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Stickoxidgrenzwerte

Dicke Luft

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich: Seit Anfang des Jahres diskutieren Deutschlands Lungenärzte über die Sinnhaftigkeit der gesetzlich festgelegten Grenzwerte für Stickstoffdioxid. Dabei geht es vor allem darum, wie aussagekräftig die bisherigen Studien zur Gesundheitsgefährdung durch Luftschadstoffe sind.
Barbara Erbe
27.02.2019
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Die gute Nachricht zuerst: Die Qualität der Luft in westlichen Industrieländern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verbessert. Ein entscheidender Grund dafür sind moderne Möglichkeiten, schädliche Abgase aus Energieerzeugung und Verkehr zu senken und an vielen Stellen Deutschlands kontinuierlich zu überwachen. In Deutschland liegt die Schadstoffmenge allerdings immer noch überwiegend oberhalb der empfohlenen Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO.

In diesem Zusammenhang – und vor dem Hintergrund der umstrittenen Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge in einigen Großstädten – sind momentan auch die EU-weit geltenden Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) in der Außenluft im Gespräch. Festgelegt wurden sie von der Politik, die dabei nicht nur gesundheitliche, sondern auch wirtschaftliche und technische Aspekte des Schadstoffausstoßes berücksichtigt hat. Die Grenzwerte sind daher auch weniger streng als etwa die Richtlinien der WHO, für die allein der Schutz der Gesundheit, insbesondere von Kindern, Älteren oder Personen mit bestehenden Grunderkrankungen, ausschlaggebend ist.

Gesundheitsgefahr Luftschadstoffe

Zur Gesundheitsgefährdung durch Luftschadstoffe hat die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) im Oktober vergangenen Jahres ein rund 50-seitiges Positionspapier herausgegeben (Atmen – Luftschadstoffe und Gesundheit, abrufbar auf www.pneumologie.de), in dem sie den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammenfasst. Etliche Studien aus Europa und Nordamerika belegen schädliche Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit, heißt es in dem Positionspapier. »Historisch stand zunächst der Atemtrakt als Zielorgan im Vordergrund der Studien; inzwischen sind jedoch auch Wirkungen auf kardiovaskuläre Endpunkte, metabolische Effekte und Effekte auf das fetale Wachstum gut dokumentiert. Die gesundheitlichen Auswirkungen reichen von unspezifischen Atemwegssymptomen und kardiovaskulären Symptomen über Beeinträchtigungen der Lungenfunktion, vermehrte Medikamenteneinnahme und akute Exazerbation von vorbestehenden Lungenerkrankungen bis hin zur Entwicklung von chronischen Lungen-, Herz-Kreislauf- und metabolischen Erkrankungen und einer Reduktion des fetalen Wachstums und Todesfällen.«

Dementsprechend sieht die DGP die Politik in der Pflicht, alles dafür zu tun, um die Atemluft so frei wie möglich von Schadstoffen zu halten – nicht zuletzt mithilfe strengerer Grenzwerte. Das betont auch das Umweltbundesamt (UBA). »Die Luft, die man atmet, kann man sich nicht aussuchen«, erklärt Dr. Wolfgang Straff, kommissarischer Leiter der UBA-Abteilung Umwelthygiene. Im Vergleich zum Rauchen sei das individuelle Risiko für eine gesundheitsschädigende Wirkung durch Luftschadstoffe zwar geringer. »Die Anzahl der betroffenen Menschen ist aber deutlich größer als die Gruppe der Rauchenden, weil alle Menschen ein Leben lang Luftschadstoffen ausgesetzt sind.« Während sich das individuelle Risiko schwer vorhersagen lasse, hätten große Studien gezeigt, dass das Leben in belasteter Außenluft über Jahre und Jahrzehnte hinweg – ähnlich wie ein ungesunder Lebensstil – bei einem Teil der Gesamtbevölkerung zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und zu einer geringeren Lebenserwartung führt.

Korrelation oder Kausalität

Zu Beginn dieses Jahres ist nun eine Gruppe von Lungenärzten (rund 140 der etwa 3800 Mitglieder der DGP) um Professor Dr. Dieter Köhler, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie aus Schmallenberg und Ehrenmitglied der DGP, mit einer grundsätzlichen Kritik an den in Deutschland geltenden Grenzwerten zu Feinstaub und NO2 und auch an der Position seiner Fachgesellschaft dazu an die Öffentlichkeit getreten. Es gebe es keine ausreichende wissenschaftliche Basis für die geltenden Grenzwerte, und die gesellschaftliche Diskussion sei wegen der Diesel-Debatte so ideologisiert, dass sie kaum mehr sachlich geführt werden könne, so ihre Kritik. Die Pneumologen um Köhler stützen ihre Argumentation vor allem auf epidemiologische Untersuchungen, in denen Zusammenhänge mit einer Vielzahl von Erkrankungen der Lunge und des Herz-Kreislaufsystems gezeigt wurden, beispielsweise Asthma, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

»Aus dieser Korrelation«, erklärt Köhler, »wird fälschlicherweise eine Kausalität suggeriert, obwohl es viel offensichtlichere Erklärungen für die Unterschiede gibt, beispielsweise Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Bewegung, medizinische Betreuung oder Einnahmezuverlässigkeit von Medikamenten.« Der Pneumologe ist der Ansicht, dass es »bei einer geringen Überschreitung der Grenzwerte für NOx und Feinstaub keine Gefährdung gibt.« Dem widerspricht Professor Dr. Holger Schulz vom Helmholtz Zentrum München, dem Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt. »Es liegen neben den epidemiologischen noch experimentelle Studien und kontrollierte Expositionsstudien an Freiwilligen vor, die im Zusammenhang betrachtet werden müssen und sowohl die Kausalität als auch die Gesundheitseffekte unterstreichen.«

Dass die Diskussion um Grenzwerte und die Wirkung von Stickoxiden im Moment in der Öffentlichkeit, der Politik und selbst auch unter Wissenschaftlern durchaus emotional geführt wird und sich die Seiten gegenseitig Rechenfehler und Fehlinterpretationen vorwerfen, liege vor allem an den äußerst kontrovers diskutierten Diesel-Fahrverboten, meint Schulz. »Die Grenzwerte und ihre Kriterien gelten in Europa seit 2010, sind von der Fachwelt akzeptiert und werden regelmäßig überprüft, unter anderem von der WHO.« Dass sie nun nach vielen Jahren von einigen Medizinern in Frage gestellt werden, liege womöglich daran, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen zur Luftreinhaltung nicht ausreichten und die Gerichte nach Jahren der Grenzwertüberschreitung nun Fahrverbote als verhältnismäßig ansehen, um die Luftverschmutzung in den Städten in den Griff zu bekommen. »Wir müssen aber von der so entstandenen emotionalen Diskussion zurück zur sachlich orientierten, um das Problem möglichst ohne Fahrverbot und mit alternativen Methoden zu lösen und so die seit Jahren bestehende zu hohe Schadstoffbelastung für die Betroffenen zu senken.«

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