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Experte zur Corona-Impfung

Das sollte man jetzt zum Impfschutz wissen

Wie lange bleibt man nach der Corona-Impfung immun? Worauf basiert die Schutzwirkung? Schützt man nur sich oder auch andere? Professor Dr. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) und wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, antwortet gegenüber PTA-Forum gemäß dem aktuellen Stand der Erkenntnisse.
Nicole Schuster
02.07.2021  12:00 Uhr

PTA-Forum: Ab wann setzt der Impfschutz nach einer Covid-19-Impfung ein?

Watzl: Hier muss man zwischen den einzelnen Impfstoffen unterscheiden. Bei dem Impfstoff von Johnson & Johnson reicht eine Einzeldosis, um vollständig geimpft zu sein. 14 bis 28 Tage nach der Impfung ist hier ein voller Schutz zu erwarten. Das bedeutet, dass für Geimpfte eine um 66 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit besteht, an Covid-19 zu erkranken.

Als vollständig geimpft gelten Personen bei den anderen in Deutschland verfügbaren Vakzinen circa 14 Tage, nachdem sie die zweite Impfung erhalten haben. Dabei gibt es geringe Unterschiede zwischen den einzelnen Impfstoffen, was daran liegt, dass in den Zulassungsstudien zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Wirksamkeit geprüft wurde. Bei Comirnaty, dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer, wurden die Krankheitsfälle in der Impf- und Placebogruppe sieben Tage nach Gabe der zweiten Impfdosis gezählt und verglichen, bei der mRNA-Vakzine von Moderna waren es 14 Tage nach der zweiten Impfdosis. Es besteht dann jeweils eine Wirksamkeit von um die 95 Prozent.

Bei AstraZeneca prüften die Wissenschaftler in den Zulassungsstudien 15 Tage nach Gabe der zweiten Dosis die Wirksamkeit. Die Wahrscheinlichkeit bei vollständig Geimpften an Covid-19 zu erkranken, war ersten Studien zufolge 70 Prozent geringer und 95 Prozent geringer, wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingewiesen zu werden. Ein Dosierungsintervall zwischen erster und zweiter Dosis von zwölf Wochen erhöht die Wirksamkeit der Impfung mit Vaxzevria, sodass eine Erkrankung zu etwa 80 Prozent verhindert werden kann.

Insgesamt ist also wichtig zu wissen, dass sich der Impfschutz erst langsam aufbaut und man nicht sofort vollständig geschützt ist. Einen Teilschutz hat man bereits nach der ersten Impfdosis. Etwa 28 Tage nach der ersten Spritze ist aktuellen Zahlen zufolge das Risiko, eine symptomatische Erkrankung zu erleiden, sowohl bei Biontech/Pfizer als auch bei AstraZeneca um 55 bis 70 Prozent reduziert. Nach der ersten Impfung schützt sowohl das Vakzin von Biontech/Pfizer als auch das von AstraZeneca zu 75 bis 85 Prozent vor einem schweren Verlauf, der im Krankenhaus behandelt werden muss (Quelle: Public Health England, COVID-19 vaccine surveillance report – week 23).

Biontech/Pfizer (Comirnaty®) Moderna (Covid-19 Vaccine Moderna) AstraZeneca (Vaxzevria) Johnson & Johnson (Covid-19 Vaccine Janssen)
Altersempfehlung STIKO Ab 12 Jahre Ab 18 Jahre Ab 60 Jahre Ab 18 Jahre
Anwendung intramuskulär intramuskulär intramuskulär intramuskulär
Impfstofftyp mRNA mRNA vektorbasiert vektorbasiert
Nötige Impfungen 2 2 2 1
Empfohlener
Impfabstand
zwischen 3 und 6 Wochen zwischen 4 und 6 Wochen 12 Wochen Einzeldosis
Wirksamkeit bis zu 95 % bis zu 95 % bis zu 80 % bis zu 70 %
EU-Zulassung 21.12.2020 06.01.2021 29.01.2021 11.03.2021
Vier zugelassene Covid-19-Impfstoffe: Sicherheit und Wirksamkeit, Quelle: Paul-Ehrlich-Institut (PEI), Stand: 23.06.2021

PTA-Forum: Worauf basiert die Immunität, die der Körper aufbaut?

Watzl: Wird der Körper mit einem bestimmten Erreger konfrontiert, kann er sich später »erinnern«, wie er dagegen spezifisch vorgehen kann. Beim Impfen präsentieren wir dem Immunsystem ungefährliche Teile eines Erregers, damit sich dieses Immungedächtnis ausbilden kann. Dabei spielen die Antikörper-bildenden B-Zellen sowie T-Zellen zentrale Rollen. Die spezifisch gegen das Virus hergestellten Antikörper binden die Erreger und neutralisieren sie, bevor sie in Zellen eindringen können. Dringen Viren nicht in Zellen ein, können sie nicht krankmachen und sich auch nicht vermehren und verbreiten. Bei den T-Zellen sind T-Helfer-Zellen und T-Killerzellen zu unterscheiden. Die verschiedenen Arten von T-Helferzellen aktivieren andere Zellen des Immunsystems, um das Virus schnell zu bekämpfen. T-Killerzellen wiederum erkennen virale Eiweiß-Fragmente (Epitope) auf infizierten Zellen und töten diese Zellen ab, um die Virusproduktion zu stoppen. Beide Komponenten zusammen – die Antikörper und T-Zellen – kann der Körper bei einer erneuten Infektion rasch wieder aktivieren und das Virus so schnell und effektiv bekämpfen.

PTA-Forum: Man hört oft den Begriff sterile Immunität. Was bedeutet er?

Watzl: Zu unterscheiden ist die klinische Immunität und die sterile Immunität. Bisherige Studien zeigen, dass die Impfungen zwar eine Erkrankung mit Covid-19 verhindern können, aber nicht ausschließen, dass ein Geimpfter das Virus trotz der Impfung in seinen Körper aufnimmt und damit für andere durchaus ansteckend sein kann. Der Geimpfte ist nur »klinisch immun«. Er erkrankt gar nicht oder allenfalls leicht, kann aber noch Viren weitergeben.

Bei der sogenannten sterilen Immunität ist im Körper eine hohe Zahl neutralisierender Antikörper vorhanden. Sie fangen Viren ab, bevor sie in Zellen eindringen können. Die geimpfte Person trägt das Virus dann nicht in sich und kann es folglich auch nicht weitergeben.

Bisherige Studien mit Covid-19-Vakzinen zeigen, dass Geimpfte eine geringere Virenlast in sich tragen als Nicht-Geimpfte, sie geben daher auch weniger Viren bei einer Ansteckung an andere weiter. Ob der Empfänger der Viren erkrankt, hängt von zwei Faktoren ab: dem Immunsystem der Person und der Viruslast, die sie abbekommt. Ist die aufgenommene Menge an Virus gering, reduziert das das Risiko für eine Erkrankung.

PTA-Forum: Wichtig für viele Menschen ist die Frage, wie lange der Immunschutz anhält. Welche Erkenntnisse gibt es dazu bislang?

Watzl: Wir wissen, dass bei etwa Zweidrittel der Menschen, die vor über einem Jahr an Covid-19 erkrankt sind, noch neutralisierende Antikörper nachweisbar sind. Dabei ist zu beachten, dass bei Genesenen der Schutz nicht so hoch ist wie bei Geimpften. Das liegt daran, dass Impfungen einen höheren Antikörper-Spiegel erzeugen als eine durchgemachte Infektion. Daher sollen sich auch Genesene noch einmal impfen lassen, um die Immunantwort und den Schutz vor einer erneuten Infektion zu verstärken. Gehen wir von einem vergleichbaren Abfall der Antikörper bei Geimpften wie bei Genesenen über die Zeit aus, sollten Geimpfte nach einem Jahr über einen höheren Antikörper-Titer verfügen als Genesene.

Ein Problem ist allerdings, dass wir bis heute nicht genau sagen können, welcher Teil des Immunsystems für die Abwehrwirkung von SARS-CoV-2 entscheidend ist: Sind es die Antikörper oder die T-Zellen? Es gibt jetzt zwar erste Hinweise, dass die Menge der neutralisierenden Antikörper für den Impfschutz wichtig ist, jedoch gibt es noch keinen Schwellenwert, bei dem man sagen kann, oberhalb dieses Wertes ist man geschützt und unterhalb dieses Wertes müsste man die Impfung auffrischen.

Bei länger bekannten Infektionserkrankungen wie Hepatitis B wissen wir, bei welchem Antikörper-Titer ein Mensch immun ist. So weit sind wir bei Covid-19 noch nicht.

Was wir aber sagen können ist, dass der Fremdschutz der Impfungen vermutlich als erstes nachlässt, dann erst geht der Eigenschutz zurück. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Wir gehen aktuell davon aus, dass eine dritte Impfung, um den Schutz aufzufrischen, für die meisten Menschen frühestens im nächsten Jahr erforderlich ist. Mindestens bis dahin sollten die Geimpften ausreichend geschützt sein.

PTA-Forum: Wie wirken sich die Mutationen des Virus auf den Impfschutz aus?

Watzl: Hier muss man zwischen den einzelnen Virusvarianten differenzieren. Die stark ansteckende Alpha-Variante B.1.1.7 (»britische Variante«) entgeht dem Impfschutz so gut wie gar nicht.

Die Beta-Variante B.1.351 (»südafrikanische Variante«) macht ein bisschen mehr Sorgen. Sie kann der Antwort des Immunsystems teilweise entkommen, wenn es bei der Impfung oder Erkrankung mit dem Wildtyp des Virus konfrontiert war. Beim Impfstoff von AstraZeneca konnte beispielsweise bislang nicht belegt werden, dass das Vakzin vor leichten und moderaten Erkrankungsverläufen mit B.1.351 schützt. Aber dennoch ist die Impfung mit Vaxzevria nicht völlig wirkungslos und kann immer noch schwere Erkrankungen verhindern. Mehr Hoffnung macht Comirnaty von Biontech/Pfizer. Hier sollen die Veränderungen des Virus laut Hersteller nicht zu einer signifikant verringerten Wirksamkeit des Impfstoffs führen. Ähnliches gilt ersten Erkenntnissen zufolge auch für den Impfstoff von Moderna (DOI: https://doi.org/10.1101/2021.05.05.21256716).

Bezogen auf die Gamma-Mutation P.1 (»brasilianische Variante«) haben Comirnaty und Vaxzevria zwar eine leicht abgeschwächte Schutzwirkung, allerdings ist der Wirkungsverlust gemäß den aktuellen Daten geringer als bei B.1.351 (DOI: https://doi.org/10.1101/2021.03.12.435194).

Die Delta-Variante B.1.617 (»indische Variante«) gilt als besonders ansteckend, ihr Einfluss auf das weitere Infektionsgeschehen ist noch ungewiss. Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und AstraZeneca bieten einen recht hohen Schutz. Beide Vakzine schützen allerdings erst nach zweifacher Impfung fast so effektiv wie vor einer durch B.1.1.7 hervorgerufenen Erkrankung. Wichtig ist die Zweitimpfung. Vor allem beim Vakzin von AstraZeneca kann B.1.617 nach nur einer Impfung noch teilweise der Immunantwort entgehen. Zwei Wochen nach vollständiger Impfung schützt Comirnaty mit etwa 88-prozentiger Effektivität davor, durch eine Infektion mit B.1.617 symptomatisch zu erkranken. Bei Vaxzevria liegt die Wirksamkeit bei etwa 60 Prozent. Auch bei B.1.617 liegt jedoch der Schutz vor schwerer Erkrankung bei beiden Impfstoffen bei über 90 Prozent.

Im Hinblick auf weitere Mutationen versichern die Hersteller der Impfstoffe auf mRNA-Basis, dass sie ihre Vakzine in kurzer Zeit an neue Varianten anpassen können. Möglicherweise kommen bei der dritten Impfung dann angepasste Impfstoffe zum Einsatz.

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