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In der Ruhe kommt das Kribbeln

Das Restless-Legs-Syndrom

Die Beine kribbeln, zucken und jucken, die Missempfindungen sind extrem unangenehm und störend. Sie verschwinden, wenn sich Betroffene bewegen. Diese Beschreibung ist typisch für das Restless-Legs-Syndrom, das behandelt werden sollte, bevor es zu erheblichen Schlafstörungen führt.
Carina Steyer
08.06.2020  09:00 Uhr

Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland erleben fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung – etwa vier bis acht Millionen Menschen – RLS- Symptome in unterschiedlicher Intensität. Betroffen sind alle Alters- und Geschlechtsgruppen, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Bei den meisten von ihnen verläuft die Krankheit fortschreitend. Während zu Beginn oft noch wochen- bis monatelange symptomfreie Intervalle auftreten, werden diese im Verlauf immer kürzer. Treten Symptome erstmals nach dem 50. Lebensjahr auf, schreitet die Erkrankung häufig schneller fort.

Mediziner unterscheiden beim RLS die primäre von der sekundären Form. Die Ursache des primären RLS ist weitgehend unbekannt. Aufgrund des guten Ansprechens auf dopaminerge und opioide Substanzen gehen Wissenschaftler derzeit davon aus, dass ihm eine Funktionsstörung im zentralen und spinalen Neurotransmittersystem zugrunde liegt. Zudem wird eine genetische Komponente vermutet, da das primäre RLS familiär gehäuft auftritt.

Die sekundäre Form kann die Folge einer Grunderkrankung sein wie zum Beispiel dialysepflichtiger Nierenerkrankungen oder neurologischer Erkrankungen. Auch eine Eisenmangelanämie oder niedrige Ferritinwerte, Stoffwechselstörungen sowie hormonelle Veränderungen können die Symptome auslösen. Wenn es Schwangere trifft, dann sind sie meistens im letzten Schwangerschaftsdrittel betroffen. Kurz nach der Entbindung klingen die Beschwerden wieder ab.

Typische Symptome

Wegweisend für die Diagnose sind die typischen, vom Patienten geschilderten Symptome. Dazu gehört ein unerträgliches Kribbeln, als würden Ameisen unter der Haut laufen. Es löst einen starken Bewegungsdrang aus. Schmerzen werden von Betroffenen tief in der Waden- oder Oberschenkelmuskulatur beschrieben, nie oberflächlich. Die Beschwerden können an einem oder beiden Beinen sowie wechselseitig auftreten. Im Verlauf der Erkrankung können sie sich auf andere Körperregionen wie die Arme, die Hüften oder das Gesicht ausbreiten. Unabhängig vom Lokalisationsort kommen Schmerzen und Missempfindungen beim RLS fast ausschließlich in Ruhesituationen vor und sind am Abend bis kurz nach Mitternacht besonders ausgeprägt. Ebenso typisch wie die Symptome ist die Tatsache, dass Bewegung die Schmerzen und Missempfindungen lindert.

Mehr als 90 Prozent der behandlungsbedürftigen Patienten leiden in Folge des RLS unter starken Ein- und Durchschlafstörungen. Nicht nur das abendliche zur Ruhe kommen, auch weitere Faktoren können die Beschwerden beim RLS auslösen. Dazu gehören ruhiges Sitzen auf längeren Autofahrten, während Bus- oder Flugreisen sowie bei Kino- und Theaterbesuchen. Problematisch können auch medizinische Behandlungen werden, die das Stillhalten des Patienten erforderlich machen, zum Beispiel eine Dialysebehandlung oder eine Operation, die eine längere Bettlägerigkeit nach sich zieht.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Zu Beginn der Erkrankung, wenn Symptome leicht und in größeren Abständen auftreten, ist der Leidensdruck der meisten Patienten relativ gering. Oft reichen nicht-medikamentöse Maßnahmen und Verhaltensänderungen aus, um die Beschwerden zu lindern. Da es für die Wirksamkeit dieser Maßnahmen keine kontrollierten Studien gibt, müssen Betroffene ein wenig ausprobieren, was ihre Beschwerden zuverlässig lindert. Das können zum Beispiel Kniebeugen, Radfahren oder Dehnübungen sein. Auch Beinmassagen, das Bürsten der Beine oder kaltes Abduschen können für Erleichterung sorgen. Andere Betroffene empfinden Wärme oder Kälte durch Bäder, eine Heizdecke, Cool-Packs oder kühlende Gels und Lotionen als angenehm oder profitieren von Verhaltensänderungen wie dem Verzicht auf Alkohol, Koffein und Nikotin. Experten raten zudem, für eine gute Schlafhygiene zu sorgen. Dazu gehören regelmäßige Schlafenszeiten, eine gute Verdunklung und Belüftung des Schlafzimmers. Regelmäßige körperliche Aktivität sorgt für ausreichend Müdigkeit am Abend, während schwere körperliche Arbeit ebenso wie Stress die Symptome verstärken kann.

Therapie bei Leidensdruck

Grundsätzlich gilt: Sobald ein RLS einen Leidensdruck verursacht, sollte es medikamentös behandelt werden. Bei vielen Betroffenen ist das zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr der Fall, therapiert werden aber auch jüngere Patienten. Ziel ist es, den Betroffenen wieder einen erholsamen Schlaf und eine aktive Freizeit zu ermöglichen. Unbehandelt geraten RLS-Patienten schnell in einen Kreislauf aus nächtlichen Schlafstörungen und zunehmender Tagesmüdigkeit. Das wirkt sich nicht nur auf die Lebensqualität aus, sondern erhöht auch das Unfallrisiko am Tag.

Standardtherapie beim primären RLS sind dopaminerge Substanzen. In Deutschland sind L-Dopa in Kombination mit Benserazid sowie die Dopaminagonisten Pramipexol, Ropinirol und Rotigotin als Pflaster zugelassen. L-Dopa ist das am häufigsten verordnete Medikament bei Patienten mit leichten Symptomen. Inzwischen raten einige Experten jedoch dazu, es nur noch als sporadische Bedarfsmedikation oder für die Diagnose der Erkrankung einzusetzen, da die Augmentationsrate hoch ist. Die Augmentation beschreibt eine anhaltende Verschlechterung einer Symptomatik trotz medikamentöser Behandlung. Mediziner sprechen beim RLS von einer Augmentation, wenn ein Patient, der bisher Beschwerden am späten Abend hatte, nun bereits am frühen Abend oder Nachmittag Symptome bemerkt. In Ruhesituationen wie einer Besprechung, im Kino oder Theater treten die Symptome nun statt wie bisher nach einer Stunde, schon nach wenigen Minuten auf. Typisch für die Augmentation ist zudem, dass sich die Beschwerden von den Beinen auf andere Körperteile ausdehnen. Eine Wiederzunahme der Intensität der Beschwerden gilt ebenfalls als Symptom der Augmentation, kann aber auch ein Nachlassen der Wirksamkeit der aktuellen Dosierung sein. Sprechen Patienten nicht ausreichend auf die Therapie an, oder treten Komplikationen auf, kann ein Versuch mit Opioiden oder Antikonvulsiva sinnvoll sein.

Sonderfall Kinder

Bei Kindern und Jugendlichen wird das RLS seltener diagnostiziert als bei Erwachsenen. Experten machen dafür aber nicht nur eine tatsächlich geringere Verbreitung verantwortlich. Sie vermuten vielmehr, dass neben dem Fehlen einheitlicher Diagnosekriterien bei Kindern vor allem die Abgrenzung zur Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) die Diagnose deutlich erschwert. So führen Schlafstörungen, die durch das RLS verursacht werden, bei Kindern zu Konzentrationsschwäche, Lern- und Leistungsdefiziten, Impulsivität und Verhaltensproblemen, die als ADHS fehlinterpretiert werden können. Dazu kommt, dass Kinder ihre Beschwerden häufig nicht klar beschreiben können und sich die Symptome nur durch eine ausgeprägte Unruhe beim ins Bett bringen zeigen. Andere klagen zwar über Schmerzen in den Beinen, diese werden jedoch für Wachstumsschmerzen gehalten. Eine Abgrenzung ermöglicht die Frage, ob die Schmerzen durch Bewegung nachlassen. Bei Wachstumsschmerzen ist das nicht der Fall.

Für die Behandlung im Kindes- und Jugendalter gibt es bisher keine zugelassenen Therapien. Sie ist aber in der Regel auch nicht notwendig, denn viele Kinder können ihre Beschwerden durch nicht-medikamentöse Maßnahmen ausreichend lindern. Experten raten, Kindern die Krankheit genau zu erklären und gemeinsam auszuprobieren, welche Methoden helfen. Häufig stammen Kinder mit RLS aus Familien, in denen die Krankheit gehäuft auftritt. Im Fall der Symptomlinderung und Diagnosestellung kann das von Vorteil sein. Betroffene Eltern können eigene Erfahrungen weitergeben und bereits frühzeitig die Vermutung äußern, dass ein RLS vorliegen könnte.

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