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Mehr Durchblick beim Einkauf

Der Nutri-Score kommt

Um die Qualität eines verarbeiteten Lebensmittels auf einen Blick einschätzen zu können, fordern Verbraucherschützer seit Langem ein einfaches farbliches Leitsystem. Jetzt ist es so weit: Die Nährwertkennzeichnung mit dem Nutri-Score kommt.
Ulrike Becker
05.02.2020  13:00 Uhr

Ein eingängiges Symbol auf Lebensmittelverpackungen soll Verbrauchern beim Einkauf helfen, sich leichter für gesundheitlich vorteilhaftere Produkte zu entscheiden. Auf einen Blick sollen sie erkennen, welcher Fruchtjoghurt viel oder wenig Zucker enthält, in welcher Fertiglasagne viel Fett steckt oder welche Frühstücksflocken mit reichlich Ballaststoffen überzeugen. Vertreter der Verbraucherzentralen fordern schon seit geraumer Zeit eine solche Orientierungshilfe. Im November 2019 ist endlich eine Entscheidung gefallen. Die Nährwertkennzeichnung mit dem sogenannten Nutri-Score kommt auch in Deutschland. Sobald das politische Prozedere mit Zustimmung aller Gremien und Anmeldung in der Europäischen Kommission durch ist, können Unternehmen in Deutschland die Nutri-Score-Kennzeichnung auf ihre Produkte aufdrucken. Sie müssen es aber nicht, denn die Kennzeichnung bleibt freiwillig.

Orientierung notwendig

Verbraucherschützer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen begrüßen die Einführung des Nutri-Scores in Deutschland. Denn die Vielfalt im Lebensmittelangebot ist unüberschaubar. Mehr als 10.000 Produkte stehen im Supermarktregal für den Einkauf bereit. Wie sollen sich Verbraucher da für das gesündere Produkt entscheiden können? Zumal die Industrie viel Geld in Marketing investiert, damit ihre übersüßen Frühstücksflocken oder fettreichen Snacks im Einkaufskorb landen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht sich unmissverständlich für eine Lebensmittelkennzeichnung aus und zwar auf der Vorderseite eines Produkts. Dieses sogenannte Front-of-Pack Nutrition Labelling halten Experten für einen einfach umsetzbaren Weg hin zu gesünderen Kaufentscheidungen. Dass Orientierungshilfen nötig sind, zeigt der wachsende Anteil an Übergewichtigen weltweit. Wissenschaftler haben in den letzten Jahren verschiedene Kennzeichnungsmodelle entwickelt und zahlreiche Studien erstellt , um herauszufinden, welches Modell Verbraucher am besten verstehen. Eine zentrale Erkenntnis: Jede Kennzeichnung ist besser als keine.

Langer Weg zur Kennzeichnung

Schon jetzt finden sich auf allen verpackten Produkten etliche Informationen. Erst seit Ende 2016 stehen auf jeder Lebensmittelpackung sieben wichtige Nährwerte. Auch um diese verbindliche Kennzeichnung wurde im Vorfeld lange gerungen. Die Angaben zu Energie, Fett, gesättigten Fettsäuren, Kohlenhydraten, Zucker, Protein und Kochsalz, dargestellt meist in einer Tabelle, sind Pflicht. Sie beziehen sich auf 100 Gramm oder 100 Milliliter des Produkts. Manche Hersteller geben zusätzlich Werte einer Portion des jeweiligen Lebensmittels an und wie viel Prozent des Tagesbedarfs eines Menschen davon abgedeckt werden – oft in Form von »Tönnchen«. Freiwillig können die Firmen auch weitere Nährstoffe aufführen, beispielsweise den Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren oder Ballaststoffen. Angaben zu Vitaminen und Mineralstoffen sind nur zulässig, wenn sie in relevanten Mengen enthalten sind – in der Regel mindestens 15 Prozent der empfohlenen Tagesdosis in 100 Gramm des Lebensmittels. Dazu gehört verpflichtend der prozentuale Anteil des Vitamins oder Mineralstoffs an der empfohlenen Tagesdosis. Studien zeigen jedoch, dass Verbraucher die oft sehr kleingedruckten Nährstoffgehalte auf der Rückseite nur selten lesen.

Für Käufer wenig aussagekräftig sind die vom Hersteller frei wählbaren Portionsangaben. Unrealistisch kleine Portionen beispielsweise bei Süßigkeiten oder Chips führen dazu, dass der Zucker- oder Fettgehalt pro Portion eher gering erscheint. Doch wer isst tatsächlich nur einen Schokokeks oder eine Handvoll Chips? Die freiwilligen Portionsangaben liefern daher nur bedingt alltagstaugliche Informationen über ein Lebensmittel.

Klare Signale für Nährwerte

Verbraucherschützer sprachen sich in den letzten Jahren vor allem für eine farbliche Ampel-Darstellung der Hauptnährstoffe aus. Das Modell mit den rot, gelb und grün bewerteten Inhaltsstoffen wurde von der britischen Lebensmittelbehörde Food Standard Agency (FSA) entwickelt. Es gibt Auskunft über den Gehalt an Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz in Gramm pro 100 Gramm. Ein roter Punkt bei einem Nährstoff bedeutet: Stop, davon ist zu viel enthalten; Gelb steht für eine noch akzeptable Menge und die Farbe Grün signalisiert, die Menge des Nährstoffs ist als günstig einzustufen. Ein Lebensmittel bekommt nach diesem System zum Beispiel einen grünen Punkt, wenn es weniger als 3 Gramm Fett in 100 Gramm enthält und einen roten bei einer Fettmenge über 20 Gramm. In England drucken Hersteller die Ampelfarben bereits seit 2007 freiwillig auf ihre Waren. Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Kunden seither tatsächlich seltener zu fett- und zuckerreichen Produkten greifen und die Industrie vermehrt Lebensmittel mit grünen Punkten anbietet.

Es gibt jedoch auch berechtigte Kritik am Ampelsystem: Die Fokussierung auf grüne Punkte wird der Lebensmittelvielfalt nicht gerecht. Probleme entstehen beispielsweise bei fettreichen, aber dennoch gesunden Lebensmitteln. Dazu zählen unter anderem Nussöle mit ihren wertvollen Fettsäuren. Sie würden aufgrund des hohen Fettgehalts eine rote Kennzeichnung bekommen. Dagegen könnte sich eine Light-Limonade mit grünen Punkten schmücken, weil sie weder Fett noch Zucker enthält. Ob wertvolle Vitamine, Mineralstoffe oder Ballaststoffe vorhanden sind, erfährt der Verbraucher anhand des Ampelsystems ebenfalls nicht. Dennoch kamen Forscher der Universität Göttingen in einer Übersichtsstudie aus dem Jahr 2017 zu dem Schluss, dass Ampelsymbole viele Verbraucher bei einer gesünderen Lebensmittelauswahl am besten unterstützen könnten. Die wenigsten Menschen würden komplizierte Nährwertangaben studieren.

Von französischen Experten

Französische Wissenschaftler entwickelten parallel den Nutri-Score. Er ist umfassender als das einfache Ampelsystem und betrachtet ein Lebensmittel als Ganzes. Das heißt, verschiedene Eigenschaften eines Produkts werden zusammenfassend bewertet und das Resultat ebenfalls in einer farblichen Symbolik dargestellt.

Für die Einstufung setzen Experten ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Nährwerte und Bestandteile eines Produkts miteinander ins Verhältnis. Als ungünstig für die Gesundheit gelten dabei ein hoher Energiegehalt, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz. Positiv bewertet werden Ballaststoffe, Eiweiß sowie Gemüse, Obst und Nüsse. So kann beispielsweise der Salzgehalt einer Knabbermischung aus Nüssen mit ihrem Anteil an Ballaststoffen verrechnet oder der Gemüseanteil einer Fertigpizza berücksichtigt werden. Eine fünfstufige Farbskala von einem grünen A bis zu einem roten E stellt das Ergebnis der Bewertung anschaulich dar. Die Kennzeichnung prangt gut sichtbar auf der Vorderseite eines Produkts und bezieht sich immer auf 100 Gramm oder 100 Milliliter.

Kennzeichnung hilfreich

Klar ist: Jedes Label vereinfacht und kann der komplexen Zusammensetzung des gesamten Speiseplans nicht gerecht werden. Kritiker bemängeln am Nutri-Score beispielsweise, dass weder Vitamine noch Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren in die Bewertung eingehen. Bislang wird auch nicht berücksichtigt, ob Süßstoffe, Geschmacksverstärker oder Aromastoffe enthalten sind. Hier haben die Verantwortlichen aber bereits ein Nachbessern angekündigt. Solange hilft nur ein Blick auf die Zutatenliste, wo diese Stoffe aufgelistet sein müssen.

In Frankreich nutzen Unternehmen den Nutri-Sore seit 2017, in Belgien und Spanien gibt es ebenfalls die freiwillige Selbstverpflichtung mehrerer Hersteller, auch in der Schweiz, Portugal und Luxemburg verwenden Unternehmer das Label für ihre Produkte. Einige große Unternehmen haben bereits angekündigt, ihre Produkte für den deutschen Markt mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen.

Dass der Nutri-Score wirksam ist, belegte unter anderem eine Forschergruppe der Universität Paris-Nord und der Curtin University Australien. Sie verglich in zwölf Ländern fünf Kennzeichnungsmodelle im Hinblick auf ihre Verständlichkeit. Als Teil des internationalen Forschungsprojekts wurden 2018 auch 1000 deutsche Teilnehmer online befragt und gebeten, drei Produktgruppen nach ihrer Ernährungsqualität zu bewerten: zuerst ohne Kennzeichnung und dann mit einem Label auf der Vorderseite der Verpackung.

Das Fazit der Wissenschaftler und der Verbraucher: Eine Kennzeichnung erleichterte in jedem Fall die Beurteilung und führte zur besseren Einschätzung der Produktqualität als von nicht gekennzeichneten Produkten. Am besten schnitt der Nutri-Score ab, gefolgt von einer Ampelkennzeichnung. Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass der Nutri-Score derzeit das effektivste Modell darstellt, um Verbrauchern die Ernährungsqualität von Lebensmitteln zu vermitteln.

Im Schlingerkurs zum Label

Vor der Entscheidung, auch in Deutschland den Nutri-Score zu verwenden, fuhr das verantwortliche Ministerium einen echten Schlingerkurs. Obwohl zahlreiche europäische Studien zur Wirksamkeit von Nährwert-Kennzeichnungen vorliegen, beauftragte Julia Klöckner, seit März 2018 Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft,  das Max-Rubner-Institut (MRI), ein eigenes System zur Lebensmittelkennzeichnung zu entwickeln.

Das im Mai 2019 veröffentlichte Modell des Instituts verzichtet auf eine klare farbliche Zuordnung und setzt stattdessen auf fünf wabenförmige Felder, die Auskunft über den Gehalt an Energie, Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz geben. Eine größere Wabe beinhaltet die Gesamtbewertung des Produkts: Ähnlich wie bei Hotelbewertungen üblich stehen fünf Sterne für eine günstige Bewertung, weniger Sterne für eine schlechtere. Zusätzlich soll die zunehmende Farbintensität von weiß bis türkis-blau die Einschätzung der Lebensmittelqualität erleichtern.

Kritik zu dem neuen Modell kam umgehend: Die Darstellung sei für ein einfach zu erfassendes Signal viel zu komplex, lautet unter anderem die harsche Kritik der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK). Ihre Vertreter machten zugleich auf eine aktuelle Übersichtsarbeit der unabhängigen Cochrane-Gesellschaft aufmerksam. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass bei einer Kennzeichnung mit Ampelfarben der Absatz von rot gekennzeichneten Softdrinks um bis zu 56 Prozent zurückging.

Bei Verbrauchern als gut bewertet

Da sich die Bundesregierung nicht für die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score entscheiden konnte, gaben mehrere Organisationen aus dem medizinischen und wissenschaftlichen Bereich sowie foodwatch im August 2019 eine repräsentative Umfrage in Auftrag. Das Forsa-Institut befragte 1003 Verbraucher, wie sie im direkten Vergleich das MRI-Modell und den Nutri-Score einschätzen. Das eindeutige Ergebnis: Eine Mehrheit von 69 Prozent der Befragten stufte eine Kennzeichnung mit dem Nutri-Score als einfacher verständlich ein. Das MRI-Modell fiel als eher kompliziert und verwirrend durch. Ein weiteres interessantes Ergebnis: Es sprachen sich bei der Befragung vor allem diejenigen für den Nutri-Score aus, die einen geringen formalen Bildungsgrad hatten und selbst unter Übergewicht litten. Die Umfrage erfasste auch, worauf es Verbrauchern bei der Kennzeichnung ankommt: Für die meisten muss ein Label eindeutig, leicht verständlich und unkompliziert sein.

Das Ernährungsministerium führte schließlich noch einmal eine eigene Verbraucherumfrage durch, in der vier Varianten zur Wahl standen: das Modell des Max Rubner-Instituts, ein Vorschlag der Lebensmittelwirtschaft, das Keyhole-Modell aus Skandinavien und der Nutri-Score. Auch hier entschied sich die Mehrheit der 1600 Teilnehmer, die online befragt oder interviewt wurden, für den Nutri-Score. Ende September letzten Jahres lenkte Klöckner endlich ein und kündigte die Zulassung des Labels in Deutschland an.

Wirksamkeit belegt

Erfahrungen aus Frankreich belegen, dass die Verwendung des Nutri-Score tatsächlich das Einkaufsverhalten und die Produktentwicklung der Unternehmen beeinflusst. So hat die französische Supermaktkette Intermarché angekündigt, von mehr als 900 eigenen Produkten die Zusammensetzung ernährungsphysiologisch günstiger zu gestalten, um eine bessere Bewertung zu erzielen. Einen anderen Weg geht Belgien: Hier sollen die Preise für günstig bewertete Lebensmittel im Preis reduziert werden, kündigt das Unternehmen Delhaize an.

Die Verbraucherzentralen in Deutschland fordern nun auch die deutsche Lebensmittelwirtschaft auf, zu reagieren und den Nutri-Score für ihre Produktpalette zu verwenden. Denn nur, wenn ein breites Angebot mit dem Label in den Regalen steht, besteht beim Einkauf im Supermarkt eine echte Wahl zwischen den Fertiglebensmitteln. Inzwischen macht sich eine europäische Bürgerinitiative dafür stark, die Nutzung des Nutri-Score-Modells in ganz Europa verbindlich vorzuschreiben. Initiatoren sind sieben europäische Verbraucherorganisationen, darunter aus Deutschland der Verbraucherzentrale Bundesverband vzbv. Vertreter des Verbands fordern Klöckner auf, sich auch auf europäischer Ebene für den Nutri-Score stark zu machen, um eine einheitliche Kennzeichnung in ganz Europa zu erreichen.

Gesündere Alternative

Eine gut sichtbare und gut verständliche Kennzeichnung auf der Vorderseite einer Verpackung erlaubt es, die ernährungsphysiologische Qualität eines Produkts auf den ersten Blick zu erkennen. Sie macht es auch leichter, ähnliche Angebote miteinander zu vergleichen, beispielsweise zwischen verschiedenen Knabberwaren, Tiefkühlpizzen oder Erfrischungsgetränken. Käufer brauchen solche Orientierungshilfen. Denn Unternehmen geben für die oft raffinierte Vermarktung ihrer ernährungsphysiologisch eher ungünstigen Produkte erheblich mehr Gelder aus, als beispielsweise für Ernährungsbildung zur Verfügung stehen.

Längst ist unter Medizinern, Verbraucherschützern und Ernährungswissenschaftlern Konsens, dass die gesündere Entscheidung auch die einfachere sein sollte. Das ist vor allem bedeutsam, um auch bildungsfernere Bevölkerungsgruppen im Kampf gegen Übergewicht und Adipositas zu unterstützen. Zwar garantiert eine Lebensmittelkennzeichnung nicht automatisch eine gesunde Lebensmittelauswahl – zumal Unverpacktes und Unverarbeitetes wie frisches Gemüse, Obst oder Vollkornbrot gar nicht gekennzeichnet werden. Doch einen besseren Durchblick im Lebensmitteldschungel liefern sie allemal.

Klar ist auch, dass eine vereinfachte Bewertung Schwächen hat und sich nicht alleine eignet, Fehlernährung in den Griff zu bekommen. Wie eine gesunde Ernährung gelingt, dazu braucht es von klein auf Vorbilder und Angebote in Familie, Bildungseinrichtungen und Gesellschaft.

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