benötigen. Die meisten müssen sie aber weiterhin einnehmen.

Eignen sich die genannten Methoden auch bei anderen psychiatrischen Erkrankungen?

Schläpfer: Nein, wir haben bisher nur eine Wirkung gezeigt bei Zwangserkrankungen und Depressionen. Bei den anderen Erkrankungen wurde es entweder nicht probiert oder es hilft nicht.

Man weiß nicht genau, wie die Verfahren wirken, was genau sie ausrichten?

Schläpfer: Nein, es gibt ganz viele Theorien, aber die haben alle gemeinsam, dass sie nicht richtig gut sind.

Wie kam man ursprünglich auf die Idee, die Elektrokrampftherapie einzusetzen, und gibt es in Bezug auf diese Therapie Vorurteile unter den Patienten?

Schläpfer: Vorurteile gibt es keinerlei, jedenfalls nicht fundierte. In der Wissenschaft ist es eine absolut 100-prozentig akzeptierte Behandlungsform. Die Idee kam vor 85 Jahren auf, als man bemerkte, dass es Patienten nach natürlichen Krampfanfällen besser ging. So kam man darauf, das künstlich auszuüben.

Bei der THS haben wir klar gesagt, das Belohnungssystem ist ein Zielgebiet, das sich eignet. Patienten mit Depressionen haben Belohnungsprobleme. Und aus diesem Grund versuchen wir, die Funktion des Belohnungssystems wieder herbeizuführen, damit Menschen sich zum Beispiel wieder freuen können.

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