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Kopfsache

Den Haarausfall stoppen

Schon seit jeher haben Haare für den Menschen eine große Bedeutung. Eine volle Haarpracht wird oft gleichgesetzt mit Attraktivität, Schönheit, Vitalität und Jugend. Umso mehr belastet es, wenn die Haare ausfallen. Viele Betroffene suchen dann Rat in der Apotheke.
Annette Immel-Sehr
21.10.2019
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Etwa 80.000 bis 120.000 Haare trägt ein Mensch normalerweise auf dem Kopf. Sie bestehen jeweils aus dem Haarschaft – der sichtbare Teil, der aus der Haut herausragt – und der Haarwurzel. Die Haarwurzel reicht bis in das Unterhautgewebe. Sie ist von Haut- und Bindegewebe eingehüllt, dem Haarfollikel. Am unteren Ende des Follikels entstehen ständig neue Haarzellen, die miteinander verkleben und verhornen. Der dabei entstehende Hornstrang bildet das Haar. Weil von unten immer neue verhornte Zellen entstehen, schiebt sich das Haar allmählich aus der Haut heraus und wächst etwa einen Zentimeter pro Monat. Androgene hemmen das Haarwachstum, Estrogene fördern es.

Das Wachstum der Haare erfolgt in drei Phasen. Wissenschaftler unterscheiden die Wachstumsphase (Anagen), die Übergangsphase (Katagen) und die Ruhephase (Telogen). Die Wachstumsphase dauert meist vier bis sechs Jahre, manchmal auch bis zu zehn Jahre. Dann tritt eine ein bis zwei Wochen dauernde Übergangsphase ein, in der die Zellteilung gestoppt ist und der Haarfollikel zurückgebaut wird. Nach einer Ruhephase von zwei bis vier Monaten fällt das Haar dann natürlicherweise aus. Dies betrifft etwa 50 bis 100 Haare pro Tag.

Am Grund des nun leeren Haarfollikels vermehren sich erneut Haarzellen, und das Haar wächst. Jeder Haarfollikel durchläuft immer wieder Phasen des Wachstums und der Ruhe. Normalerweise wachsen die Kopfhaare völlig unabhängig voneinander. Etwa 85 Prozent der Haare auf dem Kopf befinden sich in der Wachstumsphase.

Verschiedene innere oder äußere Einflussfaktoren können dazu führen, dass eine große Zahl von Haaren gleichzeitig die Wachstumsphase beendet. Zwei bis vier Monate später fallen dann spürbar mehr Haare aus. Zu den Triggern dieses Vorgangs gehören zum Beispiel Hormone, hohes Fieber, Wachstumsfaktoren, Medikamente und Jahreszeiten.

Dünner und weniger

Ein vorübergehend stärkerer Haarverlust tritt bei Frauen oft ungefähr ein Vierteljahr nach der Geburt eines Kindes auf. Durch die hormonelle Umstellung gehen kurz nach der Geburt gleichzeitig viele Haare von der Wachstums- in die Ruhephase über und fallen dann nach zwei bis vier Monaten aus. Hormonumstellungen in den Wechseljahren oder beim Absetzen hormoneller Kontrazeptiva können ebenfalls zu Haarausfall führen. Der Haarverlust im Zusammenhang mit den Wechseljahren ist häufig endgültig: Infolge des gesunkenen Estrogenspiegels bleibt es bei vielen Frauen bei einer merklichen Ausdünnung des Haars.

Verstärkter täglicher Haarverlust wird Effluvium genannt, bei sichtbarer Haarlosigkeit sprechen Mediziner von Alopezie. In 95 Prozent der Fälle handelt es sich um eine sogenannte androgenetische Alopezie. Etwa 80 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen sind im Laufe ihres Lebens in unterschiedlichem Ausmaß davon betroffen. Das Erscheinungsbild ist bei den Geschlechtern unterschiedlich. Bei Frauen dünnen die Haare im Scheitelbereich aus. Darüber hinaus beklagen Frauen eine Abnahme des Haarvolumens und der Haarqualität. Die Haarlichtung nimmt zwar über die Jahre zu, führt bei Frauen aber fast nie zur Kahlheit.

Androgenetisch bedingter Haarausfall bei Männern zeigt sich zunächst als Geheimratsecken und Haarverlust im Bereich des Haarwirbels (Tonsurglatze). Mit der Zeit kann der gesamte Oberkopf kahl werden.

Menschen mit Haarausfall haben – anders als vielleicht vermutet – keine erhöhten Androgenspiegel im Blut. Vielmehr liegt die Ursache der androgenetischen Alopezie in genetisch festgelegten Varianten des Androgen-Rezeptors. Sie führen zu einer erhöhten Sensibilität der Haarfollikel gegenüber den zirkulierenden Androgenen. Der Androgenrezeptor wird auf dem X-Chromosom vererbt, das heißt Männer erben die Veranlagung zur Glatzenbildung von ihren Müttern.

Geduld haben

Standard in der Behandlung androgenetischer Alopezie ist die lokale Behandlung mit Minoxidil (Regaine®). Die Anwendung erfolgt bei Männern zweimal täglich mit 5-prozentiger Lösung oder Schaum. Für Frauen wird die Anwendung von 2-prozentiger Lösung zweimal täglich oder 5-prozentigem Schaum einmal täglich empfohlen. Die Wirksamkeit bei regelmäßiger Anwendung ist gut belegt. Der Haarverlust lässt sich bei 80 bis 90 Prozent der Anwender stoppen. Bei etwa der Hälfte verdichtet sich das Haarbild sichtbar. Allerdings brauchen Anwender Geduld, denn der Effekt ist erst nach zwei bis vier Monaten täglicher Anwendung sichtbar.

Zu Beginn der Behandlung kann sich der Haarausfall sogar vorübergehend verstärken. Darauf sollten PTA und Apotheker die Kunden vorab hinweisen. Dieser als Shedding bezeichnete Effekt ist kein Grund zur Sorge, sondern ein Zeichen der Wirksamkeit. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Rötung, Schuppung der Kopfhaut sowie selten eine Kontaktdermatitis. Minoxidil öffnet Kaliumkanäle und wurde ursprünglich zur Therapie von Bluthochdruck entwickelt. Der genaue Wirkmechanismus, über den es das Haarwachstum stimuliert, ist nicht bekannt. Wenn die Minoxidil-Therapie beendet wird, fallen die zugewonnenen Haare in der Regel mit der Zeit wieder aus.

Alternativ können Männer gegen androgenetischen Haarausfall täglich 1 mg Finasterid als Tablette anwenden (Propecia®). Die Substanz ist ein 5α-Reduktase-Typ-II-Hemmer und unterbindet die Umwandlung von Testosteron in seine Wirkform 5α-Dihydrotestosteron. Das verschreibungspflichtige Finasterid kann so im Frühstadium des Haarausfalls verhindern, dass Dihydrotestosteron-sensitive Haarfollikel absterben. Der Effekt ist ähnlich stark wie der von Minoxidil.

Als Nebenwirkungen können Libidoverlust und erektile Dysfunktion auftreten, in seltenen Fällen vergrößern sich die Brustdrüsen. Auf diese möglichen Nebenwirkungen müssen Männer unbedingt hingewiesen werden, weil sie die Lebensqualität der Betroffenen gravierend beeinträchtigen können. Für Frauen ist Finasterid nicht zugelassen.

Antiandrogene nur in Einzelfällen

Da bei androgenetischer Alopezie männliche Sexualhormone den Haarausfall hervorrufen, liegt es nahe, zur Therapie »Gegenspieler« einzusetzen, also Östrogene, Progesteron oder Antiandrogene. Eine Wirksamkeit topisch angewendeter Hormone ließ sich allerdings bislang nicht überzeugend belegen. Dies gilt auch für die orale Gabe von Antiandrogenen bei Frauen mit androgenetischer Alopezie. Nur wenn eine Frau zusätzlich von einer hormonellen Dysregulation betroffen ist, haben sich Antiandrogene wie Cyproteronacetat, Chlormadinonacetat oder Dienogest gegen Haarausfall bewährt.

Seit einigen Jahren steht die sogenannte »platelet rich plasma«-Methode besonders im Fokus der Forschung. Laienmedien sprechen auch von Eigenblutbehandlung. Dabei wird eigenes Plasma mit aktivierten Thrombozyten in die Kopfhaut injiziert. Diese sollen Wachstumsfaktoren wie IGF-1 (insuline-like growth factor) freisetzen und darüber eine positive Wirkung auf das Wachstum der Haarfollikel ausüben. In Studien ließ sich auf diese Weise eine Zunahme der Haarzahl und der Haardicke erzielen. Eine abschließende Bewertung der Methode ist derzeit allerdings noch nicht möglich. Dazu bedarf es größerer Studien mit mehr Probanden.

Erfolgreich transplantieren

Eine kostspielige, aber durchaus erfolgreiche Methode ist offenbar die Haartransplantation, die sowohl bei Männern als auch Frauen durchgeführt wird. Dabei verpflanzt der Arzt Haarwurzeln vom seitlichen und hinteren Kopf in lichtere Regionen der Kopfhaut. Bei gelungener Transplantation wächst nach etwa drei Monaten aus den verpflanzten Haarfollikeln ein Haar.

Viele Menschen vermuten einen Nährstoffmangel, wenn sie viele Haare verlieren. Tatsächlich kann ein Mangel beispielsweise an Zink, Selen oder Kupfer zu Haarverlust führen. Allerdings ist das hierzulande selten, wenn nicht unbehandelte Resorptionsstörungen, schwere körperliche Erkrankungen, Essstörungen oder genetische Defekte vorliegen. Eine generelle Supplementierung bei Haarausfall macht daher wenig Sinn. Trotzdem empfehlen Hautärzte bei Haarausfall manchmal die Einnahme von Zink – nicht um einen Mangel auszugleichen, sondern um direkt das Haarwachstum zu fördern. Eine Wirksamkeit ist allerdings nicht bewiesen.

In der Werbung werden darüber hinaus zahlreiche Produkte gegen Haarausfall ausgelobt, und viele Betroffene sind aufgrund ihres hohen Leidensdrucks geneigt, diese anzuwenden. Allerdings bleibt der Erfolg meist hinter den Werbeversprechen zurück. Zitierte wissenschaftliche Untersuchungen, die die Wirksamkeit der Produkte belegen sollen, entsprechen oft nicht den realen Anwendungsbedingungen beziehungsweise wurden mit einer zu kleinen Probanden-Zahl durchgeführt, als dass sich daraus allgemeingültige Aussagen ableiten ließen. Dies betrifft Substanzen wie Coffein, Klettenwurzelextrakt, Keratin, Kieselerde, Campher, Nikotinsäureester oder Ginseng. Wenn der Kunde das Produkt dennoch ausprobieren möchte, sollten PTA und Apotheker ihn darauf hinweisen, dass es aufgrund der Wachstumsdauer der Haare einige Monate dauert, bis sich ein Effekt zeigen könnte. Meist brechen Anwender die Behandlung schon vorher ab, da sie keine Wirkung feststellen.

Selten Grunderkrankung

Nur selten steckt eine unerkannte Erkrankung hinter verstärktem Haarausfall. Dennoch prüft der Hausarzt oder Dermatologe in der Regel zunächst auf Schilddrüsenstörungen oder Eisenmangel und behandelt diese gegebenenfalls ursächlich. Zur Diagnose werden thyreoidastimulierendes Hormon (TSH), Thyroxin (T4), Eisen und Ferritin im Blut bestimmt. Auch Syphilis geht typischerweise mit Haarverlust einher. Da die Zahl der Syphilis-Fälle in Deutschland seit einigen Jahren steigt, ist bei Haarausfall auch daran zu denken.

Eine Sonderform des Haarausfalls ist die Alopecia areata, charakterisiert durch runde oder ovale, scharf begrenzte kahle Stellen. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der T-Lymphozyten und andere Immunzellen den Haarfollikel außer Funktion setzen. Auch Kinder können erkranken. Bei etwa einem Drittel der Patienten verschwindet die Erkrankung innerhalb von sechs Monaten von selbst; nach einem Jahr ist jeder zweite Patient wieder gesund. Allerdings müssen Betroffene in den folgenden Jahren immer wieder mit Rezidiven rechnen. Bei geringer Ausprägung raten Ärzte meist dazu, abzuwarten. Bei ausgeprägten Formen und hohem Leidensdruck greift eine topische Immuntherapie. Auch die topische Gabe von Glucocorticoiden hat sich bei Alopecia areata bewährt.

Psoriasis und Ekzeme können ebenfalls mit Haarausfall einhergehen. Darüber hinaus gibt es einige seltene Erkrankungen der Kopfhaut, durch die die Haare ausfallen. Sie sollten von einem erfahrenen Dermatologen diagnostiziert und behandelt werden.

Haarverlust kann auch die Nebenwirkung einer medikamentösen Therapie sein, zum Beispiel mit Methotrexat, Heparin, Valproinsäure oder Zytostatika. Doch auch Krebsmedikamente, die nicht zu den Zytostatika zählen, können zu Haarausfall führen. Dazu gehören zum Beispiel Tamoxifen und mehrere zielgerichtete Krebsmedikamente. Um diesem vorhersehbaren Haarausfall zumindest auf der Kopfhaut vorzubeugen, wurden so genannte Kühlhauben entwickelt, die die Kopfhaut während und nach der Infusion des Krebsmittels kühlen. Dadurch verengen sich die Blutgefäße der Kopfhaut und weniger Arzneistoff gelangt dorthin. Es ist nicht sicher, ob das die Wirksamkeit der Krebstherapie beeinträchtigen kann, denn Krebszellen könnten sich auch in der Kopfhaut befinden.

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