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Prominenz mit Demenz

Der letzte Vorhang ist gefallen

Demenzerkrankungen unterschiedlicher Art sind kein Relikt neuer Tage. Forscher finden in der Vita zahlreicher bekannter Größen Hinweise auf Morbus Alzheimer, auf vaskuläre Demenzen oder auf seltenere Formen. Ein Streifzug durch die Medizingeschichte.
Michael van den Heuvel
09.04.2019
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Alois Alzheimers (1864–1915) erste Patientin ist selbst zur Legende geworden. Der bekannte Neurologe diagnostizierte bei Auguste Deter ab 1901 eine bislang unbekannte Krankheit. Sie hatte Erinnerungslücken und kannte nicht einmal ihre eigene Identität. 1906 starb Deter, wenn auch an einer Sepsis durch langes Wundliegen. Alzheimer fand in ihrem Gehirn Ablagerungen, sogenannte Plaques. Er beschrieb ihren Fall, und heute spricht man von der Alzheimer-Demenz. Daneben gibt es die vaskuläre Demenz, die auf arteriosklerotischen Veränderungen beruht, sowie weitere seltene Formen. Zahlreiche Größen aus Politik oder Gesellschaft waren davon betroffen.

Die Rache der Kollegen

Dass Ignaz Semmelweis (1818–1865) als angesehener Arzt zu den bekanntesten Patienten gehört, ist nicht ohne Tragik. Semmelweis arbeitete als Chirurg und Gynäkologe. Ihm fiel auf, dass weitaus mehr Patientinnen bei stationären Entbindungen am Kindbettfieber starben als bei Hausgeburten. Auslöser sind – wie man heute weiß – verschiedene Staphylokokken, Streptokokken oder andere Keime. Doch die Bedeutung von Bakterien erkannte erst Robert Koch (1843–1910). Semmelweis stand aufgrund seiner Forderung, die Haut und die Instrumente zu desinfizieren, scharf unter Beschuss. Seine Strategie, Chlorwasser oder wässrige Chlorkalk-Lösung einzusetzen, hörten andere Koryphäen nicht gern. Noch heute wird das Phänomen, neue Informationen ungeprüft abzulehnen, als »Semmelweis-Reflex« bezeichnet. Semmelweis selbst entwickelte sich laut Zeitzeugen vom schüchternen Assistenzarzt zum aufbrausenden Choleriker. Angeblich starb er aufgrund einer Sepsis. 1963 fanden Forensiker bei der Exhumierung jedoch mehrere Frakturen, was auf gewaltsame Todesumstände in der »Landesirrenanstalt Döbling« bei Wien hindeuten könnte. Drei seiner Kollegen oder eher Kontrahenten hatten ihn wegen seiner Depression eingewiesen. Das alles erklärt nicht seinen raschen geistigen Verfall. In einer Biografie spricht Sherwin Nuland von Morbus Alzheimer als der wahrscheinlichsten Diagnose.

Komplexe Krankheiten

Florence Nightingale (1820–1910) – die Begründerin der modernen Krankenpflege – hatte zum Lebensende mit einer Demenz zu kämpfen. Ihr Krankheitsbild war jedoch weitaus vielschichtiger. Während des Krimkrieges (1853–1856) betreute sie verwundete Soldaten in einem Lazarett an der an Schwarzmeerküste. Sie erkrankte 1855 an einer Infektion und hatte von da an ihr Leben lang unterschiedliche Beschwerden. Dazu zählten Schlafstörungen, Schmerzen, Tremor, kardiale und neurologische Symptome. Kein Arzt konnte die Symptome richtig zuordnen und etliche Therapieversuche scheiterten. Heute halten Experten bei retrospektiver Analyse ihrer Aufzeichnungen mehrere Erkrankungen für wahrscheinlich: eine posttraumatische Belastungsstörung aufgrund des Kriegseinsatzes, eine Brucellose (bakterielle Infektionskrankheit) aufgrund ihres Krim-Aufenthalts, eine bipolare Störung und – zumindest in späteren Jahren – eine Demenz, was ihren geistigen Verfall erklären könnte.

Spott statt Mitgefühl

Vor Beginn der systematischen Alzheimer-Forschung hatte die Öffentlichkeit kein Verständnis für Menschen mit Demenz. Bestes Beispiel ist Deutschlands zweiter Bundespräsident Heinrich Lübke (1894–1972). Medien zitieren bis heute Reden auf Auslandsreisen. Aussagen wie »Meine Damen und Herren, liebe Neger« oder »Equal goes it loose« (»Gleich geht’s los«) sorgten für Bestürzung. Dass er beim Finale der Fußball-WM 1966 den Ball der Engländer zweifelsfrei »drin« sah, brachte ihm zusätzlich wenig Sympathie. Am Ende seiner Amtszeit ignorierten ihn viele Parteifreunde. Heute wissen wir, dass Lübke an zerebralen Durchblutungsstörungen litt. Seine Aussetzer waren nicht (nur) politische Unkorrektheit, sondern beruhten auch auf einer vaskulären Demenz. Letztlich starb er an Krebs.

Forschungsgelder fließen

Mit Rita Hayworths (1919–1987) Leiden sollte sich das Blatt erstmals wenden. Kaum eine Person prägte die öffentliche Wahrnehmung von Demenzerkrankungen so stark wie die bekannte Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin. Sie feierte in den 1940er-Jahren ihre größten Erfolge. Bis Anfang der 1970er-Jahre hatte Hayworth an mehr als 60 Spielfilmen mitgewirkt. Im Alter von knapp 50 Jahren zeigten sich bei ihr erste Anzeichen einer Alzheimer-Demenz, was Ärzte nicht erkannten. Alois Alzheimers Publikation beachtete damals niemand. 1972 scheiterte ihr Engagement für das Musical »Applause« daran, dass sich Hayworth keinen Text merken konnte. Neurologen führten Hayworth' auffälliges Verhalten und ihre Gedächtnisstörungen jedoch auf Alkohol oder Sedativa zurück. Die Schauspielerin war unkonzentriert und aggressiv. Sie bedrohte Mitmenschen, sorgte auf Partys für einen Eklat nach dem anderen oder beschimpfte andere Fluggäste, weil sie den Sinn ihrer Reise vergessen hatte. Erst ab 1979 ordneten Psychiater am Columbia-Presbyterian Medical Center in New York alle Symptome richtig ein. Ihre Krankengeschichte verbreitete sich schnell, und plötzlich flossen Forschungsgelder. Die Literaturdatenbank PubMed listete unter »Alzheimer Disease« im Jahr 1974 nur 13 Fachartikel, 2017 waren es 4778. Hayworth' tragisches Schicksal war Anstoß, die Erkrankung systematisch zu erforschen.

Ende eines Staatsmanns

Mit Ronald Reagan (1911–2004) litt – neben Hayworth – ein weiterer bekannter Amerikaner an Demenz: Reagan war zunächst von 1967 bis 1975 Gouverneur von Kalifornien, bis er dann 1981 zum 40. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Bereits gegen Ende seiner Amtszeit (1989) wurde er zunehmend vergesslich, und seine Reden wirkten konfus. Öffentlich bekannte sich der republikanische Politiker im Jahr 1994 zu seiner Alzheimer-Demenz. Mit nachlassender Kraft arbeitete er noch bis 1998 an verschiedenen Projekten. Zuletzt war seine Erkrankung so weit fortgeschritten, dass er rund um die Uhr betreut werden musste. Reagan starb 2004 an einer Lungenentzündung, eine typische Komplikation des durch die Grunderkrankung geschwächten Körpers.

Demenz und Schlaganfälle

Margaret Thatcher (1925–2013) – bereits selbst von einer Demenz gezeichnet – reiste nach Reagans Tod noch in die USA, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands wurde die Rede damals aufgezeichnet. Erst Mitte 2008 berichteten Medien von Thatchers Demenz. Sie starb am 8. April 2013 an den Folgen eines weiteren Schlaganfalls. Ihr Tod war für die Deutsche Alzheimer Gesellschaft Anlass genug, wichtige Hintergründe klarzustellen: Eine Aufeinanderfolge mehrerer Schlaganfälle kann zu einer Demenz führen, ist aber selten die alleinige Ursache. Bei älteren Menschen liegen neben Schädigungen des Hirngewebes durch den Ausfall der Blutversorgung nach einem Schlaganfall auch pathologische Merkmale der Alzheimer-Krankheit vor. Diese Kombination führt zu einem früheren Auftreten und zu einer Verstärkung der Demenzsymptome.

Macht und Demenz

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, wie der Psychiater Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am TUM Klinikum rechts der Isar, in einem Fachbeitrag in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift schreibt. Für seine Recherche hatte er Literaturstellen beziehungsweise Medienberichte über Staatsoberhäupter der letzten 100 Jahre ausgewertet. Demnach bestehen Demenz-Verdachtsfälle unter anderem auch bei US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1882–1945), dem spanischen Diktator Francisco Franco (1892–1975) und dem früheren Papst Johannes Paul II (1920–2005).

Förstl warnt allerdings in seinem Beitrag auch davor, aufgrund von auffälligen Symptomen bei prominenten Personen eine Ferndiagnose zu stellen. Zuverlässig lasse sich eine Demenzerkrankung nur durch eine sorgfältige Untersuchung diagnostizieren.

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