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Mehr als nur dicke Lippe

Der Clan der Herpesviren

Aus der Familie der Herpesviren kennt man vor allem den Erreger des Lippenherpes. Doch außer ihm treiben weitere Verwandte im Körper des Menschen ihr Unwesen. Einmal eingenistet, bleiben sie für immer – und sind dabei alles andere als harmlos.
Edith Schettler
11.01.2021  08:30 Uhr

Bei den Herpesviren handelt es sich um behüllte DNA-Viren. Mit 150 bis 200 Nanometer Durchmesser gehören sie zu den größten Viren. Auch ihre DNA ist relativ groß. Der Raum zwischen der Virushülle und dem Kapsid, das die DNA umschließt, enthält bei den meisten DNA-Viren eine zelluläre Flüssigkeit. Bei den Herpesviren hingegen ist dieser Raum mit Proteinen angefüllt, die am Kapsid dicht gepackt liegen und ihren Verbund in Richtung Hülle immer weiter auflockern. Diese besondere Struktur bezeichnen die Virologen als Tegument. Die Tegumentproteine haben die Aufgabe, nach dem Eindringen in die Wirtszelle deren Abwehrmechanismus auszuschalten und die Proteinsynthese auf die Produktion von Virusproteinen umzustellen. Einige von ihnen erfüllen auch Aufgaben beim Transport der Viren-DNA in den Zellkern der Wirtszelle, beim Aufbau der neuen Virenstrukturen oder beim Übergang des Virus in die Latenzphase.

Pause im Nervensystem

Die Vermehrung der Herpesviren geschieht im Zellkern der Wirtszelle. Spezielle Virusenzyme lösen die Zellmembran auf, die Viren verlassen die Zelle, verteilen sich im Körper und rufen die spezifischen Krankheitssymptome hervor. Die Viren veranlassen manche Wirtszellen auch zur Produktion von Virusgenen, die nahezu unbegrenzt in der Zelle überdauern können. Dieses Latenzstadium ruft beim Wirt keine Symptome hervor und ist auch für sein Immunsystem nicht erkennbar. Das führt dazu, dass der Wirt, einmal infiziert, das Virion lebenslang in sich trägt. Sobald sein Immunsystem durch andere Infekte, Stress oder eine Immunschwäche beeinträchtigt ist, wechselt das Virus von der Latenz- in die akute Phase und verursacht erneut einen Krankheitsschub. Danach zieht sich das Virus erneut in das Latenzstadium zurück. Besonders deutlich erkennbar ist diese Strategie beim Herpes-Simplex-Virus anhand der Lippenbläschen, die bevorzugt im Gefolge eines grippalen Infekts erscheinen. Jeder erwachsene Mensch trägt Forschungen zufolge mindestens eine Herpesvirenspezies ständig in sich.

Die Viren persistieren bevorzugt in Nervenzellen. Forscher haben für das Virus HHV-6 herausgefunden, dass es über die Geruchszellen in das Nervensystem eindringt. Über die olfaktorischen Signalbahnen gelangen die Viren bis ins Gehirn – wie jüngst auch für das SARS-CoV-2-Virus bestätigt. In den Gliahüllen der Nervenbahnen können sie sich gut vermehren und auch die Blut-Hirn-Schranke passieren. Bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Multipler Sklerose konnten Forscher tatsächlich durch Herpesviren geschädigte Gehirnzellen nachweisen.

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