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Yoga

Die neue Leichtigkeit des Seins

Auf der Suche nach Entspannung und innerer Klarheit? Dann wäre vielleicht Kundalini-Yoga etwas für Sie. Dieser Yoga-Stil, der momentan im Trend liegt, ist eine Mischung aus Bewegung, Atmung und Meditation. Er trainiert Körper und Seele zugleich. PTA-Forum hat es selbst ausprobiert.
Narimaan Nikbakht
07.08.2019
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Prominente wie der britische Comedian Russell Brand oder Sänger Sting sind der beste Beweis dafür, dass die 1969 von Yogi Bhajan in den Westen gebrachte Lehre des Kundalini-Yoga gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit gefragt ist wie nie. Yoga trainiert nicht nur den Körper, sondern stärkt auch die mentale Stärke und geistige Klarheit. Brand, der jahrelang mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen hatte, ist überzeugt, durch die Übungen seine Sucht geheilt zu haben.

Klar und stark

Das Yoga des Bewusstseins, wie die Kundalini-Tradition auch genannt wird, hat einige typische Merkmale: die Übungen sind sehr dynamisch und werden meist von einer Art bewusstem Hecheln (Feueratmung) begleitet – eine Atemtechnik, die spürbar wacher macht. Zwischendurch singen die Teilnehmer Mantren, also spirituelle Formeln, aus denen jeder zusätzlich Kraft schöpfen kann. Ziel der Übungen ist es, möglichst viel von der körpereigenen Lebensenergie (Kundalini) freizusetzen. Diese Energie, so heißt es in den esoterischen Lehren, ruht in Form einer eingerollten Schlange an der Basis der Wirbelsäule, also am Steißbein. Kundalini-Übungen regen diese »Energie-Schlange« an und lassen sie idealerweise bis nach oben in den Scheitel steigen. Sobald das geschafft ist, fühlt man sich lebendig, nervenstark und klar.

Selbstversuch

»Ein großes Plus, das für Kundalini-Yoga spricht, sind die im Vergleich zu anderen Yoga-Richtungen einfachen Grundhaltungen«, erklärt Trainerin Sandra Schuh aus Hamburg. Ich habe mich heute aufgemacht, um bei ihr eine Probestunde mitzumachen. Gut gefällt mir bei diesem Yoga-Stil, dass weder kautschukartige Knochen noch Verrenkungen oder Akrobatik notwendig sind, um die wohltuenden Effekte zu erfahren – und das unabhängig vom körperlichen Zustand oder Alter.

Die Teilnehmerinnen der Yoga-Stunde begrüßt Trainerin Sandra Schuh mit den Worten »Sat Nam«, was übersetzt so viel bedeutet wie »das wahre Selbst«. Nach einem kleinen Willkommens-Tee finden sich alle im Kreis auf weichen Schafsfellen sitzend wieder und beginnen die Stunde mit einem Mantra, welches die Gruppe gemeinsam singt: »Ong Namo Gurudev Namo«. Bereits das Singen dieser nasalen Laute beruhigt mich ein wenig.

Singen und schwingen

Während im Hintergrund fernöstliche Klänge den Raum erfüllen, beginnen wir nun alle tief ein- und auszuatmen und dabei dynamisch mit den Oberkörpern zu kreisen, um uns schwingend aufzuwärmen. Jede Kundalini-Yoga-Stunde hat ein bestimmtes Thema als Überschrift. Die dazugehörige Übungsreihe nennt man Kriya. »Es gibt unterschiedliche Kriyas, die dann dem Immunsystem, dem Drüsensystem, Nervensystem, der Wirbelsäule oder bestimmten Organen zugeordnet sind«, erklärt Expertin Schuh. Heute steht ein Übungs-Set auf dem Programm, das die Selbstheilungskräfte anregen soll.

Kundalini-Yoga stammt aus Nordindien, hat eine jahrhundertelange Tradition und wurde einst im Geheimen von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Yogi Bhajan war der erste, der die geheimen Lehren und Techniken des Kundalini-Yoga öffentlich unterrichtete. Auf seine Initiative hin entstand die 3H-Organisation, die sich weltweit verbreitete. Die drei Hs stehen für »happy, healthy, holy« (glücklich, gesund und ganzheitlich). Für Yogi Bhajan waren das die Lebensgrundrechte, die durch Kundalini-Yoga gefördert werden.

Die Yoga-Übungen sollen jung halten. Aufhalten lässt sich das Altern damit natürlich nicht – aber mit Yoga lässt sich der Prozess im Körper weiter nach hinten schieben.

So ergab eine Studie der Freien Universität Berlin mit 250 Teilnehmern, dass nach vier Wochen Yoga 75 bis 95 Prozent der Teilnehmer weniger Kopf- und Rückenschmerzen, einen niedrigeren Blutdruck und besseren Schlaf hatten. Vor allem guter Schlaf macht attraktiv: In den nächtlichen Ruhephasen regenerieren Haut und Bindegewebe. Hinzu kommt, dass bestimmte Übungen tatsächlich Auswirkungen darauf haben, wie wir bei anderen ankommen – zum Beispiel, indem man sich durch Yoga eine bessere Körperhaltung antrainiert und nicht länger mit hängenden Schultern durchs Leben geht. Personen mit einer aufrechten Statur wiederum wurden bei einer Untersuchung zehn Jahre jünger geschätzt.

Ruhe und neue Energie

Durch dieses Wissen motiviert, gebe ich 100 Prozent und bewege kraftvoll meine Arme von oben nach unten. Nach jeweils ein paar Übungen dürfen wir die Beine ausschütteln und etwas trinken. Und während wir weitere Kräftigungsübungen sowie Streck- und Dehnpositionen in allen Variationen ausführen, vergeht die Yoga-Stunde wie im Flug und endet wunderbar entspannend. Mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegend tauche ich ein in den Ozean der Ruhe – und tatsächlich strömt spürbar neue Energie durch meinen Körper. Munter, frisch und seelisch ausgeglichen entschwebe ich nach Hause. Ich werde hier sicher bald wieder zur Ruhe kommen.

Wer Lust bekommen hat, Kundalini-Yoga selbst einmal auszuprobieren, sollte am bestem parallel dazu ein Yoga-Tagebuch führen. Darin kann man Erfahrungen während und nach der Stunde eintragen und bewusst beobachten, wie sich Körper und Geist im Laufe der Zeit verändern. Man kann darin beispielsweise vermerken, was gut funktioniert hat und was nicht und inwiefern sich die persönliche Yoga-Praxis vertieft beziehungsweise verbessert hat. So kann das Buch dabei helfen, an den Übungen zu wachsen und mehr über sich selbst zu lernen.

Noch mehr Yoga

Wer in Kundalini-Yoga noch nicht das Richtige für sich gefunden hat, kann auch eine der vielen weiteren Yoga-Stilrichtungen ausprobieren. Zwei Frauen berichten hier, welcher Stil für sie persönlich am besten funktioniert.

Nina Becker, 42, Pädagogin und Mutter von drei Kindern: »Ich habe Bikram-Yoga vor gut 15 Jahren durch eine Freundin entdeckt. Sie erzählte von einer Art Sauna-Yoga, das in den USA bereits in mehr als 160 Studios vertreten und nun nach Europa geschwappt sei. Zu dieser Zeit hatte unsere Familienplanung begonnen. Als junge Mutter mit Teilzeitjob musste ich lernen, wie man die Balance zwischen Kind, Partner, Job und sich selbst hält. Einmal wöchentlich Yoga könnte mir dabei helfen, mich wirklich nur auf mich zu konzentrieren, dachte ich.

Zu meiner ersten Stunde Bikram-Yoga strahlte mir ein heller Raum entgegen, der auf zwei Seiten verspiegelt war. Er hatte eine Temperatur von 38 Grad und der Boden war aus Kautschuk. All das vermittelte mir Ruhe und Geborgenheit. 90 Minuten lang dehnten wir uns durch 26 Hatha-Yoga-Übungen, 24 Asanas (Körperhaltungen) und zwei Atemübungen. Bereits nach den ersten Übungen schwitze ich.

Immer wieder griff ich zur Trinkflasche, während der Stunde trank ich mehr als 1,5 Liter Wasser. Zum Glück gab es zwischen den Übungen kurze Ruhephasen, in denen wir einfach nur am Boden liegen durften. Während der abschließenden Ruhephase fühlte ich mich erschöpft, aber wunderbar entspannt. Der Effekt hielt noch tagelang an. Mittlerweile habe ich drei Kinder, und dank Bikram-Yoga kann ich in schwierigen Situationen mit den Kindern gelassener sein. Es reduziert den Stress – und ich gehe entspannter durch den Alltag.«

Gemeinsam dehnen

Madeleine Barlozek, 27, Managerin und Yogalehrerin aus Schwabach, schwört auf Partner-Yoga: »Ich schließe die Augen und spüre Jens' Rücken gegen meinen gelehnt. Wir sind beide ganz im Hier und Jetzt versunken. Rücken an Rücken mit ausgestreckten Beinen sitzen wir da und spüren die warme Verbindung zum anderen. Jetzt einatmen, Arme nach oben strecken. Beim Ausatmen beugt sich Jens langsam weit nach vorn zu seinen Beinen. Ich lehne mich nach hinten und lege meinen Kopf auf seinen Rücken und spüre die Dehnung im Brustkorb. Etwa zehn Atemzüge atmen wir synchron ein und aus, dann richten wir uns wieder auf. Es ist schön, sich im Wechsel dem anderen hinzugeben. Schon das gemeinsame Atmen schafft Nähe. Zudem erfahren wir in jeder Stunde auch etwas über uns als Paar.

Bei den Partner-Dehnungen kommen wir uns körperlich entgegen und schenken uns gleichzeitig Halt. So stützen wir uns zum Beispiel gegenseitig an der Schulter des Partners ab und gehen gemeinsam in die Hocke. Es dauert einen Moment, bis wir das richtige Maß an Nähe und Distanz gefunden haben – dann geht es.

In der nächsten Übung, dem Flieger, versuche ich mit meinem Bauch auf Jens' Füßen zu balancieren. Ein bisschen fühle ich mich dabei wieder wie ein Kind, denn diese Übung habe ich bereits als Zweijährige öfters mal mit meinen Eltern gemacht. Auch hier geht es darum, weich und stark zugleich zu bleiben. Immer wieder üben wir, uns aufeinander einzustellen, dem anderen zu vertrauen und sich auf ihn zu stützen – aber auch nicht zu sehr, um die Balance zu bewahren. Und wenn eine Übung zwischendurch mal nicht klappt, trotzdem geduldig zu bleiben und dem Partner nichts nachzutragen.

Nach der Stunde stellen wir immer wieder erfreut fest, wie stark unsere Verbindung ist. Würden wir sonst bei den meisten Übungen so gut miteinander harmonieren? Das fragte mich neulich Jens augenzwinkernd. Ich war mehr denn je überzeugt, mit ihm den richtigen Partner an meiner Seite zu haben.«

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