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Reportage

Der Warnhund, dein Freund und Helfer 

Warnhunde haben die angeborene Fähigkeit, Menschen vor einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes warnen zu können, noch bevor diese es selbst merken. Dazu nutzen die Hunde – nein, nicht ihren Spürsinn – ihr Gehör.
Judith Schmitz
30.03.2021  16:00 Uhr

»Mein Leben hat sich um 360 Grad zum Positiven gewandelt«, erzählt Chiara Wilhelm aus Bingen am Rhein gegenüber PTA-Forum. Die 24-Jährige leidet seit ihrer Geburt an einer Mischform aus chronischem und allergischem Asthma. Der Grund für diese Besserung heißt Nani, ist zehn Monate jung und ein Labradoodle, eine Mischung aus Labrador und Pudel. Seit vergangenem Sommer bildet die gelernte Notfallsanitäterin die Hündin gemeinsam mit Petra Köhler vom Deutschen Assistenzhunde-Zentrum (DAZ) zum Assistenzhund, genauer zum Asthma-Warnhund, aus.

Anfang 2020 hatte sich Wilhelms Asthma akut verschlechtert. Medikamentös war den Beschwerden nicht Herr zu werden. Sie hatte kein normales Leben bestreiten, nicht mehr im Rettungsdienst arbeiten gehen können. Dann müsse sie eben zu Hause bleiben, sagte ihr Lungenfacharzt.

Wilhelm suchte im Internet nach alternativen Therapien und stieß auf einen Bericht über Asthma-Warnhunde, wie das DAZ, eine private Organisation in Mainz, sie ausbildet. Der Betroffene kann entscheiden, ob er den Hund selbst mit Unterstützung einer erfahrenen DAZ-Trainerin ausbildet oder ob die Trainerin die Ausbildung komplett übernimmt.

»Zum Warnen ist der Hund bereits geboren. Unsere Aufgabe besteht darin, dies zu erkennen und dem Menschen, dem er assistieren soll, beizubringen, wie der Hund konkret warnt. Der Hund lernt zudem Kommandos und Aufgaben, um seinen Teampartner, wie wir das nennen, im Alltag zu unterstützen«, sagt DAZ-Trainerin Petra Köhler.

Im Gegensatz zum Anzeigehund, ebenfalls ein Assistenzhund, warnt der Warnhund, bevor ein medizinischer Notfall eintritt. Je nach Erkrankung verhindert er dadurch den Notfall oder mildert die Folgen ab, wenn Ersteres nicht verhindert werden kann. Der Anzeigehund dagegen hilft, nachdem der Notfall geschah. Diese Aufgabe lasse sich dem Warnhund zudem beibringen.

Veränderung hören

Die Fähigkeit zu warnen, haben bereits drei Wochen alte Welpen. Was die Tiere genau wahrnehmen, ist noch nicht endgültig geklärt. Doch neuere Studienergebnisse deuten darauf hin, dass sie eine Veränderung der Sauerstoffsättigung im Blut wahrnehmen, was etwa vor einer Asthmaattacke, einem epileptischen Anfall, bei einer Über- oder Unterzuckerung geschieht. Ein Sinken der Sauerstoffsättigung verändert die Atemgeschwindigkeit – für Menschen nicht hörbar – minimal. Die Theorie geht davon aus, dass die Warnhunde diese minimale Veränderung hören; der Geruchssinn wäre danach wie bisher angenommen nicht beteiligt.

»Wenn wir spazierengehen und meine Hündin Nani spürt, dass ein Anfall naht, dann bleibt sie so lange vor mir stehen, bis ich mein Notfallmedikament nehme. Atme ich wieder normal, läuft sie weiter. Daheim quietscht sie. Gehe ich nicht darauf ein, scharrt sie mit der Pfote an mir«, erzählt Wilhelm. Auf diese Weise erinnert die Hündin die Asthmatikerin auch daran, morgens und abends ihre Standardmedikamente einzunehmen, wenn sie die einmal vergessen hat.

Ihre Krankheit hatte Wilhelm früher sehr eingeschränkt. Ständig hatte sie Angst vor einem Anfall, davor, nicht rechtzeitig einen Notruf absetzen zu können und ersticken zu müssen. Permanent telefonierte sie daher mit der Mutter, dem Verlobten oder den Großeltern. Mit Nani an ihrer Seite ist damit Schluss. Außerdem arbeitet sie jetzt beim Deutschen Roten Kreuz in der Service- und Notrufzentrale. Die Hündin liegt ihr zu Füßen.

»Ich habe mein Kranksein Tag und Nacht in die Hand des Hundes gelegt«, sagt die junge Frau. Inzwischen greift sie auch seltener zum Notfallmedikament, wartet ab, ob sich Nani meldet. Manchmal habe sie wohl auch überempfindlich auf ein Unwohlsein im Brustbereich reagiert und dann eher das Medikament genommen aus Angst, ein schlimmer Asthmaanfall könne auftreten. Angst, dass Nani einmal nicht warnen könnte, hat Chiara Wilhelm nicht. Selbst wenn, so sagt sie, dann habe die Hündin ihren Job 99 Mal zuvor erfüllt und ihr damit geholfen.

Auch ist sie durch die Hündin körperlich aktiver geworden. Hatte sie früher schlecht Luft bekommen, ist sie aus Angst vor einem Anfall daheim geblieben. Jetzt muss sie dreimal täglich Gassigehen. Dem Hund sei es schließlich egal, wie viele Päuschen sie zwischendurch einlegen müsse. »Es tut mir gut, dass ich auch gebraucht werde und nicht nur Nanis Hilfe bekomme«, sagt Wilhelm.

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