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Wieder schmerzfrei lächeln

Dem Herpes Herr werden

Kleine Risse im Mundwinkel und Lippenherpes bescheren unter Umständen heftige Beschwerden. Treten sie immer wieder auf oder heilen schlecht aus, bleibt nur der Weg zum Arzt. Ansonsten funktioniert die Selbstmedikation hier gut.
Annette Immel-Sehr
02.11.2020  11:00 Uhr

»Rhagade« bedeutet in der medizinischen Fachsprache »Einriss«. Solche feinen Verletzungen der Haut können an unterschiedlichen Stellen des Körpers auftreten. Am Mundwinkel sprechen Ärzte auch von Angulus infectiosus oder Perlèche. Der Volksmund nennt diese Gesundheitsstörung schlicht und einfach »Faulecken«. Sie beginnen als schuppende Rötung an einem oder beiden Mundwinkeln. Im weiteren Verlauf treten häufig gelbliche Schuppenkrusten und kleine Einrisse der Haut auf. Mundwinkelrhagaden machen sich schon morgens bei den ersten Mundbewegungen schmerzhaft bemerkbar. Den Tag über bilden sich beim Öffnen des Mundes immer wieder schmerzhafte Mikroeinrisse. Wenn Faulecken mit sauren Speisen oder Getränken in Berührung kommen, brennt es meist höllisch.

Mundwinkelrhagaden können bei Menschen jedes Alters auftreten. Die Ursache ist oft eine länger bestehende Feuchtigkeit in den Mundwinkeln durch vermehrte Speichelbildung, etwa bei Zahnspangen- oder Prothesenträgern. Dies weicht die Haut auf und verringert ihre Barrierefunktion. Auch wenn Menschen die Angewohnheit haben, ständig die Lippen oder die Mundwinkel zu lecken, kann dies Faulecken verursachen. Zu weiteren Faktoren zählen zum Beispiel trockene Haut, Neurodermitis, Kontaktdermatitis, Diabetes mellitus, Eisen-, Zink- und Vitamin-B-Mangel sowie ein Down-Syndrom. Manchmal entstehen wiederholte kleine Verletzungen auch beim Einsetzen der Zahnprothese. Bei älteren Menschen können fehlende Zähnen oder ein schlechter Prothesensitz dazu führen, dass die Lippen bei geschlossenem Mund anders aufeinanderliegen als bisher und sich ein feuchteres Milieu entwickelt.

Gleich handeln

Ohne Behandlung zieht sich die Erkrankung oft über Wochen hin und es entsteht eine chronische Entzündung. Das ist nicht nötig, denn das Problem lässt sich meist gut beheben. Die erste Maßnahme besteht darin, die gerissenen Mundwinkel am Tag immer wieder mit einem sauberen Tuch trocken zu tupfen und nicht daran zu lecken. Durch gezielte Pflege kann die gereizte Haut an den Mundwinkeln heilen. Dazu eignet sich Hautschutzcreme für trockene bis sehr trockene Haut. Am besten trägt man sie zu Beginn mehrmals täglich, dann nur noch einmal täglich dünn auf. Folgende Produkte eignen sich beispielhaft: Alfason® Repair Creme, Eucerin® Acute Lip Balm, Letibalm Fluido und Neuroderm® Repair Creme.

Wer Neurodermitis hat, kann zur Pflege der Mundwinkel auch die ohnehin benötigte Basissalbe verwenden. Topika mit Hydrocortison lassen stark entzündete und schmerzende Mundwinkel schnell abheilen. Auch Zubereitungen mit Dexpanthenol und Zink sorgen für eine schnelle Heilung. Die regelmäßige Lippenpflege zum Beispiel mit einem Pflegestift trägt zur Hautgesundheit rund um die Lippen bei.

Im Beratungsgespräch geht es auch darum, die vermutliche Ursache herauszufinden, um sie nach Möglichkeit zu beheben. Bei schlechtsitzenden Zahnprothesen beispielsweise sollte der Patient den Zahnarzt aufsuchen. Er kann feststellen, was verändert werden muss, um die Mundwinkel zu entlasten. Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, um eine ausreichende Vitamin- und Mineralstoffversorgung sicherzustellen. Möglicherweise ist kurzfristig ein Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll, um einen bestehenden Mangel schnell zu beheben.

Wenn es den Anschein hat, dass sich zusätzlich Bakterien, Pilze oder Herpes-Viren in den Rhagaden angesiedelt haben, ist ein Besuch beim Haus- oder Hautarzt ratsam, damit er die Erreger diagnostiziert und gezielt behandelt. Der Arzt ist auch der richtige Ansprechpartner, wenn sich die Beschwerden unter Selbstbehandlung nicht bessern oder immer wiederkehren.

Treuer Dauergast

Erreger des Lippenherpes sind Herpes-simplex-Viren, genauer gesagt, in 80 bis 90 Prozent der Fälle der Virentyp Herpes-simplex Virus-1 (HSV-1) und in seltenen Fällen Herpes-simplex Virus-2 (HSV-2). Meist kommen Menschen schon im Kindesalter mit den Viren in Kontakt. Sie verbleiben lebenslang in den Ganglienzellen des Gesichtsnervs. Bei vielen Menschen treten nie Symptome auf, andere haben immer wieder mit Lippenherpes zu kämpfen. Denn die Viren können zum Beispiel durch Stress, UV-Strahlung, Fieber oder allgemein Immunschwäche aktiviert werden. Dann wandern sie entlang der Nervenfasern zu den Lippen und lösen dort eine Infektion aus.

Der Ablauf des Geschehens ist immer derselbe – Menschen, die regelmäßig betroffen sind, kennen die ersten Anzeichen sehr genau. Im Frühstadium, das sechs bis 48 Stunden dauert, juckt und kribbelt das betroffene Areal. Die Haut rötet sich, dann schießen dichtstehende, flüssigkeitsgefüllte Bläschen auf. Im Laufe einer Woche trocknen die Bläschen dann wieder ein. Die Krusten fallen ab, und für einige Tage bleiben gerötete Flecken. Das Ganze schmerzt mehr oder weniger und kann sich von Mal zu Mal in seiner Intensität unterscheiden. Manchmal schwellen auch die lokalen Lymphknoten an, und es tritt ein leichtes Krankheitsgefühl auf. Bei fünf bis zehn Prozent der Virenträger treten mehr als fünf Episoden pro Jahr auf. Andere haben sehr selten oder nur einmalig Lippenbläschen.

Fast jeder ist Träger

Anders als die Mundwinkelrhagade ist Lippenherpes ansteckend: Durch Tröpfchen- oder Schmierinfektionen gelangen die Herpes-Viren auf andere Menschen. Betroffene sollten den Lippenherpes-Bereich deshalb nicht mit den Fingern berühren und Körperkontakt (vor allem Küssen) mit Säuglingen und Kleinkindern, immungeschwächten Menschen und Hochbetagten vermeiden, um diese nicht anzustecken. Denn bei ihnen kann eine solche Infektion schwer verlaufen.

Die Therapie des Lippenherpes erfolgt in der Regel topisch. Für die Behandlung steht eine ganze Reihe von Präparaten zur Verfügung. Grundsätzlich gilt: Je früher die Anwendung beginnt, desto besser ist die Wirkung. Am besten startet die Therapie schon bei den allerersten Anzeichen. Meist werden Virostatika wie Aciclovir (zum Beispiel Aciclostad®, Acic®) oder Penciclovir (Pencivir®) eingesetzt. Ein Produkt enthält neben Aciclocir auch Hydrocortison, das zu einer schnelleren Wundheilung beitragen soll (Zovirax® Duo).

Ein Klassiker in der Herpes-Behandlung ist Melissenextrakt (Lomaherpan®). Seine antivirale Wirkung wird vor allem auf die enthaltene Rosmarinsäure zurückgeführt. Die Creme soll der Patient noch bis zu zehn Tage nach Besserung der Beschwerden anwenden. Ob sich dadurch das Intervall bis zum nächsten Herpes-Ausbruch wie erhofft verlängern lässt, ist bislang nicht nachgewiesen. Im Gegensatz zu Aciclovir und Pencivir wurde bisher keine Resistenzentwicklung der Viren gegenüber Melissenextrakt beobachtet. Es stellt somit eine Alternative dar, sollten die beiden Arzneistoffe nicht mehr wirken.

Dubiose Angebote

Ein weiterer Wirkstoff gegen Herpes-Viren ist Docosanol (Muxan®), ein gesättigter aliphatischer Alkohol, der die Penetration der Viren in die Zelle verhindern soll. Zinkformulierungen (zum Beispiel Lipactin®, Virudermin®) wirken schwach virustatisch und fördern die Heilung.

Herpes-Pflaster, auch als Herpes-Patches bezeichnet, wirken über Hydrokolloide. Sie unterstützen die Wundheilung und lindern Schmerzen und Juckreiz. Da sie das betroffene Areal vollständig abdecken, ist die Gefahr einer Viren-Übertragung auf andere Körperstellen oder andere Personen weitgehend gebannt.

In der Laienpresse und im Internet werden häufig vitaminhaltige Diät-Produkte sowie Lysin-Präparate beworben, um Lippenherpes vorzubeugen. Als Wirkmechanismus des Lysins wird postuliert, dass die Aminosäure die Aufnahme ihres Gegenspielers Arginin im menschlichen Körper reduziert und in der Folge den Herpes-Viren Arginin fehlt, das sie zur Vermehrung benötigen. Die Wirksamkeit ist fraglich.

Wenn Menschen sehr häufig und relativ großflächig mit Lippenherpes zu kämpfen haben, sollten sie ihren Arzt zu Rate ziehen. Möglicherweise liegt eine Grunderkrankung vor, die das Immunsystem schwächt. Doch das muss nicht unbedingt so sein. Manchmal genügt es, wenn der Patient Aciclovir eine Zeit lang oral einnimmt, um die Viren dauerhaft unter Kontrolle zu bringen. 

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